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• DIE THATEN
BOGDA GESSER CHANS,
DES
VERTILGERS DER WURZEL DER ZEHN ÜBEL
IN DEN ZEHN GEGENDEN.
EINE
OSTASIATISCHE HELDENSAGE,
Aus DEM MONGOLISCHEN ÜBERSETZT
I. J. SCHMIDT,
Kaiserlich - Russischem Slaatsrathe, Ritter des St Annenordens zweiter,
des St. Stanislausordens zweiter und des St. Wladimirordens
Tierter Classe, ordentlichem Mitgliede der Kaiserlichen
Akademie der Wissenschaften u. s. w.
1839.
ST. PETERSBURG,
bei W, GrUff,
LEIPZIG,
bei Leopold Уо$а,
Wf ■ А&^^Ш.
Auf Verfügung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften.
P. H. Füss,-
beständiger Secretär.
St. Petersburg, im Octoher 1839.
VORREDE.
Im Jahre 1836 beschloss die Kaiserliche Akademie
der Wissenschaften auf meinen Vorschlag, von der
Ostasiatischen Heldensage „die Thaten Gesser Ghän's
u. s. w." eine neue Ausgabe des Mongohschen Textes
derselben unter meiner Aufsicht und Gorrectur zu ver-
anstalten. Der Druck derselben, nach einem Exem-
plare der in Peking im Jahre П16 unter der Regie-
rung Kanghi und auf Befehl dieses Kaisers erschie-
nenen Ausgabe, wurde alsbald begonnen und noch in
demselben Jahre beendigt. Eine bedeutende Anzahl
Exemplare der neuen Ausgabe wurde von den um
den Baikal лvohnenden Buräten und Mongolen, sobald
das Daseyn derselben zu ihrer Kunde gelangte, ver-
langt und angekauft; sie hat aber auch in Europa,
namentlich im Deutschen Vaterlande, Abnehmer ge-
funden.
Mit dieser neuen Ausgabe war hauptsächlich die
Absicht verbunden, den Liebhabern des Orientalischen
Sprachstudiums, deren Zahl im Auslande sich von Tage
zu Tage mehrt und denen auch die Mongolische Sprache
richts weniger als gleichgültig ist, ein Buch in die
- IV -
♦
Hände zu geben, aus Avelchem sie diese Sprache auch
von einer andern Seite könnten kennen lernen, als
diess aus den, in dem gewöhnlichen Bücherstyl ab-
gefassten Werken möglich ist. Es ist nämlich der
G e s s e r - G h ä n nicht in der sogenannten Bücher-
sprache*), sondern in der SjDrache des Lebens, wie
sie im Munde des Volkes lautet und von allen Stän-
den desselben gesprochen лvird, geschrieben. Sind
nun gleich die grammatischen Formen in der Volks-
sprache nur wenig alterirt und immer kennbar, weil
ja aus ihnen der Bau der Grammatik nothwendig her-
*) Unter dieser Benennung versiehe ich die ganze Literatur des
Buddhaisraus, d. li. sowohl die Werke Indischen und Tibetischen
Ursprungs, als diejenigen, >velche Mongolen zu Verfassern haben; die
Zahl der letztern ist keineswegs ganz unbedeutend, obgleich gegen
die Menge jener doch nur gering zu nennen. Diese ganze Literatur,
ausschliesslieh von gelehrten Geistlichen cultivirt, zeigt, лүепп gleich
nicht im Style doch in der Behandlung und dem Gebrauche der
Sprache, eine solche grammatische Consequenz und Gleichförmigkeit,
dass sie mit Recht als Typus der Büchersprache betrachtet >verden
kann. Eine auffallende Verschiedenheit von derselben bietet die
neuere profane Mongolische Literatur, die ganz unter dem Einflüsse
Mandschuischer oder vielmehr Chinesischer Terminologie und Sprach-
eigenthümlichkeit steht, dar; — Avesbalb man sich луо1Л hüten muss,
dieses von Peking aus emanirte Mongolische zur Grundlage des Stu-
diums der Sprache zu machen , obgleich dessen Kenntniss für das
Gesammtstudium der Mongolischen Sprache und ihrer Literatur un-
umgänglich nüthig ist. Mit Ausnahme des über den Chinesischen
Leisten geschlagenen Styls und der Chinesischen Satzbildung, ist bei
dieser neuen Literatur der Gebrauch der grammatischen Formen so
ziemlich mit der Bücbersprache übeieinstimmcud; indcss finden auch
einige Abweichungen davon Statt, die aber durchaus nicht zur Nach-
ahmung zu empfehlen sind.
,- V -
vorgehen muss; so bieten eine Menge eigener Wort-
formen, Ausdrücke und Wendungen, so wie das nicht
seltene Verkürzen und Zusammenziehen der gewöhn-
lichen Flexionspartikeln und bisweilen ganzer Satz-
theile, oft eine solche Verschiedenheit von der allge-
meinen Büchersprache dar, dass derjenige, der sich
in diese letzte schon recht gut hineingearbeitet hat,
gewahr werden muss, dass er mit jener Volkssprache
nicht nach Wunsch fertig werden kann.
Ich sch\vieg von dem Inhalte unserer Heldensage
mit Fleiss in der Hoffnung, dass irgend ein auslän-
discher, sich mit dem Mongolischen beschäftigende,
Gelehrte das Buch zwar nicht übersetzen (denn das
wäre für jetzt noch zu viel gefordert) , doch aber ei-
nen etwas ausführlichen Auszug des Inhalts bekannt
machen лvürde; diess ist indess, so sehr ein solcher
Auszug jeder orientalischen Zeitschrift mehr als man-
ches Andere zur Zierde gereicht haben würde, nicht
geschehen. Alles was sich in ausländischen Zeitschrif-
ten über den Gesser-Ghan findet, beschränkt sich
auf die Erwähnung einiger in demselben vorkom-
menden Sprichwörter und ähnlicher unbedeutenden
Bruchstücke.
Dieses sich an dem fast unberührten Problersteine
sichtlich kund gegebene 'Unvermögen, den Gesser-
Ghän nach Gebühr zu verstehen und auszubeuten,
brachte mich zu dem Entschlüsse, ihn vollständig zu.
- VI -
übersetzen und somit das klare Verständniss des Ori-
ginals jedem Freunde der Ostasiatischen Literatur zu
eröffnen. Diess лүаге jedoch immer noch kein genü-
gender Grund gewesen, лүепп ich ihn nicht in mehr
als einer Beziehung der Uebersetzung werth gehalten
hätte. Denn ausser dem oben angegebenen Umstände,
dass er in einem geschlossenen hterarischen Werke
den Typus der Volkssprache bildet, wodurch er nicht
blos den sämmtlichen Mongolischen A'ölkerschaften,
sondern allen nicht -muhammedanischen Völkern Ost-
und Mittelasiens theuer und Yverth ist: — ausser die-
sem uns dargebotenen Interesse in sprachwissenschaft-
licher Hinsicht^ ist dieses Werk für die Ethnographie
von hoher Wichtigkeit; denn es zeigt uns die Völker
Mittelasiens, namentlich des nordlichen Tibets und der
Gegenden am obern Choangho oder gelben Flusse
so wie am Kökenoor, in ihrem häuslichen Leben,
in ihren Neigungen und Beschäftigungen, in ihren
Nationalbegriffen und Meinungen, in ihren Bewaff-
nungen und der Handhabung ihrer Waffen besser,
als irgend eine Beschreibung aus der P'eder einer frem-
den Hand es л^егтосЫе.
Von der Zeit der Abfassung dieser Heldensage weiss
man nichts, eben so wenig kennt man den Namen
des Verfassers oder Sammlers derselben; auch bleibt
es unentschieden, ob sie ursprünglich Mongolisch oder
Tibetisch abgefasst war, denn sie exietirt in beiden
- VII -
Sprachen, wie wir aus einer , von Herrn Csoma
Körösi mitgetheiltcn *) , bibliographischen Notiz Ti-
betischer Werke ersehen. Dass die Sage in ihren
einzelnen Theilen lange im Munde des Volkes fortge-
lebt hat, ehe sie zu einem Ganzen gesammelt wurde,
scheint aus ihrer ganzen Abfassung hervorzugehen;
noch klarer erscheinen die zwei letzten, nämlich das
sechste und siebente Gapitel, als spätere Anhängsel,
indem in denselben ein ganz anderer Styl bemerkbar
ist. Demnach besteht, meiner Meinung nach , der
Haupttheil der Sage aus den fünf ersten Gapiteln und'
dieser Haupttheil derselben schliesst mit dem Ende
des Schiraighorschen Krieges. Es gibt indess noch
einen andern Gesser-Ghän, von Avelchem B. Berg-
mann nach einem Kalmükischen Originale eine Ueber-
Setzung geliefert hat**). Die Wolgischen Kalmüken
nennen denselben zum Unterschiede von unserer Sage
— welche bei ihnen nicht mehr zu finden ist, deren
*) Siehe dessen Grammatik der Tibetischen Sprache, S. i80; so
wie meiue Grammatik derselben Sprache, S. 216.
**) Siehe Nomadische Streifereien unter den Kalmüken; Theil III,
S. 155. — Es sey mir erlaubt, hier einige Namen bei Bergmann zu
verbessern oder nach unserer Gessersage auszugleichen. So ist der
bei Bergmann oft vorkommende Buj antik niemand Anders als un-
ser Buidong; die göttliche Chäninn Almur S. 280 ist Ad sc hu
Mergen und der alte Säklä ebendaselbst ist der alte San gl un. —
Die Bedeuturg des Wortes Choschotschi ist nicht „Tollkühner,"
sondern „Anführer einer Heeresabtheilung ," von Ghoscho oder
Choschigho ,;eine Militärdivisioii. "
— VIII —
Daseyn sie indess луоЫ kennen — den kleinen Ges-
ser. Dieser sogenannte kleine Gesser ist aber auch
den Mongolen лvoЫbekannt; bei ihnen gilt er jedoch
blos als zugegebenes achtes Capitel der Gessersage.
Die reiche Sammlung der Akademie besitzt davon ein
Mongolisches Exemplar, Avelches — ohne das erste Buch
bei Bergmann , mit dessen zweitem Buche der Sage
anfangend — den Kampf Gesser 's mit dem funfzehn-
köptigen Riesen gerade so erzählt, wie wir ihn ш den
Nomadischen Streifereien lesen. — Jenes erste Buch
des sogenannten kleinen Gesser's ist weiter nichts,
als eine Recapitulation einiger frühern Begebenheiten
und erzählt nebenbei den Akt der Wiederbelebung
der Gebeine der vorlängst im Schiraighol'schen Kriege
gefallenen dreissig Helden, um deren Wiedererschei-
nung auf dem Schauplatze, im Kampfe gegen den funf-
zehnköpfigen Riesen, zu motiviren. Dass übrigens die-
ses achte Capitel oder dieser sogenannte kleine Ges-
ser einer spätem Zeit angehört, als die Sammlung
unserer Heldensage und als Zusatz mit derselben nur
sehr lose zusammenhängt, ist leicht zu ersehen.
Die Beantwortung der Frage, ob die Sammlung
unserer Heldensage ursprünglich Mongolisch oder Ti-
betisch abgefasst лүаг, ist, so lange лvir den Tibeti-
schen Text derselben nicht kennen, kaum möglich.
Nehmen Avir an, dass sowohl der Held der Sage, als
seine Umgebung und die Völkerschaften, über welche
- IX -
er herrschte , in derselben ausdrücklich als Tibeter
bezeichnet werden, dass Tihet nebst Tan gut und
die Gegenden am obern gelben Flusse (dem Gho-
anjjho der Chinesen und Ohara Muren oder Gha-
tun Muren der Mongolen) als der Hauptschauplatz
der Thaten unsers Helden genannt sind, dass endlich
sos^ar sein Name selbst Tibetisch ist, indem Gessar
in dieser Sprache „das Pistill einer Blume" bedeutet,
also Gesser Sserbo Donrub (vergl. S. 8) „das das
Uebel angreifende gelbe Pistill^"*], so scheint diess,
nebst Anderm , iür den Tibetischen Ursprung der Sage
zu sprechen. Obgleich ich selbst dieser Meinung zU'
gethan bin, so muss ich doch gestehen, dass bei ge-
nauerer Betrachtung des Mongolischen Textes Sprache
und Styl ganz das Gepräge der Originalität und kei-
neswegs einer Uebersetzung tragen. Und da es ausser
allen Zweifel gestellt ist, dass es auch Tibetische, aus
dem Mongolischen übersetzte, Werke gibt**), so wird
die Sache dadurch nur noch zweifelhafter gemacht.
*) Dei- Tibetisihe Name des Lotus ist Gessartsc lian „die mit
einem Pistill versehene (Blume)." Es ist bekannt, welche Rolle der
Lotus und dessen Pistill in der buddhaistischen Mythologie spielt,
**) Die reiche Sammlung der Akademie besitzt ein gedrucktes
Exemplar des Tibetischen Ueligerun Nom nebst mehreren desselben
Werkes in Mongolischer Sprache. Es ist dieses Werk ein ganz an-
deres, als der Ueligerun Dalai, der einen Theil desKandschur
bildet, und mit diesem nicht zu verwechseln. Dass der Tibetische
Ueligerun Nom aus dem Mongolischen übersetzt ist und nicht um-
gekehrt, wird daraus klar, dass an vielen Stelleu, wo der Sinn des
— X -
Ob Gesser Chan eine historische Person ist, ob
jemals ein Held dieses Namens und wann er gelebt
hat, muss man gleichfalls dahin gestellt seyn lassen;
vermiithlich hat er einen historischen Grund , auf
welchem jedoch, weil er wohl schwerlich je wird auf
zufinden seyn, nun nichts mehr zu bauen ist. Er
wird in der Sage als Beherrscher der drei Tibetischen
Völkerschaften Tussa, Dongsar und Lik genannt;
diess hat den Chinesen Anlass 2;e2;eben, ihn in ihre
Geschichte der drei Reiche zu verflechten, ihn darin
eine grosse Rolle spielen zu lassen und ihm eine
Epoche in ihrer Chronologie anzuweisen, nämlich den
Anfang des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung.
Aber was haben die Chinesen durch ibre anscheinend
srenaue Sach- und Zeitbestimmuniü; nicht schon Alles
zu Geschichte gemacht, vorzüglich луепп es einer altern
Zeit angehört! Gesser Chan steht übrigens auch
bei den Chinesen in hohen Ehren und die jetzt in
China herrschende Dynastie erkennt ihn sogar als ih-
ren Schutzgeist an*).
Tibetischen Wortes dunkel oder zweideutig erscheint, das Mongolische
Wort in Klammern beigefügt ist, wie diess auch bei Mongolischen,
aus dem Tibetischen übersetzten, Werken mit den Tibetischen Wör-
tern häufig Statt findet.
*) Vielleicht in seiner Eigenschaft als wirklicher Chormusda
oder Herr des materiellen Himmels, welche Würde ihm, als Nach-
folger seines Vaters, von diesem in unserer Sage zugesichert wird;
Stehe S. 6.
- XI -
Dem sey wie ihm wolle: die Heldenidee ist wohl bei
keinem Volke ans der Luft gegriffen und ein blosses
Phantasiegebilde; sie hat bei allen Völkern, besonders
da, wo ein ganzer Gyklus von Thaten besungen wird,
gewiss einen historischen Grund, der aber in den
lichten und dunkeln Nebel gestalten der Ober- und
Unterwelt, so wie des irdischen Thatenschauplatzes
selbst völlig verschwindet. Das nämliche mag auch
der Fall mit der Gessersage seyn. Denn gleich den
Dichterwerken aller Völker der Erde, in welchen Hel-
den der Vorzeit besungen oder ihre Thaten erzähU
werden, ist auch in dieser Heldensage das übernatür-
liche Princip vorherrschend: der Kampf des Guten und
Bösen und ihrer Repräsentanten, der guten und bösen
Dämonen, mischt sich in die menschlichen Handlun-
gen und motivirt sie; daher Verkörperungen beider
einander entgegenstehenden Kräfte , Verwandlungen,
Zauber, Feerei ohne Zahl und Ende. Es ist diess
gleichsam die Lebensader aller Epopöen, ohne welche
sie matt seyn und aller Frische, alles Reitzes ent-
behren Avürden: nur bewirkt das religiöse Element
des einen oder des andern Volkes, die respective Stel-
lung der Völker im grossen Weltdrama, ihr Bildungs-
grad und ihre bürgerliche Verfassung natürlicherweise
eine gewaltige Verschiedenheit in der Auffassupg und
Darstellung der Heldenidee, so dass es z. B. mehr als
possierlich seyn würde, einen Gesser-Ghan neben
— XII —
eine Ilias^ Odyssee, befrei tes Jerusalem u. s. лу.
zu stellen. Dessenungeachtet behauptet unser Gesser
Chan immer seine besondere Eigenthümlichkeit, die
ihn dem лvissenschaftlicheп Interesse zuwendet. Denn
ist gleich seine Poesie etwas Avüste und wild, sind
gleich seine Metaphern etAvas barok, roh und hand-
greiflich, ähnelt gleich die Darstellung der Begeben-
heiten sehr oft mehr einem Mährchen als einer böhern
Dichtung, — so zeigt er uns dafür fast ununterbrochen
die Volksthümlichkeit Mittelasiens in der lebendigsten
Veranschaulichung. Und ist diess nicht für den, der
Wissenschaft lebenden, Erforscher des alten Griechen-
lands , neben dem Sprachschatze und dessen Aus-
beutung, gleichfalls der anziehendste Theil in den Ho-
merischen Gedichten? Denn der Rausch der Poesie,
die Gasperlen der begeisterten Phantasie vermögen es
allein nimmer, den freien, nüchternen Geist auf die
Dauer zufrieden zu stellen.
Ganz gegen die Geлvohnheit ist der Mongolische
Text unserer Heldensage nicht in gebundener Rede,
d. h. nicht in Versen und Strophen von einer be-
stimmten Anzahl Sylben, abgefasst. Man kann dafür
froh seyn, weil dadurch die Sprache der Dichtung
ihren freyen, ungehemmten Gang behalten hat und
nicht durch den Zwang der Sylbenzählung verrenkt
ist. Bei der Uebersetzung habe ich mich bestrebt,
durchaus nichts von der Farbe des Originals zu vcr»
- XIII -
wischen und die möglichste Treue zu beobachten, ohne
jedoch dadurch der Deutschen Sprache Gewalt anzu-
thun, dieselbe ungelenk und das Lesen des Buches
unangenehm und besch\verlich zu machen.
Für diejenigen meiner Leser, denen es auffallen
möchte ^ dass ich in dieser Vorrede und in meinen
sonstigen Schriften Tibet und nicht Tübet schreibe,
4vogegen in der Uebersetzung unserer Heldensage die
letztere Schreibart überall beibehalten ist, finde ich
nöthig zu bemerken, dass wenn ich die Sage aus dem
Tibetischen übersetzt hätte , ich das besagte Land Bod,
und луепп aus dem Kalmükischen, Töböd genannt
haben würde. Bod ist jedenfalls die richtige Be-
nennung, weil die Einwohner des Landes dasselbe
sowohl als ihre Sprache und alle ihre Landes- und
Volkseigenthümlichkeiten also nennen. Tübet oder
Töböd ist aus dem Mongolischen Worte tüb oder
tob entstanden, Avelches „die Mitte, der Mittelpunkt"
bedeutet, weil Tibet von den buddhaistischan Völkern
des innern Asiens als das Mittelland der Erde ап2;е-
sehen wird und in den Tibetischen Schriften selbst
oft unter der Benennung ssaji ITe „der Nabel der
Erde erscheint. Ich halte es, ausgenommen etwa in
Üebersetzungen, für ganz unnöthig und zwecklos, von
der von jeher gebräuchlichen Europäischen Benennung
Tibet blos deswegen abzugehen, лveil die Mongolen
Tübet schreiben. Wie abgeschmackt würde es nicht
-. XIV ~
klingen, wenn ein Deutscher anfinge, statt „Spanien''
Espana oder Spain, statt „ScliAveden und Nor-
wegen'' S wer ige und Norge zu schreiben. Der
verst. Klaproth hat jene völlig nutzlose Schreibart ein-
geführt um zu zeigen, dass er die Mongolische Be-
nennung des Landes kenne 5 dieses Neuerungsbeispiel
hat mit Unrecht eine Menge Nachahmungen gefun-
den; denn sey es auch, dass unser Tibet aus dem
Mongolischen Tübet entstanden ist, so gibt diess kei-
nen Grund, die gewohnte Benennung zu verleugiwn,
um so weniger, da die Einwohner des Landes selbst
einen ganz andern Namen dafür haben.
Inhalt.
Erstes Capitel.
Seite.
Von der Geburt des Helden und den dieselbe vorangehenden
лvunderЬaren Begebenheiten, von dessen Thun und Treiben
als Kind und Jüngling, bis zu dessen Veröffentlichung
als Gesser-Chän 1
Zweites Capitel.
Gesser's Zug gegen den in einen Ungeheuern Tiger verwandel-
ten Riesen und dessen Besiegung] . '89
Drittes Capitel.
Wie Gesser Chaghan die gestörte Reichsverwaltung des Kiime
Chaghan von China in Ordnung bringt 95
Viertes Capitel.
Gesser's Zug gegen den zwölfköpGgen Riesen. Er tödtet den-
selben, vernichtet dessen ganze Sippschaft und befreit
seine, vom zwölköpfigen Riesen geraubte, Gemahlinn
Aralgho Goa 112
Fünftes Capitel.
Der Schiraighol'sche Krieg, die Veranlassung зи demselben und
dessen unglücklicher Ausgang >vährend der Abwesenheit
Gesser's. — Gesser kehrt zurück, erneuert den Krieg,
besiegt und tödtet die drei Chane von Schiraighol und
unterwirft sich ihre Untcrthanen 158
Sechstes Capitel.
Gesser wird durch List eines feindseligen Zauberers in einen
Esel verwandelt. Seine Freunde verschaflfen ihm durch
Zaubermitlel wieder die Menschengestalt und er nimmt
Rache am Zauberer 273
Siebentes Capitel.
Gesser's Fahrt in die UnterAvelt, um seine Mutter zu befreien.
Er besiegt den Höllenrichter, befreit seine Mutter und
führt sie der Gölterregion zu 282
^ЛL.Щ^*S»■
DIE THATEN GESSER - CHArV'S,
ERSTES CAPITEL.
Von der Geburt des Helden und den dieselbe voran-
gehenden WUNDERBAREN BEGEBENHEITEN, VON DESSEN ThUN
UND Treiben als Kind und Jüngling, bis zu dessen
Veröffentlichung als Gesser-Ghan.
T er Allers zvi einer Zeil, ehe noch Buddha S'akjamuni
das Beispiel des Nirwana gezeigt hatte, erschien der Gott
Chormusda*) vor Buddha, um demselben die Ehre der
Anbetung zu erzeigen. Nachdem Chormusda sich ver-
beugt hatte, sprach Buddha zu ihm: „Nach Ablauf von
fünfhundert Jahren wird für die Welt eine Zeit der Ver-
wirrung eintreten. Kehre jetzt heim, aber nach fünfhun-
dert Jahren schicke einen deiner drei Söhne in die Welt,
damit er die Herrschaft derselben übernehme; denn es wer-
den alsdann die Mächtigen die Machtlosen unterdrücken,
sogar wird das Wild des Feldes sich gegenseitig befehden
1) Ist in den buddhaistischen Religionsschriften der Indra der
brahmanischen Systeme, wird aber von den Mongolen mit dem alt-
persischen Ormusd oder Hormusd identificirt. Als Gott des ma-
teriellen Himmrls ist er der Schutzgeist der Erde und die grossen
Monarchen auf derselben werden als seine Söhne oder Emanationen
angesehen.
1
— 2 ~
und vernichten. Schicke also einen deiner drei Söhne, da-
mit er die Herrschaft der Welt ühernehme ! Fünfhundert
Jahre lang überlasse dich ungestört deinen Freudegenüssen,
dann a])er sende ihn, meinem Befehle gemäss, ungesäumt!"
Der Gott Chormusda gah sein Wort und kehrte heim;
jedoch nach seiner Zurückkunft vergass er den Befehl Bud-
dhas, so dass er, statt fünfhundert, siebenhundert Jahre
in Unlhätigkeit verblieb.
Da geschah es, dass plötzlich die westliche Mauerseite
der Götlerresidenz Sudarassun, eine Strecke von zehn-
tausend Meilen'^) entlang, einstürzte. Chormusda und die
drei und dreissig Götter griffen alsbald zu den W äffen und
riefen: „Wer hat diese unsere Befestigung zerstört? wir
haben jetzt keinen Feind 1 oder waren es vielleicht die
Assuri'), welche diese Zerstörung bewirkten?" Als sie
nun an den Ort der Zerstörung kamen, landen sie, dass
die Mauer von selbst eingestürzt sey. Chormusda und
die sänimtlichen drei und dreissig Götter befragten sich
unter einander um die Ursache dieses Ereignisses; da fiel
dem Chormusda sein gegebenes Л¥ог1 ein und er sprach:
„Ehe Buddha S äkjamuni das Beispiel des Nirwana
zeigte, verfügte ich mich zu ihm zur Anbetung und er-
hielt sodann ^on ihm folgenden Befehl: „„Nach fünfhun-
„dert Jahren schicke einen deiner drei Söhne, denn es
„vsird alsdann eine schlechte Zeit für die Welt eintreten:
„die Starken werden die Schwachen unterdrücken und
„auch das W^ild des Feldes wird sich gegenseitig ver-
„nichten."" — Diesen Befehl hatte ich vergessen und es
sind seitdem siebenhundert statt fünfhundert Jahre ver-
flossen."
2) Eine Bere oder Meile enthält acht Stimmenweiten, jede von
fünfhundert Klafter Länge.
3) Die bösen Geister in den Klüften des Wellberges Sumeru
und Feinde der Hiramelsgeister.
^ $ ^
Der Gott Chormusda und die drei und dreissig Göt-
ter insgesamrat richteten ein grosses. Festmahl an, und
Chormusda schickte einen Gesandten zu seinen drei Söh-
nen. Zuerst kam der Gesandte za Amin Ssakiktschi,
dem äUesten Sohne, und sprach zu ihm: „Lieber! Chor-
musda, dein Vater, schickt dir den Befehl, in die Welt
zu gehen und die Oberhenschaft derselben zu überneh-
men." Amin Ssakiktschi erwiederte : „Ich bin der
Sohn Chormusda's; was wäre es, wenn ich auch hin-
ginge? ich bin nicht im Stande, als Herrscher die Welt
zu regieren. Wenn der Sohn des GoUes Chormusda in
die Welt kommt und als untüchtig zur Herrschaft dersel-
ben befunden wird, so möchte er den theuren Namen und
die Herrschaft seines A'^aters, des Himmelbeherrschers, ein-
büssen. Ich sage diess nicht aus Verlangen darnach, son-
dern weil ich dem Berufe nicht gewachsen bin." Nach
Empfang dieses Bescheids begab sich der Gesandte zum
zweiten Sohne, dem Uile Bülegektschi, und sprach zu
ihm: „Lieber! Chormusda, dein Л^ater, schickt dir den
Befehl, in der Welt zu erscheinen und die Herrschaft der-
selben zu übernehmen." Üile Bütegektschi erwiederte:
„Bin ich nicht der Sohn des Gottes Chormusda? Sind
die sich bewegenden lebenden Wesen nicht (vorzugsweise)
die Menschen auf der Erdfläche? Begäbe ich mich gleich
in die Welt, so würde ich sie dennoch nicht als Herr-
scher regieren können. Es ist ja mein älterer Bruder Amin
Ssakiktschi da, der ein näheres Anrecht zur Herrschaft hat,
oder vielleicht hat mein jüngerer Bruder Tegüs Tsoktu
Lust dazu; was geht die Sache mich an?" Der Gesandte
begab sich zum (jüngsten Sohne, dem) Tegüs Tsoktu, <^
und sprach die vorigen Worte, worauf dieser erwiederte:
„Die Sache betrifft meinen altern Bruder Amin Ssakik-
tschi, oder meinen mittlem Bruder Üile Bütegektschi:
was geht sie mich an! Ich würde wohl gehen; sollte ich
aber nichts ausrichten, ist da der Name und die Herrschaft
meiner Ellern keiner Berücksichtigung werth?" — Mit die-
sem Bescheid kehrte der Gesandte zurück und berichtete
dem Chormusda und den drei und dreissig Göttern alle
Worte, welche die drei Söhne gesprochen hatten.
Chormusda hefahl seinen drei Söhnen, vor ihm zu
erscheinen. Sie kamen und er sprach zu ihnen: „Als ich
euch den heillosen Zustand der Welt anzeigte, befahl ich
euch nicht aus eigener Willkühr, hinzugehen, sondern in
Folge der \^erordnung Buddha's, euch hinzusenden, gab
ich euch diesen Befehl. Ich glaubte bisher, ihr wäret
meine Söhne, mm aber scheint es umgekehrt, dass ihr
nämlich mein Л' ater seyd uud ich euer Sohn bin. So über-
nehmt denn auch, ihr Drei, meine Herrschaft und erfüllt,
wie sichs gebührt, die damit verbundenen Pflichten.'' Auf
diese \Vorle des Vaters entblösslen die drei Söhne ihr
Haupt , knieten nieder , verbeugten sich und sprachen :
„Weh uns, warum spricht der Himmelsfürst, unser \^ater,
also mit uns!" Amin Ssakiklschi sprach weiter: „Sollte
ich gleich, dem Befehle unsers Vaters und Herrn gemäss,
hingehen, so würde ich die Herrschaft zu behaupten un-
fähig seyn. Wenn nun die Weltbewohner, die Menschen,
höhnend sprechen sollten: Amin Ssakiktschi, der Sohn
des Gottes Chormusda, ist in die Well gekommen und
konnte dieselbe nicht regieren , so würde diess deinen Na-
men und Ruf treffen. Es würde heissen, ich hätte unbe-
fugt mich mit meiner Eigenschaft als Götlersohn geprahlt
und meinen Jüngern Bruder in Schalten gestellt. Denn es
ist offenkundig, dass dieser Üile Bütegektschi jede Sache
auszuführen vermag. Wenn z. B. bei grossen Festgelagen
der siebzehn Götter aus dem Reiche Is'wara's Wettspiele
oder Bogenschiessen angeordnet werden, wer anders bleibt
Sieger als dieser Uile Bütegektshi, gegen welchen Nie-
mand etwas vermag? So auch bei den Spielen, dem Bogen-
schiessen und den Ringkämpfen der drei und dreissig Göt-
ter uDler eiflander übertrifft Ищ keiaer. Passelbe gilt von
— 5 -^
den Spielen der Draclienfürsten , bei welchen Uile Büte-
gektschi jedesmal Sieger bleibt, indem, er in allen Vor-
zügen und Fertigkeiten ausgelernte Uebung besitzt. Ver-
gebliches Unternehmen wäre es, wenn wir (andern) als
Göttersöhne in die Welt kämen; soll einer hingehen, so ist
dieser Uile Bütegektschi allein dazu befähigt." — Die
drei und dreissig Götter bestätigten diese Rede mit fol-
genden Worten: „Alles was Amin Ssakiktschi gesagt
hat, ist die reine Wahrheit. Auch wir sind tapfer und
gewandt, dessen ungeachtet besiegt derselbe (Üile Büte-
gektschi) uns Alle bei Wettspielen, Kampfübungen und
beim Bogenschiessen. Die Worte Amin Ssakiktschi's
sind die reine Wahrheit." Auch der jüngere Bruder Te-
güs Tsoktu bekräftigte das Gesagte mit denW^orten: „Es
ist Alles wahr!"
Der Gott Chormusda sprach: „Nun, Üile Bütegek-
tschi, da hasst du das Zeugniss Aller! was hast du dar-
auf zu erwiede in?" Üile Bütegektschi antwortete: „Was
soll ich anders sagen, als dass ich dem Befehle meines Va-
ters und Herrn Folge leisten werde. Gott Chormusda,
mein Vater, gib mir deinen blau-schwarzen, ihauschimmer-
farbigen Panzer! gib mir deine blitzleuchtende Schulter-
bedeckung! gib mir deinen, wie aus Sonne und Mond
vereint zusammengesetzten, weissen Helm! gib mir deine
dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis! gib mir
deinen harten schwarzen Bogen! gib mir dein, drei Klafter
langes, geistiges (übernatürliches) Schwert! gib mir deine,
Daghorischoi genannte, goldene Fangschlinge! gib mir
dein grosses, drei und neunzig Tsching schweres, stähler-
nes Beil! gib mir dein kleines, drei und sechzig Tsching
schweres , stählernes Beil ! gib mir deine eiserne neun-
zackige Fangstange (mit neun Schlingen)! dieses Alles lass
auf die Erde herab, w enn ich in der Welt geboren werde !"
Chormusda sprach: „Es ist zugestanden!" Weiler sprach
Üile Bütegektschi: „Lass drei der drei und dreissig
— 6 —
Gölter als meine drei chubilganische (verwandelte) Schwe-
stern mit mir zugleich von Einer Mutter geboren werden!
Schicke auch einen der unter dir stehenden Gölter in
meiner Gestalt als meinen altern chubilganischen (magischen)
Bruder herab und zugleich dreissig Tapfere deines Gefol-
ges als magische Helden! Ich fordere dieses Alles nicht aus
habsüchtiger Begierde , sondern aus Besorgniss, dass der
Sohn des Gottes Chormusda, wenn er in der Welt er-
scheint, und deren Herrschaft zu übernehmen nicht im
Stande seyn, oder gar von den Menschen überwunden wer-
den sollte, deinem Namen Schande machen möchte. Ich
fordere es in der guten Absicht, Unrecht und Gewalt zu
beugen und die Wesen zu beglücken." Hierauf erwieder-
ten Chormusda und die drei und dreissig Götter insge-
sammt: „Wir sind mit Allem einverstanden, was du for-
derst-, warum sollte uns das zu deiner Sendung Nöthige
leid seyn? du sollst Alles haben". Ferner sprach Uile
Bütegektschi: „Mein älterer Bruder Amin Ssakiktschi
und mein jüngerer Bruder Tegüs Tsoktu sind nicht ge-
gangen (haben es abgelehnt, der Sendung Folge zu leisten) ;
dafür fordere ich, dass, wenn nach meiner Erscheinung in
der W^ell das Wohl der Wesen durch mich begründet
worden ist, mir die Erbfolge auf den Thron meines Va-
ters zugesichert Averde." — „Sie ist dir zugesichert," war
die Antwort. Noch sprach Uile Bütegektschi: „A^ater,
gib mir auch deinen aus der härtesten und feinsten Erz-
masse verfertigten Säbel!" — „Zugestanden!" — „Schicke
mir ferner, nachdem ich auf der Welt geboren seyn werde,
ein gutes Pferd herab, das von Niemand eingeholt werden
kann!" — „Zugestanden," war die Antwort.
Als nach dieser Zeit der Zustand der Welt sich verschlim-
merte, versammelten sich auf dem Owogha*) Küsseleng
4) Name von grossen, allmählig entstandenen Steinhaufen, die
als Götteraltäre angesehen werden. Sie entstanden durch die Fröm-
„ 7 _
ausser schvN'arzköpfigen^) Menschen eine Menge Wesen in
fliegender Vogelgestalt. Es waren da Wesen л^^оп dreihun-
dert verschiedenen Zungen unter dem Vorsitze der sprach-
kundigen weissen (Licht-) Götlinn Arjalamgari; ferner
waren da die Zeichendeuter Moa Guschi, Dangho und
der König der Berge Oa Guntschid, welche Drei ihre
Zeichen zu stellen und zu wahrsagen sich bereit machten.
Die Aveisse Götlinn Arjälamgari sprach: „Ihr drei Wahr-
sager, erspähet aus euren Zeichen, oh ein Fürst geboren
werden wird, der dem in der Welt überhand nehmenden
Unheil zu steuern im Stande wäre, oder ob kein solcher
zu erwarten ist!'' Zuerst stellte Moa Guschi seine Zeichen
und sprach dann: „Geboren werden wird Boa Dongtsong
Garbo mit einem Krystallkörper, mit schnee weissen Zäh-
nen, mit dem Kopfe des \ogels Garuda und mit gold-
gelbem zottigem Haar, dessen Spitzen das Aussehen von
Weidenkätzchen haben werden. Dieser wird nach seiner
Geburt Beherrscher der hohen Götter werden." Arjä-
lamgari sprach: „Gut, stellt abermals eure Zeichen!"
Nun stellte der Wahrsager Dangbo seine Zeichen und
sprach dann: „Geboren werden wird Arjäwalori Ud-
gari mit weitstrahlendem weissem Glänze und mit roth-
braunem Gesichte^ der Oberlheil seines Körpers wird die
Menschengestalt und der Untertheil desselben die Schlan-
gengestalt der Drachenfürsten haben. Derselbe wird nach
seiner Geburt der Beherrscher der Wasserdrachen werden."
Sodann befahl die weisse Göltinn Arjälamgari dem Berg-
fürsten Oa Guntschid, seine Zeichen zu stellen. Nach-
dem dies geschehen war, sprach er: „Geboren werden
wird Dschamtso Dari Udam in schneeweissem Glänze,
migkeit der Vorüben'eisenden , von welchen nie versäum l л\иг(1е,
einen oder mehrere Steine hinzuzufügen. Sie befinden sich immer
an hohen Stellen.
5) Eliu Epithel der Menschheit.
— 8 —
der uach allen zehn Gegenden strahlt. Diese ^vircl nach
ihrer Geburt die Beherrscherinn der Däkiuis^) der zehn
Gegenden werden." Arjalamgari sprach: „Stelle noch
einer von euch abermals seine Zeichen I" Diess geschah
und es hiess: „Geboren \verdeu wird Gesser Sserbo
Don r üb; der Oberlheil seines Körpers enthält den Inbe-
griff der Buddhas der zehn Gegenden, der Mitteltheil sei-
nes Körpers den der vier Maharadscha - Götter') und
der Untertheil seines Körpers den Inbegriff der vier Dra-
chenfürsten. Dieser лvird nach seiner Geburt der Beherr-
scher des Dschambudwip^) werden unter dem Namen:
Der in den zehnGegenden herrschende Heil spen-
dende Held Gesser Chaghan. „Ferner fragte die weisse
Göttinn Arjalamgari: „Werden sie Alle einen Vater
und eine Mutler zu Eltern haben oder von verschiedenen
Vätern und Müttern gezeugt und geboren werden? ЛҮег
wird der \'ater, wer wird die Mutter seyn.?" Nach aber-
maliger Zeichenslellung lautete die Antwort: „Der Vater
wird seyn dieser (unser Gefährte, der) Bergfürst Oa Gun-
tschid, und die Mutter wird seyn Geksche Amur-
tschila, des Gü Bajan Tochter. Da sie Alle gemein-
schaftlich handeln und sich gegenseitig unterstützen sollen,
so werden sie Alle von einem Vater gezeugt und von ei-
ner Mutter geboren werden." Arjalamgari fragte weiter:
„Es heisst zwar: der Vater ist dieser und die Mutter eine
solche, W'Oher aber kommt die Enkelschaft?" Die Wahr-
sager antworteten: „Es ist der Sohn des Gottes Chor-
rausda, welcher (Letztgenannte), den Eintritt der unheil-
vollen Zeit wissend, dem Befehle Buddha's gemäss han-
6) Weibliche Gottheiten.
1) Die Hüter der vier Erdgegenden ; sie haben ihren Sitz an den
vier Seiten des Berges Sumeru.
8) Im engem Sinne die indische Halbinsel, im weitern Sinne
ganz Asien.
dek; ob derselbe (dessen Sohn) aber unter allen diesen
Verwandlungen erscheinen wird, wissen wir nicht."
Zu der Zeit gab es drei- Völkerschaften, mit Namen
Tussa, Dongsar und Lik. Der Fürst von Tussa war
Sanglun, der Fürst von Dongsar war Tsargin und der
Fürst von Lik war Tschotong. Der Fürst Tschotong
war im Besitze vortrefflicher Pferde: er besass einen Koth-
schimmel, der im Rennen einen herabschiessenden Wasser-
sturz überholte, ein weisslich- gelbes Fuchspferd, welches
in gerader Richtung jeden Fuchs einholte und ein (anderes)
weisslich-gelbes Pferd, welches jede Antilope, ihre Kreuz-
und Querzüge verfolgend, erjagte. Jene drei л erwandten
Völkerschaften rüsteten sich gegen Gü Bajan zu einem
Ueberfall. Tschotong, aus Neid gegen die Andern, eilte
auf einem seiner trefflichen Pferde voraus und gab (dem
Feinde) die Kunde , dass die Truppen der drei Völker-
schaften Tussa, Dongsar und Lik zu einem Ueberfall
bereits in der Nähe seyen. Gü Bajan 's Tochter, Namens
Geksche Amurtschila ergriff die Flucht, glitschte aber
auf dem Eise aus, fiel und wurde von Tschotong gefangen.
Die Jungfrau hatte sich bei ihrem Falle die Hüftsehnen
verletzt, so dass sie lahmte. Tschotong dachte: „Mein
Ruf wird dem Spotte preisgegeben, wenn ich mit nichts
als einem lahmen Weibe ohne alles Besitzthum heimkehre-,
ich muss sie bei einem andern Manne anzubringen suchen.
Ich werde sie meinem altern Bruder Sanglun übergeben,
kann sie ja nachher immer wieder zurücknehmen." Bald
nachdem er, dieser ausgesonnenen List gemäss, die Gek-
sche Amurtschila dem Sanglun aufgedrungen hatte,
heilte ihr Fuss und ihr Aussehen wurde, wie zuvor, über-
aus schön und reitzend. Der Fürst Tschotong sah diess
mit neidischen Augen und sprach (zu Sanglun): „Ein sol-
ches schönes Weib ist schwer zu finden; ich hoffte, sie
würde einen wackeru Knaben gebären , diess ist indess
nicht geschehen. Uebrigens rührt das Unheil der jetzigen
— 10 —
Zeit blos von euch. Mann und AVeib her." Diess gesagt
beschloss er, den Sanglun und die Geksche Amur-
tshila zu Aertreiben undSanglun's früheres Weib, dessen
Haus und A'ieh ihm abzunehmen und sich zuzueignen.
Dem gemäss gab er ihnen ein scheckiges Kameel mit
scheckigem Füllen, eine Scheckstule mit Scheckfülleu, eine
bunte Kuh mit buntem Kalbe, ein geflecktes Schaf mit
geflecktem Lamra, und einen bunten Hund mit bunten
Jungen, nebst einem schwarzen (schlechten) Halbzelte mit
und schickte sie an den Ort, wo die Mündungen der drei
Flüsse sich vereinigen, in die Verbannung. An diesem
Orte beschäftigte der Alle, während des Weidens seines
wenigen Viehes, sich damit , Berghasen in Schlingen zu
fangen; den einen Tag tödlete er auf diese Weise zehn,
den andern Tag sieben oder acht-, Geksche Amurtschila
sammelte unterdessen Brennmaterial zur Feurung.
Eines Tages, als Geksche Amurtschila nach Brenn-
material ausgegangen war. sah sie vor sich einen Sperber
sitzen, dessen Vordertheil lus zur Brust die \^ogelgestalt,
dessen Hintertheil al)er die Menschengestalt hatte. Gek-
sche Amurtschila rief ihm zu: „Wie kommt es, dass
der \'ordertheil deines Körpers einem Vogel und dein
Hintertheil einem Menschen ähnlich sieht? was hat das zu
bedeuten?" Der Spefber antwortete: „Weil ich meine
mütterlichen Verwandten noch nicht kenne, hat mein Vor-
dertheil bis zur Brust die Vogelgestalt, mein Hintertheil
aber hat deswegen die Menschengestalt , weil ich meinen
ursprünglichen Körper vernichtend hergekommen bin. Ich
bin vom hohen Götterhimmel herab auf die Welt gekom-
men und suche ein edles Weib, um von demselben ma-
gisch geboren zu werden. Findet sich ein solches Weib,
so mag es geschehen, wo nicht, so mag es bleiben." —
Mit diesen Worten flog der Sperber davon.
Als Geksche Amurtschila in der Nacht des ersten
Mondviertels mit einer Tracht Brennmaterial auf dem Heim-
— 11 —
wege war, begegnete ihr unterwegs eine grosse Mannsge-
stalt 5 vor Schrecken fiel sie in Ohnmacht. Nachdem sie
eine Zeitlang gelegen und wieder zu sich gekommen war,
setzte sie den Heimweg fort Da ein kleiner Schnee ge-
fallen war, so suchte sie bei der anbrechenden Morgen-
dämmerung die frühere Spur ihrer Tritte und stiess dabei
auf die frische Spur eines Menschen, der Schritte von der
Länge einer halben Klafter gemacht hatte. „Was für ein
entsetzlich weilschreitender Mensch mag hier gewesen seyn,"
rief Geksche Amurischila und folgte der Spur. Diese
führte zu einer Felsenhöhle. Geksche Amurtschila
blickte verstohlen in das Innere derselben und geлvahrte
einen Menschen mit einer ligerbunten Fahne, mit einer
tigerbunten Mütze und 'mit einer ebensolchen Bekleidung
und Beschuhung, der auf einem goldenen, von einem Pilze
gestützten Sessel sass, den Reif von seinem tigerbunten
Barte sreifte und dabei die Worte sprach: „In dieser
Nacht habe ich mich aufs Aeusserte erschöpft." Geksche
Amurtschila nahm aus Furcht die Flucht und kam nach
Haus.
Die dreihundert Wesen лоп verschiedenen Zungen gin-
gen auseinander; die weisse Götlinn Arjalamgari stieg
zum Himmel empor; die beiden W^ahrsager Moa Guschi
und Dangbo blieben auf dem Küsseleng genannten
Owogha. Alle halten darauf gewartet, ob die Weissagung
der Zeichendeuler in Erfüllung gehen würde. „Sie ist in
Erfüllung gegangen," riefen sie und gingen aus einander.
Nach der Heimkunft der Geksche Amurtschila be-
gann ibr Leib an Umfang zuzunehmen, so dass sie zuletzt
weder stehen nocb aufstehen konnte. Am Vollmonde des-
selben Monats nahm der Alte (nach seiner Gewohnheit)
seine Schlingen und wollte sein Vieh auf die Weide trei-
ben, als Geksche Amurtschila ihm zurief: „Warum
willst du jetzt fortgehen? in meinem Leibe rumort es, als
hielten mehrere Menschen ein Gespräch mit einander. Ich
— 12 —
Vergehe vor Angst in der Einsamkeil; bleibe daher heute
schon bei mir." Der alle Sangluii erwiederte: „Wer
wird die Berghasen fangen, wer wird unser weniges Vieh
beaufsichtigen, wenn ich zu Hause bleibe? womit sollen
wir unser Leben fristen, wenn ich keine Berghasen fange?-'
Mit diesen Worten entfernte er sich. Es dauerte nicht
lange, so hatte der Alte bereits siebzig Berghasen gefan-
gen, die er nach Hause trug und voller Freude sprach:
„Heute habe ich sehr beträchtlich mehr als sonst gefangen:
sicherlich steht meinem Hause Segen bevor." Er warf
seine Ti'acht Berghasen ab und entl'ernte sich abermals.
Zwischen Mittag und Abend erhob sich der Gesang
einer Knabenstimme im Leibe der Geksche Amurtschila
folgendergestalt : „Ich, Boa Dongtsong Garbo genannt,
mit einem kiystallenen Körper, mit schneeweissen Zähnen,
mit dem Kopfe des A'ogels Garuda, mit goldgelbem zotti-
gem Haare, dessen Spitzen wie AVeidenkätzcheu aussehen,
werde nun geboren werden. Nach meiner Geburt werde
ich der Beherrscher der hohen Himmelsgölter werden."
Gleich darauf sang eine andere Stimme: „Ich, Arjawa-
lori genannt, mit лveitstrahlendem weissen Glänze, mit
rothbraunem Gesichte, mit einem Körper, dessen Ober- jl
iheil die Menschengestalt und dessen Untertheil die Schlan- • \
gengestalt der Drachenfürsten hat, werde nun geboren wer-
den. Nach meiner Geburt Averde ich der Beherrscher der
untern Drachen und ihrer Fürsten werden." Sodann sang
eine dritte Stimme: „Ich, Dschamlso Dari Udam Ud- .
gari genannt, von blendendvveisser Farbe und einem Licht- I
glänze, der nach allen zehn Gegenden strahlt, werde nun
geboren werden. Nach meiner Geburt werde ich die Be-
herrscherinn der Däkini's der zehn Gegenden werden."
Zuletzt sang eine vierte Stimme: „Ich, Gesser Sserbo
Don ruh genannt, mit einem Körper, dessen Obertheil
den Inbegriff der Buddhas der zehn Gegenden, dessen
Mitteltheil den Inbegriff der vier Mahärädscha-Götter und
- 15 -
dessen Untertheil den Inbegriff der vier grossen Dracbeu-'
fürsten in sich schliesst, werde nun geboren werden. Nach
meiner Gebuit werde ich der Beherrscher des Dschambu
Dwips, der Heil spendende Herrscher in den zehn Ge-
genden, der Held Gesser Chaghan werden." — Die
MuUer rief: „O Weh! O Weh! was für Buddhas könnte ich
wohl empfangen und gebären, da sogar ein gewöhnlicher
Mensch mich verachtet und an die Mündungen der drei
Flüsse in die Verbannung geschickt hat! eher möchte ich wohl
eine empfangene Teufelsbrut gebären. Der alte Sangluu,
euer elender Vater , konnte keine Wiegen für euch zu-
rechtmachen, da Niemand ihm seine Nahrung reicht, und
wie soll ich in diesem Zelte, so gross als ein Vogelnest,
euch Wiegen machen und ernähren, da Niemand für mei-
nen eigenen Lebensunterhalt sorgt! Indess will ich suchen,
euch hier unterzubringen!" Mit diesen Worten ergriff sie
eine, zum Ausgraben von Wurzeln dienende, neun Klafter
lange, eiserne Stange und grub damit vier Löcher, eins
neben dem andern, in die Erde.
Kaum war sie damit fertig, so rief Boa Dongtsong
Garbo: „Mutter, gib mir Raum!" und gleich darauf kam
er aus ihrem Scheitel zur Welt. Seine Gestalt und sein
Aussehen waren über alle Beschreibung schön. Er ent-
schlüpfte der Mutter, kroch fort und liess sich von ihr
nicht ergreifen. Während die Mutter sich abmühte ihn zu
haschen, senkten die Götter einen gesattelten und gezäum-
ten krystallenen Elephanten , unter Becken- und Pauken-
schall, vom Himmel herab, auf welchen der Neugeborne
gesetzt und unter Becken- und Paukenschall und wohl-
riechendem Räucherduft gen Himmel emporgehoben wurde.
„O Weh, rief die Mutter weinend, gewiss war jnein Kind
ein Buddha!" Während sie noch weinte, rief der zweite:
„Schwester, gib mir Raum!" Die Mutter hob ihren rech-
ten Arm empor und drückte mit der Hand ihren Scheitel;
Während sie drückte, fiel er aus ihrer гесЬ1ед Armhöhle
-- 14 —
heraus, machte sich gleich von der Mutter los, kroch fort
und liess sich nicht von ihr erreichen. Unterdessen erschien
von den Drachenfürsien aus der Meerestiefe, \vie in vori-
ger Weise, ein gesattelter und gezäumter Krystallelephant,
auf welchem die Drachenfürslen unter Becken- und Pau-
kenschall und entzündetem wohlriechendem Räucherwerke
ihn in die Tiefe des Oceans entführten. Nun rief es aher-
mals: „Schwester, gib mir Raum!" Die Mutler drückte
mit beiden Händen ihren Scheitel, während sie mit dem
Oberarm von beiden Seiten ihre Armhöhlen zusammen-
presste, worauf die Geburt aus dem ]УаЬе1 erfolgte. Die-
ses Kind war ungleich schöner vind reitzender als die bei-
den vorigen, liess sich jedoch ebenfalls von der Mutter
nicht fangen. Während die Mutter dasselbe zu haschen
strebte, sandten die Däkinis der zehn Gegenden einen
himmelblauen gesattelten und gezäumten Elephanten herab
und entführten das Kind unler Becken- und Paukenschall
und dem Dufte wohlriechender Räucherungen. „O ЛҮеЬ,
o Weh, welcher Jammer!" rief die Muller weinend, „vv^o-
hin sind meine Kinder gerathen! es waren in der That
imd wie sie selbst es verkündigt hallen, Buddha- Verwand-
lungen ! v^'ozu habe ich die vier Gruben gegraben ! hätte
ich wenigstens eines von euch vor der Trennung erkennen,
herzen, küssen und umarmen können! O Weh, was habt
ihr mir gethan, meine Kinder!"
Während sie also wehklagte, fragte die Stinuue des
Vierten: „Schwester, auf welchem Wege soll ich erschei-
nen?" Die Mutter entgegnete: „Auf dem natürlichen Wege
mein Kind!" worauf das Kind auf dem natürlichen Wege
zur Welt kam. Mit dem rechten Auge schielte der Knabe,
mit dem linken schaute er gerade aus 5 die rechte Hand
schwenkte er, die linke hielt er zusammengeballt 5 den
rechten Fuss streckte er in die Höhe, den linken streckte
er gerade ausj volle fünf und vierzig schnee weisse Zäline
brachte er zusammengebissen mit auf die AVeit. — „O Weh,
_ 15 ^
0 Weh, was ist das!" rief" die Mutter; „meine drei voi*
ihm Geborenen waren sämmtlich buddhaische Verwand-
lungen, deswegen konnte ich sie nicht bei mir erhaltend
diese sündige Teufelsgeburt wird mir gewiss nicht davon
laufen!" Weiter sprach sie: „Mein Kind, womit soll ich
deine Nabelschnur ablösen?" Sie langte unter ihrem Kopf-
kissen ein zweischneidiges Messer hervor, mit welchem sie
hin und her sägte, ohne jedoch die Nabelschnur durch-
schneiden zu können. Da sprach der Knabe: „Mutter!
mit diesem Messer wirst du meine Nabelschnur nimmer
ablösen; gehe aber zum grossen See vor unserm Hause,
daselbst wirst du einen scharfen schwarzen Stein finden,
womit es geschehen kann. Beim Durchschneiden sprich
folgenden Segen: ,,„Mein Sohn, möchtest du ein Wesen
werden fester als dieser Stein!"" Meinen Nabel verbinde
mit weichem Heu und sprich dabei die Segens worte: „„Mein
Sohn, möchte das Volk des befreundeten Stammes, zu wel-
chem du gehörst, sich weiter ausbreiten als das Gras des
Feldes!"" — Die Mutter wickelte ihr Kind in ihren Rock-
schoos und ging an das Ufer des See's. Dort fand sie im
Wasser einen scharfen schwarzen Stein, mit welchem sie
die Nabelschnur unter Aussprechung der obigen Segens-
Avorte durchschnitt; den Nabel verband sie mit Heu, in-
dem sie die darauf bezüglichen Segensworte aussprach.
Zur Stunde, da Gesser geboren wurde, war nasskalte
Witterung, so dass die Mutter bei der Ablösung der Na-
belschnur ihren kleinen Finger erfror. „Welch ein sün-
diges, welch ein heilloses Kind ist diess!" schrie die Mut-
ter weinend; „während ich beschäftigt war, seinen Nabel,
zu besorgen, ist mir der kleine Finger erfroren!" Der
Knabe rief ihr zu: „Schimpfe nicht, weine nicht, meine
Mutter! stecke deinen Finger in das Wasser des See's und
siehe, was dann wird!" Die Mvitter that nach den Worten
des Knaben und der Finger wurde gesund wie zuvor.
Als die Mutter mit хЬгещ Knaben »ach Hause gekommen
— 16 —
л\аг, fragte sie ihn: „Wo, mein Kind, soll ich dich betten?
hier vielleicht in dieser Grube?" Als die Mutter den Kna-
ben aufhob, entschlüpfte er ihr und fiel. Sie hob ihn wie-
der auf, und er, ihr abermals entschlüpfend, klammerte
sich an die Mutter, indem er die Worte sprach: „Meine
Mutter! der schielende Blick meines rechten Auges durch-
schauet das Thun und Treiben der Elje vmd Schimnus^);
der gerade Blick meines linken Auges zeigt mir zugleich
das gegenwärtige sowohl als das zukünftige Schicksal^ meine
geschwenkte rechte Hand bedeutet meine drohende Stellung
gegen alle Feinde und Widersacher, und meine zusam-
mengeballte linke Hand bedeutet, dass ich Alles beherrsche
und festhalte; mein emporgestreckter rechter Fuss bedeutet,
dass ich das Religionsgesetz emporbringen werde und mein
gerade ausgestreckter linker Fuss bedeutet, dass ich alle
Ketzer und Ungläubige unterjochen vmd zerstreuen werde;
meine fünf und vierzig zusammengebissenen Zähne, mit
denen ich geboren bin, bedeuten, dass ich die Macht und
Furchtbarkeit der schrecklichen S c h i m n u s verschlingen
werde." — Die Mutter rief: „O W^eh, o Weh! sonst pfle-
gen die Kinder bei ihrer Geburt mit dem vierten Finger
ihrer beiden Hände sich die Nasenlöcher zuzuhalten, sie
pflegen mit geschlossenen Augen geboren zu werden; was
für ein schwatzhaftes, beissiges Kind habe ich da geboren,
das jetzt schon sich mit mir zankt und balgt."
Während dieses Worlslreites kam Sanglun zu seiner
Wohnung. Das eine Mal hörte er die Stimme eines Wei-
bes, das andere Mal hörte er eine Stimme wie die eines
Tigers. Der alte Sanglun kam, sein Vieh treibend, zehn
Berghasen auf dem Rücken tragend und seine eiserne Fang-
stange mit neun Schlingen in einer Hand nachschleppend,
9) Benennungen von teuflischen, übelwollendcu Wesen. Die Elje
sind aus dem, Von mir in den Memoiren der Akademie erklärten,
Steinernem Penkmale Tschinggis Chans bekannt.
_ t1 —
nach riause. „Was gibt es hier!" ri^f er. Geksche
Amurtschila antwortete ihm: „Du besessener, erbärm-
licher, vertrockneter Schuft! du vom Glücke verlassener
Taugenichts! hatte ich dich nicht gebeten, heute bei mir
zu bleiben? Kurz zuvor habe ich drei Kinder aus allen
verschiedenen Theilen meines Körpers zur Welt gebracht;
es луагеп lauter buddhaische Verwandlungen, welche, je
nach dem Orte ihrer Bestimmung, iheils gen Himmel sich
erhoben, theils in die Tiefe versanken, theils zu den Dä-
kinis sich erhoben unter dem Rufe: die Götter in der
Höhe! Die Drachenfürsten der Tiefe! die Däkinis der
zehn Gegenden! und was dergleichen mehr war. Unter
solchem Kufe entfernten sich Alle. Nun aber so eben, du
nichtswürdiger Lump! habe ich eine Teufelsbrut zur Welt
gebracht, die mich packt und fressen zu ул ollen .sclieint und
sich, Avie du siehst, gebehrdet." Der Alte sprach : „O
Weh! woher weisst du. dass es eine Teufelsbrut ist? wir
vermuthen diess nur so, während es vielleicht ein Buddha
ist. Wie können wir unser eigenes Kind tödten ! wir
wollen lieber versuchen, es aufzuziehen. Heute habe ich
achtzig Berghasen getödtet. Unser weniges, künnuerliches
Vieh ist sammllich trächtig und schleppt den Bauch schon
beinahe bis zur Erde. Anfangs gab es in der JNäbe unse-
rer Wohnung keine Berghasen; heute i.sl in der Entfernung
eines Pfeilschusses von unserm Hause kein Schnee gefallen
und alle diese Berghasen habe ich auf diesem Räume ge-
fangen. So etwas ist mir in meinem Leben noch nicht be-
gegnet. Mag es nun Glück sej n , mag es die Güte meiner
Schlingen seyn ; diess hier habe ich mitgebracht, "' Die
Mutter entgegnete hierauf: „Wenn dem so ist. wie kön-
nen wir das Kind umbringen; wir wollen es aufzuziehen
suchen."
Zu der Zeit gab es einen Teufel, in der Gestalt eines
schwarzen Raben, welcher den noch nicht jährigen Kin-
dern die Augen auszuhacken und sie solchergestalt blind zu
2
^ 18 -.
machen oder auch zu tödlen pflegte. Gess er, durch einesei-
ner magischen Verwandlungen davon benachrichtigt, schloss
sein eines Auge, während er mit dem andern schielend um-
herblickte. Leber dieses offene Auge hatte er seine magi-
sche eiserne neunzackige Fangstange gestellt. Als nun der
Teufel in schwarzer Rabengestalt sich näherte, ihm das
Auge auszuhacken, zog Gesser an das Seil seiner Schlin-
gen, fing den Teufel in schwarzer Rabengestalt und er-
würgte ihn.
Ferner gab es zu der Zeit einen andern Teufel mit
Zähnen einer Ziege und mit der Schnauze eines Hundes.
Dieser pflegte sich in einen Lama zu verwandeln und den
Kindern im zv\ eiten Jahre , während er Miene machte , als
ob er ihnen die Hand zum Segnen auflege die Zunge ab-
zubeissen und sie stumm zu machen. Gesser wusste, dass
dieser Teufel zu ihm kommen würde rmd erwartete ihn
liegend, mit seinen fest auf einander gebissenen fünf und
vierzig schneeweissen Zähnen. Der Teufel kam, verwan-
delte sich in einen Lama und legte dem Knaben die Hand
als wie zum Segen auf das Haupt. Während dessen ver-
suchte er , mit seinem Finger und nachher mit einem
Stocher, zwischen dessen Zähne zu kommen, welches ihm
jedoch, trotz aller angewandten Mühe, nicht gelang. Da
fragte der Lama die Eltern: .,Ist dieses euer Kind, wie
gewöhnlich, mit einer Zunge geboren oder konnte es von
Geburt an die Kinnladen nicht öffnen?-' Die Eltern ant-
worteien: „Es hat wie andere Kinder geweint; weiter wis-
sen wir nichts." Der Teufel gab hierauf seine Zunge dem
Kinde zu saugen und sagte dann: „Das Kind saugt ein
wenig!" Das Kind rief: „Ich will noch mehr saugen!"
worauf der Teufel abermals seine Zunge saugen Hess. Wäh-
rend des Saugens packte das Kind plötzlich die Zunge des
Teufels mit den Zähnen und iödtete ihn. indem es ihm
die Zunge an der Wurzel abbiss.
— 19 —
Die bezauberten Bergbasen bekamen die Grösse von
Ochsen . verwandelten dadurch die Gestalt der Erdober-
fläche und Ihaten dem Volke der Monghol viel Schaden.
Gesser. der dieses in Erfahrung brachte, verwandelte sich
in einen alten Kuhhirten, ging hinaus und nahm sein Beil
mit. Während die Berghasen Ochsen wurden und die Ge-
stalt der Erdoberfläche umänderJen. hieb sie der Alte mit
einem Beil zwischen die Hörner und tödtele sie; unmittel-
Ыг darauf" tödtete er die «Irei Schrecklichen "^).
Darnach lammte d;is Schaf und brachle ein schneev^eisses
Lamm zur Welt; hierauf fohlte die Stute und brachte ein
übernatürliches (geistiges) braunes Füllen zur Welt ; die
K.uh kalbte und brachte ein eisenblaues Kalb zur Welt;
die Hündinn warf und brachte ein kupferfarbenes weib-
liches Junges mit eisenfarbener Schnauze zur Welt. Diess
Alles weihte Gesser unter Räucherung und überlieferte es
seiner Grossmutter Absa Gurts e mit folgenden Worten:
„Mutter, nimm diess von mii' zu dir und ziehe es sorg-
fäliig auf! sollte ich es dereinst zurück fordern, so gib es
mir zurück!" Die Grossmutter gab ihre Einwilligung und
nahm (das junge Vieh) zu sich hinauf.
Der alle Sanglun gab dem vort der vielfach geplagten
Frau geborenen Sohn den Namen Joro, und dieser Joro
hütete das wenige Vieh. Eines Tage* während des Vieh-
bötens riss er dreimal sieben Schilfstängel . dreimal sieben
Grasstängel, dreimal sieben Kletlenstängel und dreimal sie-
ben Stängel des Charagana genannten Krautes aus. Mit
den Grasstängeln schlug er die schlechte Stute , indem er
die Worte sprach: „Dass ich dich mit diesen dreimal sie-
ben Grasstängeln schlage, möge die Folge haben, dass du
die Mutter einer Pferdeheerde von der Farbe dieser weiss-
^- 10) TeufKsche Schreckgessalteu , durch welche allerlei Unheil an-
gerichtet wurde. Bekanntlich schreiben die Völker Mittelasiens aftij
Naturübel dem Einflüsse böser Geister zu.
2*
— 20 —
lieh- gelben Grasstängel werdest!" Mit den Schilfstäiigeln
schlug er die schlechte Kuh und sprach dabei die Worte:
„Werde die Mutter einer schönen Kuhheerde von der Farbe
dieser Schilfähren und mit Schwänzen wie Schilfblälter!"
Mil den Klettenstängeln schlug er das Schaf, sprechend:
,, Bekomme Lämmer in solcher Menge, als schöne Kletten
an diesen Stängeln sindl" Mit dem Charagana genannten
Kraute schlug er das räudige Kameel. Durch diese magi-
sche W^eihe wurde alles Vieh trächtig und warf seine Jun-
gen. Die einzelne Stute wurde die Mutter einer ganzen
Pferdeheerde von weisslich- gelber Grasfarbe, aus mehr als
hundert Stück bestehend. Jedes \'ieh in seiner Art warf
einmal monatlich nach Gessers Befehl, so dass es sich ins
Unendliche vermehrte. Die Freude des alten Sanglun
hatte keine Grenzen, so dass er ausrief: „Hier sieht man
mein Glück, meinen Segen! hier bewährt sich das Sprich-
wort: Eins ist der Anfang von Tausend!" Hierauf entgeg-
nete Geksche Amurtschila ihm höhnisch: „Ja wohl, du
hast vollkommen Recht! dein ganzes Glück ist mir von
allen Seiten wohlbekannt: du bist ein ungemein beglückter
Mann!" — „Wer soll uns hier das viele Vieh hüten?"
sprach (der alle Sanglun) und machte sich auf den Weg
zu seinem Л^о1ке.
Sanglun kam zu Tschotong und sprach zu ihm:
„Deffi aus Scheelsucht von dir verstossenes und wegge-
jagtes reit^endes Weib hat einen nichtswürdigen Knaben
geboren-, als nichtswürdig behalte ich ihn bei mir, als taug-
lich würde ich ihn zu deinem Nachfolger machen ; sey er
indess auch untauglich , so ist er doch der rechtmässige
Erbe. Gib .mir nun mein Weib, meine Kinder und meine
Habe zurück ! " Das ganze Volk (stimmte diesem Verlangen
bei) mit den Worten: ,,^er alte Sanglun hat vollkom-
men Recht!" so dass (Tschotong) ihm Alles herausgeben
rousste.
_ 21 -
Der alle Saiiglun kehrte, nachdem er sein Eigenthum
in Empfang genommen hatte, zurück nach Hause und be-
fahl seineu drei Söhnen Dsesse, Rongsa und Toro, sein
Vieh zu hüten. Während die drei Knaben das Vieh hüte-
ten, Hess Joro die entfernten Berge als nahe und die nahen
Berge als fern erscheinen und hütete (solchergestalt) das
Vieh in magischer Weise. Eines Tages sprach Joro zu
seinem Vater: „Wozu deine Freude über die Vermehrung
deines Viehes und dein Prahlen über dein Glück? wie
kommt es, dass du dir bis jeizt noch keine weisse Ordu")
angeschafft hast?" Der Alte antwortete : „Sind wir im
Stande, das dazu nöthige Holz herbeizuschaffen? lasst uns
indess einen Versuch machen!" Als sie nun hingingen und
in den Wald kamen, fingen sie Alle an, Holz zu fällen.
Der Alte suchte sich gerade gewachsene Stämme aus und
fällte deren eine Anzahl. Joro liess durch eine magische
Verwandlung das zu Wänden taugliche Holz zu Wänden,
und das zu Dachsparren taugliche Holz zu Dachsparren ver-
arbeiten. Während der alte Sänglun noch einige stracke
schlanke Stämme erblickte und sie umhauen wollte, л^ог-
i wandelte Joro diese Stämme auf magische Weise in stache-
liges Holz, so dass der Alte damit nicht fertig werden
konnte , sich die Hände an den Dornen zerkratzte und voller
Verdruss ausrief: „Hier hat wieder der nichtswürdige sünd-
hafte Knabe seine Hand im Spiel! während ich schönes
glattes Holz zu fällen im Begriff stand, ist es stacheliges
geworden! Nun komme ich unverrichteter Sache, ermattet
und mit verwundeten Händen nach Hause" Joro kam
und brachte das Holz zu seiner weissen Ordu mit. (Bei
seiner Ankunft) rief er: „Väterchen, warum hast du dein
gefälltes Holz im Stiche gelassen? Aus deinem gefällten
Holze habe ich ein vollständiges Haus zurechtgemacht."
• 11) Ein grosses weisses Filzzelt, als Residenz des Fürsten oder
Stammoberhauptes, oder ein nomadisches Hoflagcr.
— 22 —
Der Alle erwierlerte: „In Her Thal halte ich Holz gefällt,
ich habe die Stelle verfehlt und das Holz nicht wieder ge-
funden; gewiss hat dieser Taugenichts es gestohlen." Joro
entgegnete: „Du hast Rechl . A^iiterchen ! mein Holz, wel-
ches ich von dem deinigeri geslohlen habe, reicht zu zwei
bis drei Häusern hin. Du hast das Holz gefällt und weil
mir zu dieser \rbeit die Kraft gebrach, so machte ich aus
deinem gefällten Holze das Haus fertig. '' Das Haus wurde
sodann (mil Filz) iiberkleidel.
Die drei Knaben besorgten die \'iehhütung. Sanglun
hatte eine besoudere \orliebe für die IMutter des Rongsa.
Wenn die drei Knaben zur Viehhütung ausgegangen wa-
ren . pflegte die Mutter ihnen das Essen zu bereiten .
welches für Dsesse Schiker und Rongsa auf einen
Tisch gestellt, für Joro aber in eine unreine Schale, aus
welcher auch der Hund sein Futter zu fressen pflegte, ge-
schüttet ^Aurde. — Joro sammelte drei Händevoll weisse
und drei Händevoll schwarze Steine. Die weissen Steine
breitete er auf einem Felsenslück aus; diess hatte zur Folge,
dass das viele Vieh von selbst (ohne ge^^eidet zu Averden
oder sicJi zu verlaufen) seiner Nahrung nachging. Beim
Nachhauseijehen steckte er die schwarzen Steine in seine
Tasche . worauf das viele Vieh ihm sogleich von selbst
folgte. — An einem folgenden Morgen besorgten die drei
Knaben abermals die Viehhülung. Als sie beim Vieh bei-
sammen Sassen und sich unterredeten, spracli Joro zu sei-
nen zwei Brüdern: ., Während wir diese grosse Viehheerde
hüten müssen, lässt man uns mit leerem Magen sitzen:
lasst uns ein Kalb schlachten und essen!" A\if diesen \'or-
schlag antwortete Rongsa: „Unsere Eltern möchten uns
ausschelten: ich mag nicht!" Dsesse S^rhiker sprach kein
Wort. Joro entgegnete: ..Das Ausschellen und alles üeb-
rige nehme ich auf jnich; geh. mein Dsesse und fange
ein Kalb!" — Dsesse fmg ein Kalb, Joro schlachtete es
und zog ihm die Haut unaufgeschnilten in der Gestalt eines
~ 23 —
Schlauches ab. Nachdem sie das Fleisch gegessen hatten,
ihat Joro die Knochen in den Balg, ergriff ihn beim
Schwanz und schwenkte (denselben) dreimal. Alsbald wurde
der Balg wieder zum lebendigen Kalbe, welches sogleich
den vielen andern Kälbern nachlief.
Die Knaben trieben ihr Vieh zusammen und traten den
Heimweg an. Als sie ins Haus getreten waren, blieben
Dsesse und Rongsa stehen, Joro aber setzte sich links
an seinen Ort und verzehrte seine Mahlzeit. Die Mutter
fragte: „Warum isst Joro sein Essen und ihr nicht das
eurige?" Da antwortete Rongsa: „Unser Bruder Joro
hat ein Kalb geschlachtet und uns damit bewirthet; wir
sind noch ganz satt von dem genossenen Fleische und mö-
gen nichts mehr." Als der alte Sanglun diess hörte,
fragte er: „Was. Joro, ist das wahr?" Joro antwortete:
„Ich sage nicht, dass es gelogen ist." Da sprang der Alte
auf, ergriff seine Peitsche und fiel über Joro her, ihn zu
züchtigen. Während er anfing zuzuhauen, warf Joro sich
über die Peitsche, umfasste den Alten und zankte mit ihm.
Leber dem Lärm kam Geksche Amurtschila herbei-
gelaufen. „Was gibts, Alter, was gibts?" rief sie. Der
Alte entgegnete ihr: „Dieses dein nichtswürdiges Teufels-
kiud hat, wie ich höre, ein Kalb gefangen, geschlachtet
und gefressen; eine so schändliche That hat meinen Zorn
erregt, dessen ich nicht Meisler werden konnte." Geksche
Amurtschila erwiederte , ihn ausscheltend, also: „Du
ruinirier, nichtswürdiger und dabei erzdummer Schuft ! sind
deine Kälber etwa zahllos? Komm, lass uns deine Kälber
nachzählen! Woher aber. Nichtswürdiger, hast du denn
das viele Vieh? und wenn er auch eins davon verzehrt
hätte, wie kannst du dich unterstehen, um eines einzigen
Kalbes willen, diesen meinen (Sohn) durchzuprügeln? Du
scheinst zu glauben, dass das Vieh durch deine Mühe und
Kunst sich so vermehrt hat." Der Alte lief hinaus, über-
zählte seine Kälber und fand sie vollzählig. Er kam zu-
__ 24 —
rück und schalt den Rongsa aus mit folgenden "Worten:
„Was für ein Lügner bist du. Rongsa! луепп ich dich
künftig wieder auf einer Lüge ertappe, so sage von Glück,
wenn ich dich nicht halhtodt schlage."
Am folgenden Morgen trieben die drei Knaben das
Vieh wieder auf die ЛVeide. Joro schlachtete abermals
ein Kalb, von welchem Rongsa die Schwanzwirbel heim-
lich abschnitt und in den Busen steckte. Nachdem sie, wie
zuvor, das Fleisch gegessen hallen, steckte Joro die Kno-
chen in den Balg und schwenkte dreimal . worauf der Balg
zum lebendigen Kalbe \Mirde und den andern Kälbern
nachlief. Nach der Rückkunlt der drei Knaben in ihre
Wohnung sprach Rongsa: „Lasst ims nun den Schwanz
von dem Kalbe essen, welches unser Bruder Joro ge-
schlachtet und uns zum Besten gegeben hat." Mit diesen
Worten zog er die blutigen Schwanzwirbel aus seinem
Busen, und vergrub sie unter die glühende Asche (des
Heerde.s). Der Alte fragte: .,Kongsa, was machst du da?"
Dieser ап1\л ortete: ..Unser Bruder Joro hat (heute) ein
Kalb geschlachtet und uns damit bewirthel ; jetzt will ich
den Schwanz desselben bralen und verzehren." Der Alte
rief: ,.Joro. \>as für eine abermalige Schandthat ist diess !"
ergriff seine Peitsche und hieb auf Joro los. Während er
diess that. \^arf Joro sich über die Peitsche und hielt den
Alten umfassl , indem er ausrief: ,.Wenn Jemand kindisch
ist, so ist es dieser I warum fällt er mich an? aus welchem
Grunde stürzt er auf' mich zu, um ^mich zuschlagen?" Die
Mutter Joros kam hinziig« laufen. „Was gibts, erbärmlicher
Schuft, \^as gibts denn wieder;'" rief sie. Der Alte ant-
wortete; ,,Er hat wieder ein Kalb geschlachtet, sagt Rongsa
und bratet jetzt die frischen blutigen Schwanzwirbel des-
selben. Ist das ein Beweis oder ist es keiner?" Die Mutter
Joro s erл^iedert(^: „Auf die Aussage dieses deines Sohnes
fängst du, Dummkopf, gleich zu prügeln an; gehe doch
«ttvor hin und zähle deine Kälber!" Der Alte überzählte
^ 25 —
«eine Kälber und fand sie vollzählig , nur eines davon
blutete an der schvsanzlosen Stelle. „Er hat den Schwanz
abgeschuillen", rief der Alle, eilte nach Hause und prür
gelte den Rongsa durch unter den Worten: „Warum ver-
leumdest du den armen Jungen! hier hast du den verdien-
ten Lohn dafür!"*') — Joro bemerkte: „Slalt ihn bestän-
dig lügen zu lassen, will ich ihn doch einmal etwas Wah-
res erzählen lassen. Sehe zu, ob ich nicht morgen von
deinem Vieh eine ordentliche Anzahl schlachte und ver-
zehre!"
Die drei Knaben trieben das Vieh auf die Weide. Joro
fing neun Hammel aus der Schaaf heerde , schlachtete sie,
liess durch magische Kraft mehrere grosse Kessel herbei-
schaffen, bannte den Rongsa durch seinen Machtblick und
kochte das viele Fleisch gar. Nachdem Joro das Fleisch
herausgenommen halte . streute er Pväucherwerk und rief
alle seine Schutzgeisler mit folgenden Worten an: „Er-
habener Gotl Chormusda, mein Vater! und sodann ihr.
siebzehn Götter der Region Iswaras! Ihr um meinen Va-
ter versammelten drei und dreissig Götter! iibsa Gürtse,
meine Grossmutter! Weisse Götiinn Arjälamgari, meine
Dolmelscherinn ! Ihr Alle, meine dreihundert Schutzgeisler
von verschiedenen Zungen! Moa Guschi und Dangpo,
ihr meine Zeichendeuler! Bergfürsl Oa Guntschid, mein
magischer irdischer V^ater ! Ihr meine siegreichen drei
Schwestern! Ihr erhabenen Buddhas der zehn Gegenden,
meine Schulzgeister! Ihr meine vier Drachenfürsten der
Tiefe! auf euer Aller Geheiss bin ich in die Welt kom-
mend geboren und nun, nach meiner Geburt, zeige ich
euch diesen meinen schlechten Körper. Ich bringe euch
12) Statt des letzten Satzes steht im Mongolischen Original ;
„ Diess ist (so viel als) : Wenn der Taxator gekommen ist , bereitet
ihm der Bürger eine Mahlzeit." Der Sinn dieses SprichAvorts ist
mir völlig dunkel.
— 26 —
zugleich in Demiith ein reines Opfer dar.'' Die sämmt-
licheu Schutzgeister riefen: „Unser Rolznäschen *^) ist auf
der Erde geboren! Unsere Nase riecht den lieblichen Duft
(seines Opfers)! Er will uns damit ein Zeichen seiner Ge-
burt auf Erden geben." — Nachdem Joro seine Anrufung
vollende! hatte, setzte er auf einem grossen Tische zuerst
dem Dsesse und Rongsa die Speise люг^ Dsesse ass,
bis er satt лгаг. Rongsa hingegen, von Gesser's Macht-
blick gebannt , konnte nicht essen. Sodann versammelte
Joro seine Schutzgeister, die in der Gestalt vieler Men-
schen erschienen und Alles verzehrten.
Nun stand Rongsa auf und rannte nach Hause, wäh-
rend Dsesse und Joro sich wieder zum Yieh begaben.
Bei der Heimkunft erzählte Rongsa seinen Eltern: „Dein
Sohn Joro hat neun Hammel erwürgt, deren Aller Fleisch
er kochte, nachdem er eine Anzahl Kessel herbeigeschafft
hatte. Sobald das Fleisch gar und herausgenommen war,
schrie er eine Menge Unsinn ins Blaue hii^ein, als: Ihr
obern Götter! Ihr untern Drachenfürsten! Ihr Buddhas!
Job, Jöh! und viel ähnliches Zeug, was ich nicht weiss.
Darnach setzte er dem Dsesse und mir Fleisch vor, ich
aber konnte , aus innerm Gram über die geschlachteten
schönen Hammel, nichts davon geniessen. Wohin unter-
dessen unser zahlreiches Vieh sich verlaufen haben mag,
weiss ich nicht. AVährend des Essens kamen eine Menge
Menschen, vermuthlich umherschweifendes Gesindel an, und
nun schrie Joro abermals Buh, Buh! lief ihnen entgegen
und nahm ihre Pferde in Empfang. Diese Alle haben so-
dann das Fleisch des Festmahls bis auf den letzten Rest
verzehrt."
13) Em sehr gewöhnlicher Schmeichelausdruck für geliebte kleine
Kinder. Da derselbe in dieser Sage sehr oft vorkommt und ein
charakteristisches Epithel Gessers während seiner Jugendzeit ist,
so habe ich diesen Ausdruck, so unedel er auch ist, beibehalten zu
müssen geglaubt, um nicht die Farbe des Originals zu verwischen.
— 2Т -»
Diess erzählte Rongsa dem Alten, der sogleich seine
Peitsche ergriff und mit den Worten: „Welche Sünde,
welche Frechheit!" hinaus zum A'^ieh lief. Als er (dem
Weideplatze) nahe kam, schaute er hin, die Hand über
die Augen haltend. Die ganze Heerde war zwar um Joro
versammelt, dieser aber \'erschloss durch magische Kraft
dem Alten die Augen, so dass dieser sein Vieh nicht er-
biiefeen konnte. Der Alte lief zurück nach Hause. Dort
angelangt, fing er an zu jammern und zu drohen: „O
Weh! o Jammer! nicht das Geringste ist zu sehen! Warte
du, Joro, wie werde iclj dich!" Während der Alte sich
durch Schimpfen und Drohen Luft machte, trieb Joro die
Viehheerde mit Gesang und Geräusch лог sich nach Hause.
„Gut, du singender Bursche, dich kenne ich jetzt 5 warte!"
rief der Alte, ergriff seine Peitsche und lief dem Joro
eötgegen. Als der Alte den Joro durchpeitschen wollte,
entriss dieser ihm die Peitsche und warf sie weit weg.
Nun packte der Alte den Joro und balgte sich mit ihm.
Joro stellte sich, als fiele er. schrie Ach und Weh! und
warf dabei den Allen über seinen Rücken herüber zur
Erde. Der Alte schrie laut: „O Weh, O W^eh!" Joro
schrie ebenfalls „Au, Au!" — Geksche Amurtschila
kam herbeigelaufen und fragte: „Was gibts, Alter, was
gibts?" Der Alle antwortete: „Ich war der Meinung, du
hättest ein Menschenkind geboren, du haltest indess voll-
kommen Recht, denn es war eine vollständige Teufelsbrut
Wie ich höre, hat er neun Hammel erwürgt und gefressen.
Als ich ihn dafür züchtigen wollte, hat er mich über sei-
nen Kopf platt zur Erde geworfen. Ich weiss nicht, ob ich
Schaden genommen habe, aber der ganze Körper schmerzt
mir ausserordentlich." Geksche Amurtschila entgeg-
nete: „Hast du Schaden genommen, so hat das nichts auf
sich. Als Rongsa dir letzthin mit vielem Geschwätze
hinterbrachte. Joro habe ein Kalb geschlachtet, war ein
— 28 —
Hammel geschlachtet. Dass er dich tüchtig hingeschmissen
hat, scheint wahr zu seyn-, nun aber gehe hin und über-
zähle deine Hammel!" Der Alte ging hin, überzählte seine
Hammel und fand sie vollzählig. „Weh, Weh! Rougsa,
jammerte der Alte bei seiner Zurückknnft, was hast du
wieder angerichtet!- Geksche Amurtschila sprach:
„Und du. mein Sohn Joro, лvas hast du angerichtet! das
Sprichwort sagt: wer die Hütte erbaut hat, blieb zurück,
wer die Zweige dazu geschnitten hat, ging voraus. Dieser
Rongsa hat es darauf abgesehen, dich umzubringen. Hüte
dich , wenn er dem Alten wieder etwas hinterbringt und
dieser dich durchprügeln will, dass er dich nicht meuch-
lings ersteche! Alle deine (Rongsa 's) Nichtswürdigkeit habe
ich längst durchschaut." Auch Joro schmählle den Rongsa
mit folgenden Worten: „Lange vor dir habe ich die ganze
Viehheerde ganz allein gehütet und gepflegt, ganz allein
habe ich das \leh ohne Streit und Zwist geweidet. Wie
hätte es gedeihen tind sich vermehren können, wenn ich
alle Tage davon schlachtete und ässe? Was hat dein Groll
und Neid gegen mich zu bedeuten? Was bezweckst du
mit deinen unaufhörlichen Lügen und Zankstiftungen ?"
Rongsa gab keine Antwort, aber Dsesse lachte. Der
Alte sprach zu Rongsa: „Das ist die reine Wahrheit;
kommst du in Zukunft wieder mit Anklagen, so sind dir
die Prügel gewiss."
Am folgenden Morgen dachte der Alte bei sich: „Mit
den drei Knaben allein geht es nicht, weil sie beständig
uneins sind; ich v^'Al selbst beim Viehhülen gegenwärtig
seyn." Demgemäss nahm er den Dsesse zur Begleitung
mit und trieb das Vieh auf die W^eide. An diesem Tage
kam nichts Besonderes vor und am Abend kamen Beide,
der Alte und Dsesse, ihr Vieh vor sich treibend nach
Hause. Den Morgen darauf nahm der Alte den Rongsa
mit. W'ährend beide das Vieh hüteten, wurden drei Schafe
von Wölfen erbeutet und gefressen. Am Abend kamen
™ 29 —
Beide zurück und der Alle sprach: „Während ich das übrige
Vieh hülele , Hess ich diesen nichtswürdigen R o n g s a
bei den Schafen; da hat er drei Schafe von Wölfen zer-
reissen und fressen lassen/' Joro erwiederte: „Wenn ich
es gewesen wäre, so würdest du mich geprügelt haben. Es
ist dir Recht geschehen dafür, dass du mich aus Argwohn
nicht mitgenommen hast.''
Am nächsten Morgen trieb der Alte in Begleitung des
Joro sein Vieh auf die Weide. Joro liess die fernen
Berge als nahe erscheinen. Während er sich zur Schaf-
heerde verfügen wollte, erblickte er einen herbeieilenden
Wolf. „Väterchen, rief er, kennst du die Absicht dieses
dort laufenden Wolfes?" Der Alte erwiederte: ,,Was weiss
ich! vermuthlich lauert er auf Schafe." Joro entgegnete:
„Gut, Väterchen, schiesse und treffe doch diesen Wolf!
triffst du ihn, so schlachte einen Hammel und theile mir
nichts davon mit, sondern iss Alles allein 5 verfehlst du ihn
aber, so werde ich schiessen, und wenn ich ihn treffe, so
werde ich einen Hammel schlachten , das Fleisch allein
essen und dir nichts davon miltheilen." Der Alte willigte
ein , schoss , aber (sein Pfeil) erreichte den Wolf nicht.
„Jetzt, Väterchen, ist die Reihe an mir!" rief Joro und
der Alte bestätigte es. Joro schoss, durchbohrte den Wolf
und gab ihn dem Allen mit den Worten: „Du bist ein alter
Mann; mache dir einen warmen Bauchgurt daraus." Nun
bannte Joro den Alten durch den Machtblick seiner magi-
schen Kraft, schlachtete neun Schafe und schaffte eine An-
zahl Kessel herbei. Während Joro die Schafe fing, wollte
der Alte: „O Weh, Joro, halt ein!" rufen, konnte aber
keinen Laut hervorbringen; er wollte sich erheben, um
sich dazwischen zu werfen , konnte aber von seiner Stelle
nicht aufstehen, so dass er genöthigt war, ein sliller Zu-
schauer zu bleiben. Joro nahm das Schaffleisch (aus den
Kesseln) heraus und rief abermals seine vielen Schutzgeister
beisammen. Der Alte sah den Joro in eine Menge Men-^
— 30 —
sehen verwandelt, vvelfche einen Tisch (vor den Alten)
binslellten und ihm (Fleisch) vorsetzten ; der Alle jedoch,
durch Gessers .Machlhirck gehannl , konnte nichts davon
geuiessen. Hierauf ass Joro. in Geslalt vieler Menschen
verAvandell, den ganzen Fleiscinoiralh allein. Nun standen
Beide au/; der Alle lief', was er konnte, um sein Haus zu
t^rreichen und .Toio ging \\iedfr zum Vieh. Zu Hause an-
gekommen erzäljlle der Alle seinen Weihern sein Unglück
mit vielem Wehklagen. Kr sagte: ,,So ist es. nun weiss
ich.es, dass alles was Kongsa uns erzählt hat. die reine
Wahrheit wav. > eun Schö])Se hat er geschlachlel uud das
Fleisch ganz aHein aufgezelui. Wahr isl es. was du, Gek-
sche Aiüu itscli ila, von ihm gesagt haltest, dass er ein
Teufel sey: er i.st entweder ein Teufel oder ein Mang us **),
und Mrrd, wenn er mit dem Vieh fertig isl, sicli auch üher
uns hermachen und uns auffressen.''
W älirend der Alte also seinem Gram Luft machte, kam
Joro sein Vieh vor sich hertreibend. Der Alte ergriff
seine Peitsche, lief hinaus und fiel über Joro her mil den
Worten: .,Bisl du ein Tiger, Joro? bist du ein Wolf.?"
und hieb zu. Joro packte den Alten fest und fragte ihn:
,^Was ist dh-, Alter? was willst du?" Der Alle antwortete:
„Hast du nicht vorhin vsieder Schafe erwürgt?" — „Geh,
Altier," sprach Joro, „w'iv Beide werden uns hier nie ver-
ständigen; wir wollen die Sache dem Dsesse zur Ent-
scheidung vorlegen; komme mit mir!" Mit diesen Worten
führte er den Allen mil sich und vor Dsesse kommend
trügen sie ihm ihre Sache vor. Der Alte sprach: „Als ich
und dieser nichtswürdige Joro heute das Vieh auf die
Weide trieben, kam ein Wolf auf die Schafheerde zuge-
laufen. Da sprach dieser Taugenichts zu mir: ..Väterchen,
weisst du. warum dieser Wolf da läuft?'- Ich antvvortete:
14-) D. h. ein Riese, dasselbe was im Sanskrit durch Rakschata
bezeichnet wtrd.
— 31 —
„Vermutblich hat er die Absicht, Schafe zu fressen."* —^
„Wenn dem so ist, Väterchen," sagte er, „so wollen wir
eine Welle eingehen." Ich gab dazu meine Einwilligung. —
„Schiesse diesen Wolf!" fuhr er fort, „triffst du ihn, so
schlachte ein Schaf und iss das Fleisch ganz allein, ohne
mir etwas davon niitzulheilen." — „Gut!" antwortete ich,
Sodann sprach er weiter: „Verfehlst du ihn aber, so werde
ich schiessen, und wenn ich ihn treffe, so werde ich in
derselben Weise (das Fleisch allein) esseu." — „Gut!,,
sagte ich und wir schössen Beide,, jedoch gelangte mein
Schuss, als der eines alten Mannes, nicht bis zum Wolfe.
Nun schoss Joro und tödtete den Wolf — Sodann erzählten
sowohl Joro als der Alte den frühern Hergang in Betreff
des Essens der Schafe. Dsesse gab nun folgende Entschei-
dung: „Du selbst hast erzählt, wie Rongsa gestern drei
Schafe von Wölfen hat fangen und zerreissen lassen. Dass
du, Väterchen, dich in Schiesswetten einlässt, war ganz
verkehrt. Schweige also, alter Mann, und gehe deiner
Wege!" — Der Alte entfernte sich und brummte: „Die
Gemülhsart und Haudelsweise dieser meiner Buben ist von
der meinigen ganz verschieden."
Den folgenden Morgen ging der Alte abermals in Be-
gleitung des Joro zum Vieh. In der Nachbarschaft der
Pferde- und Piindviehheerde sass eine Elster auf einem Baume
und bei der Rindviehheerde lief ein Fuchs umher. Joro
fragte: „Weisst du, A'^äterchen , warum der Fuchs und die
Elster sich hier in der Nähe des Viehes herumtreiben?"
Der Alte entgegnete: er wisse es nicht. Joro sprach: „Die
Elster sucht die durchgeriebenen Rückenwunden der Pferde
auf um darin zu hacken ^ dadurch wird endlich das Rücken-
mark verletzt und das Pferd muss sterben. Das vom Fuchse
gebissene (begeiferte) Gras wird von den Külien gefressen 5
es wirkt bei ihnen allmählig als Gift und bringt ihnen den
Tod. Lasst uns diese Beiden mit zwei Schüssen tödten
wer von uns sie tödten wird, der schlachtet und verzehrt
— 32 —
ein Rind und ein Pferd, ohne den Andern davon kosten
zu lassen." Der Alte willigte ein, und schoss nach der
Elster, traf sie jedoch nicht. — „Väterchen," rief Joro,
„ist der Fuchs da nicht ganz nahe?" Der Alte freute sich,
den Fuchs so nahe zu sehen und wollte die Senne an-
ziehen^ aber .loro bewirkte durch magische Kraft, dass
der Bogen sich nicht spannen liess. ,,Was ist das!" rief der
Alle, und zog aus allen Kräften, konnte aber (den Bogen
nicht spannen. „Nun \"äterchen, лvird es bald?" rief Joro^
der Alte liess seinen Pfeil aufs Gerathewohl fahren, der
aber nicht ans Ziel gelangte. Nun schoss Joro beide, die
Elster und den Fuchs und tödtete sie. Den Fuchs schenkte
Joro dem Allen, ging bin und suchte sich ans der Pferde-
heerde eine feile Stute und aus der Kuhheerde ein fettes
Kind aus, welche Beide er schlachtete. Der Alte wollte
Ach und Wehe schreien, aber er konnte keinen Laut her-
vorbringen. Nachdem Joro das Fleisch gar gekocht hatte,
setzte er auf einem Tische dem Allen davon vor 5 dieser
aber konnte nichts davon essen, wogegen Joro auf magi-
sche Weise Alles aufass. Nun setzte Joro sich hin und
sang: „Was verdient wohl mehr Schande und Spolt, als
die Elster , welche die Rückenwanden der Pferde auf-
hacken, als der Fuchs, welcher die Kühe vergiften und
als der Alte, welcher Beide todtschiessen AvoUte?" — Der
Alte stand auf und rannte nach Hause ; dort angelangt,
sprach er zu seinen Weibern: „Mil diesem Burschen kann
ich nicht länger zusammen bleiben: erst wird er all mein
Vieh und dann zuletzt mich selbst auflfressen. Wenn er
bei solcher Handelsweise kein Teufel ist, so ist er doch
ein Mangus (Riese)."
Der Alle wollte die Eigenschaften seiner drei Söhne
prüfen. Er halle ein Repphuhn gefangen, welches er in
einen Sack steckte und die Mündung zuband. Sodann be-
stieg er einen Büffel und nahm den Ds esse mil, den er
hinter sich aufsitzen liess. Das Repphuhn (im Sacke) fing
— 33 —
an uniuliig zu werden und zu flattern^ der Büffel (durch
dieses Geräusch erschreckt) bockte und bäumte sich und
warf den Alten ab. Dieser stellte sich, als wäre er todt.
Dsesse weinte und rief: „Väterchen, habe ich es dir nicht
gesagt: Mau muss zur Jagd erst eingeübt seyn; man muss
den Feldzus verstehen. O Weh, was ist das nun!" Also
o
wehklagend kam er nach Hause. Der Alte stand auf, be-
stieg seinen Büffel und kam gleichfalls nach Hause. Am
folgenden Morgen ritt er al)ermals auf seinem Büffel aus
und liess den Rongsa hinter sich aufsitzen. Wie den Tag
zuvor warf der Büffel den Alten ab und dieser lag für todt
da. Pvongsa kam heulend nach Hause. Der Alte bestieg
seinen Büffel imd kehrte ebenfalls heim.
Am folgenden Morgen ritt der Alte abermals aus und
nahm den Joro mit, ihn hinter sich aufsitzen lassend. Auf
ihrem Wege l)egegnete ihnen ein Chinese, der auf seinem
Acker arbeitete. Der Rand des Ackers war mit Holz ein-
gezäunt, auf welchem eine Elster hin und her hüpfte. Wie
zuvor begann das Repphuhn im Sacke zu flattern , der
Büffel bockte und bäumte sich und warf den Alten ab,
welcher sich lodt stellte. Joro sprang gleichfalls herunter
und während er den Büffel festhielt, fing er zum Schein
ein entsetzliches Trauergeheul an. Plötzlich hielt er inne
und spi'ach: „Dass ich geweint habe, möchte dieser Berg
verrathen; es möchte von diesen Bäumen um den Berg
verrathen werden. Hätte dieser tückische Chinese nicht
hier seinen Acker angelegt, hätte er ihn nicht mit hölzer-
nen Pallisaden umsteckt, wie hätte die Elster von da auf-
fliegen können, warum sollte der Büffel gebockt haben und
aus welcher Ursache hätte mein Alter hier sterben müssen;
dieser Chinese soll mir dafür büssen!" Nachdem Joro
dem Chinesen diese Worte wiederholt hatte, rief er ihm
zu: „Jetzt nehme ich dich, den Lebenden, als Ersatz für
den Todtenj komm mit!" Da der Chinese nicht kam, fing
Joro an, das Getreide des Chinesen zu verwüsten, so dass
3
— 34 —
(lieser, um die Etbaltung seines Getreides besorgt, herbei-
gelaufen kam und sprach: „Was ist dir gefällig? ich will
dir gerne zu Diensten seyn; nur verwüste mein Getreide
nicht und entferne dich (von meinem Acker)!" Joro sprach:
„Ich gehe nicht, ohne vorher Genuglhuung von dir erhal-
ten zu liaben. Haue das Gehölz in der IVähe des Berges
um und schaffe es her! es dient zum Leichenbegängnisse
meines Vaters." Der Chinese ging hin und brachte das
verlangte Holz. Joro legte dasselbe um seinen \'^ater her-
um auf einen Haufen und zündete es an. Als dasselbe
stark aufzulodern begann, schielte der Alte seitwärts hin.
Joro nahm Händevoll Erde und warf sie auf die Augen
des Alten mit den Worten: „Man sagt, Väterchen, es sey
ein schlechtes Zeichen für die nachbleibende Familie, wenn
Jemand mit offenen Augen stirbt." Als das Feuer immer
stärker loderte und prasselte , zog der Alte seine beiden
Beine zusammen. „Man behauptet, sprach Joro, die Glie-
der des nachgelassenen Weibes und der Kinder könnten
sich nicht ausstrecken, wenn Jemand im Tode die Beine
zusammenzieht." Diess gesagt, nahm er ein Stück Balken
und legte es dem Alten über beide Beine. Nun h(jb er
den Alten auf und lud ihn auf den Kücken, um ihn auf
den brennenden Holzsloss zu legen. Während er ihn liin-
trug, schrie der Alte: „Dein Vater ist nicht todt, er lebt.''
Joro erwiederle: „Es ist- für die Nachkommenschaft von
der schlechtesten A^orbedeulung, venn Jemand nach seinem
Tode noch spricht." Mit diesen Worten Avar Joro im Be-
aiiff, den Alten ins Feuer zu werfen, als dieser aufschrie:
„Ich sat^e dir ja, dass ich nicht todt l»in ; \Ail!sl du deinen
A'^ater bei lebendigem Leibe verbrennen?-' — „Es freul
mich, Väterchen, dass du nicht todt bist," sprach Joro,
war dem Alten behülllich, den Büffel zu besteigen und
kam mit ihm nach Hause.
Daselbst angelangt, sprach der Alte zu seinem Weibe:
.,Um die guten und schlechten Eigenschaften meiner drei
— 35 —
Knaben zu prüfen, habe ich Jen Einen nach dem Andern
mil zum Л'^ieh genommen: Dsesse wird ein Iierzhafler
Mann werden-, Hongsa ein miltchnässiger Mensch-, weder
der Eine noch der Andere kommt aber dem Joro gleich."
Mit diesen Worten entfernte sicli der Alte, aber sein Weib
fasste Groll und hatte Böses im Sinne. „Wie," dachte sie,
„warum soll der Sohn des verslosserieu Weibes meine bei-
den Sühne übertreffen ! den will ich in der Geschwindig-
keit auf die Seite schaffen." In Gemässheit dieses Vor-
satzes stellte sie auf einem Tische für ihre beiden Söhne
gute Speisen auf, für den Joro aber mischte sie starkes
Gift unter seine Speise. Als die drei Knaben am Abend
nach Hause kamen, setzten Dsesse und Piongsa sich an
ihren Tisch und assen ihr Mahl, während Joro als Uiüssi-
ger Zuschauer links stehen blieb. Die Multer sprach: „Lie-
ber Joro, was stehst du da und siehst zu? setze dich an
den Tisch und verzehre dein Essen!" Joro ging hin, er-
griff seine Schale, setzte sich und sprach: „Bis jetzt haben
unsere Elt.;rn unsern Erbantheil an der Schüssel unter uns
getheilt; von nun an aber werden sie unsern Erbantheil
am Vieh unter uns theilen. Ihr, meine beiden Brüder,
habt ein Л ersehen begangen, indem keiner von euch den
Eltern die Aorkost als Opfer dargebracht hat; wenn ich
gleich nichts esse, was hat es zu bedeuten." Mit diesen
Worten überreichte er dem Vater die Speise; dieser war
in seiner .Unschidd im Begriff, davon zu essen, als Joro
die Schale zurückzog und sie der Stiefmutter darbot. Als
diese aus Schamgefühl davon zu essen im Begriff" war, ent-
zog er ihr gleichfalls die Schale und schüttete einen Theil
des Inhalts in den grossen Kessel mit den Worten: „Diess
war von jeher der allgemeine Familienkessel." Unmittel-
bar darauf platzte der Kessel auseinander. Einen Theil
schüttete er auf den Dreifuss; dieser zerliel in Stücke. Ei-
nen Theil warf er aufwärts gegen den Rauchfang , der
(gleichfalls) in Stücke ging. Einen Theil warf Joro dem
3*
— 36 —
gelblichen Haushund an den Kopf, der in ZAvei Theile zer-
platzte. Den Rest genoss Joro selbst und brachte sein
ausgepresstes Röthliclies **) seinen bei den Drachenfürsten
befindlichen Schwestern zum Opfer dar.
Der alte Sanglun zog mit Haus und Habe zu seinem
Volke zurück und schlug sein Lager an der Grenze des-
selben auf. Der Fürst Tschotong erblickte während eines
Jagdzuges das Lager und schickte einen seiner Leute mit
der Frage ab: „Wem gehört das schöne weisse Haus?
Wessen ist das unermesslich viele Vieh? Gehe hin und
frage, wem Haus und Weh gehört!" Der Abgeordnete
kam zurück mit der Antwort: ,,Es gehört dem alten Sang-
lun." Der Fürst Tschotong ritt mit seinem ganzen Ge-
folge sogleich ins Lager und auf die Frage Tschotongs:
„Von wem habt ihr das viele Vieh und die schöne weisse
Ordu?" antwortete der eben hinzugekommene Joro:
„Thörigt warst du, wie eine Feile die ihr Eisen nicht kennt,
wie ein Hund der seine Erzeuger nicht kennt. Eben .des-
wegen, weil du deinen altern Bruder verfolgt, Verstössen
und vertrieben hast, haben die Götter der Höhe und die
Drachenfürsten der Tiefe sich seiner erbarmt und ihm dieses
Haus und dieses Vieh verliehen." Tschotong rief: „Л^ег-
dammter Bube! seht einmal den nichtswürdigen Schlingel!"
Ferner sprach der Fürst Tschotong: „Man sagt, dass die
sieben Alwin'^) täglich siebenhundert Menschen und sie-
benhundert Pferde, ohne Unterschied der Eigenschaft oder
Bestimmung, einzufangen und zu verzehren pflegen. Den
Joro und seine Mutter opfere ich ihnen auf gutes Glück;
ihr müsst daher heute noch von hier fori, damit die sieben
Alwin euch recht bald zum Fressen erwischen. Morgen
15) Diese Stelle ist dunkel ; ob damit der ausgepresste Satz der
vergifteten Speise oder was sonst damit gemeint seyn mag, ist nicht
klar.
16) Eine Art teuÜisclier Wesen oder Gespenster.
— зт —
will ich ihnen andere Menschen zuschicken." Joro lachte
auf und rief: „Vortrefflich!" Die Mutter verwies ihm diess
mit den "Worten: „Was machst du, mein Sohn, wie kannst
du darüber lachen? ich glaubte immer, einen gesetzten,
klugen Sohn geboren zu haben, jetzt aber sehe ich, dass
er ein thörigter Taugenichts ist. Sagt er nicht, dass die
sieben Alwin täglich siebenhundert Menschen und sieben-
hundert Pferde einfangen und verzehren? sagt er nicht,
dass wir beide hingehen sollen, nm von ihnen gefressen zu
werden?" Joro sprach: „Schweig, Mütterchen, du als Weib
verstehst das nicht! bleiben wir hier, so wird uns der
Oheim Tschotong gewiss umbringen; es kommt daher
auf Eins heraus, ob wir hier umgebracht oder dort von
den Alwin gefressen werden." Diess gesagt, lud er das
schwarze Halbzeit seiner Mutter einem Büffel auf und zog
mit ihr aufwärts längs des Boldsc homurun Gholai.
Am Ursprung des Boldschomurun Gholai angelangt
schlug Joro das Zelt auf, machte für seine Mutter Feuer
an und ging dann auf die Jagd. Von zweimal sieben er-
legten und mitgebrachten Berghasen bereitete er sieben als
Braten, die andern sieben kochte er. Am Abend kamen
die sieben Alwin, von vorne mit hundert zusammengeboge-
nen Menschen, von hinten mit hundert zusammengebogenen
Pferden bepackt. Als Joro ihnen entgegenkam riefen sie:
„O Weh, Herrscher in den zehn Gegenden, ausgezeichne-
ter GesserGhaghan! warum bist du ausgezogen? wir
sind halb todt vor Furcht und Schrecken." Joro sprach:
„Das Gerücht von euch ist mir zu Ohren gekommen; vseil
man von euch erzählt, dass ihr täglich siebenhundert Men-
schen und siebenhundert Pferde, von welcher Eigenschaft
oder Bestimmung sie auch seyn mögen, einfangt und ver-
zehrt, hat der Oheim Tschotong mich hergesandt, damit
ihr mich fresset; auf den folgenden Tag hat er andere Men-
schen euch zu Hefern versprochen." Die Alwin erwie-
derten: „Herrscher in den zehn Gegenden, edelmülhiger
_ 38 —
Held Gesser Chaghan! warlim spriclisl du solche Worte
zu uns? du siehst, dass wir vor Furchl und Entsetzen er-
starrt sind.'- — ,.Gut," entgegnete Joro, „wenn ihr mich
nicht fressen wollt, so tretet in meine schlechte Hülle ein,
geniesst meinen Thee und meine Fleischsuppe und reitet
dann weiter!" Die sieben Alwin stiegen ab und Joro
setzte ihnen die zweimal sieben Berghasen vor 5 sie konnten
aber mit einem einzigen Berghasen nicht fertig werden.
Als die sieben Alwin sich wieder zu Pferde gesetz.1 hatten,
sprach Joro: „Ich möchte euch wohl eines meiner Zeichen
gönnen, Avenn ihr mir dafür eure sieben Pferde abtreten
wollt." Die Alwin beredeten sich unter einander und
sprachen : „Worauf sollen wir denn weiter reiten , wenn
%vir unsere sieben Pferde abliefern?" Joro sprach: „Reitet
diese meine sieben weisse hölzerne Stecken und sprecht
dabei in vollem Laufe rennend: „„Durchschneidet den Berg!
vernichtet das Thal! Zertrümmert den Fels! Werft jeden
Gegenstand über den Haufen! entfernt das Meer!"" In
dieser Weise werden sie (die Stecken) euch ungleich bes-
sere Dienste leisten als die Pferde." Die sieben Alwin
willigten ein, stiegen ab und bestiegen mit Freuden ihre
sieben Stecken, auf denen sie sich alsbald entfernten. Auf
ihrem Wege riefen sie: „Durchschneide den Berg!" und
es geschah, während sie fortgaloppirten , nach Gessers
Wort. Da sprachen die Alwin unter einander: „Den
Weg zu Lande können wir auch zu Pferde ausrichten ^ ein
Anderes ist es mit dem Meere 5 lasst es uns mit dem Meere
%'ersuchen!" Diesi gesagt, sprengten sie ins Meer hinein.
In der Mitte des Meeres sanken die sieben weisse Stecken
plötzlich und wurden sieben Fische. Die sieben Alwin
versanken auf den Grund des Meeres und kamen um •, die
sieben weisse Stecken kamen zu ihrem Eigenlhimier zu-
rück. Also tödlele Gtsser die sieben Alwin und machte
sich zum Herrn ihrer sieben Pferde.
— 39 —
Zu der Zeit schweifte eine Barjtle Ssardak Ischin *'), aus
Vagabunden, Räubern und gemeinem Gesindel bestehend,
mit Weib und Kind in der Nachbarschaft auf der Jagcl цщ-
her. Joro, durch magische Kraft hievon in Kenutniss ge-
setzt, Hess durch diese eine seiner Verwandlungen die Ge-
stalt eines Iltisses mit goldener Brust, silbernem Hinterthed
und mit schneeweissen Krallen annehmen, begab sich mit
diesem Iltis zur Bande und Hess ihn spielen und Kunst-
stücke machen. Die dreihundert Mann stellten ihre Jao-d
o
ein und sahep mit Gefallen und zu ihrer Belustigung dem
Spiele des litis zu. Gegen Sonnenuntergang kehrte Joro
nach Hause zurück und nahm seinen litis mit, und die
dreihundert Mann schlugen sogleich ihr Nachtlager auf. Den-
selben Abend кащ von ihnen ein Bote zu Joro mit den
Worten: „Du bist ja unser kleiner Freund und Verwandter;
leihe uns deinen Iltis! wir wollen ihn spielen lassen und
ihn dann zurück liefern." Joro fragte: „Werdet ihr mir
eure dreilmndert Pferde als Ersatz geben auf den Fall,
dass mein Iltis euch davonliefe?" Der Bote bejahte diess.
Joro, (damit nicht zufriedeij) fragte weiter: „Versprichst
du diess im Auftrag deiner Obern oder sprichst d,u e'isßjx-
mächtig? Gehe hin und frage erst an!" Der Bote ging zu-
rück, fragte an und bekam den Bescheid: „Hole uns nur
den litis her! wir versprechen Alles." Abermals кащ der
Bote zurück zu Joro und sprach: „Sie versprechen, dir
ihre dreihundert Pferde zu geben, wenn dein Iltis davon-
laufen sollte." Nu;i gab Joro den Iltis her mit der Er-
mahnung, ihn zn hüten, dass er nicht entwische. Indess
kam der ^inen Herrn suchende Iltis während der Nacht
depnoch zu seinem Herrn zurück. Am folgenden Morgen
П) Es ist schwer zu ermitteln, was für ein Volk unter dem Na-
men Ssardaktschin zu verstehen ist; vermuthlich Einwohner der
Bticliarei (Vergl. Gesch. der Ostmongolen nach Ssanang Ssetsen,
Seite 91 und 38fi).
— 40 —
früh ging Joro hin und forcierte seinen Iltis zurück. Sie
hohen den umgestürzten Kessel auf, (unter welchem sie
ihn die iVaclit üher halten verwahren wollen) aher der Iltis
war fort. Sie sprachen: „Dein litis hat sich durch die
Erde gegraben und sich davon gemacht." Joro eutgegnete:
„Kommen die Iltisse etwa vom Himmel herab? ihr wusslet
ja, dass sie aus der Erde kommen (in der Erde wohnen)
und sucht nun einen \^orvvand , mich zum Besten zu ha-
ben und mir meinen Iltis vorzuenthalten. Gebt mir nun
nach unserer Abmachung eure dreihundert Pferde als Er-
satz I" Die Bande brach auf und entfernte sich mit den
Worten: „Du scheinst uns der rechte Mann der Männer
zu seyn , uns unsere Pferde abzufordern!" Joro folgte
ihnen zu Fuss nach, und während sie (im Thal) zwischen
zwei sehr hohen Bergen durchzogen, bestieg Joro den
Gipfel des herwärts gelegenen Berges, riss ein mächtiges
Felsenstück ab und warf es mit Geлvalt gegen den Gipfel
des jenseiligen Berges. Durch die dem jenseiligen Berge
beigebrachte Erschütterung wurde auch der diesseitige Berg
erschüttert, so dass das dadurch heraljfallende Gestein der
beiden Berge die unterhalb derselben ziehenden Menschen
und Pferde traf und verлvirrte , indem, лгепп sie sich vom
jenseiligen Berge herwärts nach Joro 's Seite flüchteten,
das nämliche geschah. Da riefen sie: „Ehrwürdiger Bogdal
auf schreckliche Weise rächst du dich an unserm Leben;
befiehl , was w ir thun sollen ! wir werden deinem Befehle
nachkommen." Joro antwortete: „Ich habe euch nichts zu
befehlen: gebt mir nur meinen Iltis zurück!" — „Dein
litis ist wirklich niclit mehr da; wir wollen aber sonst dei-
nem Befehle gehorsam seyn." — „Wenn dem so ist," sprach
Joro, „so scheert euch Bart und Haare ab, befolgt- die
Vorschriften des Religionsgeselzes, hallet die Fasten und
legt die geistlichen Gelübde ab!" Diesem Befehle gemäss
bescheren sich Alle, Männer und Weiber. Nachdem Gesser
— 41 —
sie solchergestalt zur Religionslehre bekehrt hatte, nahm er
ihre dreihundert Pferde in Empfang und kehrte heim.
Ausserhalb des schwarzen Halbzeltes also weideten die
von Joro den Alwin abgenommenen sieben nebst den
dreihundert Pferden der Bande gemeinen Gesindels. Wäh-
rend diese zahlreiche Pferdeheerde das Sommergras ab-
weidete, trauerte Dse sse Schikir, der ältere Bruder des
Joro, um diesen mit folgenden Worten: „Der Fürst T seh o-
tong hat aus Scheelsucht mein Rotznäschen Joro verbannt,
damit er von den sieben Alwin gefangen und gefressen
werde. Haben sie ihn gefressen? Sollte diess geschehen
seyn, so gehe ich gegen die Alwin in den Kampf auf
Leben und Tod 5 sollte er indess noch am Leben sejn, so
muss ich meinen Bruder besuchen." Diess gesagt sattelte
Dsesse Schikir seinen geflügelten Grauscliimmrl, er legte
seinen Schujipenpanzer an, setzte den Daghoris-choi ge-
nannten Helm auf sein edles Haupt, steckte seine dreissig
weissen Pfeile in den Köcher, ergriff seinen schwarzen Bo-
gen, umgürtete seinen Säbel vom feinsten Stahl und machte
sich auf den Weg aufwärts längs des Boldschomurun
Cholai. An den Quellen des Boldschomurun Cholai
erblickte Dsesse Schikir eine grosse Pferdeheerde und
dachte: „Gewiss haben die sieben Alwin mein Rotznäs-
chen Joro gefangen und gefressen." Er rückte seinen Sä-
bel vom feinsten Stahl zurecht, peitschte die Schenkel sei-
nes geflügelten Grauschimmels und sprengte in die Pferde-
heerde. In der Mitte derselben erblickte er das schwarze
Halbzelt. Alsbald (stieg er ab), band seinen geflügelten
Grauschimmel an einen verborgenen Ort fest, zog seinen
Säbel vom feinsten Stahl und ging, behutsam schleichend,
zum Zelte , durch dessen Spalte er lauschte. Hier erbhckte
er sein Rotznäschen Joro schwitzend und, um sich abzu-
kühlen, entkleidet sitzen. Sogleich steckte er den Säl)el ein
und war mit einem Sprung im Zelte. Joro sprang auf mit
dem Rufe: „Mein Dsesse!" flog an seinen Hals und Beide
— 42 —
vergossen Freudentliriinen. AVähreiid Gesscr und Dsesse
sich umarmend Frru(l('nlbiänen weinten, erbel)te und луапк1е
die ganze Erdllärlic. Joro spracli: „Du, mein Dsesse,
l)ist gekommen, um, wenn ich lodt seyn sollte, im Kampfe
gegen die sieben Alwin mit mir den Tod zu finden, und
sollte ich noch am Lehen seyn, mich zu hesuchen; diess
ist das Avahre Zeichen deines Heldennnilhes!'' Sodann rief
er: „Halt ein!" streute Räucherwerk auf und hesänftigte die
Erde. Dann sprach er weiter zu Dsesse: „Bin ich nicht
dein Rolznäschen Joro? Bin ich aher nicht zugleich der
heilhringende Herrscher in den zehn Gegenden, der un-
übcrtrefiliche Gesser Chaghan? Dieses letzte sage indess
noch Niemanden; denn bis in mein fünfzehntes Jahr werde
ich alle Feinde und WüLherige als Joro demüthigen, dann
aher erst mich als Gesser offenbaren und euch zu meinen
Gefährten machen." Dsesse Schikir lachte (vor Freu-
den). Joro sprach weiter: „Diese dreihundert Pferde nimm
mit und maclie damit jenem meinem armseligen Vater ein
Geschenk ; jene sieben Pferde aber nimm für dich ! Uebri-
gens, mein Lieber, sey getrosll es liegt gar nicht in mei-
ner Bestimmung, zu sterben."
Dsesse Schikir trat den Rückweg an, seine Pferde-
heerde vor sich treibend. Der Fürst Tschotong kam ihm
entgegen und fragte ihn: „Woher, Dsesse, und von wem
hast du die vielen Pferde?" Dsesse antwortete: „Die sie-
ben Alwin haben den Joro gefangen und gefressen; ich
al)er habe die sieben Alwin getödtet und diese ihre Pferde
erbeutet." Tschotong erwiedertc: „Mag jener Nichts-
würdige krepirt seyn! gut ist es, dass du mit heiler Haut
davon gekommen bist." Die dreihundert Pferde schenkte
Dsesse seinem Vater, worüber der Alle voller Freude
ausrief: „Das ist doch ein Sohn, der mein Eben])ild ist!"
Zu der Zeil halte ein Riese, Namens Ik Tongorok.
auf der Spitze der sehr hohen, gegen den Himmel anstre-
benden Pyramide Kurme seinen Sitz. Dieser Riese ent-
— 43 —
zog flarlurch den südlich von der Pyramide wohnenden
Menschen den Anbhck der Morgensonne , den westhch
wohnenden Leuten den Anblick der Mittagssonne und den
nordlich wohnenden Leuten den Anblick der Abendsonne.
Er konnte in der Entfernung einer Tagereise einen Men-
schen erblicken und in der Enlfernuug einer halben Tage-
reise ihn erschnappen und verschlingen. Joro, der diess
wusste, verwandelte sich in einen schwärzlichen gemeinen
Murraelthierfänger. Als solcher schlich er sich zum Fusse
der Pyramide und fing daselbst an, in die Erde zu graben.
Während er lag und grub, rief der Riese von oben herab
und fragte: „Wer bist An? was machst du da?" Joro ant-
woflete: „Ach, Gnädigster, wie könnte ich ehr schädlich
oder hinderlich seyn! ich bin ein ganz armer, elender Mann,
der sein Leben dadurch zu fristen sucht, dass er Murmel-
thiere fängt. In dieses Loch hier ist ein Murmelthier ge-
krochen und icli liege liier, um es auszugraben." Der
Riese schwieg und Joro grub fort, l)is er den Grund der
Pyramide von- der Seite herwärts bis zur entgegengesetzten
Seite unterwühlt hatte. Nun gab er der Pyramide einen
Stoss; sie fiel um und zerl)rach in vier bis fünf Stücke ^
der Riese stürzte von der Spitze der Pyramide herab und
fiel völlig zerschmettert und todt zur Erde. Nachdem
Joro den Riesen getödtct halte, kehrte er wieder heim.
Er lud sein schwarzes Halbzelt auf und machte sich mit
seiner Mutter auf den Rückweg zu seinem Volke.
Dort angelangt sah ihn der Fürst Tschotong und rief
(verwundert): „Was, das ist ja Joro! wie kommst du hie-
her! Dsesse hatte mir ja erzählt, die sieben Alwin hätten
dich erwischt und gefressen; er erzählte ferner, er habe
die sieben Alwin getödtet vmd die mitgebrachten Pferde
habe et von ihnen erbeutet." Joro or\viederte : ., Jetzt
glaubst du vielleicht, Dsesse und icli seycn miteinander
eins gegen dich." Tschotong entgegnete: „Vielleicht Ja,
vielleicht Nein; es sieht aber sehr darnach aus. Ein ver-
_ 44 —
wünschler Fall! wie lionnlc Dsesse mir eine solche Lüge
aufbinden!" Mit rlieseu Worten enlfernle er sich, kam aber,
von Argwohn und Scheelsucht gelriehen, wieder und sprach:
ЧЧ Heule лvird unsere Lagerabtheilung aiifhrechen und an
den Boldschomurun Cholai ziehen-, ilir aber, du Joro
nnd deine Mutter, zieht in die (iegend Engkireküin
Dschu!" — ,,Gul!" ei-wiederte Joro und lächle. „Wie,"
rief die Mutter weinend, „warum lachst du, mein Sohn!
ich glauhte immer, einen wackern klugen Sohn gehören
zu haben, nun aber sehe ich, dass er ein nichlswürdiger
Dummkopf ist. Wie, mein Sohn, wcissl du denn nicht,
dass Engkireküin Dschu eine лч)11 kommen wüste und
ganz kahle Gegend ist, wo es im Sommer nicht regnet,
wo es aber im Winter furchtbar schneit, stürmt und stö-
bert? wo es keinen Mist, noch sonstige Feuerung gibt und
wo man nie ein Wild erblickt? Schickt er uns nicht blos
deswegen hin, damit wir Beide daselbst umkommen möch-
ten? Lasst uns lieber beim A'olke Tscholongs bleiben
und uns Beide mit Tuchweben ernähren!" — „Schweig
Mutter!" rief Joro, „du als Weib verstehst das nicht.
Das Sprichwort sagt: Die Ziege sucht ihres Gleichen und
l rennt sich davon, wenn sie sich Beide wacker gestossen.
Das Weib sucht einen Freund und trennt sich von ihm,
nachdem sie sich zusammen tüchtig gezankt. Komm, Mut-
ler, lasst uns fortziehen!" Alsbald zog Joro mit seiner
Mutter nach der bestimmten Gegend.
Nachdem sie sich daselbst niedergelassen hatten, wurde
Engkireküin Dschu ein beglückter, herrlicher Land-
strich. Aus einem grossen See ergossen sich nach allen
Seiten Gewässer und um (Joro's) Wohnung herum wuchsen
alle Arten Bäume, von welchen jeder Früchte trug. Eine
Menge Wild aller Art sammelte sich in dieser Gegend,
welcher Joro den Namen Tsakirmak Chogollu gab.
Als Joro sich eines Tages in Engkireküin Dsciiu auf
der Jagd befand, begegnete er einem Zuge von fünfbundert
— 45 —
Kaiifleuten des Erden i Chaghan von Teski, welclie l)elni
Daibung Ghaghau***) gewesen waren und von da mit
Schätzen und Gütern zurückkehrten. Unter diesen Schätzen
befand sich, mit Ausnahme der zwei schwarzen Menschen-
augeri, alles Ersinnliche j auch gab es durchaus nichts, was
diese fünfhundert Kaufleute nicht auszuführen vermocht
hätten. Joro kam ihnen entgegen, indem er eine Aiithei-
lung seiner magischen Verwandlungskräfte in zwanzig Men-
schen und eine andere Abtheilung derselben in siechende
Hornisse und Bremsen umwandelte, welche jene Leute so-
gleich umkreisten. Die Fünfhundert fanden gar kein Mit-
tel, weiter zu kommen, und da sie den Tod vor Augen
sahen, riefen sie: „Gnädiger Bogda, wir haben dich nicht
erkannt! was wünschest du? diese unsere Schätze? Nimm
sie nach Wohlgefallen! wünschest du aber, uns selbst zu
Gefährten zu haben, so wollen wir gern deine Gefährten
werden. *•' Joro erwiederle: „Gut. kommt mit' mir! Baut
mir ein schönes Haus gleich einem Tempel des Glioni-
shim BodhisatAva^^) 5 erbaut es mir aus Gold, Sill)er.
Eisen und Stein nach Erforderniss!" Die fünfhundert Kauf-
Jeute (willigten ein); zuerst überlegten sie den See mit ei-
nem steinernen Brückengewölbe, dann errichteten sie Säu-
len aus grossen Steinmassen. Die Dachsparren des Gebäu-
des verfertigten sie aus Eisen, die Fensternischen aus Blei
und in jede Fenstereinfassung wurde ein Krystall einge-
18) Eine gewöhnliche Mongolische Benennung für die Chinesi-
sischeu Kaiser.
19) Der Mongolische, aus dem Chinesischen entstandene Name
des Arjäwalokites'wara , Lokas'ri oder Padraapani. Sein
gewöhnlicher Tibetische Name ist Tschanreisi „der mit den
Augen Schauende." Er wird als der Stellvertreter des Buddha
S'äkjamuni angesehen. Vorzüglich ist Tibet das Land seiner Er-
scheinungen und Verkörperungen. So ist, nach dem Glauben der
Tibeter und Mongolen, der Dalailama eine sich stets erneuernde
Verkörperung des Chomschim Bodhisatwa.
— 46 —
setzt, um das Licht einzulassen. Das Dach wurde mit
Silber überlegt und mit Gold iiberzogen und der Dach-
balken bestand aus feuerglühendem Edelstein. Im Innern
dieses Gebäudes errichteten sie das Standbild des Chom-
schim ßodhisatwa; vier feuerglühende, in den vier Win-
keln des Innern angebrachte, Edelsteine (gahen des Nachts
das nölhige Licht). Л^^ог dem Bilde des Chomschim Bo-
dhisatwa war der Edelstein Tsch i jjlamani angebracht.
Wenn ein Stein des Brückengewölhes herausgezogen wurde,
strömte heiliges Weih\\ asser nach Bedürfniss in den Tem-
pel. (Nach beendigter Arbeit) sprachen die lüni'hundert
Kauüeute zu Joro: „Wir haben ein Gebäude vollendet,
das von keinem Winde auf die Seite gebeugt vind von kei-
nem Regen beschädigt werden kann, in welchem man we-
der des Lampenlichts noch der Wohlgerüche bedarf und
wo man nach heiligem Wasser nicht zu suchen brauchl-
ein Gebäude, welches Alles vollständig darbietet, was. da-
von erwartet werden kann. Lnübertrefllicher Chaghanl
ist Alles dem Wunsche deines Herzens gemäss?'- Joro
antwortete: „Ihr xVrmen, ich bin mit euch zufrieden und
entlasse euch in eure Heimath. Euer Weg kann zwar
durch unser Tübet gehen, jedoch auch oberhalb dieses
Landes; schlagt aber auf euerm Heimwege den Weg ein.
der durch Tübet führt. Dort sucht die W'ohnung des
Tschotong auf, welcher euch vermuthlicli fragen \>ird:
„Habt ihr auf eurer Heise Engkireküin Dschu berührt?-'
darauf antwortet : „Wir kommen von daher." Wenn er
ferner fragen möchte: ,, Einer von unsern Leuten, der rotz-
näsige Joro, ist dahin gezogen; (л^'isst ihr nicht), ob dieser
Nichtswürdige todt oder ob er noch am Leben ist?" so
antwortet: „Der rotznäsige Joro hat dem Chomschim
Bodhisatwa eintn Temjx-l erl)anl. dessen Bestandtheile
Stein, Eisen, Silber, Gold, Blei, krystall und ähnliche
Dinge sind. Joro selbst ist indess g«'Storben und das Ge-
bäude steht da ohne Eigenthiiuier.''
— 41 —
Nachdem Joro die Kaulleuto entlassen halte, umgib
er das Gehäude mit starken Pallisaden von stachehgcm
Holze, dnrcli welche er nur einen Eingang offen liess und
diesen Eingang mit einer dreissig Klafter langen eisernen
Kette versah. Diese Kette war an zwei, in die Erde ge-
schlagene, drei Klafter lange Posten befestigt, in der. Art,
dass sie am Eingange eine Schiinge bildete , mit einem
solchen Zwischenräume jedoch, dass ein Mann zu Pferde
durchreiten- konnte. Sodann sammelte Joro noch eine An-
zahl Prügelstöcke und hielt sie neben sich in Bereitscliafl.
Die Kaulleute kamen vor Tscholonof's Wolinunff, dieser
kam ilinen entgegen und befragte sie. Die Kauileute be-
antworteten seine Fragen mit den von Joro ihnen aufge-
tragenen Worten, als wären es ihre eigenen. ,.Gul!-' sprach
Tschotong, hestieg alsbald seinen Rappen, umgtiitete
sich mit seinem Bogengeräthe und machte sicli auf den
"Weg nach Engkireküift Dschu. Joro, durch seine
magische Kraft diess wissend, erwartete ihn , dicht bei
seiner Kette ausgestreckt liegend und sich (odl stellend.
Als der Fürst Tschotong ankam, wurde sein Rappe sehen
und bäumte sich vor dem Eingange. Tschotong peitschte
sein Pferd über Kopf und Schenkel und spornte es, wor-
auf es mit einem Satze durchspringen wollte, aber eben
dadurch in der Kette hängen blieb. Plötzlich sprang Joro
auf, riss den einen Pfahl aus und wickelte das Keltenende
gedoppelt und fest um Tschotong und sein Pferd. Nach-
dem er sie beide gefesselt hatte, (griff er nach seineu
Stöcken) und prügelte wacker auf Beide, den Reiter nml
das Pferd. Nach Beendigung dieser Arbeit riss er den an-
dern Pfahl aus, fesselte sie noch fester zusammen und liess
sie frei. Der Rappe nahm mit weiten Sätzen Reissans.
„Ist der Fürst Tschotong toll geworden oder Avas fehlt
ihm!-' riefen die Leute, als sie ihn jagen sahen, oline, ihn
aufhalten zu können. Sie zogen Gräber, um ihn zu fan-
gen, er aber sprang darüber hinweg und so dauerte e*
— 48 —
volle sieben Tage, ehe Tscholong und sein Pferd aufge-
halten und festgenommen werden konnten. Zuletzt richtete
das Volk von Tühet um Tschotong herum eine ordent-
liche Treibjagd an, wobei er, immer mehr eingeengt, in
eine dreifache Wagenburg gelrieben und daselbst endlich
festgenommen wurde. Nach Ablösung der eisernen Kette
wurde Tschotong vom Pferde geh(j])en , konnte aber
nicht auf den Beinen stehen, sondern wankte hin und her.
.,\Vas hast du gemaclit. Oheim Tschotong!"' riefen Alle,
„was ist dir begegnet?'' Tschotong antwortete: „Es kam
ein Haufe Handelsleute an meinem Hause vorbei, welche
ich um Nachrichten von Joro befragte, ob er lebe oder
todt sey. Sie logen mir лог, er sey todt. Habe ich nun
einmal die Mütter dieser Kaufleute gelödtet oder ihre Vä-
ter.'^ kurz ich glaubte ihrer Aussage und begab mich zu
Joro. Dieser ergriff' mich, prügelte mich in der Weise
wie ihr seht halbtodt und jagte mich fort." Dsesse
Schikir gab ihm erbittert hdgenden Verweis: „Du fragst,
üb du etwa die Mütter oder Väter der KauHeule getödtet
habest, hat denn Joro et\^a deine Mutter oder deinen Va-
ter getödtet, dass tlu, um ihn sicher dem Ti^de preiszu-
geben, ihn nach Engkireküin Dschu verbannt hast?
Hätte dieser mein Trauter dich doch völlig zu Tode
geprügelt !•' Nach diesem Auftiitte ging alles Volk aus
einander.
Während Joro sich eines Tages auf der Jagd befand,
schlachtete Aralgho Goa, die Tochter des Ma Bajan,
ein Schaf, machte aus deju Fleisch desselben eine Pastete,
die sie in einen Sack steckte und auf dem Kücken tragend
beibrachte. Joro begegnete iiir und fragte sie, wessen
Tochter sie sey und warum sie hergekommen? Sie ant-
wortete: „ich bin die Tochter des Ma Bajan, genannt
Aralgho Goa; mein A^ater hat mich hergesandt, dich um
einen Lagerplatz za bitten." - ..Bleibe einstv> eilen an die-
ser Stelle!"' entgegnete iiir Joro. nahm ihre mitgebrachte
- 49 --
Speise und überreichte sie serner Mutter. Als Joro ZU-*
rückkam , fand er die Jungfrau eingeschlafen. Da ging
Joro zur Pferdeheerde ihres Vaters, hob ein frisch ge-
fohltes Füllen auf, brachte es her und wickelte es in den
Rockschoos der Jungfrau. Darnach rüttelte er sie mit dem
Kufe: „Stelle auf! Stehe auf!" Die Jungfrau erwachte und
richtete sich sitzend auf „Was für ein sündiges Mädchen,"
rief Joro, „was für ein schamloses Mädchen ist zu mir ge-
kommen! Warst du mit deinem Vater eines Sinnes, dass
du ein Kind mit einem Pferdekopf gebierst? war es mit
deinem altern Bruder, und daher die Pferdemähne deines
Kindes? oder \sarst du mit deinem jüngeren Bruder ein-
verstanden, dass dein Kind einen Pferdeschweif hat? oder
hast du dich mit Sclavengesindel eingelassen , dass dein
Kind vier Pferdefüsse hat? stehe auf, schamloses Mädchen !^'
Mit den Worten: „Was schwatzt der Mensch, was will
er von mir?'' sprang die Jungfrau auf und das Füllen ent-
tiel ihrem Schoosse. „O Weh, welche Sünde! welche
Schande ! rief die Jungfrau , was soll ich thun ! Lieber
Joro, erzähle es keinem Menschen! nimm mich zu deinem
\Veibe!'' — „Ist das dein Ernst?" fragte Joro, worauf
die Jungfrau antwortete: „Es ist mein лоИег Ernst!" Da
stach Joro seinen kleinen Finger zu Blute und reichte ihn
der Jungfrau hin mit den Worten: „Wenn es dein Ernst
ist, so lecke diess ab!" welches die Jungfrau that. Sodann
schnitt Joro die Schweifhaare des Füllens ab, flocht sie zu-
sammen und legte sie um den Hals der Jungfrau mit den
Worten: „Diess hier nimm als Pfand von mir! deinem Va-
ter überlasse ich den ganzen Lagerplatz als Eigenthum un-
ter der Bedingung, dass er durchaus keinen fremden Men-
schen zulasse!" Die Jungfrau kehrte sodann heim.
Zu der Zeit warb der Fürst Tschotong um eine (an-
dere) Tochter des Ma Bajan, der Jüngern Schwester des
Tschoridong Lama, Namens Matschicha Kimsum,
für seinen ältesten Sohn Altantu. Tschoridong Lama
4
-- 50 -
begleitete seine Schwester zum Lager des Oheims T sar-
gin, in dessen Nachbarschaft Joro, der sich auf der Jagd
befand, ihnen begegnete, dem Lama in den Zügel griff
und ihn anredete v\ie folgt: ,,Du bist der allbarmherzige
Crosse Lama, ich aber bin ein armer hülfsbedürfliger Mensch:
vergönne mir doch etwas von deinem Uel)erflusse ! " Der
Lama entgegnete: „Du siehst, dass ich auf der Reise bin
und also für den Augenblick zum Geben nichts bei mir
haben kann-, es gibt aber der Fürst Tschotong morgen
ein grosses Festj komm hin und ich werde dir von mei-
nem Ueberflusse geben." Joro sprach: „Wenn es dein
Ernst wäre, mir etwas zu geben, so könntest du mir ja
das Pferd, \^elches du reitest und den Mantel, welchen du
am Leibe hast, überlassen." — „Schaut einmal das freche
Benehmen dieses Nichtswürdigen !" rief, der Lauia und
schlug den Joro mit der Peitsche über den Kopf Joro
riss den Lama vom Pferde herunter und es entstand ein
heftiger Streit. Der Oheim Ts argin kam hinzugelaufen
und rief: „Lieber Joro, guter Joro, lass diesen Mann los
und zanke dich nicht mit ihm! wenn Jch dem Tschori-
dong Lama, als meinem Schwager, zu Hülfe komme, so
wirst du, als mein Neffe, mir zürnen-, komme ich aber dir,
meinem Neffen zu Hülfe, so wird mein Schwager mir zür-
nen. Morgen soll ja ein grosses Festmahl gegeben werden,
und wenn du auch keinen Theil daran haben solltest, was
schadet es? Erbitte dir von irgend Jemand einen Bart und
bringe ihn mit!" Joro sprach: „Auf die Bitte des Oheims
Tsargin lasse ii:h dich los 5 aber noch in dieser Welt
werde ich dir vor den Augen einer grossen Versamndung
Schande bereiten und in jener Welt vor Erlik Chaghan^'^)
dich zu Schanden machen.'- Mit diesen Worten liess Joro
den Lama los.
20) Der Todtenrichter und Herr der Unterwelt.
^ 61 —
Аш folgenden Morgen erbat sich Joro von einem Be-
kannten eine Ziege, schlachtete sie, bereitete das Fleisch
und that es in einen Sack, den er auf den Rücken nahm
und dann mit seiner Mutter zum Festgelage ging. Der
Fürst Tschotong sass obenan auf einem Thron; ihm zur
Linken sass Tschoridong Lama auf einem Thron obenan
und von ihm abwärts waren die Sitze für die weiblichen
Gäste. Das Feslgelag begann. Für Joro war kein Sitz
bereitet, er nalmi daher seinen Platz am äusserten Ende
der Männerseite; so war auch für seine Mutter kein Sitz
bereitet und sie nuiss!e sich gleichfalls auf die blosse Erde
niedersetzen. Joro lief hinaus, raffte trockenen Pferdemist
zusammen, bedeckte damit die Erde, steckte einen drei-
fach gespaltenen Grashalm in den Mist und machte auf den
auseinander gebogenen drei Spitzen des Grashalms einen
Sitz zurecht, den er einnahm. Alles war bei diesem Feste
im Ueberfluss und Jedermann ass reichlich , aber Niemand
theilte dem Joro vom Fleische das Geringste mit. Als
nun der Fürst Tschotong das Vorderviertel eines Schafs
in die Hand nahm, sprach Joro zu ihm: „Oheim! hier ist
ein Berg von Fleisch, dort ein See von Branntwein-, die
beglückten Augen sehen es, aber es wird dem unglück-
lichen Schlünde versagt. Gib mir, Oheim, das Vordef-
viertel, welches du in der Hand hältst!" Tschotong er-
wiederte: „Ich wollte dir wohl das Schulterblatt davon
gönnen, wenn es nicht- (das Sinnbild) meines Reichthums
und Wohlstandes w äre ; ich wollte dir wohl auch die obere
Markröhre geben, v\enn sie nicht das Glückzeichen meiner
Kinder wäre. Was die untere Markröhre belriftt, so wüide
das Weggeben derselben das Uebel aller Uebel seyn. Nimm
also die kahle Erde! Empfange den Husten! Nimm den
Schleim und die Thränen der Weinenden! Nimm das am
rechten Ufer , am linken Ufer und am Ursprünge des
Flusses krepirte \4eh in Empfang! Nimm das Er Jen
4*
^ ^i ^
iüerjen^^) eines zu verlobenden MäJcbens, das vordere
Hinderniss der verlobten Braut in Empfang! Da hast du's,
nimm.'" Joro sprang auf: ..Ihr Alle," rief er, „hört est
Spott und Hohn spendet mir der Uheim Tschotong,
statt mir von seinem Ueberflusse mitzutheilen. Die kahle
Erde gibt er mir: wohlan, ihr Alle, die ihr nach Wur-
zeln grabet, ihr Landbauer Alle, holt von mir erst die Er-
laubniss zu eurer Beschäftigung! wer es ohne -meine Er-
laubniss ihut, den treffe Spott und Schande! Er gibt mir
den Schleim, den Speichel und die Thränen der Husten-
den, der mit dem Schnupfen Behafteten und der AVeinen-
den: wohlan, von nun an hustet und лveint auf von mir
eingeholte Erlaubniss! wer ungefragt hustet, wer ungefragt
weint, den treffe Schande und Spott! — Er schenkt mir
ferner das Fleisch der krepirten Pferde am rechten Ufer
des Flusses, das des krepirten Rindvieh's am linken Ufer
und das der krepirten Schafe am Ursprung des Flusses:
wohlan , esset künftighin davon erst nach von mir einge-
holter Erlaubniss! wer es ungefragt thut, den treffe Schande
und Spott! — Er macht mir ferner ein Geschenk mit dem
vordem Unglücksteufel der verlobten Braut: wohlan!-' Diess
gesagt, sprang Joro plötzlich hinzu und riss der Jungfrau
Kimsun Goa ihre Bekleidung und ihren Schmuck vom
Leibe.
Tschoridong Lama war im Besitze magischer Zau-
berkünste: er liess aus seinem linken jNasenloche eine
Wespe henorkriechen und schickte sie gegen Joro mit
dem Befehl, ihm eines seiner Augen auszustechen. Joro!
durch magisches Wissen davon unterrichtet, verschluss eines
seiner Augen, während er mit dem andern seitwärts schielte.
Die ЛҮезре kam angeflogen, gerielh in Furcht \or Joro
und stach ihn in die Lippe, worauf sie zum Lama zu-
21) Dieses Wort ist unübersetzbar; auch der Sinn des Folgenden
ist dunke).
-" 53 ~
rückkehrle. Der Lama befragte sie, ob sie den Joro ins
Auge gestochen habe, worauf sie antwortete: „Ich fand
das eine Auge blind und das andere schielend; darum stach
ich ihn in die Lippe und kehrte um." Da befahl der
Lama ihr: „Fliege abermals hin, krieche in sein linkes
Nasenloch aufwärts und tödle ihn durch Zerstechung des
Gehirns!" Als die Wespe angeflogen kam, verstopfte Joro
sein eines Nasenloch unter dem \^ox'geben, er habe Nasen-
blulen bekommen, das linke Nasenloch behielt er offen,
um sich desselben als Falle zu bedienen. Als nun die
Wespe hineinzukriechen im Begriffe war, klappte er den
Nasenflügel zu und fing die Wespe, die er in seine Hand
nahm und diese fest zudrückte. Alsbald fiel der Lama von
seinem Thron herab und wälzle sich ohnmächtig auf der
Erde 5 sobald Joro aber die Hand etwas lockerte und das
Insekt nicht drückte, richtete sich der Lama auf und vei'-
beugte sich vor Joro; drückte dieser die Hand wieder zu,
so fiel der Lama abermals in Ohnmacht und lag wie leblos
da. Die Jungfrau Kimsun Goa, Schwester des Tscho-
ridong Lama, wusste, dass es die Seele ihres Bruders
sey, welche Joro gefangen in der Hand hielt; da nahm sie
in der einen Hand einen Türkis von der Grösse eines
Adlerkopfes und in der andern eine grosse lederne Brannt-
weinflasche und trat damit vor Joro; dieser aber rief ihr
entgegen: „O Weh, was soll das, schaut einmal dieses
Mädchen I Bei uns Tübetern ist es Sitte, dass die Schwie-
gertochter eines Chans drei Jahre lang und die Schwieger-
tochter eines Unterthans drei Monate lang Niemand aus
der Verwandtschaft des Mannes besucht. Diese hier ist
eine verdächtige Schwiegertochter ohne Schwiegereltern.
Oder ist etwa dieses Insekt dein Mann.>^ ist dieses Insekt
etwa dein Vater oder deine Mutter?" Mit diesen Worten
drehte Joro ihr den Rücken und entfernte sich von ilir.
Da näherte sich der buckelige Richter des Tschori-
dong Lama, Namens Chaia, dem Joro und sprach;
— 54 —
„Lieber Joro, bester Joro, wer in Zukunft dich sieht
und dir nichts mittheiU, dem mögen die Augen platzen!
Wer in Zukunft dich hört und dir nichts gibt, dessen Oh-
ren mögen taub werden! Wer in Zukunft isst und dir
nichts mitthedt, dessen Zähne mögen ausfallen! Wer in
Zukunft etwas (in der Hand) hält und dir nicht hinreicht,
dessen Hand möge zerbrechen! Nun höre! es gibt einen
schneevveissen Berg^ auf diesem schneeweissen Berge blockt
ein schneeweisses Lamm. Es gibt einen Berg \on Gold^ ^
auf diesem goldenen Berge dreht sich eine goldene Mühle
von selbst. Es gibt einen Berg von Eisen-, auf diesem
eisernen Berge hüpft ein eisenblaues Fund umher. Es gibt
noch einen goldenen Beig; auf diesem goldenen Berge be-
findet sich ein goldener Stecken, der von selbst um sich
schlägt. Es gibt einen Berg von Kupfer^ auf diesem kupfer-
nen Berge bellt ein kupferfarbener Hund. Es gibt uoeh
einen Berg von Gold; auf diesem goldenen Berge schnurrt
eine goldene Bremse umher. Es gibt ferner (loldstaub,
den der Ameisenkönig sich zum Bedarf gesammelt hatj es
gibt eine goldene Fangscldinge, die Sonne zu fangen; eine
silberne, den Mond zu fangen; eine Hornbüchse mit Na-
senblut von Ameisen; eine Handvoll Sehnen von Läusen;
eine Hornbüchse, gefüllt mit dem Nasenblute des männ-
lichen schwärzen, Adlers; eine Hornl^üchse, gefüllt mit der
Milch aus den Biäisten des weiblichen schwarzen Adlers;
eine Hornbüchse, gefüllt mit den Thränen der Jungen, des
schvkarzen Adlers, und endlich gibt es in der Mitte des
Weltmeeres einen saftigen Krystall von der Grösse einer
steinernen ЛҮаЬе. Alle diese Kostbarkeiten nimm, lieber
Joro, als Eigenlhum und überdiess diese Kimsun Goa,
nur lasse dieses Insekt los!^' Diess gesagt, verbeugte er
sich und Joiro liess das Insekt fliegen. Der Lama, maqhte
dem Joro seine Verbeugung und setzte sich mit dessen
Zulassung wieder auf seinen Thron. Die ihm aniheimge-
-» 55 ---
fallene Jungfrau Kimsun Goa überliess Joro seinem Her-
zensfreunde Dsesse Schikir.
Zu der Zeit kam Rognio Goa, die Tochter des Sen-
geslu Chaghan, welche bis dahin keinen ihrer würdigen
Gemahl gefunden zu haben glaubte, in Begleitung von drei
ausgezeichneten Bogenschützen , von drei starken Ring-
kämpfern, eines weisen Lama und eines grossen Gefolges
nach Tübet, weil sie gehört hatte, dass in diesem Lande
dreissig magische Helden wohnen , von denen vielleicht
Einer würdig seyn könnte , ihr Gemahl zu werden. Es
wurden zehntausend Mann zusammenbern/en, welche sich
auch einfanden. Als der Fürst Tschotong sich gleichfalls
hinbegeben wollte , bat ihn Joro, er möchte ihn hinter
sich aufsitzen lassen. Tschotong wies ihn ab mit den
Worten: „Wie, Nichtswürdiger! willst du etwa auch dich
um Kogmo Goa, diese Dak ini-A'^erwandlung bewerben?
Mein Weg ist ein anderer und geht gar nicht dahin."
Kaum war er fort, da kam Tsargin; Joro rief ihm zu:
,, Erlaube mir, Oheim T sargin, hinter dir aufzusitzen!"
Tsargin entgegnete: „Komm her, mein Lieber, und nimm
deinen Platz hinter mir!" Tsargin kam an, die zehntau-
send Mann halten sich bereits versammelt und Tschotong
befand sich an ihrer Spitze. Als Joro ihn erblickte, sprach
er: „Ich w^ar sehr missvergnügt, als ich hörte, dass der
Oheim Tschotong wo anders hingegangen sey; nun ist
es gut, denn unzweifelhaft wird Niemand anders als du
die Rogmo Goa erwerben." Rogmo Goa stand auf, trat
vor und sprach: „Ich habe vernommen, dass es unter den
Füislen dieses Landes vorzüglich tapfere Männer gibt. Ich
habe bereits erklärt, dass ich denjenigen zu meinem Ge-
mahl erwähle, der diese meine drei Bogenschützen und
diese meine drei Ringkämpfer besiegen würde; bis jetzt
hat sich indess noch Niemand gefunden, der sie übertrofi'en
hätte. Ich wiederhole daher meine Erklärung, dass ich
die Geraahlinn desjenigen werde, der diese meine Schützen
— 56 -=
im Bogenschiessen und diese meine Kämpfer im Ring-
kampfe besiegen wird. Es möchte euch seltsam vorkom-
men, dass eine edle Jungfrau sich das Recht nimmt, ihren
Gemahl nach solcher Wahl zu bestimmen; darum wisset,
dass zur Stunde meiner Geburt auf der rechten Seite des
Daches meines Hauses ein Einhorn'^*) herumhüpfte, wäh-
lend auf dessen linker Seite ein Uruluk hcrumsprang.
Der Himmel war bewölkt und es leuchtete glänzender Son-
nenschein; der Himmel wurde wolkenlos und es regnete.
Auf eine der Stützen im Hause setzte sich ein Papagei
und Hess seine Stimme hören, auf eine z\veite setzte sich
ein Kukuk und erhob seine Stiname und auf eine dritte
setzte sich ein Urjangchatin Goa genannter Vogel und
sang. Ihr seht hieraus, dass ich, R^ogmo Goa, eine mit
neun magischen Eigenschaften ausgerüstete Dakini bin.
Seht nun zu, wie ihr meine drei Bogenschützen und meine
drei Kämpfer besiegen möget!" — Das ausgezeichnete \er-
raögen der drei Schützen im Bogenschiessen Itcsland bei
dem Einen darin, dass sein mit Sonnenaufgang in die Höhe
geschossener Pfeil erst zur Erde zurückkehrte, Avenn die
Sonne bereits drei \ierlheile ihrer Bahn vollendet hatte;
bei dem Zv\eiten darin, dass während der Abwesenheit
des Pfeiles zweimal nach einander Thee gekocht werden
konnte ^^): und bei dem Dritten darin, dass bis zur Rück-
kehr seines Pfeiles einmal Thee fertig bereite! ^verden
konnte. — Rogmo Goa sprach weiter: ,.\Venn meine
Schützen bei Tagesanbitich ihren Pfeil abgeschossen liaben.
22) Der Tibetische uud Mongolische Name des Einhorns isl Ssern.
Die Tibetischen Schriften behaupten das Daseyn dieses Thieres m
den wilden Gebirgen Tibets und machen davon eine Beschreibung,
die durchaus nicht auf das Rhinoceros passt.
23) Der bei den Völkern Mittelasiens fast allein gebräucliliehc
Ziegelthee braucht ungleich längere Zeit zur Bereitung als der bei
uns gewöhnliche Thee.
_ 5Т —
so legen sie sich auf den Rücken und erwarten liegend die
Rückkehr des Pfeiles. Sobald nun der Pfeil herniederfährt,
wenden sie ihren Kopf auf die Seite und. der Pfeil muss
an der Stelle, wo der Kopf gelegen hat, in die Erde fah-
ren. Bios einen solchen Schiiss sehen wir als Meisler-
schuss au ; wessen Pfeil beim Niederfahren dieses Ziel
nicht triftl, der Pfeil mag übrigens auch noch so lange
abwesend bleiben , den achten wir für einen schlechten
Schützen.
Nun begann der Wettstreit; alle dreissig magische Ver-
wandlungen versuchten sich im Bogenschiessen mit den
drei Schützen der Rogmo, aber keine von ihnen калг den-
selben gleich-, sie rangen mit den Kämpfern der Jungfrau,"
aber diese tragen den Sieg über Alle davon. Nun trat
Joro hervor und fragte den Lama der Rogmo: „Ehrwür-
diger! ich möchte auch mein Glück versuchen, wenn ich
nicht noch zu klein wäre; indess möchte ich dennoch den
Ringkampf wagen." Der Lama erwiederte: „Die dir weit
überlegenen dreissig magischen Verwandlungen haben ja
nichts vermocht ; lass es daher lieber seyn , mein kleiner
Freund.'' Hierauf entgegnete Joro: ,,Ich möchte aber
doch den Kampf versuchen." Der Lama gab seine Ein-
willigung mit den Worten: „So kämpfe!" Joro machte
sich zum Kampfe bereit und trat лог. ,,Wo sind unsere
Kämpfer?" rief der Lama; „dieser Knabe will mit ihnen
ringen." — Alsbald trat der stärkste der Kämpfer vor.
Joro zeigte sich den Augen der Anwesenden zwar als
Joro, hatte sich aber in Gesser umgewandelt, obgleich
er diese Verwandlung vor den Augen der Menge verbarg.
Mit dem einen Fusse trat er auf den Gipfel eines Berges,
mit dem andern Fusse auf das Meeresufer. Li dieser
Stellung ergriff er den stärksten der Kämpfer und warf
ihn tausend Meilen in die Weite über sicli hinweg; den
mittlem Kämpfer warf er zweitausend Meilen und den
dritten Kämpfer dreitausend Meilen weit über sich hinweg.
— 58 —
Aller Augen waren unverriakt auf Joro gerichlel. Nun
schössen die drei ßogenscliülzeu und mit ihnen Joro. Um
Mittag hatten die Pfeile der drei Schützen sich bereits zur
Erde gesenkt 5 Joros Pfed war bis zu Mittag noch nicht
heruntergekommen. Gegen Abend wurde es plötzlich dun-
kel, so dass die Menge rief: „Die Sonne ist untergegangen,
es wird Nacht; lasst uns auseinander gehen!" aber Dsesse
Schikir entgegnete: „Nein, wartet! diess ist ein Zeichen,
dass der Pfeil meines rotznäsigen Joro sich herabsenkt."
Kaum hatte er dies ausgesprochen, so hiess es: „Joros
Pfeil kommt!" Joro bog den Kopf auf die Seite und der
Pfeil traf genau die Stelle, wo Joros Kopf gelegen hatte.
Die den Himmel beherrschenden Schwestern des Joro
hatten seinen Pfeil im Fluge aufgefangen und den Schaft
desselben mit allerlei Vögeln besteckt, unter welchen auch
ein Garuda war; beim Herabfallen dieses Garuda wurde
die Sonne verdeckt.
Nun schrie alles Volk: „Was Niemand vermochte, das
hat der rotznäsige Joro ausgeführt: lasst uns nun ausein-
andergehen!-' Dagegen rief R(jgmo Goa: „Warte! noch!"
Sie trat vor die Л olksmenge, in der einen Hand die Rip-
penstücke von siebzig Schafen und in der andern Hand
eine lederne Brannlweinflasche nebst einem Türkis von der
Grösse eines Adlerkopfes haltend, und sprach: „Wer im
Stande ist, während ich den zehnlausend Mann den Rücken
kehre, diese Rippenstücke von siebzig Schafen und den
Inhalt dieser Branntweinllasche an diese zehntausend Mann
und an Jeden derselben zu vertljcilen, wer i'erner diesen
Türkis von der Grösse eines Adlerkopfes in den Mund hin-
ein zu bringen vermag, den werde ich als meinen Gemahl
anerkennen." — Sie überreichte die Sachen Diesem und
Jenem, al)er von allem \olke konnte keiner etwas aus-
richten, nur der Sohn des Badmari, Namens Bam
Schürtse, w äre im Stande gewesen , es auszuführen,
wenn nicht der versteckt sitzende Joro ihn heimlich vier
— 59 —
oder fünf seiner Mittel dazu beraubt hätte, so dass er
gleichfalls nichts ausrichten konnte, .Als Rogmo Goa vor
Joro trat und seine Rotznase erblickte, wandte sie sich
mit Widerwillen weg und wollte weiter gehen, aber T sar-
gin, der Oheim Joro 's, hielt sie zurück mit den Worten:
„Du bist zwar schön, aber nur ein Weib, dagegen ist
mein Joro zwar hässlich, aber er ist ein Mann. Besteht
deine Vortrefflichkeit etwa darin, dass du schon vergessen
iiast, wie er deine drei Bogenschützen besiegt und deine
drei starken Kämpfer gelödtet hat?" Sie musste also zu
Joro zurückkehren, der ihr entgegentrat, ihr die Sachen
aus der Hand riss und zu ihr sprach: „Was hilft es dir,
dass du ein schönes Mädchen bist 5 da du nicht bemerkst,
dass dein hinterer Rockschoos brennt, so bist du iri der
That nur ein gemeines Mädchen!" Die Jungfrau kehrte
ihm den Rücken, und nachdem Joro durch magische Kraft
die Rippenstücke von siebzig Schafen und den Inhalt der
ßranntweinflasche unter die zehntausend Mann und an Jeden
derselben verlheilt halte, setzte er sich, den Türkis ohne
Schwierigkeit in den Mund nehmend. Da brach alles Volk
in Lachen aus, der Fürst l'schotong aber sprach: „So
nichtswürdig er ist, so hat doch Joro, der Sohn unserer
Befreundeten, die Jungfrau erworben." A^on da an sann er
auf Mittel, sie ihm wieder al)zunehmen.
Nun ging alles Volk auseinander. Rogmo Goa sam-
melte ihr Gefolge und suchte eilig nach Hause zu ent-
iliehen. Auf der, Flucht befragte sie ihr Gefolge: „Ver-
folgt uns der hässliche Mensch?" Das Gefolge blickte hin-
ler sich und antwortete: „Man erblickt nichls!" Abermals
befahl sie: „Schaut euch um, ob Jemand zu sehen ist!"
Antwort:, „Es ist Niemand zu sehen!" Unterdessen war
Joro duych magische Verwandelung unbemerkt angelangt
und hatte sich hinler Rogmo aufgesetzt. Als das Gefolge
nochmals hinter sich blickte, wurde es den Joro gewahr
und rief: „O Weh, er sitzt ja hinter dir!" Rogmo jam-
— 60 —
hierte: „O Weh, was soll ich thun ! was soll ich nun an-
fangen! ich hin nun ohne Rellung verloren! So lange habe
ich gewählt und ausgesucht, um den Mann meiner Wahl
zu finden und hin nun auf solche W^eise angekommen!
Was soll ich nun meinen Ellern (zu meiner Entschuldigung)
sagen! Mit was für einer Miene kann ich ihnen nun ent-
gegentreten!" Unter solchen Klagen setzte sie weinend
ihren ^^ eg fort. Unterdessen erregte Joro durch magische
Kraft einen Staub als wie von zehntausend Mann hervor-
gebracht. Die Ellern (der Rogmo) sahen diess und spra-
chen: ,.Dem Staube nach zu urtheilen sind zehntausend
Mann im Anzüge^ ist sie etwa dem Wirojana Chaghan
zu Theil gew Orden ?'• Bald darauf erschien der Staub als
wie von tausend Mann herrührend. „Nein, riefen die El-
lern, es mag wohl der Mirajana Chaghan seyu, der sie
heimführt." Nun erschien der Staub, wie von neunhundert
Mann erregt. ,, Es scheint, sie ist dem Tschigatschin
Chaghan zu Theil geworden," sprachen die Eltern. Dar-
auf zeigte sich die Staubwolke, als von hundert Mann er-
regt. „Sie hat wohl den Fürsten Tschotong bekommen,"
sprachen die Eltern. Nim erregte Joro einen Staub als
wie von siebzig Mann, und die Eltern entschieden: „Bam
Schürtse, der Sohn des Badmari hat sie bekommen."
Aber kaum hatten sie diess ausgesprochen und hingeschaut,
als Rogmo Goa mit dem rotznäsigen Joro hinter sich
anlangte.
Der Vater, der Tochter zürnend, entfernte .sich (ohne
Willkommen), nahm seinen Zaum und seine Peitsche und
ging zum Thore rechts hinaus zu seiner Pferdeheerde. Der
ältere Bruder, der Schwester zürnend, nahm sein Bogen-
geräthe und ging zum Thore links hinaus zur Schafheerde.
Die Mutter, der Tochter zürnend, machte ein böses Ge-
sicht und schob das Hausgeräthe hin und her. Die Die-
nerschaft schob am Kessel hin und her, legte für Joro die
Decke verkehrt und dieser setzte sich verkehrt darauf mit
^ ei -*
dem Geslclite zur Wand. Die Dienerscbaft fragtet „Wai'uiii
setzest du dich verkehrt auf die Decke, welche wir für
dich ausgebreitet haben?" Joro entgegnete: „Wie pflegt
ihr, wenn ihr reiten wollt, den Sattel aufs Pferd zu legen?"
Hierauf liess die Dienerschaft den Joro aufstehen und legte
ihm die Decke nach Gebühr zurecht. Joro nahm seinen
Platz auf dem Sitze der Rogmo und sprach zu ihr: „Dein
A^ater ist mit Zaum und Peitsche zum Thore rechts hinaus-
gegangen 5 ist eure Pferdeheerde etwa von Räubern ange-
fallen? Du weisst, dass ich tapfer bin: gib mir ein Pferd,
und ich werde den Dieben nachsetzen imd den Raub zu-
rückbringen. Dein Bruder ist mit seinem Bogengerätbe
zum Thore links hinausgegangen 5 sind etwa Wölfe in eure
Schaf heerde eingebrochen? Du weisst, dass ich ein guter
Schütze bin; gib mir Bogen und Pfeile, ich werde euch
die ЛVölfe getödlet herschaffen. Deine Mutter macht ein
verdi'iessliches Gesicht und zerrt am Hausgeräthe hin und
her; ist euer Hausgeräthe etwa behext? ich kenne kräftige
Beschwörungen gegen Hexereien und will das Geräthe bald
entzaubern. Eure Dienerschaft zerrt den Kessel hin und
her; ist der Kessel etwa aussätzig geworden? ich habe kräf-
tige Sprüche gegen den Aussatz gelernt und will den Kes-
sel damit bald in Ordnung bringen."
Als am Abend die Eltern der Rogmo und das ganze
Hausgesinde beisammen waren, überhäuften sie die Tochter
mit Spott und A'orwürfen ; sie sprachen: „Da hast du,
nichtswürdiges, gemeines Mädchen, uns endhch einen Mann
der Männer ins Haus geschafft ! wir befürchten nur , dass
einmal die Hunde sich über deinen ausgezeiclinet - vor-
trefflichen Mann hermachen und ihn auffressen möchten!
Welchen Verdruss (von Seiten seiner Verwandten) hättest
du ims dann bereitet, wenn wir ihn von den Hunden auf-
fressen liessen!" Mit diesen Worten steckten sie den Joro
unter den Kessel. Während der Nacht stiess Joro den
Kessel um, kroch hervor, schlachtete ein Schaf, ass eineq
— 62 —
Theil des Fleisches selbst xmd gab den andern Theil den
Hunden zu fressen. Dann befleckle er sein Oberkleid von
Kalbfell mit dem Blute des Schafes, warf es hin und über-
nachtete draussen im Freien. Als am folgenden Morgen
(das Hausgesinde) aufstand, erblickten die Ellern (das blu-
tige Kleid) und riefen der Tochter zu: „Deinen vortreff-
lichen Mann haben während der Nacht die Hunde gepackt
und gefressen; jetzt magst du allein für die schKmmen Fol-
gen verantwortlich seyn ! '' Л^^оП innern Grams sass die
Tochter und schaute vor sich hin. Sre dachte: „Was er
auszurichten vermochte , ging weit über sein Aller und
seine Gestalt-, soHle er wirklich todt seyn? das rauss ich
iintersucheii." Während Rognio ihn aufsuchte, erschien
ihr Jorö durch magische Kraft in der Gestalt eines, eine
grosse Heerde hütenden, Pferdehirten. Sogleich rief sie
ihm zt'i: „Hirte, hast du nicht etwa den rolznäsigen Joro
^sehen?" Der Pferdehirt antwortete : „Ich kenne den
nicht, welchen du den rotznäsi^n Joro nennst, aber das
habe ich gehört, dass die drei Völkerschaften Tussa,
Döngsar und Lik im Anzüge sind mit dem Vorsatze,
Rogmo Goa, die Tochter des Senggeslu Ghaghan, in
schmählicher Weise zu tödlen und ihre Ellern in schmäh-
licher Weise zu brandschatzen, weil sie den Joro entführt
imd ihn von den Hunden hat fressen lassen." Rogmo
glaiibte den gehörten Worten und setzte ihren Weg unter
Tlirärien fort. Da erschien ihr Joro abermals in einen,
eine grosse Heerde hütenden , Schafhirten umgewandelt.
Aul" ihre Anfrage bekam sie von dem Schafhirlen die näm-
liche Ant\^orl wie von dem Pferdehirten. Da dachte sie:'
„Die Aussagen dieser beiden Männer stimmen überein: mir
bleibt nun üichls übrig als zu sterben. Nur will ich nicht
in die Nähe meiner Ellern zurückkehren und ihnen meinen
Jämriier ttnd Tod vor die Augen bringen ; besser ist es, wO
anders zu sterben. In diesen Fluss mich stürzend will ich
mein Lebea enden." Mit diesen Worten sprengte sie das
— 6S —
hohe Felsufer hinan, aber ehe sie dessen Höhe erreicht
hatte, erwischte Joro mittels magischer Verwandlung den
Schweif des Pferdes und hielt es zurück. Rogmo wandte
sich um und erblickte ihn. „Bist du es, Joro, rief sie,
komm und sitze auf!" Joro setzte sich hinter sie aufs
Pferd ^ der goldgelbe Schleim floss ihm aus der Nase, so
dass Rogmo Goa aus Ekel den Rücken vorwärts krümmte
und ihm zurief: „Was machst du, Joro! das ist nicht aus-
zuhalten; setze dich doch rückwärts!" Joro stieg ah und
sprach: „Hat nicht auch der hohe Berg seinen Pfad? ein
einzelner Körper hat doch nur einen Kopf, oder hat er
zwei? Diess ist die rechte Art, dieses Pferd zu besteigen'.''
Mit diesen Worten wollte er über den Kopf des Pferdes
aufsitzen. „Nein," rief er, „das ist nicht die rechte Weise,
es muss also in solcher Art geschehen !" Diess gesagt ver-
suchte er längs der Fersensehne (der Spannader, den Hin-
terfüssen) aufs Pferd zu kommen, dieses aber schlug aus
und warf ihn zu Boden. Joro blieb liegen imd stellte sich
todt. Da stieg Rogmo ab und rief: „Lieber Joro, stehe
doch auf!" aber Joro blieb ohne Lebenszeichen liegen.
Auf abermaliges Rufen stand er endlich auf mit den Wor-
ten: „Es hängt von dir ab, ob ich vorwärts oder rückwärts
hinter dir aufsitzen soll!" worauf Rogmo ihn in üblicher
Weise aufsitzen liess.
Nach der Zurückkunft Joro 's beschlossen der Oheim
und die Muhme der Rogmo, ihrer Nichte einen Besuch
abzustatten. Sie sprachen: „Unsere Nichte besitzt magische
Eigenschaften: wir wollen doch sehen, ob sie sich einen
guten oder schlechten Mann gewählt hat." Bei ihrer An-
kunft versteckten die Schwiegereltern des Joro diesen hin-
ter das Hausgerälhe, gaben ihm zur Essbeschäftigung eine
Schale voll gerösteten Weitzen mit und sprachen zu ilnn:
„Komm nicht zum Vorschein, bis diese Leute Abschied
genommen haben!'' Bei ihrer Ankunft fragten der Oheim
xmd die Mulune sogleich: „Wo ist euer Schwiegersohn?
« 64 -
\vie ist er, gut oder schleclit?'- Die Schwiegereltern enf-
gegneten: .,Wie kann man das jetzt schon wissen: er ist
noch ein kleiner Knalle ! so eben ist er zum Besuch in die
Nachbarschaft gegangen, um sich hei einem Festschmause
zu vergnügen.'* Während dieses Gespräch^ kam Joro aus
seinem Versteck hervor^ der goldgelbe Schleim, au dessen
Spitze ein Weilzenkorn hing, floss ihm reichlich aus der
Nase; er sprach: ,,Es ist von mir die Rede-, kann ich лоп
Dienst seyn?" — Bestürzt über diesen Anblick riefen Oheim
und Muhme: „Dass euch die Pest! haltet ihr. Nichtswür-
dige, also euers Л^aters Haupt in Ehren!*' Mit diesen Wor-
ten eilten sie hinaus und trieben heimkehrend die Pferde-
heerde mit sich fort. Da sprach Joro: „Gebt mir ein
Pferd, einen Panzer nebst Bogen und Pfeilen; ich bin ein
herzhafter Bursche und werde sie verfolgen." Die Schwie-
gereltern entgegneten: „\^erdammter Bursche! dir, Nichts-
würdigen, sollen wir noch Pferd und Waffengeräth geben!"
und gaben ihm das A^erlangle nicht. Da ging Joro zu den
um das Haus lagernden Schafen, fing einen Schafbock und
einen Ziegenbock, kuppelte sie zusammen, verfolgte damit
(die Häuber), holte sie ein, schlug sie und ihre Pferde
nieder, nahm ihnen die Pferdeheerde wieder ab und kehrte
damit zurück.
Nach dieser Zei^ sprach Joro: „Jetzt will ich zuiück
in meine Heimath ziehen!" — „Was hast du, Taugenichts,
denn schon gethan," fuhr ihn Rogmo an, „dass wir dich
in die Heimath schicken sollen? bleibe ruhig wo du bist!"
Gesser verwandelte sich in den Fürsten Tschotong,
während er in Joro 's Gestalt sich entfernte luiter dem
Vorgeben, Berghasen zu fangen. In Tschotongs Gestalt
kam er vor der Behausung der Rogmo an, stieg ab und
fragte: „Wo ist Joro?" Rogmo erwiederte: „Was weiss
ich! er ging fort um Berghasen zu fangen." Tschotong
sprach zu ihr: „Ich bin das Oberhaupt und der Beherr-
scher von Tübet; gewiss ist uieine gelieble, vortreftliche
— 65 —
Schwiegerlochter unglücklich! Befiehl, den nichtswürdigen
Joro zu lödlen und ich werde ihn tödlen, oder befiehl,
ihm ein (anderes) Weib zu geben und ich werde es thun,
oder befiehl auch, ihn zu verbannen, so werde ich ihn
forijagen und dich zum Weil)e nehmen." Rogmo erwie-
derle: „Kann ich hierin entscheiden? das ist eure Sache!
das sind Familienangelegenheilen unter euch selbst." —
„Mein Herz ist dir in Liebe zugellian, und ich werde
dich zum Weibe nehmen," sprach Tschotong, stieg zu
Pferde und entfernte sich in dem Augenblick, als Joro
nach Hause kam. „Wer ist dieser so eben von hier Weg-
reitende?" fragte er. „Was weiss ich, entgegnete Rogmo,
er nannte sich als deinen Verwandten Tschotong." — •
„Was war sein Begehr?" fragte Joro. „Was weiss ich!"
entgegegnete Pxogmo, „er fragte nach dir, stieg wieder zu
Pferde und ritt davon." Joro erwiederte: ,, Unser Land
Tübet ist von diesem Lande weil entfernt; wenn er nach
mir zu fragen bat, лтагат entfernt er sich wieder, ohne
mich gesehen zu haben?" — „Das weiss ich nicht," sprach
Roqmo, „er franste nach dir und ^ing- wieder seiner WWe."
— ,,Ich aber weiss es, ich \>eiss es," entgegnete Joro.
„Was weisst du, Taugenichts!" fuhr ihn Rogmo an, „blos
um mich zu quälen ersinnst du dir solches." Joro ent-
fernte sich mit den AVorten: „Jetzt gerade machst du mich
für die Zukunft bange." — Am folgenden Tage verwan-
delte sich Joro abermals und erschien in der Gestalt des
Bam Schürtse, Sohnes des Badmari, während Joro in
eigener Gestalt auf die Jagd gegangen war. Bam Schürtse
erklärte der Rogmo seine Liebe mit denselben verführeri-
schen Worten, wie vordem Tschotong. Beim Wegreiten
desselben kam Joro nach Hause. „Wer war dieser ?''
fragte er. „Er nannte sich Bam Schürtse, Sohn des
Badmari," entgegnete Rogmo. „Und Avas war sein Be-
gehr?" fragte Joro. „Er fragte blos nach dir," entgegnete
Rogmo, „und ritt dann wieder seiner Wege." Joro er-
5
•~~ 6Ö -
wiederlc: „Warum hat er meine Rückkunft denn nicht ab-
gewartet? aber ich weiss nun die l^rsache: die Tühetischen
Grossen haben sich verbunden, mich zu tödlen und ent-
fernen sich von hier, nachdem sie deine Genehmigung ein-
geholt haben." — Am folgenden Tage verwandelte sich
Gesser abermals und erschien in der Gestalt der Tübeti-
schcn dreissig Helden in ihiem schönsten Wafl'enschmucke
und Staate. Sie liesseu sich vor der Behausung des Sen-
geslu-Chaghan nieder. Dieser liess anfragen: „Wessen
sind diese mir fremden ausgezeichneten JMänner?" Die
Antwort war: „Wir sind Tübeter: Wenn du uns Joro's
Weib geben willst, so sage Ja, wenn du dasselbe nicht
geben willst, so sage Nein-, diess von dir zu erfahren sind
wir hergesandt." Sengeslu Chaghau und die Seinigen
hielten eine Berathung über den \'orschlagj sie sprachen:
,i Geben wir unsere Einwilligung, welchen Grund können
wh- da augeben, dass wir ihnen unsere geliebte Tochter
üJjerlassen; verweigern wir aber die Forderung, so werden
die dreissig Helden uns umbringen; wir müssen auf ein
Mittel sinnen, sie zu beschwichtigen." Dem gemäss gaben
sie die Antwort: „Kehrt jetzt heim: wir werden euch un-
sere Tochter nachsenden, wenn alle Л orbereitungen fertig
seyn werden." Die Männer entgegneten: „Wenn ihr den
Joro für zu schlecht haltet und eure Tochter (besser) ver-
heirathen wollt, so gebt, sie her; wollt ihr das aber nicht
und haltet dennoch den Joro zurück, so wisset, dass die
dreissig Helden mit ganz Andern, als ihr seyd, fertig wer-
den können. Macht euch daher nicht wichtig, ihr Ver-
blendete! wollt ihr zögern, so schreibt euch die Folgen
selbst zu!" Mit diesen Worten entfernten sie sich. —
„Diese AN'orte machen uns Todesangst," riefen Sengeslu
upd die Seinigeu; sie brachen sogleich auf, zogen den Hel-
deq nach, kamen nacli Tübet und liesseu sich unter dem
Volke nieder.
— 6Т —
Von Neid und Scheelsucht getrieben kündigte der Fürst
Tschotong an: „Dreissig- Tausend Mann sollen sich zu
einem grossen Wettrennen versammeln; der Preis ist ein
geschuppler Panzer, ein Daghoris-choi genannter Helm,
das Tomartsak genannte Schvert und der Tümen odun
(zehntausend Sterne) genannte Schild. Wessen Pferd zu-
erst das Ziel erreicht, der erhält nicht blos alle diese Sachen
als Preis, sondern liberdiess nocli die Rognio Goa zur
Frau.'- Die dreissigtausend Mann versammelten sich zum
Wettrennen. Joro streute Räucherwerk und richtete an
seine Grossmutter Absa Gürtse im Himmel folgende Bitte :
„Um^ hier in der WMt allen Wesen zum Heil zu seyn,
hin ich als Beherrscher der zehn Gegenden G e s s e r
Chaghan geboren. Um im zukünftigen Lehen, im Ge-
]>iele des Erlik Chan, die Seelen aller Sünder zu er-
lösen, hin ich als Changchoi Köbegüu geboren. Der
Fürst Tschotong liat dreissigtausend Maim zu einem Wett-
rennen versarnmelt, um mir mein Weib aus meinem Schoosse
zu rauben. Sollte meiu braunes Füllen'^*) tauglich seyn, so
sende es mir herab:, sollte es untauglich seyn, so sende mir
ein anderes Pferd aus der himmlischen Heerde." — ■ „Das
ist ja Unser Rotznäschen ," rief die Grossmutler und sandte
das braune Füllen in ein siebenjäliriges braunes Pferd ver-
v.andelt herab. Weil es лот Himmel hei'abgekommen war,
drehte es- sich лyie ein Wirbelwind im Kreise und liess
sich von Joro nicht fangen. Als Joro seine Mühe ver-
geblich sah, legte er auf sein Rauchopfer unreines Räucher-
werk; durch diese V^erunreinigung des Opfers wurde das
braune Pferd zu einem räudigen zweijährigen braunen Fül-
len und liess sich fangen. Joro bestieg sein räudiges brau-
nes Füllen und folgte den dreissigtausend Mann zum Wett-
rennen, als ihm Senge slu Chaghan begegnete. „Wen,
mein nichtswürdiger Schwiegersohn," rief er, „gedenkst
24) Vergl. S. 19.
5*
— 6S —
du mit deinem räudigen braunen Füllen zu überholen?
oder Irägst du es vielleiclil darauf an, dass meine 'gelieble
Tochter dir von einem Andern abgenommen werde? Be-
steige doch lieber eines von nieinen schnellen kräftigen
Reitpferden !•' — ..Deine schnellen, kräftigen Keilpferde
möchten mich zu tragen nicht im Stande seyn," entgegnete
Joro, „ich \>erde mit meinem räudigen braunen Füllen,
welches ich gewohnt bin, Wettrennen. '' Mit diesen Wor-
ten entfernte er sich. ^Nachdem die dreissigtausend Mann
auf dem bezeichneten Sammelplatz angekommen waren und
sich und ihre Pferde in Bereitschaft gesetzt hatten, begann
das allgemeine Wettrennen. Joro hielt sein räudiges brau-
nes Füllen im Zügel und blieb weit zurück. Dann liess
er ihm seinen Lauf und überholte zehntausend Mann. Aber-
mals hielt er sein Füllen zurück, liess es dann laufen und
überholte das zwei e Zehulausend. Nochmals hielt er sein
Füllen zurück, liess es dann laufen und überholte das dritte
Zehnlausend. Л^ог Joro, in der Entfernung eines Saat-
wurfes, rannte der Fürst Tschotong auf seinem, eine
Antilope einholenden, weisslicli - gelben Pferde, und vor
Tschotong, in der Weile eines Kinderpfeilschusses, gn-
loppirle der Fürst Asmai auf seinem trefflichen Blauschim-
mel. Joro sprach zu seinem räudigen Füllen: „Ich werde
mit dem Zeichen des Muthes gegen ihn anrennen, und du
renne gegen Tschotong und sein Pferd mit dem Zeichen
des Helden und \\irf beide über den Haufen, indem du
dem wcisslich- gelben I^ferde gegen die Vorderbeine schlägst.
Das Füllen gab seine Einwilligung, es geschali nacli Joro 's
Verlangen und Joro überholte den Tschotong, welcher
ihm zurief: „O Weh, Joro, was machst du!" Joro ent-
gegnete: „Und was machst du, Oheim? ich muss eilen,
dass nicht irgend Jemand mir meine Piogmo abge^^inne.•'
Joro sprach zum räudigen braunen Füllen: „Jetzt, mein
räudiges braunes Füllen, welches dreissigtausend Keiler über-
holt hat, musst du noch den Blauschimmcl des Fürsten
— 69 —
Asniai überholen." Diess gesagt, hielt er das Füllen an
und liess ihm dann seinen Lauf. Der treffliche Blauschimmel
des Fürsten Asmai nahm das Gebiss zwischen die Zähne,
sprengte einen Kinderpfeilschuss voraus und liess sich nicht
einholen. Toro sprach weinend zu seinem räudigen brau-
nen Füllen: „O Weh, mein räudiges braunes Füllen, was
machst du! Willst du den geschuppten Panzer, den Da-
ghoris-choi genannten Helm, den Tomartsak genannten
scharfen Säbel, den Tümen odun genannten Schild, willst
du allen diesen AVaffenschmuck und dazu meine in mei-
nem sechsten Jahre angetraute Rogmo Goa die Beute ei-
nes Andei'n \л erden lassen!" Das Füllen erwiederte: „Mein
liebes Rotznäschen ! ich bin zw ar ein himmlisches Füllen
und dieses ist nur ein irdisches Pferd, dessenungeachtet
überlrifl't es mich vierfach und es ist ungleich behaarter als
ich 5 ich kann es daher nicht einholen. Wende dich aber
mit deiner Bitte an deine himmlische Grossmutter Absa
Gürtse!" Joro rief jammernd: ,, Mütterchen, dein sieben-
jähriges braunes Pferd ist niederwärts (von Kräften) ge-
kommen! der niedere Blauschimmel des Fürsten Asmai
hat sich gen Himmel erhoben (ist im Begriffe zu siegen)!
der Fürst Asmai hofft den von mir ersehnten kostbaren
Waffenschmuck und meine auf magische Weise erworbene
Rogmo Goa zu erbeuten! O Weh, mein Müllerchen, was
machst du!" Die Grossmutter hörte ihn; sie rief: „O Weh,
Joro, mein Rotznäschen weint, weil er daran ist, von einem
Menschen überwunden zu w'erden ! Boa Dongtsong*^),
komm her und beblase das räudige braune Füllen! mit
dem Pferde des Fürsten Asmai werde ich ein Mittel ver-
suchen." Beide erschienen nebeneinander am Himmel 5 Boa
Dongtsong beblies das braune Füllen, es bekam seine
(frühere) Gestalt wieder als siebenjähriges braunes Pferd
und nahm sogleich das Gebiss zwischen die Zähne. Die
35) Vergl. S. 1 uad 13. "^
— 10 —
Grossmulter Absa Gürfse scboss dem Blauschiramel einen
femigen Pfeal hinter den Vordrrfüssen durch die Brust;
vier --oder fünfmal wankte der Blauschimmel und stürzte
zusammen. Das Füllen setzte das Wettrennen fort und er-
reichte das Ziel. Der Fürst Asmai stand weinend auf und
rief: .,0 Weh, was ist das!" Joro rief: „Dos Glück he-
günstigfe anfangs den Blausc])immel mehr als den Braunen,
nun aber ist mir das Glück zugeTallen.'- Nachdem Joro
den kostbaren WaÖenschmuck in Empfang genommen, be-
sch en k le er dam^ t seinen allem Bruder .■ JD g c s s e S c h i k i r
und kehrte in seine Behausung zurück.
Am folgenden Tage machte der Fürst Tscholong,
abermals vpn Neid und Scheelsucht gelrieben, bekannt,
dass wer den лүгЫеп Stier (Auerocbs)-^; mit einem Schwa,nze
ЛТОП dreizehn AVirbeln erlegen und diesen ScliA^anz vor-
zeigen würde, die Fl o gm o Goa erhallen solle. Al:es AVjk
begab sich hinaus. Auch Joro kam iind schoss den Stier
in die Mitte zw;ischer| dessen beiden Augen niil dem Alang-
kJr g^nann^n Bogen und c|en Schigenek genannten Pfeile,
woran/" er dessen Schwanz von dreizehn Wirbeln abschnitt
uijd zu sich pabm.;; Während dessen kam der. Fürst Tscho-
long hinzu und rief: „Liebster ■ Joro! in Zukunft werde
ich dich nie schelten, ich wercje dic^i nie prügeln; ich
weide dich vielmehr zqrllicher als ineine .eigenep Kinder
behandeln; überlassis mir aber den Schwanz, von itheizehn
Wirhclnl" Joro entgegnete: „Warum nicht, Oheim, du
кавп§| den ^c|i;v\ an z. /haben; was soll,, ioh, damit niachen; da
^e|> abprfii;'^! s^it Kurzem Bogengeräthe jtrag^^ so gib mir
dafip- deinen Jsmanta genannten Pfeil!'','j Tschotong er-
!26i Die Beschreibungen, welche die Chine.si.ich-Manclschui.sch-
Mongolischen Wörlei Spiegel von dem wilden Stier (Mgngol. Bucha
Görögessun) macheu, pa^^en durchaus auf den Auerochsen, blos
mit dem unterschiede, dass sie seine Farbe als bläulich bezeichnen.
lu unserer Sage hingegen erscheint er immer schwärzlich
— Т 1 —
wiederte: „Was soll ich mit dem Pfeil machen ; da hast
du ihn!" Hierauf übergab Joro ihm den Schwanz, nach-
dem er durch magische Kunst drei Wirbel davon abge
schniüen und zu sich gesteckt hatte. Der Fürst Tscho-
tong begab sich zur grossen Treibjagd und rief die Jäger
zusammen. Mit lauter Stimme verkündigte er: „Ich habe
den Slier erlegt; ich habe den Schwanz von dreizehn Wir-
beln abgeschnilten; mir ist die Kogmo Goa anheimge-
fallen I" Joro kam hinzu und rief: „O Weh, O Weh,
Oheim Tscholong, was für ein sündlicher, was für ein
schändlicher Lügner bist du! du kamst ja hinzu, während
ich den Stier erlegte und dessen dreizehnwirbeligen Schwanz
abschnitt; saglesl du nicht: „„Liebster Joro, in Zukunft
werde ich dich nie schimpfen, nie werde ich dich prügeln 5
ich werde dich vielmehr zärilicher als meine eigenen Kin-
der behandeln; nur überlasse mir diesen Schwanz?"" und
antwortete ich da nicht: „„Was soll ich mit dem Schwänze
anfangen ! da ich aber erst seit Kurzem Bogengeräthe trage,
so gib mir dafür deinen Ismanla genannten Pfeil?"'*
gabst du ihn mir nicht mit den Worten: „„Was soll mir
der Pfeil?"" Diess gesagt, zog Joro den Pfeil heraus ипф
zeigte ihn. Tschotong schrie: „3eht einmal die 3chur-
kerei dieses Nichtswürdigen! da er merkte, dass sein ^eib
mir anheimfallen würde, hat er den Pfeil von dem Hüter
mieines Bogengeräthes gestohlen und macht nun ohne allen
Grund Lärm." Joro erwiederte: „Du sollst Recht haben;
jetzt aber sehe nach, ob du auch den vollen Schwanz hast!"
Tschotong sah nach, es fehlten dem Schwänze aber drei
Wirbel. „Wo sind die drei Wirbel?" fragte Joro. Tscho-
tong antvvortete nichts. — Joro sprach weiter: „Wusste
ich nicht, dass du ein schändliche;r Lügner bist und habe
deswegen, ehe ich dir den §ch\^'anz überliess, drei Л^irbel
davon zurückbehalten?" ]\lit diesen Worten zog er die drei
Wirbel aus dem Busen und zeigte sie vor. Beschämt wandte
der l^ürst Tscholong феп JlijickQjji ,i^nd е.п1|]вгп^е sich.
— Т2 —
In der folgeuden Nacht stahl Joro das schwarze Pferd
des Tschotong von dem Werllic voa hundert und acht
Büffeln und schlachtete es. Am andern Morgen machte der
Fürst Tschotong sich auf, die Spur zu verfolgen. Wäh-
rend des Nachspürens fand er das Fleisch seines Pferdes
liegen. .,0 Weh, was ist das!" lief er und sammelle so-
gleich die Kriegsmacht \on Tübet und Tan gut, um den
Joro zu lüdten. Der Fürst Tschotong zog bepanzert
und bewafl'nct heran; Joro aber hatte sich in einen grossen
Knaben mit rothbraunem Gesichte vervsandelt; er zog aus
seinem Feuerzeuge seinen Daghoris-choi genannten Bogen
und spannte die Senne an. Dadurch entstand ein Prasseln
und Schmellern gleichwie von lausend Donnern, so dass
Tschotong an der Spitze der Seinigen die Flucht ergriff.
Am folgenden Tage erliess der Fürst Tschotong a})er-
mals folgenden Aufruf: ,, Welcher Mensch im Stande scyn
wird. Avähi'end einer eintägigen Treibjagd zehntausend Stiere
zu erlegen und das Fleisch dieser sämmllichen Stiere in
den Magen eines einzigen Stieres zu verschliessen, wer fer-
ner im Stande scyn wird, einen Durchgang (Uebergang)
über den Fluss Uklus zu bewerkstelligen, derjenige soll
die Rogmo Goa bekommen." Diesem Aufrufe zufolge
A'ersammelten sich eine Menge Jäger. Da Joro weder
Bogen noch Pfeil hatte, so gab Rogmo Goa ihm das Bo-
gengeräthe des Kameelhirten. Joro zog den Bogen an, er
brach in Stücke und Joro лүагГ ihn hin. Sodann brachte
Rogmo Goa ihm den Bogen des Kuhhirten; auch diesen
zerbrach Joro beim Anziehen. Zuletzt brachte Rogmo
Goa ihm den Bogen des Pierdehirttn und sprach: „Lieber
J'orö, wenn ich ausser diesem noch ein anderes Bogenge-
räth häbfe, so müssen es meine Rippen seyn." Nachdem
Joro auch' diesen Bogen zerbrochea hatte, entfern le er sich.
Als Joro auf dem Jagdplatze anlangte, waren die Jäger
schon beschäftigt, nach wilden Stieren zu schiessen. Wäh-
rend Joro jagte, erlegte er in eintägiger Treibjagd durch
— 73 —
magische Kraft zehnlausend Stiere, zerschnitt das Fleisch
dieser zehntausend Slieie und verpackte es in den Magen
eines einzigen Stieres. Er nahm den Schwanz eines Stieres
und befestigte ilin an eine lange Stange, womit er den vie-
len umherirrenden Jägern ein Zeichen gab, sich um ihn zu
sammeln. Als sie am Strome Uktus anlangten, war von
den zehnlausend Mann keiner im Stande, einen Uebergang'
ZU bewerkstelligen. Joro kam hinzu; er schaffte einen
Siier herljei und trieb ihn durch (den Fluss); blos dessen
Hornerspitzen blieben über dem AVasser sichtbar. Sodann
schaffte er ein Tschigitai herbei und trieb es (an einer
andern SlßUe) durch; das Wasser ging ihm beim Durch-
waten bis über den Rücken. Zuletzt schaffte er eine Anti-
lope herbei und trieb sie (an einer dritten Stelle) durch
, (den Fluss). Durch magische Mittel liess er das Thier in
Tschotongs Augen von der Grösse eines Schweines im
zweiten Jahre erscheinen, und rief dann: „Nun, grosse
Füisten, sind die Uebergangspunkle bereitet: wählt euch
nach Gefallen einen Uebergang !" Tschotong erklärte, er
wolle an der Üebergangsstelle der Antilope den Fluss pas
siren, wogegen Sanglun die Üebergangsstelle des Tschi-
gilai vorzog. „Warum §chweigl der Oheim Tsargin,"
fragte Joro, worauf Tsargin erwiederte: „Ich überlasset ^
die Wahl dir, lieber Jorol" Joro versetzte: „So passire *
di^n Fluss au der Üebergangsstelle des Tschigitai, Oheim
Tsargin!'- Als nun Sanglun, Tsargin und die sämmt-
l'chen Jäger an der gefährlichen Üebergangsstelle des Tschi-'
gitai den Fluss passirt halten, wollte der Fürst Tscho- '
tong an der Üebergangsstelle der Antilope über den Fluss
setzen, w'urde aber von der Strömung forlgerissen. Er
schrie: „Lieber Joro, ziehe mich heraus!" Joro ergriff
seine Peitsche, lief hin, sprang ins Wasser, warf ihm die
Peitsche als Schlinge um den Hals und vzog ihn bis ans
Ufer, als Tschotong die Bemerkung machte: „Lieber
Joro, du hast mich zwar über den Fluss hergeschafft, aber
— 74 —
wie! dafür seilst du den Tilel eines Henkers bekommen 5
einen andern wüssl ich nicht.'' — .,Gut,'- erwiederte Joro,
„mir gilt es gleich!" und liess den Tscholong im Stich,
worauf dieser ahermals von der Strömung forlgerissen wurde
und im Begrifie stand zu ertrinken. Er schrie aus allen
Kräften: ,. Lieber Joro, ziehe mich heraus!" Joro lief
hinzu, ergriff den Tscholong bei den Haaren und riss
ihm diese beim Herausziehen aus, so dass er kahlköpfig in
die Nähe des Ufers kam, woselbst er zu Joro sprach:
„Lieb.-r Joro, du hast mich z-v\ar herausgezogeu, aber
wie! dafür sollst du den Titel „Kahlkopf" bekommen^
-einen andern wüsst ich nicht!" — .,Gut!" sprach Joro und
liess den Tscholong fahren,' wodurch dieser abermals ins
Treiben gerieth und schrie: ,, Lieber Joro, komm mir zu
Hülfe! ich komme um!" aber Joro A^ollte nicht. Da rief
alles Volk: „Ein Mann von Bedeutung geht zu Grunde*,
lieber Joro, ziehe ihn doch heraus!" Joro wandelte seine
Peitsche in ein zweischneidiges Schwert um, warf es dem
Tscholong hin, dieser umCassle es, und als Joro ihn
daran ans Ufer gezogen halle, waren seine beiden Hand-
flächen durchschnitten. Tscholong sprach: „Lieber Joro,
du hast mich zwar .herausgezogen, aber was ist aus meinen
Handflächen geworden! Joro entgegnete: „Es ist von je-
her deine GeAVohnheit, Einreden zu machen; schweig lie-
ber still, Oheim, es hat nichts zu bedeuten!"
Die Jäger mussten auf ihrem Wege im Freien über-
nachten; die Nacht war sehr kalt und es gab weder Holz
noch Mist zur Feuerung. Tscholong hatte einen Hund,
лгекЬег die Menschenspraclie verstand; diesem ]>cfahl er:
„Gehe hin und horche, was Joro spricht!" Durch magi-
sches Wissen von der Herkunft des tjundes, unterrichtet,
sprach Joro: „Morgen kommen wir щ фп F|usslhal, wo
es Bogen und Pfeile genug gibt und wo wir uns Bogen
und Pfeile anschafien können; zerbrecht daher eure Bogen
und Pfeile! Sodann gelangen wir in ein Flussthal, wo es
— 75 —
Stiefel genug gibt und wo wir uns neue Sliefel anschaffen
können 5 hängt daher eure Stiefel an die Hörnex' der Büffel!
Drei Mann können mit ihren Knien einen Dreifuss für den
Kessel bilden; übernachtet daher mit sattem und nicht mit
leerem Magen!" Der Hund kam zu Tschotong zurück
und erzählte ihm alles was Joro , gesprochen hatie. Auf
diesen Bericht gab der Fürst Tschotong dem ganzen Volke
folgenden Befehl; „Wenn wir morgen in dem Bogen- und
Pfeil-Thale anlangen, so werden wir Bogen und Pfeile
finden; wenn wir uns in dem StiefeUiale niederlassen, wer-
den A-^ir Stiefel finden; lasst drei Mann mit ihren Knien
einen Dreifuss bilden und Speise bereiten ! übernachtet
nicht mit leerem, sondern mit sattem Magen! Steht auf!
der Fürst Tschotong befiehlt euch, eure Bogen und Pfeile
zu zerbrechen , aus Menschenknien Dreifüsse zu machen
und Speise zu bereiten , eure Stiefel den Biifieln an die"
Horner zu hängen und diese Nacht nicht ungegessen zu
vorbringen!" Demgemäss zerbrach das \olk seine Bogen
und Pfeile, liess je zu drei Mann ihre Knie zu einem Drei-
füsse zusammenstellen und hing seine Stiefel den Büffeln an
die Hörner. Als das Feuer aufloderte und ihnen an die
Knie kam, sprangen sie mit Wehgeschrei auf und warfen
den Kessel über den Haufen, so dass sie ungegessen und
mit leerem Magen übernachten mussten. Am folgenden
Morgen früh stieg der Fürst Tschotong zu Pferde und
begab sich zu Joro. „Bist d" da, lieber Joro?" rief
er. „Was gibts, Oheim?" fragte Joro nnd "kam hervor.
Tschotong fragte ihn: „Wo, Joro, ist dein Thal mit Bo-
ge;n un(J Pfeilen? wo ist dein Stiefelthal?" Joro fragte da-
gegen:, „^^§ bedeutet 4as, Qbeim. was ^illst du damit
sagenP't ]C,sicbptoug erwiederle: „IJast du nic^t gesagt,
duss wenn \yir im Bogen- und Pfeilthale lagern würden,
daselbst Bogen und Pfeile vorfinden, und dass wir am La-
gerplätze im Stiefelthaie Stiefel vorfinden werden?" Joro
fragte: „Wer, Oheim, hat dir das gesagt?" — „Mein Hund
— IG —
hat CS mir gesagt,'' verselzle Tschotong. ,.Dn bist ein
ganz ausgezeichneter Mann, entgegnete Joro, \^епп du mit
deinem Hunde Gespräche hähst und dich von ihm belehren
Idsst!" Beschämt wandle Tschotong den Rücken und ent-
fernte sich. Er drelite indess bald um, kam wieder und
frao^te: „Ist es wahr, mein Lieher, dass du in dieser Nacht
einen Traum gehal)t hast?" Joro erwiederle: „Allerdings
ist es \ла11Г, OheimI mir liämnlc nämlich, dass es unheil-
bringend seyn ANÜrde. uenn ein schwarzer Slier geschossen
^^ird, unschädlich aber, wenn ein schwarzer Slier mit
weisser Blässe erlegt \>ird." Am folgenden Morgen in aller
Frühe Avurde vom gesammten Л'"с1ке eine grosse Treibjagd
veranstaltet. Tschotong schoss keinen, ihm aufstossenden
schwarzen Stier, sondern suchte einen schwarzen Stier mit
weisser Blässe. Schon am frühen Morgen 's^urde ein schwar-
zer Slier mit einem weissen Fleck in der Mitte der Slirne
aufgejagt und der Fürst Tschotong, in der Meinung, es
sey ein schwarzer Slier mit weisser Blässe, jagte denselben.
AVährcnd der Jagd versclnvand der weisse Fleck in der
Mitte der Stirne und Tschotong hörte auf zu jagen mit
den Worten: „Ich habe mich umsonst bemüht-, das ist ja
ein schwarzer!" Während er sich wieder zum Treibjageu
begab, kam ihm ein Slier entgegengelaufen, dem zAvischen
den Hörnern ein Klumpen Schnee klebte." „Das ist ein
schлvarzeг mit weisser Blässe!" rief Tschotong und machte
Jagd auf ihn. Während er den Slier zu Pferde und mit
seinem Hunde umkreiste, kam er in Joro 's Nähe und rief
diesem zu: „Liebsler Joro, erlege mir doch diesen Stier
mit einem Schuss!" Joro entgegnete: „Wersst du denn
nicht, Oheim, dass ich ein sehr ungeschickter Bogenschütze
bin? während ich auf den Stier anlege, könnte es sich
treffen, dass ich dein Pferd und deinen Hund erschiesse-,
ich will nicht!" Tschotong verselzle: „Lieber Joro,
was liegt mir an dem Pferde und dem Hunde: erlege mir
nur den Stier!" Joro erwiederle: „Wenn dem so ist,
— TT —
Olieim, so bringe mir den Slier in den Schuss, denn mein
Pferd ist zu schlecht, als dass ich ihn einholen könnte."
Demgemäss holte Tschotong den Slier ein und trieb ihn
zurück, Joro entgegen. Dieser verfolgte ihn, den Bogen be-
reithaltend, und erschoss durch magische ICfaft das Pferd
und den Hund sowohl als den Stier. Der Fürst Tscho-
tong kam nahe beim Stier vom Pferde herab. „Lieber
Joro," rief er, „du hast zwar den Stier einlegt, aber wo
ist mein armes Pferd und mein armer Hund!" Joro ent-
gegnete: „Hast du wieder etwas auszusetzen, nachdem du
selbst es gewollt hast? habe ich dir nicht gesagt, dass ich
ein ungeschickter Bogenschütze bin.-^ Joro sprach weiter:
„Dein Stier ist kein Stier mit weisser Blässe, es ist nur
ein schwarzer Stier." Tschotong sähe nach und rief:
„Was habe ich da gethan! ich glaubte, einen schwarzen
Stier mit weisser Blässe zu jagen und es war ein ganz
schwarzer Stier! was ist nun zu thun, lieber Joro?"
Dieser en!gegnete: „Die schlimmen Folgen, Oheim, mö-
gen dem Pferde und Hunde verbleiben; sey still und be-
ruhige dich!" Tschotong sprach; „Lieber Joro, das ist
gut, das ist herrlich von dir!" Joro hatte durch magische
^ Kraft das Pferd sowohl als den Hund deswegen getodtet,
weil beide der Menschensprache kundig waren.
(Bei der Rückkunft) fragte Rogmo: „Wer war im
Stande, einen Uebergang über den Slrom üktus zu be-
werkstelligen?-' Der Oheim Tsargin erwiederle: „Wer
anders vermochte es, als mein Schilu Teswe?^') Rogmo
fragte, da sie diess nicht verstand, sich selbst: „Wer mag
dieser Schilu Teswe seyn?" Da Rogmo nicht wusste,
dass Joro einen Titel bekommen halle, fragte sie weiler
21) Der neue Titel, <len Gesser als Joro bekonmen halte.
Dergleichen neue Namen oder Titel wechseln bei den Oütasiatiichcn
Völkern sehr oft bei gewissen Veranlassungen. Der genannte Titel
hat keine Sinu-gebende Bedeutung.
— TS —
und tliat an den Olicfm Tschotong die nämliche Frage.
Dieser anLworLete: „Ein Jeder halte es vermocht; ülirigens
lial mein ältester Sohii i\.ltan es bewerkstelligt." — „AVas
für ein sonderbarer Fall," sprach Rogmo, und entfernte
sich voll Gram und Unmuth.
,A1§ Rogmo Gqa nach Hause zurück kam, kam auch Joro
kuf einem Kind angeritten, mit einer langen Stange, an deren
Spitze ein kothiger Stiermagen hing. Die SchvviegermuLter
kam ihm entgegen in der Absicht, das Fleisch der vom
Schvs'iegersohn erlegten Stiere abzuladen. Als sie hinkam,
rief sie: „O Weh, o Weh, die vielen Jager haben mich
alle belogen!" und kelirle zornig zurück ins Haus, nach-
dem sie den Magen mit dem Fleische auf den Rauchfang
(der Filzhülte) geworfen hatte. Der Kranz (des Rauchfangs)
ging plötzlich aus seinen Fugen und Alles fiel hinab mit
sammt dem (Obertheil des) Hauses. „AVas ist das, Schwie-
gersohn?" rief die Schwiegermutter. „Ein kothiger ]Mogen,''
entceenete Joro, lief ins Haus und stiess mit einer Stütz-
Stange das Fleisch auseinander. Unterdessen grub seine
Mutter eine Grube und stellte den Kessel auf Joro
sprach zu ihr: ,,Mein Mütterchen! Dieses Fleisch der л'ОП
mir erlegten Stiere findet in deinem einzelnen Kessel kei-
nen Raumj wenn du es kochen willst, so hole die sämml-
lichen Kessel der Nachbarschaft herbei!" Die Schwieger-
mutter schickte nach allen Seiten hin, um die Kessel der
iNachbarschaft beisammen zu holen, grub eine Menge Feuer-
gruben'^^) und versah die Kessel mit Wasser; das Fleisch
quoll auf und die sämmtlichen Kessel füllten sich bis an
den Rand an. Als das Fleisch gar war und herausgenom-
men wurde, versammelten sich eine Menge Menschen zum
28) Während der schönen Jaliroszeil wird bei den Nomaden-
vülkern der Heerd ausserhalb des Hauses, d. h. der Filzhülte, im
Freien angelegt. 14>rselbe bcbteht aus einer länglichen viereckigen
Grube.
-- 19 -»
Essen. ~ Die ScliwiegermulLer hatte eine Seile des Magens
gegessen; diese wandelte Joro durch magische Kunst in
den Eingeweiden der Schwiegermutter in einen ganzen
Stier um-, die Schwiegermutter, welche die Menge Fleisch
in ihren Eingeweiden vmmöglich verdauen konnte, lag hin-
gestreckt und war dem Tode nahe. Joro nahm ein Stück
Holz, ungefähr eine Klafter lang und bestrich damit den
Leib der Schwiegermutter dreimal aufwärts nnd dreijnal
niederwärts, wobei er die Worte sprach: „Mein Mütter-
<:hen, stirb nicht an ünverdaulichkeit !" Alsbald fing die
Schwiegermutter an, nach oben und nach unten sich aus-
zuleeren und wurde gesund.
Dem Fürsten Tschotong kam wieder Neid und Scheel-
sucht an; er Hess ausrufen: „Wer den (Vogel) Garuda
erlegt und dessen zwei schöne Schwanzfedern sich erwirbt,
demjenigen werde ich die Rogmo Goa zur Frau geben."
Alles Л'^о1к begab sich hinaus, um dieser einfachen Jagd
zuzusehen. Joro erhob sich in der Fülle magischer Ver-
wandlung gen Himmel, während er in seiner niedrigen,
schlechten Gestalt auf der Erde blieb. Als Joro auf den
Platz kam, waren bereits. zehntausend Mann versammelt,
welche nach dem Garuda schössen, ihn aber nicht er-
reichten; blos Bam Schürtse, der Sohn des Badmari,
halte mitten in das Nest des Garuda getroffen. Als Joro
ankam, fing er an den Garuda zu rühmen; er sprach:
„Wie herrlich ist nicht deine brausende Stimme ! wie herr-
lich mag nicht erst dein Kopf und Hals seyn!" Hierauf
zeigte der Garuda seinen Kopf und Hals. Weiter sprach
Joro: „Wenn schon dein Kopf und Hals so schön sind,
wie prachtvoll mag da nicht erst dein ganzer Körper seyn!"
Hierauf zeigte der Garuda seinen ganzen Körper. Joro
sprach sodann: „Dein ganzer Körper ist so wunderschön;
gewiss ist dein Flug und Hin- und Herschweben nicht
minder reitzend!" Während der Garuda seinen Flug be-
gann, halte Joro angelegt, schoss und erlegte ihn. Die
— 80 —
zwei schönen SchwanzfcHlern liess er ihm durch seine
am Himmel schwebende Л erwandlung abnehmen und der
Kogmo an ihre Kopfbedeckung stecken. Alles Volk fiel
unterdessen über den herabgefallenen A'ogel her und slrilt
sich um dessen Federn. Auch Joro kam hinzu, Avurde
aber bald von Diesem, bald von Jenem zurückgestossen und
geworfen. Da slellle Joro sich, als weine er; fiogmo Goa
weinte in der That und sprach: „Während die wackern
Männer Im Volke den Garuda erlegt und dessen Federn
ihren Weibern angesteckt haben, hat mein Mann Joro
niich auf solche Weise gedemüthigt." Indess weinten ausser
Rogmo auch alle übrige ЛҮе!Ьег und jammerten: „Der
rotznäsige, lumpige Joro hat den Garuda erlegt und die
zwei schönen Schwanzfedern der Kogmo Goa aufgesteckt!
ллагеп doch unsere wackern Männer auch solche gute
Schützen gewesen!"
Alles Volk kehrte heim, nur Joro ging nicht nach
Hause. Als Rogmo Goa nach Hause kam und eintreten
w^ollte, stiessen die zwei schönen Schwanzfedern am obern
Querbalken des Thürrahmens, und als sie ihre Mütze ah-
nahm um nachzusehen, erblickte sie die Schwanzfedern.
„Gewiss ist Joro eine magische A'^erwandlung!" rief sie
und ging sogleich seiner Spur nach. Sie fand Gesser ron
allen seinen Schulzgeislern umgeben in einer Felshöhle
sitzen, woselbst ein grosses Festmahl bereitet war. Rogmo
Goa stand draussen, blickte verstuhlen hinein und dachte:
„W4e schön wäre mein Mann als Gesser!" Mit diesem
Gedanken trat Rogma Goa hinein, aber in demselben
Augenblick wandelte sich Gesser ^^ieder in Joro 's Ge-
stalt um. Die weisse Götlertcchter Arjälamgari sprach
zu Rogmo Goa: „Liebe SchAvägerinu, von heute an wer-
den dich alle die vielen Schutzgeister, л\ eiche hier ver-
sammelt sind, grüssend ehren. Wirst du aber auch, wenn
man dir von diesem Festinalde irgend eine Speise reicht,
dieselbe essen?" Rogmo Goa antwortete: „Ich werde!"
— 81 —
Nach Beendigung des Festmahles überreichle die weisse
Götlinn Arjälamgari der Rogmo Goa ein gekocht zube-
reitetes Kind in einer Schüssel, aber Rogmo Goa ass es
nicht. Darnach überreichte sie ihr den Finger eines gestor-
benen Menschen; Rogmo Goa schnitt und kaute daran
und spie ihn aus. Da sprach die weisse Göllinn Arjä-
lamgari: „Was haben wir verabredet?" Nachdem sie
diess gesprochen, zerstreuten sich alle Theilnehmer des
Festes. Rogmo Goa, ihrer Bewegung nicht Meister, er-
griff die weisse Göttertochter Arjälamgari beim Rock-
schoosse. Diese sprach zu ihr: „Was ist dein Begehr,
Schwägerinn?'' worauf Rogmo Goa antwortete: „Ich er-
bitte mir ein Kind von dir." Arjälamgari entgegnete:
„Hättest du dieses gegessen, so hättest du drei Söhne ge-
boren, die Gesser übertreffen, drei Söhne, die Gesser
gleich gewesen seyn würden und drei Söhne, geringer als
Gesser; aber ach, Schwägerinn, du hast es nicht vermocht!
wie viele verlangst du jetzt?" Rogmo Goa erwiederte:
„Ich überlasse es dir, weisse Götterlochler, wie viele du
verleihen willst." Hierauf entgegnete diese: „So sollst du
hundert und acht haben." Die weisse Göttertochter führte
die Rogmo Goa zurück in ihre Wohnung und entfernte
sich dann.
Als Joro einstmals ausgegangen war, kam Rogrho Goa
weinend zu ihrer Schwiegermuller und sprach: „Ach, Müt-
terchen, von so lange her, bis jetzt, leide ich in jeglicher
Art und Weise; dein Sohn lebt nicht nach Sitte mit mir
als seinem Weibe; statt dieser beständigen Leiden ist es
angemessener, auf schickliche Weise zu sterben; Erlik
Chaghan (der Todtenrichler) mag dann zwischen uns ent-
scheiden! Das Weisse meiner Augen ist gelb geworden, das
Schwarze meiner Augen (der Augapfel) ist gebleicht!" Nach
diesen Worten ging sie hinaus. Nachdem Rogmo Goa sich
entfernt hatte, rief Joro's Mutter denselben. Er kam und
sie sprach zu ihm: „Rogmo Goa, deiu Weib, sagt, dass
6
— 82 —
eie «terben wolle; sie sagt, von eo lange her bis jetzt leide
ich und will nun die Eiilscheidnng dem Erlik Chaghan
anheimstellen. Statt der Tochter eines angesehenen Mannes
den Tod zu bereiten und mir einen bösen Namen zu ma-
chen, Ware es besser von dir, mein Sohn, in gebräuchlicher
Weise zu leben. '' Joro entfernte sich und legte sich in
Gessers Gestalt (verwandelt) nieder. Rogmo Goa, die
draussen durch eine Spalte gelauscht hatte, lief hinein und
warf sich über Gesser. Dieser sprach: „Es ist Sitte, dass
der Mann auf der Frau liege, nicht aber die Frau auf dem
Manne." Hierauf Hess er die Rogmo Goa sich mit dem
Gesichte nach den vier Gegenden wenden , wobei er ihr
jedesmal zu neun, in allem sechs und dreissig Ermahnun-
gen (Belehrungen) gab; er sprach: „Als ich geboren wurde,
gab es eine teuflische schwarze Krähe, welche den Kindern
im ersten Jahre die Augen aushackte'*^). Nachdem ich über
mein Auge die neunfache eiserne Fangschlinge gelegt und
die teuflische schwarze Krähe gefangen und getödtet hatte,
erzeigte ich mich da nicht als der über seine Augen noch
ein Auge vermehrende Gesser Chaghan? — In meinem
zweiten Jahre pflegte der Kungpo genannte Teufel mit
Zähnen einer Ziege, mit einer Hundsschnauze und wie eine
eiserne Bestie gestaltet, unter der Gestalt des Erkeslong
Lama zu erscheinen'"), dtni Kindern die Zungenspitze ab-
zubeissen und sie stumm zu machen. Als ich nun meine
fünf und vierzig Zähne zusammenbiss und ohne saugen zu
wollen dalag, fiagte er meine Eltern: „War dieses euer
Kind von Geburt an so, oder ist es erst kürzlich so ge-
worden?-* worauf meine Eltern erwiederten: „Л'^оп der
Geburt an hatte es bisher Mund und Nase; ob es vor Kur-
zem gestorben und also geworden ist, wissen wir niclit."
Hierauf Hess der Lama an seiner Zunge saugen ; „ es fängt
39) Vergl. S. n.
«)) VergL S. 18.
— 83 —
ein wenig an der Zunge zu saugen an," rief er; und dann
,,jelzt saugt es vortrefflich!" wobei er seine Zunge immer
weiter zum Saugen hinstreckte. Als ich ihm sodann wäh-
rend des Saugens die Zunge an der Wurzel mit meinen
fünf und vierzig schneeweissen Zähnen abbiss und ihn
tödlete, erwies ich mich in meinem zweiten Jahre da nicht
als der über seine Zunge noch eine Zunge vermehrende
G^'esser Chaghan? — Als in meinem dritten Jahre die
verzauberten Berghasen'*) die Gestalt der Erdoberfläche um-
wandelten und dem Monghol -Volke viel Schaden zufügten,
verwandelte ich mich in einen alten Ochsenhirten, nahm
mein kleines stählernes Beil mit, ging hin und fand die
Berghasen von der Grösse von Ochsen umhergehen. Als
alter Ochsenhirte schlug ieh diese Ochsen zwischeu beide
Hörner und tödtete sie. Er\vies ich mich damals in meinem
dritten Jahre, als die verzauberten Berghasen die Erdober-
fläche umwandelten und dem Monghol - Volke Schaden zu-
fügten, als ich die verzauberten Berghasen tödtete, nicht
als der wohlthätige Held und Bogda Gesser Chaghan? —
In meinem vierten Jahre zog ich nach Boldschomurun
Chogolai '*)•, daselbst waren die sieben Alwin, welche
täglich siebenhundert Menschen und siebenhundert Pferde,
TOU welcher Eigenschaft oder Bestimmung sie auch seyn
I mochten, verzehrten. Als ich in meiner Verwandlung als
t Joro diese sieben Alwin ins Meer stürzte und tödtete, als
1 ich die dreihundert Mann Räuber, Vagabunden und ge-
j meines Gesindel, als ich ferner den Mangus (Pviesen)
i Ik Tonggorok tödtete, erwies ich mich da nicht als der
i Herrscher in den zehn Gegenden, der heilbringende Held
[ und Bogda Gesser Chaghan? — In meinem fünften Jahre
j zog ich zur Niederlassung nach E n g k i r c kü i n D s c h u ^'^) und
1 31) Vergl. S. 20.
I 32) Vergl. S. 37.
33) Vergl. S. Vi.
=- 84 —
machte dieses Engkireküiu Dschu zu einer beglückten,
herrlichen Gegend. Als ich hier in Nulumlal a'*) die drei-
hundert Künstler des Erdeni Ghaghau aufhielt, indem
ich durch magische Kraft aus drei Tagen einen machte und
sie in der daraus entstehenden schrecklichen Hitze von
Wespen und Bremsen umschwärmen Hess, als icii in dieser
wasserlosen Gegend die dreihundert Kauüeute mir unter-
ihan machte und, um die Wohlthaten meiner Eltern zu
erwiedern, den Tempel des Chomschim Bodhisatwa
erbauen liess-, als ich solchergestalt Engkireküin Dschu
zu einem heglückten, herrlichen Ort gemacht hatte, erwies
ich mich da nicht als Bogda Gesser Chaghan? — Als in
meinem sechsten Jahr du, Kogmo Goa, in Begleitung dei-
ner drei ausgezeichneten Bogenschützen und deiner drei
starken Kingkämpfer kamsl"'^)^ als du dich vor den ver-
sammelten zehntausend Mann als Rogmo Goa, die magi-
sche \erwandlung einer Dakini, darstellest^ als ich deine
drei starken Kämpfer tödtele und deine drei ausgezeichneten
Schützen im Bogenschiessen besiegte^ als ich das Haupt der
dreissigtausend Mann verwirrt machte und dich erwarb-, als
sodann der Fürst Tschotong, abermals von Neid und
Scheelsucht getrieben, dreissigtausend Mann zu einem Wett-
rennen zusammenberief nnd zum Preise einen geschuppten
Panzer, den Daghoris-choi genannten Helm, den To-
mortsok genannten scharfen Säbel, nebsl dem Tümen
odun genannten Schild bestimmte und dabei feststellte, dass
34) Dieses N u 1 u m t a I a , auch öfters N il u ni t a 1 a geschrieben
üiid yefmulblich identiscli mit Engkireküin Dschu, war nach-
her die beständig* Resident Gesser 's. Es ist wohl unstreitig,
gleichwie Borotala und Schi ra lala, eine wirklich existirende Ge-
gend in jenen , noch von keinem Eurupäischen Fusse betretenen
Asiatischen Regionen. In Ssanang Sselsen's Geschichte der Ost-
mongolen kommt Nilumtala S. 2'11 vor.
35) Vergl. S. 53 nnd 67.
- — 85 --
wessen Pferd den Sieg davon tragen würde, demjenigen
sollte ausser diesen Kleinodien auch Rogmo Goa zu Thei
werden; als damals die Volksmenge sich versammelte und
ich, meine himmlische Grossmutter Absa Gürlse bittend
und Räuchcrwerk streuend, das braune geistige Pferd be-
stieg, die dreissiglausend Mann im AYettrennen besiegte
jenen mannigfachen kostbaren Waffenschmuck gewann und
ihn meinem altern Bruder Dsesse Schikir schenkte*, als
ich damals Alles meinem Willen unterwarf, erwies ich mich
da nicht als das Oberhaupt Gesser Chaghan? — iVls in
meinem siebenten Jahre der Fürst Tschotong, abermals
aus Neid und Scheelsucht, ankündigte'*'), dass wer den Stier
durch einen Scliuss erlegen und zuerst dessen Schwanz von
dreizehn Wirbeln abschneiden würde, derjenige solle die
Rogmo Goa bekommen; als damals alles Volk zusammen-
kam und ich, obgleich zuletzt, den Stier mit dem Alankir-
Bogen und dem Schigi nak - Pfeile in den Mittelpunkt
zwischen beiden Augen traf und erlegte, erwies ich mich
<la nicht als der alles A'^olk unter seine Macht beugende
und den Tschotong beschämt nach Hause schickende,
treffliche Schütze Gesser Chaghan? — Als in meinem
achten Jahre der Fürst Tschotong abermals ankündigte''),
dass derjenige, welcher während eines einlagigen Jagdzuges
zehnlausend Stiere erlegen und dann über den Strom Uktus
einen Durchgang bereiten würde, die Rogmo Goa erhalten
solle; als damals der Fürst Tschotong und alles Volk
zusammenkam und Joro, sein räudiges braunes Füllen rei-
tend, in einlägigem Jagdzuge zehntausend Stiere erlegte und
über den Strom Uktus einen Durchgang bereitete, erwies
ich mich da nicht als der Herrscher in den zehn Gegenden,
als der wohlthälige Bogda Gesser Chaghan? — Als in
meinem neunten Jahre der Fürst Tschotong. abermals von
36) Vergl. S. 10.
37) Vergl. S. 72.
— 86 —
Neid und Scheelsucht gequäll. ankündigte *•), dass derjenige,
welcher im Stande sex, den Л'ogel Garuda durch einen
Schuss zu erlegen und sich dessen zwei schöne Schwanzfe-
dern zu erwerben, die Rogmo Goa erhalten solle; als da-
mals alles Volk zu diesem Schauspiele sich versammelte,
wandelte ich in meiner Gestalt als Joro auf der Erde und
in meiner magischen Verwandlung am Himmel. Als ich an
den Ort (der A^ersammlung) ankam, wxr alles Volk beschäf-
tigt, nach dem Garuda zu schiessen, erreichte ihn aber
nicht. Nachdem der Sohn des Badmari, Namens Bam
Schürtse mitten durch das Nest des Garuda geschossen
hatte, kam ich und rühmte den Garuda, welcher hierauf
sich zu zieren und zu flattern anfing. Als ich damals den
Garuda mitten durch den Kopf schoss, durch meine magische
Verwandlung ihm seine beiden schönen Schwanzfedern ab-
nahm und sie dir aufsteckte, erwies ich mich da nicht als
der alle Bogenschützen übertreffende ausgezeichnete Schütze
Gesser Chaghan? — Bin ich nicht Bogda Gesser, der
in seinem zehnten Jahre , um sich dankbar gegen die Wohl-
tljaten seiner Eltern zu erweisen, dem Chomschim Bo-
dhisatwa einen Tempel aufbaute? — Bin ich nicht der
reiche Gesser Chaghan, der in seinem elften Jahre den
Fürsten aller bösen Krankheiten, den Rogmo ?s'agpo ge-
nannten Teufel tödtete? — Bin ich nicht der Allherrscher
(jesser Chaghan, der in seinem zwölften Jahre den Für-
sten der Wassersucht, den Teufel mit eisernen Ohrringen
fing, tödtete und dadurch den Л\ asscrgeschwülslen ein Ende
machte? — Bin ich nicht Bogda Gesser Chaghan,
welcher in seinem dreizehnten Jahre den Fürsten der
Brandbeulen (der Pest), den grossköpfigcn Tcultl tödtete
und dadurch der Pest ein Ende machte? — in meinem
vierzehnten Jahre zog ich mit Adschu 3Iergen, der
Tochter des Drachenfürsten , auf die Jagd. — Während
38) Vergl. S. 79.
--, 8*7 —
Adschu Mergen und Gesser Chaghan zusammen jag-
ten, stiess Gesser Chaghan auf siehen wilde Stiere; ich
(Gesser) schoss sie alle Sieben durch und durch, so dass
der Pfeil in der Erde stecken blieb. Adschu Mergen
stiess darnach auf neun Stiere; Adschu Mergen schoss alle
neun Stiere durch und durch, so dass der Pieil im Felsen
stecken blieb. jNun dachte ich, Gesser, bei mir selbst:
„ Wie kann ich erfahren, ob (mein Gefährte) ein Mann oder
ein Weib ist !•' Während dessen begegnete uns ein Stier.
Da ich, Gesser, ihn nicht in die Schussweite zu bringen
vermochte, trieb ich ihn aus der Mille des Volkes (der
Jagdgenossen) heraus. Adschu Mergen jagte hinler mir.
Als ich, Gesser, rückwärts schauend, sie erbhckle, rief ich
ihr zu: ,,Du bist nur ein Weib: der Mensch hinter mir
scheint nur ein gemeines Weib zu seyn." Adschu Mer-
gen erwiederte: „Hast du mich wirklich als Weib erkannt!"
und erlegte den Stier mit einem Schuss. Ich, Gesser, kam
hinzu, riss den Pfeil (aus der Wunde), drückte ihn unter
die Armhöhle und stellte mich als todt hingestreckt. Da
sprach Adschu Mergen: „Gestern habe icli den Temur
Chadai, Sohn des Amalai getödtet und sein schwarzbrau-
nes Pferd erbeutet; nun aber habe ich den Henscher in
den zehn Gegenden getödtet und nehme sein braunes
Pferd." Mit diesen Worten führte sie das Pferd hinweg,
während Gesser regungslos liegen blieb. Gesser wandelte
eine seiner magischen Kräfte in einen andern Menschen
um, welcher rief: „Weil Adschu Mergen den Herrscher
in den zehn (jegenden, Gesser Chaghan getödtet hat,
Jiaben sich dessen Bruder Dsesse Schikir und alle drei
Volksabtheilungen versammelt in der Absicht, die Adschu
Mergen zu lödlen und zu plündern." Hierauf löste'
Adschu IMergcn ihr verstecktes Haupthaar und mit den
Worten: „Möge meine rechte Flechte meinem Vater und
meinem Bruder kein Unglück bringen!" liess sie die rechte
Haarseile herabfallen. Sodann mit den Worten: „Möge
— 88 —
meine linke Flecbte meiner Mutter und Sclnvester kein
Unheil bringen!" Hess sie die linke Haarseite herabwallen.
Endlich mit den Worten: „Möge mein Scheitelzopf meinen
Sclaven nnd meiner Dienerschaft kein Unglück bringen!"
liess sie das Scheitelhaar auf den Rücken herabwallen. So
wie Gesser erkannte (dass sie ein Weib sey), sprang er
auf und rang mit ihr. Einmal warf sie den Gesser auf
die Knie; da sprach Gesser: „Kämpfen die Männer nicht
dreimal hinler einander? Klopfen sie sich nicht viermal den
Staub aus?-' Abermals begann der Ringkampf und ich,
Gesser, warf sie nieder. Gesser sprach: „Ich nehme
dich zum Weibe!" und als Adschu Mergen einwilligte,
sprach Gesser weiter : ..Wenn dem so ist , wirst du
meinen kleinen Finger ablecken?" war Adschu Mergen
auch damit einverstanden, worauf Gesser sich in den klei-
nen Finger stach und sie das Blut ablecken liess. — Nun
gingen Beide zum grossen See, um Wasser zu trinken..
Als sie zum Wasser kamen, sah Gesser das Abbild eines
Pfeiles im Wasser schimmern und sprach : „ Hinler mir
war Niemand mit gespanntem Bogen." Als er nun hinter
sich schaute, erblickte er Adschu Mergen mit gespann-
tem Bogen und fragte sie: „Was hast du vor?" Adschu
Mergen antwortete : „Auf dich habe ich den Bogen nicht
gespannt; es gilt einem Fisch im See." In der lliat rölhcle
sich das Wasser von dem gelroffenen und getödleten Fisch.
Als Beide an das Ufer des See's gelangt waren und ge-
trunken hatten, zog Gesser seine Kleider aus, sprang in
den See und schwamm an das jenseilige Ufer. Adschu
Mergen, erhitzt und in Schweiss, konnte nicht ridiig blei-
ben, sondern zog ebenfalls ihre Kleider aus und sprang in
den See. Diess wussle Gesser, ei' pfiff und es entstand
ein Wirbelwind, der ihre Kleider in die Höhe hob, wo sie
an der Spitze eines Baumes hängen blieben. Nachdem
Gesser zurückgekehrt war und seine Kleider wieder ange-
— 89 -~
legt hatte, kam Adschu Mergen, der es fröstelte, und
setzte sich auf Gessers Schooss.
Nachdem Gesser, nach den vier Gegenden hingewen-
det, je zu neun Belehrungen ertheilt hatte, sprach er: „Er-
wies ich, der ich in meinem vierzehnten Jahre die Toch-
ter des Drachenfürsten zum Weibe nahm, mich dadurch
nicht als der Herrscher in den zehn Gegenden, als der Held
Bogda Gesser Chaghan? — Dass ich nun in meinem
fünfzehnten Jahre den Göttern gleich Blitze schleudere
und den Drachen gleich donnere, beweise ich dadurch."
Indem er diess sprach, blitzte es mit der Götterstimme
und der Donner des Drachen krachte dazu'^), wobei ein
Regen von Wasser des Lebens herabfiel. Während Gesser
sprach, hörte Rogmo dann weinend, dann lachend zu.
ZWEITES CAPITEL.
Gessers Zug gegen den in einen Ungeheuern Tiger
VERЛVANDELTEN RiESEN UND DESSEN BeSIEGUNG.
In der Nordgegend hauste die Verwandlung eines Man-
gus (Riesen) in der Gestalt eines schwarzgestreiften Tigers
von der Grösse eines Berges. Seine Körperlänge nahm
hundert Meilen AVegeslänge ein. Aus dem rechten seiner
Nüstern loderte Feuer und aus dem linken wirbelte dicker
Rauch empor. Einen Menschen erblickte er in der Entfernung
einer Tagereise und erschnappte Um zum A^erschlingen in
der Entfernung einer halben Tagereise. Die drei siegreichen
Schwestern des Herrschers in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan, Namens Dschamtso, Dari und Udam, diese
39) Nach der Meinung der Tibeter und Mongolen sind die Blitze
Pfeile einer auf einem Drachen iu den Wolken reitenden Gottheit,
und der Donner wird als die Stimme dieses Drachen angeseheu.
— 90 —
Schwestern kamen zu Gesser und sprachen zu ihm:
.ЛҮ^Зб! du es auch, liebes Rotznäschen. dass in der Nord-
gegend die Verwandlung eines Riesen in der Geslall eines
schwarzgestreiflen Tigers von der Grösse eines Berges
haust?" Ferner sprachen die drei durch magische Ver-
wandlung siegreichen Schwestern: ,,Dass dieses dein A^olk
auf Dschambudwip unter der Gewalt dieses Tigers sieht,
ist gegen die Ordnung; suche daher ihn mit Vorsicht zu
bekämpfen und zu besiegen!" Gesser erwiedcrte: „Meine
Schwestern haben vollkommen Recht! ich habe es nicht
gewusst; nun aber will ich hingehen und ihn besiegen."
Sogleich schickte er einen Boten zu seinem edelii Bruder
Dsesse Schikir und zu seinen dreissig Helden, mit dem
Befehle, sie Einen nach dem Andern zu sich herzuberufen.
Als Alle sich versammelt hatten, fragte Dsesse Schikir:
„Mein Bogda, zu welchem Zwecke hast du uns herberufen?"
Gesser Chaghan antwortete: „Hast du nichts davon ge-
hört, mein Dsesse? in der Nordgegend haust ein schwarz-
gestreifter Tiger von der Grösse eines Berges*, einen Men-
schen erblickt er in der Entfernung eiupr Tagereise und
erschnappt und verschlingt ihn in der Enlft-rnung einer hal-
ben Tagereise. Die rölhfüssigen Menschen sollen nicht
länger unter der Gewalt dieses Ungeheuers verbleiben. Da
ich bis in mein fünfzehntes Jahr mein Daseyn in verwan-
delter Gestalt (in niederer Gestalt als Joro) zeigte, so
konnte ich euch kein einziges Zeichen meines Heldenberufs
geben, nun aber will ich euch ein solches Zeichen geben:
macht euch zum Aufbruch fertig!" Gesser Chaghan, der
Herrscher in den zehn Gegenden, halte sein braunes gei-
stiges (magisches) Pferd bcslicgf-n. er hatte seinen ihau-
schimmerfarbigen schwarzhlauei» Panzer angelegt, er lialle
seine Avei.<;se Schullerbedcckung angelegl , er hatle stiiicn
weissen, vic aus Sonne und Mond vereint zusammenge-
setzten Helm aufgesetzt , er hatte seine dreissig weissen
Pfeile mit Kerben von Edelstein und seinen straffen schwär-
— 91 -^
zen Bogen eingesteckt, er hatte sein geistiges (magisches)
ckei Klafter langes Schwert von schwarzem Erze ange-
schnallt und rief: „Du, mein Dsesse Schikir, Sperber
unter den Menschen, besteige, mir nach, deinen geflügelten
Grauschimmel, lege deinen geschuppten Panzer an, setze
den Daghoris-choi genannten Helm auf dein edles Haupt,
stecke deine dreissig weissen Pfeile ein, ergreife (fasse) dei-
nen straffen schwarzen Bogen, schnalle deinen Kürmi ge-
nannten Säbel von gegossenem Stahl um und folge unmit-
telbar nach mir, mein Dsesse! Sodann du, mein Schumar,
Adler unter den Menschen, besteige, meinem Dsesse nach,
deinen Apfelschimmel , lege deinen thauschimmerfarbigen
schwarzblauen Panzer an , stecke deine dreissig weissen
Pfeile ein, fasse deinen straffen schwarzen Bogen, schnalle
deinen Säbpl von unabstumpfbarer Schärfe und vom här-
testen Stahle um ; und folge unmittelbar hinter meinem
Dsesse! Sodann du Bam Schürtse, Sohn des Badmari,
besteige, Schumar nach, deinen trefflichen Blauschimmel,
lege deinen blau angelaufenen Panzer an, versehe dich mit
deinem ganzen Walfengeräthe und folge unmittelbar hinter
Schumar! Sodann du, mein Buidong, mein Verwandter
von Frauenseite, besteige, Bam Schürtse nach, deinen
Apfelschimmel, versehe dich mit deinem ganzen WafFen-
gerälhe und folge unmittelbar hinler Bam Schürtse als
Anführer der dreissig Helden in der Art, dass Einer nach
dem Andern in ununterbrochener Linie dir folge!"
Nachdem der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan diese Befehle ertheilt halte, machle er sich in
Begleitung seiner dreissig Helden auf den Weg. AVährend
sie hinzogen, erblickte er in der Entfernung einer Tagereise
den schwarzgestreiften Tiger von der Grösse eines Berges,
Als Gesser Chaghan nun rief: „Dort ist der schwarz-
gestreifte Tig<r von der Grösse eines Berges!- schaute auch
der edle Dsesse Schikir hin und fragte: „Ist es etwa
das gleich Nebel oder wie Rauch sich Ausbreilende auf dem
— 92 —
Gipfel des Berges?" — .,Das ist es. mein Dsesse Schi-
kir!" sprach Gesser. Die dreissig Helden fragten: .,Was?
"Wo?" aber Dsesse Schikir entgegnete ihnen: ..Geht
ruhig weiter! ihr seht es nicht. Lassl uns immer in der
Richtung bleiben, wohin Gesser's Zügel lenkt!" Der Herr-
scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan ritt im
massigen Trott, aber der schwarzgestreifte Tiger von der
Grösse eines Berges , noch eine halbe Tagereise entfernt,
nahm die Flucht. Der Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaghan gab seinem magischen Braunen einen
Hieb über den Schenkel und. verstärkte dessen Lauf-, hinter
Gesser folgten die dreissig Helden in einer Reihe nach
ihrer Ordnung. Der schvv arzgestreifte Tiger von Berges-
Grösse versuchte aus der Entfernung einer Tagereise Ges-
ser Chaghan zu verschlingen, verfehlte ihn aber. Nach
diesem verfehlten Versuche erreichten und umzingelten sie
ihn. Als die dreissig Helden sämmtlich beisammen waren,
wollte Gesser versuchen, welcher von ihnen herzhaft und
welcher es nicht sey und sprang zu dem Ende in magi-
scher Verwandlung in den Rachen des Tigers. Innerhalb
des Rachens stemmte er seine beiden Füsse gegen die un-
tern Hauzähne des Tigers, stemmte sein Haupt gegen dessen
Gaumen und seine beiden Ellbogen gegen die beiden Mund-
winkel desselben. Buidong mit den dreissig Helden er-
griffen die Flucht. Dsesse Schikir, diess sehend, rief:
„O Weh, warte doch, Buidong, лvas machst du!" Aber
Buidong, ohne sich umzusehen, floh weiter fürs erste bis
zur Grenzscheide, ehe er sich zurück zum grossen Volke
begab. Bei Gesser waren geblieben der edle Dsesse, der
Adler der Menschen Sc hum ar und Bam Schürtse, Sühn
des Badmari 5 diese drei Helden waren allein übrig ge-
blieben. Traurend sprach Dsesse Schikir zu den beiden
andern Helden: ..Den Herrscher in den zehn Gegenden,
den Vertilget der Wurzel der zehn Uebel, meinen iieil-
bringenden Helden und Bogda Gesser Chaghan hat der
— 93 —
schwarzgestreifte Tiger von Berges -Grösse verschlungen.
Der nichtswürdige B u i d o n g ist geflohen und hat die
dreissig Helden in seine Flucht mit forlgerissen. Was
лvшde aus dem iheuern Namen meines Bogda werden,
wenn auch wir Drei die Flucht ergriffen! Was würden
die mancherlei grausamen Feinde sagen! was würden die
neidisch - grollenden Verwandten, was die drei Schirai-
ghol'schen Chane sagen! was ist eure Meinung, meine Ge-
fährten?" Sie antworteten: „Was können wir Beide ent-
scheiden: du, unser Dsesse Schikir, magst wissen was
zu thun ist!'* Dsesse Schikir sjirach: „Das kann soviel
heissen als: ich möge entscheiden, ob ein Fest gefeiert
(d. h. nichts gethan) werden soll; ihr gebt aber damit wohl
eure Absicht zu verstehen, entweder umzukommen oder
davon zu kommen (d. h. zu siegen). Diess gesagt spornte
Dsesse Schikir mit betrübtem Herzen seineu geflügelten
Grauschimmel durch einen Schenkelslreich an, zog seinen
Kurmi genannten scharfen Säbel von gegossenem Stahl
und war im Begriffe, den Tiger anzugreifen, als ihm der
Gedanke einfiel: „Mein Gesser Ghaghan, der Herrscher
in den zehn Gegenden, besass das Vermögen magischer
Verwandlungen j er mag nun todt oder noch am Leben seyn,
so muss ich, auf den Fall, dass er noch leben sollte, bis
zu seinem edeln Körper zu gelangen suchen." Mit diesem
Gedanken steckte er den Kurmi genannten Säbel von ge-
gossenem Stahl ein und fiel den Tiger an, den er am
Stirnfell packte und mit dem linken Arm umschlungen hielt.
Während der Tiger würgte und sich schüttelte, riss Dsesse
Schikir ihm mit der festgekrallteu Hand das Stirnfell her-
unter, schwang sich dann hinauf und bekam dessen beide
Ohren zu packen, Avodurch er ihm die Bewegung raubte.
Nachdem Dsesse solchergestalt den Tiger in seiner Gewalt
hatte, zogen die beiden andern Helden ihre Schwerter, stie-
gen ab und kamen heran. Unterdessen rief Gesser Gha-
ghan aus dem Innern des Tigerrachens Folgendes: „Mein
— 94 —
edler fDsesse Schikir, dich habe ich erkannt! Verdirb
nicht das Fell dieses Tigers: wir werden ihn durch ein
anderes Mittel lödten! Denn aus dem Kopffell des Tigers
können hundert Helme, so wie aus dem Fell des übrigen
Körpers hundert und fünfzig Harnische verfertigt werden,
Lass den Ticrer los, mein Dsesse!" Mit Lachen liess
Dsesse den Tiger los und rief: ,,'Was hat mein Bogda da
gesprochen!" Unterdessen hatte Gesser Chaghan mit sei-
ner linken Hand die Kehle des Tigers fest erfasst, лvoduгch
er ihn zum Wanken brachte. Sodann zog er mit der Rech-
ten sein Messer mit krystallenem Hefte hervor, stiess es
dem Tiger durch die Kehle und kam heraus. Nachdem
Gesser Chaghan den Tiger getödtet halte, sprach er:
„Bist du, mein Dsesse, nicht ein Künstler? Schneide doch
aus dem Kopflell für die dreissig Helden dreissig Helme
zu, so auch aus dem Fell des übrigen Körpers dreissig
Harnische. Das Uebrigbleibende vom Fell ллоПеп wir un-
ter die Besten der dreihundert Hauplleule vertheilen."
Nachdem Gesser Chafjhan den Tifjer g^elödlet hatte,
trat er mit seinen drei Helden den Rückweg an. Unter-
wegs sprach Dsesse Schikir: „Mein Bogda, der nichts-
würdige Buidong liat . deine dreissig Helden mit sich
fortreissend, die Flucht ergriffen! Welche Schmach deinem
theuern Namen!" Der Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaglian erwiederte: „Mein Dsesse Schikir,
schweige davon! Avährend ich von meiner kleinsten Kind-
heit an die Grausamen unterdrückte und besiedle, sebrauchte
ich den Buidong beständig als Wegweiser. Dieser Bui-
dong ist ein solcher AVegweiser, dass er zum Beispiel in
der finstersten Nacht eine irgendwo hingesteckte Nadel nie
verfehlen wird. Ueberdiess ist er ein vollkommener Meister
in der Kenntniss der Sprachen aller sechs Wesengattungen.
Darum schweige und beschäme ihn nicht! Sein Titel ist
fortan Mergen Tewene.
— 95 —
DRITTES CAPITEL.
Wie Gesser Ghaghan die gestörte Reichsverwaltung
DES KüME GhAGHAN VON GhINA IN OrDNUNG BRINGT.
Die Geinahlinn des Kürae Chaghan von China war
Buddha geworden (gestorben). Nach dem Tode seiner Ge-
mahlinn erliess der Chaghan folgenden Befehl: „In Folge
dieses mich betreffenden (Todesfalles) soll jeder stehende
Mensch stellend trauern, soll jeder sitzende Mensch sitzend
trauern, soll jeder wandelnde Mensch fortwandelnd trauern,
soll jeder essende Mensch fortessend trauern, soll jeder
nicht essende Mensch ungegessen trauern!" Als alles A'^olk
sich über diesen Befehl unzufrieden bezeigte, versammelten
sich die höchsten Würdenträger des Chaghan ausserhalb
(des Pallastes) und hielten folgende Berathschlagung: „Die
Chäninn ist gestorben, ihre Gebeine sollten beigesetzt wer-
den, die Lamas sollten versammelt werden, um von ihnen
Avährend neun und vierzig Tagen Religionsschriften lesen zu
lassen-, es sollten unermessliche Wohlthätigkeitsgaben dar-
gebracht werden, der Chaghan sollte eine andere Gemahlinn
wählen und nehmen , er sollte das ganze Volk erheitern
und vergnügen! Diese Gemahlinn ist ja nicht die einzige
Gestorbene: Jeder und das ganze Volk muss ja einmal
sterben 5 wozu also ein solcher Befehl! Wer лväre nun wohl
im Stande, diesen Chaghan zu erheitern (ihn auf andere
Gedanken zu bringen)?" Zu der Zeit, als sie sich darüber
befragten und Niemand ausfindig machen konnten, lebten
(am Hofe des) Chaghan sieben kahlköpfige Schmiede (Metall-
arbeiter)^ alle Sieben waien Brüder. Der älteste von ihnen
war ein unbesonnener, sich in Alles mischender Kahlkopf,
der aber ein Weib hatte, welches ihn meisterte. Als dieser
kahlköpfige Schmid seine Arbeit vollendet hatte, sprach er
zu seinem Weibe: „Die Minister befragen sich darüber.
— 96 —
wer wohl den Chaghan zur Besinnung zu bringen im
Slaude seyn möchte; diese Dummköpfe wissen es nicht, dass
wenn der Herrscher in den zehn Gegenden, der wohlthätige
Held Gesser Chaghan nicht im Stande ist, ihn zur Be-
sinnung zu bringen, Niemand anders ausser ihm es ver-
mag." Sein Weib entgegnete: „O Weh, was für ein un-
besonnener, verrückter, nichtswürdiger und sündlicher Kahl-
kopf bist du! Woran die Minister des Chaghan nicht ge-
dacht haben, daran willst du sie erinnern! Gehe an deine
vor dir liegende Arbeit und halte das Maul!'- Als der
schwatzsüchtige Kahlkopf merkte , dass sein AVeib ihn
nicht würde gehen lassen, sagte er ihr: „Hole doch Wasser!
auch bin ich halb verhungert; lasst uns doch Essen kochen
und Mahlzeit halten!" Den Boden des Gefasses aber, womit
sein Weib nach Wasser zu gehen pflegte, halte er vorher
durchlöchert. Nachdem er sein Weib nach Wasser forl-
geschickt hatte, begab er sich in die Versammlung der
hohen Beamten und sprach zu ihnen: „Wer, ihr Herren
Minister, ist derjenige, der den Chaghan zur Besinnung zu
bringen im Stande ist? Habt ihr ihn gefunden?" Die Mi-
nister erwiederten: .,Wir haben ihn nicht gefunden; weisst
du etwa Jemand, der den Chaghan zur Besinnung zu brin-
gen vermöchte?" Der Kahlkopf versetzte: „Der Herr-
scher in den zehn Gegenden, der wohlthätige Held Gesser
Chaghan vermag es." Die Minister entgegneten: „Das ist
eine schwere Aufgabe! wenn du ihn nicht herzuschaften
vermagst , лүег sollte sonst ihn herzuberufen im Stande
seyn!" Hierauf erwiederte der Kahlkopf: „Warum nicht?
ich sehe! nur schafft mir ein Pferd und einen Begleiter!-'
Die Kronsbeamten schafften ihm ein Pferd und einen Be-
gleiter, der kahlköpfige Schmid machte sich auf den Weg,
langte bei Gesser Chaghan an und stieg vor dessen
Wohnung ab.
Während diess oreschah, hatte Gesser Chashan durch
magisches Wissen die unbesonnene Schwatzhaftigkeit des
— 91 —
Kahlkopfes erfabren und setzte denselben vor dessen Ein-
treten durch einen Schreckbhck in Vervsirrung, so dass
der Kahlkopf nach seinem Eintritte nicht wiisste, ob er
sich setzen, ob er grüssen oder sich verbeugen sollte, son-
dern verblüfft vor sich hinstarrte. Gesser Chaghan sprach:
„Woher bist du, Taugeuichls? Was für ein nichtswürdiger,
verrückter Kahlkopf bist du dochl dich zu setzen verstehst
du nicht, fortzugehen verstehst du nicht; wie ein Narr bleibst
du da stehen!" Der Schmid gab keinen Laut von sich.
Nun hörte Gesser Chaghan auf, ihn durch seinen Schreck-
blick zu verwirren, der kahlköpfige Schmid kam zu sich,
verbeugte sich und sprach: „Die Gemahlinn des Küme
Chaghan л'Оп China ist gestorben und der Ciiaghan hat
Folgendes befohlen: „Jeder stehende Mensch soll stehend
trauern; jeder nicht wandelnde Mensch soll an seinem Orte
bleibend trauern ; jeder \vandelnde Mensch soll Avandelnd
trauern ; jeder essende Mensch soll essend trauern und
jeder nicht essende Mensch soll ohne Essen trauern!" Hier-
auf hin haben die hohen Beamten des Ciiaghan sich bera-
then und mich hergesandt in der Ueberzeugung, dass wenn
Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegenden
sich hinbegeben würde, der Chaghan wieder zur Besinnung
kommen möchte." Gesser Chaglian rief: „AVas, bin ich
dazu da, alle Chane zu trösten und zu erheitern, wenn ih-
nen ihre Gemahlinnen sterben?" Der Kahlkopf ant\^ ortete
hierauf nichts. Weiter sprach Gesser Chaghan: „Gut,
ich werde hingehen; aber es gibt einen schneeweissen Berg
lind an der Sonnenseite dieses schneeweissen Berges ein
Schneeweisses blockendes Lamm*); das müsst ihr mir her-
schaffen ! Ferner gibt es einen goldenen Berg und auf die-
sem goldenen Berge eine von selbst mahlende goldene
Mühle; diese schaÖ't mir her! Sodann gibt es einen eiser-
nen Berg und auf diesem Eisenberge ein herumhüpfendes
1) Ve.''gl. für die.ses und das Folgende S. 54.
ene
in
m
-■ 98 —
eisenblaues Rind-, dieses schafl't mir her! Ferner gibt es
(noch) einen Goldberg und auf demselben einen von selbst
um sich schlagenden goldenen Stecken j diesen schafft mir
her! Weiter gibt es einen kupfernen Berg und auf diesem
Kupferberge einen kupfeifarbenen bellenden Hund; diesen
schafft mir her! Einen (drillen) goldenen Berg gibt es noch
und auf diesem Goldberge eine herum schwirrende gold
Brejuse; diese schafft mir her! Eine goldene Schlinge, u
die Sonne zu fangen, gibt es; diese schafft mir herl I
Neste des Ameisenkönigs gibt es angesammellen Goldstaub;
diesen bringt mir her! Eine silberne Schlinge, um den
Mond zu fangen, gibt es; diese schafft mir her! Eine Haod-
voll Sehnen von Läus(!n gibt es, diese bringt mir her!
Eine Hornbüchse, gefüllt mit dem Nasenblute des männli-
chen schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her! Eine
Horubüchse, gefüllt mit der Milch aus den Brüsten des
weiblichen schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her!
Eine Hornbüchse, gefüllt mit den Thränen der Jungen des
schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her! Im Meere
gibt es einen saftigen Kry stall von der Grösse einer stei-
nernen Walze; diesen schafft mir her! Sollte diess Alles
aber nicht zu haben seyn, nun so gibt es sieben kahlköpfige
Schmiede, die alle Sieben Künstler seyn sollen; darum
schafft mir die Köpfe dieser sieben Schmiede her! Wenn
ihr mir aber diese mancherlei '.Kostbarkeiten nicht schafft,
so werde ich nicht kommen." — „Gut!" sprach der Kahl-
kopf und trat den Bückweg an.
Bei seiner Heimkunft erzählte er die Worte Gesser
Chaghan's. Die Kronsbeamlen riefen: „O Weh, wo sol-
len wir so vielerlei Kostbarkeilen finden; könnten wir auch
nur ein einziges davon habhaft werden! was aber die For-
derung betrifft, das Gehirn der sieben kahlköpfigen Schmiede
heizuschaffen, dazu kann Ralh werden; wir tödlcn die Sie-
ben und machen ihm mit ihrem Gehirn ein Geschenk."
Diess gesagt, erschlugen sie die Sieben und sandten die
I
— 99 —
sieben Köpfe durch zwei Boten, welche sie dem Gesser
Chaghan überbrachten. „Gut ist es, dass ihr mir zu eiuem
nöthigen Geschäfte Menschenköpfe bringt", sprach dieser,
setzte einen mit Fleisch angefüllten Kessel zum Kochen und
kochte in einem andern Kessel die sieben Menschenköpfe.
Die beiden Gesandten des Küme Chaghan sassen voll
Furcht und dachten: „Es scheint, dass Gesser Chaghan
unsere mitgebrachten sieben Menschenköpfe kocht, um uns
damit zu bewirthen." Indess nahm er das SchafFleisch aus
dem Kessel und setzte es den beiden Gesandten vor^ die
sieben Menschenköpfe hingegen Hess er ganz zerkochen
und nahm blos das Schadelgebein heraus, aus welchem er
sieben Trinkschalen verfertigte. Unterdessen sprach er zu
den beiden Boten: „Jetzt geht in eure Ileimathj ich werde
bald nach euch kommen." Die beiden Boten traten hierauf
den Rückweg an.
Nachdem die sieben Trinkschalen aus den Schädeln
fertig waren, distillirte er aus Branntwein Arasa (Doppel-
branntwein), sodann aus Arasa distillirte er Chorasa, aus
Chorasa distillirte er Schi rasa, aus Schirasa distillirte er
Borasa, aus Borasa distillirte er Tagpa, Tigpa, Marfea
und Mirba, in Allem sieben Arten Chorasa (sehr star-
ken Branntwein), welche er durch ein Beutelsieb seihte
und dann die sieben Arten Chorasa darbrachte, indem
er sie durch einen Wirbelwind zu seiner Grossmutter
Absa Gürlse liinaufschickte. Die Grossmutler Absa
Gürtse empfing das Getränk, genoss es und wurde davon
berauscht. „Ist etwa mein Rotznäschen gekommen", rief
sie, лоп oben herabschauend. — Gesser rief: „Mütterchen,
ich möchte dich gern besuchen; lass mir. doch eine Leiter
herab!" — „Mit Rechl, mein Lieber!" erwiederte die Gross-
mutter und liess eine Strickleiter herab. Gesser rief:
,,Wie, mein Mütterchen, ist es deine Absicht, dass ich,
dein einziger Enkel, herabfalle und den Hals breche, dass
du mir eine Strickleiter herabsenkest? lass eine Kettenleiter
1*
— 100 —
herab!" Die Grossmutler senkte hierauf eine Kellenleiter
herab, Gesser Chaghan stieg dieselbe hinan und kam zur
Grossmutter. Er sprach zu ihr: „Mein Müllerchen! Rogmo
Goa, mein Weib, deine unwürdige Schwiegertochter, hat mir
erzählt, dass ihr A'aler Sengeslu Chaghan eine Menge
Kostbarkeilen besitze, als: einen schneeweissen Berg, auf
dessen Sonnenseite ein schnecw eisses Lamm blockt, eine «rol-
dene Mulde, ein eisenblaues Kind, einen goldenen Stecken,
einen Hund mit kupferner Schnauze, eine goldene Bremse,
eine Handvoll Sehnen von Läusen, eine mit Nasenljlut von
Ameisen gefüllte Hornbüchse, eine goldene Schlinge zum
Fangen der Sonne, eine silberne Schlinge zum Fangen des
Mondes, eine Hornbüchse voll Nasenblut des männlichen
schwarzen Adlers, eine Hornbüchse voll Milch aus den
Brüsten des weiblichen schwarzen Adlers, eine Hornbüchse
voll Thränen aus den Augen der Jungen des schwarzen
Adlers, einen saftigen Kryslall aus dem Meere; — ist diess
wahr oder gelogen?" Die Grossmutler erw'iederle: „Woher
sollte jener Nichtswürdige alle diese Kostbarkeiten herhaben;
ich aber besitze sie Alle!'' — „Wo ist diess Alles, Müt-
terchen, zeige es mir doch!" entgegnete Gesser, worauf
die Grossmutler sprach: „Warum sollt ich nicht, mein Lie-
l)er, dort in jenem verschlossenem Kästchen sind sie; da,
nimm!" Mit diesen Worten gab sie ihm den Schlüssel, den
Gesser nahm, das Schloss öffnete, und während die
Grossmutler seitwärts blickte, die mancherlei Kostbarkeilen
aus dem Kästchen nahm und in den Busen steckte. Dann
sprach er. „Nun, mein Mütterchen, habe ich dich besucht;
jetzt muss ich wieder nach Hause!" Als er mit diesen
Worten die Kellenleiler hinabzusteigen im Begriff war, rief
die Grossmutler: „Mein lieber Joro, warum eilst du so
sehr nach Haus? wie wäre es, erst eine Suppe bei mir zu
essen?" Gesser entgegnete: „Mütterchen, icb Labe dich
gesehen und das ist mir genug! Was liegt mir an Thee und
Suppe." — Mit diesen Worten stieg er die KetleDleiler
— 101 —
vollends hinab. Zu der Zeit war es Sitte, wenn man
Jemand das Ausgeleite gab, ihm Asche nachzuwerfen. So
rief denn auch die Alte: „Lebe wohl, mein Lieber!" und
warf ihm Asche nach. Diese Asche sind, sagt man, die ein-
zeln zerstreuten лveissen Wölkchen (Schäfchen) am Himmel.
Nachdem Gesser Chaghan auf die Erde herabgestie-
gen war, breitete er seinen Rockschooss ans und untersuchte,
sie auseinander legend, die vielerlei Kostbarkeiten. Alle
diese Kleinodien waren da , mit Ausnahme von Vieren,
nämlich des Nasehblutes des männlichen schwarzen Adlers,
der Milch aus den Brüsten des weiblichen schwarzen Adlers,
der Thränen aus den Augen der Jungen des schwarzen
Adlers und des saftigen Krystalls aus dem Meere." O Weh,
rief Gesser, indem ich meine Herabkunft beschleunigte,
habe ich von den vielen Kostbarkeiten vier derselben mit-
zunehmen versäumt 5 woher soll ich sie nun nehmen!"
Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
gab dem am Himmel sich aufhaltenden männlichen schwar-
zen Adler einen Traum ein. Als der Adler des Morgens
bei Tagesanbruch erwachte, sprach er zu seinem Weibchen:
Seit meiner Geburt habe ich keinen solchen Traum gehabt 5
mir träumte nämlich in dieser Nacht, dass am Ursprünge
des Stromes Nairandsa eine durch achtjährige Unfrucht-
barkeit fett gewordene, krepirle bunte Kuh liege, und dass
icTi hinging, ihr Fleisch zu verzehren. Was für ein herr-
licher Traum war das." Sein AVeib entgegnete hierauf:
„Es ist gegen Sitte und Gebrauch, dass am Himmel sich
aufhallende Wesen sich auf die Erde herab auf dort lie-
gendes Aas senken, so лvenig es Sitte ist, dass auf der
Erde wandelnde Wesen sich zum blauen Himmel erheben.
Als Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegen-
den geboren wurde, geschah diess in einer Menschenhnut;
man sagt, dass er sich in allen zehn Gegenden verwandeln
könne; vielleicht ist jenes Fleisch seine Spfise und (jenes
Wasser, der Fluss) sein Trank. Du Li^l unbekannt mi^
— 102 —
der List eines Menschen, der über magische Verwandhm-
gen gebietet, deshalb bleibe hier^ gehe nicht hin!" Der
Adler versetzte: „Ich ^\erde am Himmel kreisend imihei-
schweben und wenn kein Mensch da ist, mich herabsenken ^
ist aber ein Mensch da, so drehe ich um imd komme zu-
rück. Ich muss doch sehen, ob mein Traum Wahrheit
oder Täuschung ist.-' Mit diesen Worten entfernte er sich
und sein Weib, das ihn nicht zurückhalten konnte, blieb
zurück. Der Herrscher in den zehn Gegenden G e s s e r
C h a g h a n hatte eine durch achtj^irige Unfruchtbarkeit
fett gewordene bunte Kuh geschlachtet und ihren Körper
an den Quellen des Stromes 3iairandsa hingelegt. Leber
die Brust des Thieres hatte er seine eiserne neunastige Fang-
schlinge aufgestellt. Für sich selbst hatte er eine Grube
gegraben, in welcher er, den Zugfaden der Schlinge hal-
tend, versteckt lag. Unterdessen kam der männliche schwarze
Adler, kreiste am Himmel umher und senkte sich, als er
fand, dass kein Mensch da war, herab. Er fing mit dem
Hintertheile der Kuh an , iiass weiter bis zur Brust und
nun zog Gesser Chaghan an die Schnur seiner neunar-
migen eisernen Fangschlinge und fing den Vogel. Nach-
dem er ihn gefangen hatte, liess er ihn herumspringen, und
während er sich dabei den Schnabel zex'Stiess, sammelte
Gesser eine HornJ>üchse voll von dessen Naseublute. Ln-
terdessen schwebte das AVeibcheu des Adlers weinend am
Himmel umher und rief ihrem Manne zu: „Habe ich es dir
nicht gesagt? jetzt ist dir der Tod gewiss I " Gesser
Chaghan, der mittels seines magischen AVissens die Trau-
erworte des weiblichen Adlers verstand, sprach zu ihr:
,ЛҮе1ЬЦсЬег schwarzer Adler I dein Männchen werde ich
nicht tödlen^ dvi aber schafte mir aus deinen Brüsten einjE;
Hornbüchse vpll IVIüch und aus den Augen deiner Jungen
eine Hornbüchse лоП ihrer Thränen. Ferner gibt es im
Meere einen saftigen Krystall von der Grösse einer steiner-
nen Walze, den schaffe mir herl diese drei Sachen schafle
— 103 —
herbei! wonicht, so werde ich dein Männchen tödten."
Bei diesen Worten Hess er den gefangenen Adler springen
und flallern. Der weibliche Adler erwiederte: „Herrscher
in den zehn Gegenden! furchtbarer Gesser Chaghan,
lüdte ihn nicht! ich werde die (verlangten) Sachen zu schaf-
fen suchen." Mit diesen Worten entfernte sie sich, säugte
ihre Jungen nicht und sammelte dadtirch eine Hornbüchse
voll Milch aus ihren Brüsten. Sodann quälte sie ihre Jun-
gen bis zum Weinen und sammelte eine Hornbüchse voll
Thränen aus ihren Augen. Zuletzt fand sie auch im Meere
den saftigen Krystall von der Grösse einer steinernen Walze
und holte ihn heraus. Diese drei Sachen brachte und über-
lieferte sie dem Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan, worauf sie sich mit ihrem Männchen entfernte.
Sobald der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan alle seine Kostbarkeiten beisammen halte, machte
er sich auf den Weg zum Küme Chaghan von China.
Daselbst angelangt, ging er sogleich in die Behausung (den
Pallast) desKüjne Chaghan und fand denselben, seine ver-
storbene Gemahlinn in den Armen haltend, sitzen. Gesser
Chaghan sprach zu ihm: „Chaghan, handelst du nicht
ganz verkehrt? es ist nicht Sitte, dass ein todter und ein
lebendiger Mensch beisammen bleiben. Wenn sie beisam-
men bleiben, so ist diess für den Lebenden von schlechter
A'^orbedeutung. Die Gebeine deiner Gemahlinn beisetzen
zu lassen, die gesammte Geistlichkeit zu versammeln und
Religionsgebräuche verrichten zu lassen, wäre, nebst Spen-
dung von milden Gaben, das Erforderliche. Dein guter
JRuf und deine Ehre vor der Welt erfordern es ferner,
dass du eine (neue) Gemahlinn nehmest, und dem ganzen
Volke Freude und Zufriedenheit bereitest." Küme Cha-
ghan sprach: „Wer und woher ist dieser verrückte Mensch?
nicht nach einem Jahre , sogar nicht nach zehn Jahren
werde ich diese (die todtc Gemahlinn) von mir lassen." —
;;Weun dem so ist, kann dem Chiighau nicht geholfen wer-
_ 104 —
den'% sprach Gesser Chaghan und ging hinaus. Nachdem
Küme Chaghan eingeschlafen war, kam Gesser wie-
der, stahl die lodte Gemahlinn von seinem Schoosse und
legte ihm dafür das Aas eines Hundes in den Schooss. Beim
Erwachen sprang Küme Chaghan auf und rief: „O Weh,
O Weh! der Menseh von gestern hat \vahr gesprochen!
Meine Gemahlinn ist, während sie (bei mir) lag, zum Hunde
geworden! Nehmt diess weg und werft es hinaus!'' Wäli-
rend diess geschah, sprach einer der Thürhüter : ,.Der
Gesser Genannte kam herein und hat sie (die todte Ge-
mahlinn) weggenommen ; aus Furcht konnnle ich nicht
schreien." Der Chaghan rief: „O Weh, O ^Vch, dieser
Gesser hat meine Gemahlinn Aveggenommen ! hülle er blos
von meinem Schosse entfernt, was für den Lebenden sünd-
lich und verderblich ist, wozu hat er mir aber den Hund
(in den Schooss) geworfen? Dafür soll er sterben!" Diess
gesagt Hess er den Gesser in die Schlangengrube werfen.
Gesser spritzte ein wenig Milch aus den Brüsten des
ЛА eiblichen schwarzen Adlers auf die Schlangen 5 davon
wurden sämmlliche Schlangen vergiftet und krepirten. —
Die grossen Schlangen brauchte der Herrscher in den zehn
Gegenden Gesser Chaghan sodann als Kopfkissen und
die vielen kleinen als Lagerstätte. Nachdem er also über-
nachtet hatte, sang er des Morgens beim Aufstehen: „ Ich
glaubte, dass dieser Chaghan, als er mich in die Schlangen-
höhle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich durch Schlan-
gen könnte tödten lassen; nun aber ist es ein Chaghan,
der sich darüber freuen mag, dass er seine Schlangen durch
mich hat tödten lassen." Der Hüter der Schlangenhöhle
verfügte sich zum Chaghan und berichtete alle Worte, die
Gesser Chaghan gesungen hatte; er sprach: ,. Dieser
Mensch ist nicht todt, vielmehr hat er alle unsere Schlangen
gctücUet, liegt jetzt und singl." Küme Chaghan befahl
nun, ihn in die Ameisenhöhle zu werfen. Gesser wuide
hinein geworfen. Er spritzte von dem Nasi-nblute des
— 105 —
männlichen schwarzen Adlers auf die Ameisen , wovon sie
sämmllich vergiftet starben. Nachdem Gesser Chaghan
die Ameisen gelödtet hatte, sang er: „Ich glaubte, dass
dieser Küme Chaghan, als er den Gesser in die Amei-
senhühle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte
tödten lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darü-
ber freuen mag , dass er seine Ameisen durch mich hat
tödten lassen." Der Hüter der Ameisenhöhle begab sich
zum Chaghan und berichtete ihm: „Jener Mensch hat alle
unsere Ameisen getödtet, liegt jetzt munter da und singt."
]Jer Chaghan befahl hierauf, ihn in die Läusehöhle zu wer-
fen. Gesser Chaghan streute ein wenig von seinen Läuse-
sehnen auf die Läuse , wovon sämmtliche Läuse starben.
Nachdem er die Läuse getödtet halle, sang Gesser: „Ich
v\'ar der Meinung, dass dieser Chaghan, als er mich in die
Läusehöhle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte
lödlen lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darü-
ber freuen mag, dass er seine Läuse durch mich hat tödten
lassen." Der Hüter der Läusehöhle begab sich zu seinem
Cliaghan und berichtete: „Jener Mensch liegt da und singl,
nachdem er alle unsere Läuse getödtet hat." Der Chaghan
befahl: „So w^erfl ihn in die Wespenhöhle!" Diesem Be-
fehle gemäss nahmen sie den Gesser und warfen ihn in
die Wespenhöhle. Er liess seine goldene Bremse los,
welche alle Bienen und Wespen vernichtete. Nachdem er
die AVespen gelödtet hatte, sang er: „Ich war der Meinung,
dass dieser Chaghan, als er mich in die Wespenhöhle wer-
fen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte tödten lassen;
nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag,
dass er seine Wespen durch mich hat tödten lassen." —
Der Hüter der Wespenhöhle ging hin und erzählte seinem
Cbaghan alle Wf)rle Gesser 's, worauf dieser in die Höhle
der wilden Thiere geworfen wurde. Gesser Chaghan
liess seinen Hund mit kupferner Schnauze los, welcher
alle wiklc Thicrc \ciijicljlclc. Dann sang Gesser Cha-
— 106 —
ghan: ., Ich glaubte, dass tlicser Chaghan . als er den
Gesser iii die Höhle der \л1к1еп Thicre werfen liess, ein
Chaghan sey, der ihn könnte lödlen lassen; nun sber ist es
ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, dass er seine
wilden Thiere durch mich hat tödlen lassen." Der Hüter
dieser Höhle ging zu seinem Chaghan und bcrichlete ihm
„Jener Mensch ist nicht todt-, vielmehr hat er alle unsere
wilden Thiere getödlet, liegt jetzt da und singt." Der
Chaghan befahl: „So werft ihn in das finstere Loch!" Mit
seiner die Sonne fangenden goldenen Schlinge und mit sei-
ner den Mond fangenden silbernen Schlinge fing Gesser
Chaghan die Sonne und den Mond, und übernachtete, das
finstere Loch dadurch erleuchtend. Als Gesser aufstand,
sang er: „Ich 'glaubte, dass dieser Chaghan, als er den
Gesser in das finstere Loch werfen liess, ein Chaghan sey,
der ihn tödten könnte ; nun aber ist es ein Chaghan, der
sich darüber freuen mag, dass er sein finsteres Loch durch
Gesser hat erleuchten lassen." — Der Hüter des Loches
begab sich zu seinem Chaghan und berichtele ihm alle
Worte Gesser 's, worauf der Chaghan befahl, ihn ins Meer
zu werfen. Diess geschah, aber Gesser umfasste seinen
saftigen Krystall von der Grösse einer steinernen Walze
und da geschah es, dass so wie er hineingCAvorfen \\urde,
das Meer sich in zwei Theile theilte und trocken wurde,
so dass Gesser um seinen Krystall herumhüpfend sang:
„Ich glaubte, dass dieser Chaghan, als er den Gesser ins
Meer werfen liess, ein Chaghan sey, der ihn tödten könnte;
nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag,
däss er durch Gesser sein Meer hat trocken legen und
seinem Volke das Wasser hat entziehen lassen. •' Der
Mensch, der den Gesser ins Meer geworfen halle, begab
sich zum Chaghan und berichtete ihm: „Jenef Mensch ist
nicht lodt; das Meer ist vertrocknet und solcherlei Gesang
singt er." Der Chaghan befahl: „So setzt ihn auf den
kupfcriien Esel und lödlel ihn, indem ibv von vier Seilen
__ 101 ~
vier grosse Blasbälge in Wirksamkeil setzt!" Gesser Cha-
ghan nahm die schwarze, durchaus risslose, Kohle von der
Grösse eines Pferdekopfes heimlich zu sich und bestrich
sich damit. Als die Blasbalgtreter kamen und von vier Sei-
len ein grosses Feuer durch Blasen anfachten, liess er, als
das Feuer ihm nahe kam, durch magische Kraft aus sich
selbst Wasser strömen und löschte damit das Feuer voll-
ständig aus. Nachdem Gesser das Feuer ausgelöscht hatte,
sang er in früherer Weise. Die Blasbalgtreter gingen hin
und berichteten: „Jener Mensch ist nicht gestorben 5 so und
SU hat er gesungen.'- Der Chaghan befahl: .,So tödlet ihn,
indem ihr ihn mit scharfen Waflfen zusammenhauet!" Als
sie nun anfingen auf Gesser Chaghan zu schiessen und
zu hauen, liess er durch magische Kraft mittels seines gol-
denen Steckens die Waff'en zerschlagen und zertrümmern.
Da sie ihn niclit lödlen konnten, gingen sie hin und be-
richteten dem Chaghan : „ Was das für ein sündlicher
Mensch ist! jetzt wissen wir kein Mittel mehr, ihn zu töd-
ten: es ist uns unmöglich! der Ciiaghan möge selber ent-
scheiden!" Der Chaghan befahl: „So sammelt eine Anzahl
Lanzen (damit Bewaffnete) und tödlet ihn, ihn auf die Spi-
tzen der Lanzen nehmend!" Als sie nun den Gesser Cha-
ghar fortführten, nahm derselbe seine goldene Mühle mit
und sprach betrügerisch und zum Schein: „Gegen diese
(Todesarl) habe ich kein Mittel 5 nun ist mein Tod gewiss!"
Gesser Chaghan hatte die Tochter des Kü'me Cha--J
ghau, Namens Küne Goa, durch jaagisches Wissen ken--
nen gelernt, er sprach: „Dieser Nichtswürdige hört nicht
auf, dich auf alle Art zu quälen." Gesser Chaghan be-
festigte nun einem Papagei einen lausend Klafter langen
seidenen Faden an den Fuss, fasste das Fadenende und
that, als wolle er den Papagei als Boten in seine Heimath
schicken. Auf der Brustwehr der Feste rief er dem Pa-
pagei mit lauter Stimme zu: „Mein Papagei, mache dich
schnell аи1Чи'пЛҮс!^! denn der K um c Chaghan von China
— 108 —
will den Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
lödlen. Sage meinen drei, mich übertreffenden, Helden,
dass sie kommen sollen I Sage auch meinen drei, mir glei-
chen Helden, dass sie kommen sollen! Sage dasselbe auch
meinen drei Helden, geringer als ich! Meine (übrigen)
dreissig Helden mögen hernach kommen ! Meinen neun
Helden f^age, dass sie kommen sollen, das Schloss und die
Stadt dieses Chaghans zu zerstören und ihn selbst aufs
schmählichste umzubringen! Sage ihnen, dass sie vor sei-
nen Augen Alles in Asche verwandeln, dass sie vor seinen
Blicken Alles in sch^varze Kohle verwandeln und dass sie
sein ganzes Volk wegführen sollen! nun mache dich auf
den Weg, mein Papagei!" Der Papagei flog davon und
Gesser Chaghan hielt das Ende des seidenen Fadens.
Küme Chaghan und Alle um ihn hatten die "Worte ge-
hört; sie riefen: ,.0 Weh, was thut er! den einzelnen
Gesser waren wir nicht im Stande umzubringen und nun,
wenn die neun Helden kommen sollten, wird von uns nicht
das Geringste übrig bleiben! O Gesser Chaghan, rufe
doch deinen Vogel zurück! wir werden dir Alles geben,
was du forderst." Gesser erwiederte: „Mein Л^ogel ist
schon zu Aveit geflogen; ich mag nicht!" Nun verbeugten
sich Alle vor ihm und riefen: „Befiehl Avas du willst, wir
werden deinem Befehle nachkommen!" Da sprach Gesser
Chaghan: „Gut! wirst du mir deine Tochter Küne Goa
geben? dann werde ich versuchen, ob ich meinen Vogel
zurückrufen kann." Küme Chaghan erAviederte: ..Ich
werde sie dir geben; warum sollte sie mir leid seyn!"
Da rief Gesser Chaghan: .,Komm, mein Papagei! und
winkte dabei in magischer Weise, während er den lausend
Klafter langen seidenen Faden anzog und den Vogel zu-
rücknahm. Küme Chaghan nahm den Gesser Chaghan
mit in seine Behausung und richtele ein grosses Fest an.
Seiner Tochter Küne Goa sagte er heimlich: „Meine liebe
Kiine Goal ich muss dich dem Gesser geben; denn wenn
— 109 —
du ihn nicht nimmst, so wird er uns tödten und dich den-
noch nehmen." Küne Goa erwiederte: „Mein Vater, es
scheint dem Verlangen des Herrschers in den zehn Ge-
genden, Gesser ChagJian's gemäss zu seynj wenn er
das Leben meines Vaters bedroht, warum sollte ich ihn
nicht nehmen?" Der Chaghan genehmigte diese Worte
und gab die Küne Goa dem Herrscher in den zehn Ge-
genden Gesser Chaghan zur Gemahlinn.
Nachdem Gesser Chaghan die Küne Goa genommen
lialte, verblieb er drei Jahre daselbst. Nach Ablauf der
drei Jahre sprach Gesser Chaghan zu Küne Goa:
„Deinen Vater habe ich beruhigt und vergnügt gemacht;
bei dir und in deiner Nähe habe ich drei Jahre gelebt;
jetzt kehre ich heim, komme aber wieder her, wenn ich
meine Hauswirthschaft und meinen Viehstand untersucht
haben werde," Küne Goa erwiederte: „O Weh, was
sprichst du da, mein Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaghan! entweder bleibst du hier oder ich ziehe
mit dir! was soll ich hier allein bleiben!" — ,,Gut, ver-
setzte Gesser Chaghan, wir wollen ein Zeichen zwischen
uns Beiden entscheiden lassen! lasst uns ausserhalb des
Schlosses übernachten!" Gesser bestieg seinen magischen
Braunen und Küne Goa ihr Blauschimmel - Maulthier mit
einer Blässe und beide ritten znm Schlosse hinaus, um
draussen zu übernachten, wobei sie folgendes Zeichen ver-
abredeten: „Wenn dein Vorschlag gelten soll, dass wir
Beide hier bleiben sollen, sprach Gesser, so soll sowohl
mein magischer Brauner als dein Maulthier zum Schlosse
herwärts den Blick gerichtet übernachten. Wenn aber dein
Vorschlag ungültig, meiner aber gültig seyu soll, so muss
der Blick meines magischen Braunen abwärts und nach der
Gegend meiner Heimath gerichtet seyn." Dieser Verabre-
dung gemäss legten sich Beide schlafen. Der Herrscher
in den zehn Gegenden Gesser Chaghan ging am andern
— 110 —
Morgen früh hinaus, um nachzusehen und fand, flass Beide,
das Pferd und das Maulthier ihren Blick nach dem Sclilosse
hin gerichtet halten. „Was, rief er, soll das von dir bedeuten,
wein magischer Brauner! kehre deinen Blick nach der Ge-
gend meines Hauses!'- Der magische Braune kehrte seinen
Blick nach derGegend der Heimath und Gesser Ghaghan
weckte die Rune Goa mit den Worten: „Der Morgen
bricljt an, stehe auf! Nun, лл-ir haben uns ja nach Л^егаЬ-
redung eines Zeichens schlafen gelegt: jetzt lasst uns sehen,
wessen Vorschlag güllig und wessen \"orschlag ungültig ist!
lasst uns nach dem Pferde und dem Maulthier sehen!" Küne
Goa ging hinaus, sähe nach und sprach dann: „Dein Vor-
schlag ist gültig, der meinige ist ungültig! Die Rückkeln-
hängt von deinem Beheben ab; vsenn Gesser Chaghan,
mein Herr, zurückkehren will, so mag es geschehen!" Beide
stiegen auf; der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan begleitete die Küne Goa, weil sie allein war,
bis zum Schlosse und trat dann seine Heise au.
Unterwegs kam Gesser Chaghan an einen sehr hohen
Berg und dachte: .,Л on so lange her bis jelzt sind meiner
verrichteten Thaten schon so viele; nun will ich, mich
Betrachtungen überlassend, hier bleiben." Während er da
sass, kamen die drei siegreichen Schwestern, nebst dem
Boa Dougtsong Garpo Genannten herab und sprachen:
„Unsd* liebes Rötznäschcn! der Obertheil deines Körpers
zeigt die Fü'l'le der Buddhas der zehn Gegenden; der Mittel-
lheil deines Körpers zeigt die Fülle der vier grossen Göt-
ter! Der Untertheil deines Körpers zeigt die Fülle der vier
grossen Drachenfürsten-, welchen du züchtigest, dessen Sün-
den fallen afb; welchen du tödtest, dessen Seele wird ei>-
i'ettet. Bist du nicht Gesser Chaghan, der Herr dieses
Dschambudwips? was für eine höhere Buddhageburt g^r-
denkst du dü^ch dein Hiersitzen zu erwerben?" Gesser
sprach: „Meine Schwx'storn haben Kechl I weil ich und
mein Pferd von Müdigkeit erschöpft waren, verweilli-n wir
— 111 —
hier; jetzt lasst uns aufbrechen!" Mit diesen Worten stieg
er zu Pferde.
Als Ge SS er Ghaghan seine Reise fortsetzte und gegen
Morgen nicht fern mehr vom ^iele derselben war , lag
Rogmo Goa unter ihre Zobeldecke verkrochen schlafend.
„Meine Rograo Goa! statt wie ein rothes Kalb im zwei-
ten Jahre im hohen Grase verkrochen zu liegen, wäre es
besser von. dir, gleich einem auf dem Gipfel hoher Berge
laufenden Hirschkalbe, bei Tagesanbruch aufzustehen und
um dich herum zu schauen," (rief Gesser aus der Ferne).
Rogmo Goa stand auf und zog sich an. In Rogmo's
Hause befand ich ein Diener, Namens Nantsong; sie rief:
„Stehe auf, mein wackerer Nantsong!" Der Diener
N an tsong stand auf. Sie rief ferner: ,j Stehe auf, wackerer
Nantsong, entferne dich laufend und komme im Trott
wieder ! Inwendig lege goldgeränderten trockenen Mist und
draussen herum silbergeränderten! Das Wasser ist der Mut-
ter gleich : giesse reichlich davon ein ! Das Salz ist dem
Tochtersohne gleich: lege wenig hinzu! Der Thee ist dem
Vater gleich: lege massig hinein! Die Milch ist dem müt-
terlichen Oheim gleich: giesse reichlich hinzu! Die Butter
ist dem Fürsten glefcli : lege wenig hinzu ! W^enn es siedet,
so stelle es dir als ein wogendes Milchmeer vor! Wenn
du es herausschöpfest, so stelle es dir vor, als wenn die
GeistUclxkeit Religionsschriften läse ! Beim Trinken stelle
CS dir vor als einen in sein Loch schlüpfenden Altan
Tsegtsegei! Der Vertilger der Wurzel der zehn Uebel in
den zehn Gegenden, mein theurer Bogda ist im Anzüge
begriffen; beeile dichj den Thee zu kochen!" Der wackere
Nantsong entgegnete seiner Gebieterinn Rogmo Goa:
„Was soll dieser dein Befehl bedeuten? Dein Körper ist
zwar einem goldenen Kasten gleicht dein Inneres aber, als
wären rohes Leder und Sehnen in diesen Kasten geworfen.
Mein Körper hat zwar Aehulichkeit mit dem Schmecibauch
eines Pferdes, mein Inneres aber ist, als wäre es mit dem
— 112 —
köstlichsten Seidenstoff ausgefüllt. Gedenkst du den Herr-
scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan mit einem
blossen Kessel Thee zu vergnügen? Gib dem am Ursprünge
des Löwenllusses wohnenden Oheim Arslan davon Kunde!
gib dem am Ursprünge des Elephantcnüusses wohnenden
Oheim Saghan davon Kunde! Gib Kunde dem Dsesse
Schikir, seinem Bruder! Gib Kunde den dreissig Helden
und den dreihundert Hauplleuten! Schicke Botschaft den
drei Volksstämmen! dass sie Alle mit Gaben zu einem
grossen Feste zum Besuche erscheinen ! Ist Unrecht in diesen
meinen Worten? ,,Diess gesagt verbeugte er sich und Rogmo
Goa erwiederte: ,,Du hast wahr gesprochen, mein Nan-
tsong! nimm Eilpferde und beordere sie Alle her, damit
sie ihren Gesser Chaghan besuchen!' Der wackere
Nantsong nahm Eilpferde und beorderte sie her. Sie
kamen alle mit Freuden, brachten Gaben zu einem grossen
Feste mit und besuchten ihren Gesser Chaghan. Darnach
zerstreute sich alles Volk und ging nach Hause.
VIERTES CAPITEL.
Gesser's Zug gf.gen den zwölfköpfigen Riesen. Er
tödtet denselben, vernichtet dessen ganze slppschaft
und befreit seine, ihm vom zwölfköpfigen riesen
GERAUBTE, GeMAHLINN ArALGHO GoA.
Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
hielt den Aufenthaltsort seiner Gemahlinn Aralgho Goa*)
vor dem Volke verborgen; dass derselbe eine Strecke von
mehr als einen Monat Weges entfernt lag, wusste das Volk
nicht; der Fürst Tschotong wusste es aber und machte
sich dahin auf den Weg. Er bestieg seinen Küne Birawa
i) Vergl. S. 48.
— 113 —
genannten Gelbscheck, gürtete sein Bogengeräthe um und
machte sich auf den Weg. Als er bei der Tümen Dschir-
gh alang*) ankam, sprach er zu ihr: „Meine geliebte, schöne
Schwägerinn! Zeigt derjenige, der sich Herrsclier in den
zehn Gegenden Gesser Chaghan nennen lässt, dir auch
nur seineu Schalteu? Nachdem er die Koichspflegc des
Küme Chaghan von China in Ordnung gebracht, und die
Küne Goa zum Weibe genommen, ist er nach dreijähriger
Abwesenheit zurückgekommmen, sitzt jetzt bc' der Rogmo
Goa und kommt nimmer zu dir. Wenn du abwärts blickest,
erweckest du die Lust von zehnlausend Mensclien und wenu
du herwärts blickest , erweckest du das Vergnügen von
zehntausend Menschen, und du, meine geliebte, schöne und
reitzende Schwägerinn, musst also leiden! ich л\И1 dich
nehmen!" Tümen Dschirghalang erwiederte: „O Weh,
O Weh, Oheim Tschotong, was bedeuten diese deine
Worte! Wenn auch zehnlausend Fürsten Tschotono zu-
o
sammen herkämen, könnten sie den Vergleich mit einem
einzigen Schattenbilde im Traume von meinem Gesser
aushalten? Diese deine Worte möge der blaue Himmel da
oben hören! die braune Erdfläche hier unten, unsere jetzige
Mutter, möge sie hören! den sich bewegenden Wesen,
welche sie hören, mögen die Ohren taub werden! die Au-
gen mögen ihnen zerplatzen ! diese deine Reden sind Worte,
die man nicht in den Mund nehmen darf! Sitze ruhig und
still , geniesse deinen Thee und deine Mahlzeit und kehre
dann nach Hause!" Hierauf bewirthele sie ihn aufs Beste
und schickte ihn dann nach Haus. Tscholong kam zurück,
nächtigte sieben oder achtmal zu Hause und kam dann лvie-
der. Er sprach zu Tümen Dschirghalang: „Meine vielge-
liebte, schöne Schwägerinn, du leidest auf eine jammervolle
Weise, ich will dich nehmen!" Tümen Dhirghalang er-
2) Unter diesem Namen erscheint Aralgho Goa im Verfolg
dieser Sage fast beständig; er bedeutet „Zehntausend Freuden."
8
— 114 —
wiederte: ,.0 Weh, Oheim, waren meine frühern Worte
etwa nicht die eines Menschen? Hat mein Gesser Cha-
ghan. der Herrscher in den zehn Gegenden und Sohn der
machtvollkommenen eлvigen Gottheit mich etwa verlassen?
hat er etwa heule mich dir, Fürst Tschotong, überliefert?
Hat der Sohn der reinen Gottheit Tuschita^), der Herr-
scher in den zehn Gegenden, mein Gesser Chaghan
mich etwa verlassen? Hat er mich etwa seinem Oheim,
dir, dem Fürsten Tschotong, überlassen? Habe ich nicht
immer erklärt, dass du ein Nichtswürdiger seyest? Hast du
mich, deine Schwägerinn, je als leichtsinnig oder lüderlich
erkannt? Welchen Namen verdiente ich, wenn ich meinen
Ruf nicht gegen dich Ijehauptelc I" Dann rief sie: „Kommt
her, ihr Holknechte, und bringt euie Stücke und Prügel
mitl" Sie kamen, prügelten den Fürsten Tschotong mit
sammt seinem Pferde durch , nahmen ihm sein Pferd ab
und liessen ihn zu Fussc abziehen. Der Fürst Tschotong
brauchte auf seinem Heimwege für einen Monal AVeges
zwei Monate. Der Fürst Tschotong, der ganz geschunden
nach Hause kam, gebrauchte Heilmittel, wodurch er wieder
hergestellt wurde.
Nachdem der Fürst Tschotong sieben bis acht Tägfe
zu Hause geweilt halle, dachte er: „Sollte ich nicht ein
Mittel finden, dich, Tümen D seh irgh alang, von Gesser
zu trennen!" Er nahm für hundert Tage Proviant mit und
begaJ? sich zur Höhle des Fluches. Diese halle die Eigen-
schaft, einem ]\Ienschcn, es mochte seine Absicht seyn, Л'ег-
gnügen oder Leid zu schaflen , als Mensch im Traume zu
erscheinen und mit ihm zu sprechen. Als er bei der Höhle
des Fluches ankam, lag er daselbst drei volle Monate, dessen
ungeachtet wollte dem Fürsten Ts<:holong nichts in den
Sinn kommen. „O Weh, rief er, hast du, Höhle der
Verwünschung, deine prophetische krall \erloren?*" ich,
3) Name eiaer der höchsten Göllerregionen des Wehsysten»;.
— 115 —
Tschotong, sitze nun auf dem Trockenen (habe mich auf-
gezehrt); welches schhmme Schicksal!" Nun blieb er noch
neun Tage lang ohne Nahrungsmittel liegen, als in der
darauf folgenden Nacht die Höhle der Verwünschung in
Menschengestalt dem Tschotong im Traume erschien und
zu ihm sprach: „Mache dich Freund mit den Viehhirten
der Tümen Dschirghalang und trage ihnen dann Fol-
gendes auf: „Füllet einen hölzernen Kübel mit Blut, einen
andern mit dreifach abgezogenem Branntwein und einen
dritten mit sauerer Milch 5 die Mündungen dieser drei Kübel
verbindet und verstopft und bindet sie an das Thürband
der Behausung der Tümen Dschirghalang! Wenn sie
die Lampe ausgelöscht hat und eingeschlafen ist, dann i'uft:
„Herrinn, die Kühe säugen!'- Wenn sie fragt: „Wie viele
säugen?" so antwortet: ,, Hundert!" Dann л\ird sie sagen*
„ Es hat nichts zu bedeuten ! " und wieder einschlafen.
Wenn sie eingeschlafen ist, ruft abermals: „Herrinn, die
Kühe säugen!'' und wenn sie fragt: „Wie viele säugen?"
so antwortet: „Tausend!" Sie wird abermals sagen: „Es hat
nichts zu bedeuten!" und wieder einschlafen. Dann weckt
sie aufs Neue mit dem Rufe: „Herrinn, die Kühe säugen!"
und wenn sie fragt: ,.W'ie viele?" so antwortet: „Alle
Kühe säugen!" Wenn sie nun aufspringt und mit dem
Kufe: „Der tägliche Milchbedarf für meine Eltern wird
ausgehen!" hinaus läuft, so wird, wenn der Inhalt der dreic
Kübel dabei verschüttet wird, diess ein Mittel seyn, die
Tümen Dschirghalang von Gesser zu trennen."
Tschotong machte sich auf den Weg und kam zu den
Pferdehirten der Tümen Dschirghalang. Die Pferde-
hirten halten ihre Heerde um sich herum in einen Kreis
versammelt und dachten: „ЛҮепп wir uns in der Mitte
halten, so wird er glauben, wir seyen nicht da und vielleicht
einen Diebstahl versuchen.' Unterdessen , kam der Fürst
1]schotong heran und fragte: „Wie steht es mit eurer
Pferdeheerde? ist sie gross oder klein? ist sie fett oder
8*
— 116 —
mager?" — Einer der Pferdehirten erwiederte: ,. Meinst
du damit; dass wenn sie gross ist, wir dir einen Theil
davon überlassen sollen? dass wenn sie klein ist, wir ge-
straft werden sollen? Oder hat sie dich hergeschickt uns
2u peitschen, wenn sie mager ist? oder uns zu belohnen,
wenn sie fett ist?" Der Fürst Tschotong rief: „Packe
dich fort! seht einmal das Benehmen dieses Taugenichtses!
Wie untersteht er sich, gegen mich solche Reden zu füh-
ren!" Diess sagend, schlug er das Pferd (des Hirten) über
den Kopf und dessen Seite, der Hirte aber rief seine Ka-
meraden mit den Worten: „Kommt herbei! der Oheim
Tschotong ist gekommen unsere Pferdeheerde zu stehlen!"
Da kamen alle Pferdehirten, umringten den Tschotong
und prügelten ihn mit ihren Fangstangen durch. Der Fürst
Tschotong nahm die Flucht und kam zu den Kameel-
hirten. Er richtete an sie die nämlichen Fragen-, wurde
aber von den erzürnten Kameelhirten abermals ausgeprü-
gelt. Nachdem er ihnen entflohen war, kam er zu den
Kuhhirten ; aber da geschah es ihm gerade wie zuvor.
Nachdem er den Kuhhirten entflohen war, kam er zu den
Schafhirten. Auch diese befragte er, wie es mit der Schaf-
heerde stehe? Sie beantworteten seine Fiagen gerade so
wie die Pferdehirten und der nämliche Hader entstand.
(Der zerprügelte) Tschotong, dem sein ganzer Körper
schmerzte, stahl nun ein grosses Schaf und entfernte sich
damit auf einen Berg in der Absicht , sich zu erholen.
Nachdem er sich erholt hatte , begab er sich des Abends
in der Dämmerung zum Hüter der Kälber der Tümen
Dschirghalang und fragte denselben: ., Welche von den
Hütern dieser fünferlei Heerden haben es am besten und
welche am schlechtesten?" Der Kälberliirl antwortete: ..Was
für Vergnügen können wir haben ! den Regen dürfen wir
nicht Regen, die Hitze nicht Hitze und den Koth nicht
Koth nennen; müssen wir nicht beständig und überall hin-
ter den vielen Kälbern herlaufen? Was den Pfedehirten
— in —
betrifft, so sucht er sich nach Belieben ein Pferd aus und
reitet es 5 er trinkt seinen Branntwein, wenn er dazu Lust
bekommt 5 er befriedigt seine Wünsche nach Belieben. Bei
allen jenen vier Heerden ist wenig Unterschied, nur wir
führen ein mühseliges Leben." Tschotong entgegnete:
„Was gebt ihr mir, wenn ich euch glücklicher mache, als
die Hüter jener vier Heerden?" Der Kälberhirt erwie-
derte: „Was sollte uns für unsern Oheim Tschotong zu
leid seyn! was wir zu schaffen im Stande sind, werden wir
geben , was wir aber nicht besitzen , können wir nicht
geben." — „Ihr armen Schlucker, sprach Tsc'hotong, ich
will euch recht vergnügt und zufrieden stellen!"- — „Herr-
lich!" rief der Kälberhirl voll Freuden, schiachtele ein
Kalb und machte dem Tschotong eine Mahlzeit. Dieser
trug hierauf dem Kälberhirlen auf, einen hölzernen Kübel
mit Blut, einen andern mit saurer Milch und einen dritten
mit stai'kem Вга1т1\лр1п zn füllen und unterrichtete ihn,
was er ferner zu thun liälle, wox'auf er den Heimweg antrat.
Der Kälberhirl füllte die drei hölzernen Kübel mit jenen
Sachen und band sie lest. Des Nachts, nachdem die Lampe
ausgelöscht war, rief er: „Herrinn, die Kühe säugen!" Auf
die Frage: „AVie viele säugen?" war die Antwort: ,. Hun-
dert!"— ,,Es hat nichts zu bedeuten!" entgegnete Tümen
Dschirghalang und schlief wieder ein, abermals und
abermals rief der Kuhhirte , wie frühei- er\\ähnt. worauf
Tümen Dschirghalang aufsprang mit den Worten: „Mein
Milchbedarf wird ausgehen!" dabei wurde der ganze Inhalt
der an dem Thürbande befestigten drei Kübel verschüttet.
Der Duft dieser drei Flüssigkeiten drang zu dem zwölf-
köpfigen Riesen, welcher davon erkrankte. Er rief: „Gebt
mir meinen rothen Faden , womit ich wahrsage ! ' Als er
mm untersuchte, was die Ursache seiner Krankheit sey,
fand er, dass der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan in abgesonderter Gegend und mit abgesondertem
Haushalte eine überaus schöne und reitzende Gemahlinn
— 118 —
unterhalte, und das* von Seilen der Höhle des Fluches drei
Kübel voll schlechter Sachen gegen ihn ausgeschüttet seyen.
„Sollte der Eine nicht vermögen, was der Andere vermag?"
sprach er und füllte drei hölzerne Kübel mit den nämlichen
dreierlei Sachen; sodann stellte er dem Gesser Chaghan
ein böses Zeichen und schüttete die Kübel aus. Gesser
Chaghan erkrankte und unter dem ganzen Volke entstan-
den Krankheiten und Seuchen. Rognio Goa und Tscho-
tong begaben sich zu den Zeichendeutern Gesser 's, Na-
mens Moa Guschi und Dangpo und zeigten es an mit
den Worten: „Seht doch sorgfältig nach, woher es kömmt,
dass Gesser erkrankt ist und dass alles Volk an Krank-
heilen und Seuchen leidet!" Die Zeichendeuter prüften die
Sache und erklärten Folgendes; „Unser Gesser Chaghan
unterhält in einer abgesonderten Gegend eine schöne, rei-
Izende Gemahlinn. Nun hat ein gegen Gesser feindseliger
und ihn hassender Verwandter desselben sich bei der Höhle
der Verwünschung bösen Rath geholt, bei (der Dienerschaft)
der Tümen Dschirghalang ein Zaubergemische bereiten
lassen und diess gegen den Riesen ausgeschüttet. Da der
Riese davon erkrankte, so prüfte er seinen wahrsagenden
rothen Faden und erfuhr die Ursache. Alsbald machte er
dasselbe unheilbringende Getränke zurecht und schüttete
es herwärts aus. Daher ist Gesser 's Unwohlseyn, daher
sind sodann die Krankheiten und Seuchen unter dem Volke
entstanden." Sie (Rogmo und Tschotong) fragten: .,Wie
ist dem nun abzuhelfen?" Die Zeichendeuter erwiederten:
„Rogmo muss heimlich List anwenden 5 denn wenn diese
Gemahlinn vertrieben wird, so wird es besser werden, in
anderer Weise kanh es nicht besser werden; das Uebel
(der Bezauberung) ist zu schlimm." Rogmo Goa und
Tschotong kehrten Beide zurück und schickten einen Boten
an Tümen Dschirghalang mit folgendem Befehl: „Die
Krankheil Gesser 's, so wie die Krankheilen und Seuchen
UDter dem Volke eolien von dir herrülirenj daher befiehlt
_ 119 -
man dir, wohin beliebig clich zu entfernen. Wenn du dich
entfernst, so wird es mit Gesser's Krankheit besser werden,
wenn aber nicht, so wird es schlimmer werden." Sie er-
wiederLe: ,,Tch, Tümen Dschirghalang, verstehe, o Bote,
deine Worte! Ist es Gesser, der mich A'ertreibt oder sind
Rogmo undTschotong deine Herren?" Der Bote antwor-
tete: „Gesser vertreibt dich!" Tümen Dschirghalang
entgegnete: „Diese Schandthat rührt von Tschotong her-,
mein Gesser würd(' mich nie vertreiben; die Beiden, Rogmo
und Tschotong, sind es. die mich vertreiben. Ich werde
mich eulfernen! möge mrin Herr Gesser Chaghan, der
Sohn der machtvollkomuicnen ewigen Gottlieit, von seiner
Krankheit genesen! Durch m<?in heutiges Leiden komme
ich um nichts zu kurz 5 ich weiss, dass dieser mein Herr
in Kraft des frühern Segens mich zurück heimholen wird.
Du, Bote, kehre zurück; ich werde mich entfernen!"
Tümen Dschirghalang versammelte alle zu ihrem
Haus- und Hofhalte gehörige Armen um sich und empfahl
ihnen Allen , die Besorgung der Hausgeschäfte und des
Vieh 's mit derselben Sorgfall fortzusetzen, ;ils wäre sie noch
da. Dann sprach sie: „Ich höre, die Krankheit meines
Gesser's ist bedeutend; dadurch ist plölzlicii ancli über
mich Leiden gekommen. Die Ursache, dass ich euch um
mich versammelt habe, ist diese." Solches gesagt, theilte
Tümen Dschirghalang ihre Habseligkeiten unter Alle aus
und trat mit Thränen ihren Weg an. Alle zum Haus- und
Hofhalle gehörige Armen wurden in tiefe Trauer versetzt
und folgten ihr weinend. Sie riefen: „Ach iheure, edle
Herrinn, warum verlässl du uns, dein ganzes Volk und Ge-
sinde! Wie wir an deiner Freude Theil genommen haben,
wollen wir Alle auch mil dir leiden und sollten wir auch
sterben müssen, so mag es geschehen!" Als sie ihr m,it
solchen Worten und Thränen vergiessend nachfolgten, sprach
Tümen Dschirghalang zu ihnen: „Wenn diese Alle
mitgehen, so wird es meinem Herrn, dem Gesser Chaghan
— 120 —
zum Schaden gereichen-, wenn Alle mitgehen, so kann es
meinem theuern Herrn, dem Gesser Chaghan nur schäd-
lich seyn; darum, ihr meine Lieben Alle, kehrl zurück'.-
Sodann theille sie alle ihre Kleinodien, die sie milgenom-
men hatte, um aus deren Verkauf ihren Lebensunterhalt zu
ziehen, unter sie aus und setzte ihren Weg fort. Alles
Volk kehrte zurück nach Hause.
Turnen Dschirgha lang verfolgte einsam und aufs Gera-
thewohl ihren ЛVeg und kam in eine Gegend von weisser
Farbe, in welcher alle Thiere und Wesen weiss луагеп.
Ein weisser Hase kam ihr als Bote entgegen und gab ihr
das Geleite. Das weissfarbige Volk richtete eine grosse
Mahlzeit an und gab ihr mit den Worten: „Sie ist für vin-
sern Chaghan bestimmt!" das Ausgeleite, wobei ihr ein
weisse.s Kleid angelegt und sie auf ein weisses Pferd gesetzt
wurde. Лоп da weiter kam sie in eine buntscheckige Ge-
gend. Eine Elster kam ihr als Bote entgegen und gab ihr
das Geleile. Das Volk des Landes richtete in vorheriger
Weise eine Mahlzeit an, begleitete sie in nämlicher Weise
eine Strecke und kehrte dann um. Nun kam sie in eine Ge-
gend von gelber Farbe, wo sie von einem Fuchse als abgeord-
neten Boten empfangen wurde. Die Wesen dieser Gegend
richteten wie zuvor eine Mahlzeit an , gaben ihr das Aus-
geleite und kehrten zurück. Weiter reisend kam sie in
eine Gegend von blauer Farbe, woselbst ihr ein Wolf als
Bote zum Empfang entgegen kam In bisheriger Weise
richteten die Wesen dieser Gegend eine Mahlzeit an, ga-
ben ihr dann das Ausgeleite und kehrten zurück. Л''оп da
weiter kam sie in eine Gegend von schwarzer Farbe. Sie
kam ins Wa.sser des Meeres und tappte auf Gerathewohl
weifer. Plötzlich kam ihr aus der Entfernung einer Strecke
eines Pferdcwettlaufs ein glühend heisser Wind entgegen.
,,0 Weh. was ist das!-' rief sie und ging mit Furcht und
Angst weiter. Nun kam der Turnen Dsch irghalang
aus der Weile einer Strecke des Wetllaufes zweijähriger
— 121 —
Füllen ein schneidend kalter ЛVind entgegen, so dass Tümen
Dschirghalang hin und her geworfen nicht auf den Füssen
bleiben konnte. „Was ist das, mein Gesser Chaghan!"
rief sie und setzte weinend ihren Weg fort. Aus der Ent-
fernung einer Strecke des Weltlanfes einjähriger Füllen
kam ihr nun ein Wesen entgegen, dessen Oberlippe ge^^en
den Himmel strebte und dessen Unterlippe zur Erde her-
abhing. Tümen Dschirghalang erschrak vor dem zwölf-
köpfigen Riesen, ging ihm entgegen, kniete nieder, verbeugte
sich und sprach: „Man spricht von Chormus da oben, dem
Könige der Götter; als ich in dieser Nacht hier ankam,
übernachtete ich im Freien. Habe ich es nun jreträumt
oder war es Wirklichkeit: aber es Avar mir, als Avürde es
sehr dunkel und ich würde gen Himmel emporgehoben.
Ist diess etwa Chormusda, der König der Götter? wie
kann ich ihn erkennen ! Als ich an diesem Morgen zu Fusse
nicht weiter kommen konnte , legte ich mich am Ufer des
Meeres schlafen. Da kam aus der Mitte des Meeres ein
Ungeheuer in Fischgestalt und schnappte mich weg. Viel-
leicht war es auch kein Fisch, sondern ein Drachenfürst;
wie kann ich dich erkennen!" Hier verbeugte sie sich und
sprach dann weiter: ,.Da ich höre, dass der Herrscher in
den zehn Gegenden Gesser Chaghan mich geringschätzig
behandelt, so habe ich mich aufgemacht und bin herge-
kommen zum zwölfköpfigen Riesen. Ist diess der König
der Riesen? ist er es nicht? Möchte ich doch zu einer
Zeit (einmal) die kuhmelkende Sclavinn eines solchen
Königs werden! oder die Magd, welche die Asche лveg-
schafft!" Mit diesen AVorlen verbeugte sie sich. Der Riese
lachte Ha! Ha! und sprach: ,, Schön, vortrefflich! komm
mit!" und steckte sie zu sich. Dann sprach er: „Fürchte
dich nicht, meine Liebe, ich v^erde dich nicht auffressen!
Es ist diess die Kraft meiner Glücksbestimmung-, ich habe
von dir gehört. Ich wusste, dass Gesser Chaghan eine
schöne Gemahlinn besitze und hatte die Absicht, sie ihm
— 122 —
wegzunehmen; da ich aber hörle, dass dem Herrscher in
den zehn Gegenden Gesser Chaghan schwer beizu-
kommen sey, Hess ich es seyn. Ich weiss noch nicht,
ob du meine kiihmelkcnde Sclavinn werden sollst oder
meine wirkliche Fronndinn und Hausfrau.'- Diess gesagt,
nahm er sie mit sich fori. Als der Kiese mit Turnen
Dsch irghalang in seiner Feste angelangt лүаг, verschlang
er sogleich zwei oder drei seiner schönen Gaüinnen-, die
Tümen Dschirghalang machte der Riese zu seiner Ge-
mahlinn. Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan genass von seiner Krankheil; silhs Volk wurde
von Krankheiten und Seuchen befreit.
Der Herrscherin den zehn Gegenden Gesser Chaghan
лүаг, nachdem ei- die Reichsordnung des Chinesischen Küme
Chaghan hergestellt hatte und drei .lahre in China ver-
blieben war, zurückgekehrt.. Nun sprach er: „Seit ich zu
dir, meine Rogmo Goa, zurückgekehrt bin, habe ich lange
krank gelegen; jetzl ist es Zeit, meine Tümen Dschir-
ghalang zu besuchen." Dann befahl er: „Fangt mir mein
braunes magisches Pferd!'' Das magische braune Pferd
wurde gefangen, aber Rogmo Goa bemerkte: „Vertilget
der ^Yurzel der zehn Uebel, mein furchtbarer Bogda ! deine
Gemahlinn Tümen Dschirghalang ist schlecht (untreu)
geworden, sagt man; wohin willst du gehen I" Gesser
entgegnete: .,\Vas s])richt diese dal in ^\elcher AVeise sollte
jene meine (Gemahlinn) schlecht gesAorden seyn I Warte,
ich komme hin!'' Rogmo schickte dem Tscholong einen
Boten und Tschotoug kam zu ihr. Rogmo und Tscho-
tong machten eine Verabredung, in Folge >\cl(licr Tscho-
long zu Gesser sprach: ..Mein Bogda, ich will dir die
AVahrheit berichten: deine Tümen Dschirghalang hat
auf den T^'erdachl, dass du sie geiingscliälzig behandelst,
sich .lufgemachl und ist. w'iv man sagt, zum y.wull'kcipfigen
Riesen gegangen. — Rlril)e also und gönne dir und dei-
nem Pferde die nöthige Ruhe!" Der Bogda erwiederle:
— 123 —
„Liegt die Schuld an meinem Weibe, so werde ich mein
Weib tödten; liegt aber die Schuld am Kiesen, so werde
ich den Biesen tödten und meine Gemahlinn zurückführen.
Jetzt gehe ich!" Mit diesen Worten war Gesser Chaghan
im Begriffe, zu Pferde zu steigen, als Tscholong ihn auf-
hielt, sprechend: „Mein furchtbarer Bogda! von Klein auf
bin ich gewohnt, mich mit Riesen zu messen und ihnen
ihre Beute abzunehmen; ich, mein Theurer, werde ihn
verfolgen!" Gesser erwiederte: ,, Oheim, lass es seyn! die-
ser schändliche Kiese ist für dich eine zu schwere Aufgabe^
ich werde ihn verfolgen!" Tschotong entgegnete: „AVelche
Schwierigkeiten bietet dieser Nichtswürdige dar; ich werde
ihn verfolgen!" Gesser versetzte: ,. Nun, Oheim, so mache
schnell!" Hierauf liess er eine grosse Fcstmahlzeit anrich-
ten, gab dem Tschotong grosse Geschenke und die Hälfte
seines Volkes. Nachdem er den Tschotong solchergestalt
beschenkt hatte, ging dieser nach Hause, nahm seine Waffen
und machte sich auf den Weg zur Verfolgung des Kiesen.
Am zv^eiten oder dritten Tage aber liess der Fürst Tscho-
tong dem ganzen Volke öffentlich anzeigen, er sey erkrankt.
Bald darauf liess der Fürst Tschotong. öfientlich anzeigen,
er wäre dem Tode nahe. Der HeiTscher in den zehn Ge-
genden Gesser Chaghan bestieg seinen magischen Braunen,
er setzte seinen thauschimmerfarbigen Helm auf, er legte
seinen mit Edelsteinen doppelt besetzten schAvarzbiauen
Panzer an , bewaffnete sich mit allen seinen Waffen und
machte sich auf den Weg zur Aufsuchung seiner Tümen
Dschirghalang. Als er erfuhr, dass der Fürst Tschotong
gestorben sey, begab er sich dorthin mit den Worten: „Da
es heisst, dass ein naher Verwandter, mein Oheim, gestor-
ben ist, so muss ich, ehe ich mich um mein abhanden ge-
kommenes Weib bekümmere, erst das Leichenbegängniss
jenes Verwandten feiern und dessen Seele in den Himmel
befördern." Als Gesser Chaghan ankam und hineinging,
lag der eich todtstellende Fürst Tscholong auf einem
— 124 —
Tische mit einem scliirlcnden und einem verschlossenen
Auge . die hnke Hand offen ausgestreckt und die rechte
zusammengeballt, den linken Fuss ausgestreckt und den
rechten zusammengezogen. ,,0 ЛҮеЬ, Ohrim. rief Gesser,
bist du ^virklich gestorben I jn unser Obeim ist wirklich
todt! das erste Kind meiner ersten Gattinn ist gleichfalls ge-
storben! — Man sagt, dass wenn Jemand mit einem ver-
schlossenen und einem schielenden Auge stirbt, diess ein
böses Zeichen sey.'" Diess gesagl , nahm Gesser eine
Handvoll Erde, kam und луаг im Begriff, sie auf das ofl'ene
Auge zu streuen, als der Fürst Tscholong das offene
Auge verschluss. — „Ferner sagt man, fuhr Gesser fort,
dass луепп Jemand mit einer verschlossenen und einer ge-
öffneten Hand stirbt, diess ein böses Zeichen sey, als for-
derten die nachgebliebenen Kinder noch etwas vom \'aler."
Als er mit diesen AVorten sich zur offenen Hand hin\^andte,
schloss Tschotong dieselbe. ..Auch sagt man, fuhr Ges-
ser fort, dass wenn Jemand mit einem zusammengezogenen
und einem ausgestreckten Beine stirbt, dies? ein schlimmes
Zeichen für die lebende Nachkommenschaft sey. Als Ges-
ser sich, diess sagend, zum zusammengezogenen Fusse hin-
wendete, streckte Tschotong denselben aus." Nun, sprach
Gesser, wollen Avir unsern Oheim auf ein hohes Holzge-
rüste legen, viel Brennholz aufhäufen , ihn verbrennen und
seine Seele gen Himmel fördern. Alsdann will ich meine
Tümen Dschirghalang aufsuchen". Diess gesagt, hob
er den Tschotong auf, legte ihn auf ein hohes Holzge-
rüstc und machte ein grosses Feuer an. Der Fürst Tscho-
tong sprang auf „Oheim! sprach Gesser, man sagt von
verstorbenen Menschen, dass wenn das Feuer ihnen an die
Sehnen kommt, sie aufstehen. Diess scheint wahr zu seyn,"
sprach er und warf l)rennende Holzscheite gegen ihn.
O Weh, o "Weh! Au, Au! rief Tscho tong , dein Oheim
ist ja nicht todt!" und schrie fürchterlich. „Dann komme
her, Oheim!" entgegnete Gesser und zog ihn mitten
— 125 —
durch die Flammen zu sich. T sc ho ton g hatte sich die
Haare, das Gesicht, die Hände und Füsse verbrannt. „Was
soll das von dir bedeuten, Oheim Tschotong?" fragte
Gesser. Tschotong er\Aiederte: „Man sagt, dass der
zwölfköpfige Kiese beispiellos grausam und furchtbar sey,
und weil ich für dein Leben besorgt war, wenn du hin-
gingest, so habe ich diese List gebraucht. " Mit den Wor-
ten: „Das war eine überaus hübsche und feine List von
dir, mein Oheim!" kehrte Gesser Chaghan nach Hause
zurück.
Nun machte Gesser Chaghan sich zu seinem Zuge
bereit. Die Lama's und Religionslehrer kamen, ihn davon
abzuhalten. Er sprach zu ihnen: „Das Sprichwort sagt:
Kommt ein guter Lama, so erlöst er die Seele; kommt ein
miltelmässiger Lama, so liest er Religionsschriften; kommt
ein schlechter Lama, so vernichtet er das \'ieh draussen
und die Güter und das Hausgeräth drinnen. Sie sind
gleich zwei Blinden, die zusammen gehen und den AVeg
nicht finden können-, gleich einem Paare zusammengekup-
pelter und an einen Baum gebundener grosser Kälber.
Haltet eure Fasten und eure religiösen Gelübde und geht
nach Hause!" Die A^olksoberhäupter und Richter kamen
und wollten Gesser zurückhallen, er aber- sprach zu ihnen:
„Sorget bestens für die Handhal)ung der Regierung und für
die Befolgung der Gesetze und Verordnungen! richtet nicht
nach Ansehen der Person! geht nach Hause!" Nun kamen
auch die dreissig Helden und die dreihundert Hauptleule
des Heeres und wollten ihn zurückhallen-, er aber sprach
zu ihnen: „Es ist ungewiss, oIj nicht während meiner
Abwesenheit von irgend einer Seite her Feinde kommen
möchten-, daher gehl nach Hause und sorget dafür, dass eure
Panzer, Helme und euer Waffengerälhe in guter Ordnung
bleibe!" N.<chdem Alle nach Hause zurückgekehrt waren,
kam auch Rogmo Goa in der Absicht ihn zurückzuhalten;
sie sprach: ,,Als ich geboren wurde, hüpfte ein Einhorn
— 126 —
auf der rechten Seite meines Daches herum, auf der linken
Seite desselben hüpfte ein Kuluk*) herum; an einem son-
nenlosen Tage schien es hell und klar, und an einem wol-
kenleeren Tage regnete es; auf meiner Herrenstütze sass
ein Papagei und licss seine Stimme hören , auf meiner
Fraiienslülze sass ein Kukuk und Hess seine Stimme hören
und auf meiner Stütze der Bogdas sass der Urjangchalln
Goa genannte Vogel. Das Avcisse Schneegebirge ist, sagt
man, die äussere Grenze der Mitte, der Tsaghan Arslan
(weisse Löwe) das innere Kleinod, die kupfergrüne Mähne
der Schmuck des Umfanges. Diese Drei bestehen von frü-
her Zeit her. Jetzt und immerdar möge uns Beiden, Gesser
und mir, Glück, Segen und Heil verbleiben! Das schwarze
Gebirge ist, sagt man, die äussere Grenze der Mitte, der
schwarze Stier das innere Kleinod, und Schvsauz und Hör-
ner der Schmuck des Umfanges. Diese Drei bestehen von
flüher Zeit her. Jetzt und immerdar möge uns Beiden,
Gesser und mir. Glück, Segen und Heil verbleiben! Ich,
deine Kogmo Goa, als eine solche neunfache Dakini-
Verwandlung, rathe dir (den Zug) ab." Gesser Chaghan
sprach: „Wenn es wahr ist, dass meine Gemahlinn Kogmo
Goa eine neunfache Dakini- Verwandlung ist, so möge sie
aus dürrem Erdreich Wasser hervorkommen lasseU , so
möge sie aus wüstem Erdreich Früchte schaffen !•' Alsbald
scbaffte sie Obst aus wüstem und Wasser aus dürrem Erd-
reich. Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan ver])lieb sodann noch di*ei Jahre in der Heimath.
Nun bestieg Gesser Chaghan seinen magischen Brau-
nen, er legte seinen vielfachen kostbaren AVaft'enschmuck
an und war zum Zuge fertig. Seine Gemahlinn Pvogmo
sprach: .,Werin der Braune den Gesser nicht bis an das
4)Vergl. S. 56, >vo.selb3l das TJiier Uruluk genannt ist. Ruiuk
wt Tibetisch und bedeutet „ein gehörntes Schaf", vielleicht ein
Argali oder wildes Beigschaf.
— 121 —
Ende seiner Unternehmung zu bringen vermag, so werde
ich ihm Mähne und Schwanz ahscheeren und zu Asche ver-
brennen; wenn aber Gesser liinter dem Vermögen des
Braunen zurückbleibt, so möge ihm der Daumen abge-
schnitten und zu Asche verbrannt werden!" Sodarm machte
sie Gesser's Reiseproviant zurecht und verpackle ihn.
Zucker lind Pvosinen für den Braunen hing sie demselben
um den Hals. Gesser Chaghan trat die Heise an, schaute
aber be.'ständig hinter sich. Der Braune fragte ihn: „Warum
schaues! du liickv.ärts, \лепп ein Weib solche Reden führt?"
Gesser Chaghan setzte seinen Weg fort. Er rftt seinen
Braunen und stieg einen hohen Berg bis zu dessen Gipfel
hinan. Während er seinem Pferde Sprünge und Sätze
machen liess, richtete er folgende Bitte an seine drei sieg-
reichen Schwestern: „Mein Boa Dongtsong Garpo! Mein
Arjawalüri Ldgari! Meine Dschamtso Dari Udam^)!
Meine drei siegreichen Schwestern! welche Richtung soll
ich einschlagen? leb, euer Rotznäsolien, jiclite meine Bitte
an euch!" Die drei Schwestern und Schulzgenien kamen
in der Gestalt eines Kukuks herab und sprachen, indem
sie seinen Weg nach der Ostgegend richteten: „Lieiies
Rotznäschen, diess ist dein Weg! Gesser, unser Rolz-
näschei\! etwas weiter von hier gibt es eine Verwandlung
des zwölfköpfigen Riesen in der Gestalt eines wilden Stieres,
dessen rechtes Hörn den Hin)mel siülzt, \Aährend dessen
linkes Hörn die Erdlläche berülirt. Alles Gras eines gan-
zen Weideplatzes frisst er zu einer einzigen Mahlzeit ab;
alles Wasser eines Bergstromes von dessen Ursprung bis
zu dessen Mündung verschlingt er anf einmal als jedesma-
ligen Trunk. Mit einem solchen furchtbaren Feinde hast du
es zu thun, mein Lieber 5 du mtisst ibn aber mit Vorsicht
besiegen!" — „Die Worte meiner Schweslern sind ge-
5) Bekaiinllich die mit ihm zugleich von einer und derselbeu
Mutter geborenen Schutzgeisler; vergl. S. 12.
— 128 —
gründet", sprach Gesser und ritt лүе11ег. Während der
wilde Stier in einem Satze eine Strecke von zehn Sprüngen
zurücklegte, konnte der magische Braune blos sieben Sprünge
in einem Salze überspringen, so dass, \vährend der Braune
um drei Sprünge zu kurz blieb, Gesser alle seine dreissig
weissen Pfeile mit Kerben von Türkis (vergeblich) ver-
schoss. Unterdessen sammelten die drei siegreichen Schwe-
stern die Pfeile und Gesser, welcher, als er den wilden
Stier nicht treffen konnte, zurückkehrte, fand sie nicht mehr,
denn die drei siegreichen Schwestern hatten sie aufgesam-
melt. Da fing Gesser an zu jammern und zu wehklagen:
„O meine Schwestern, was soll ich mit dem wilden Stiere
anfangen! während der wilde Stier in einem Satze zehn
Sprünge zurücklegte , brachte es der magische Braune blos
auf sieben und weil er um drei zurückblieb, habe ich alle
meine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis ver-
schossen. Meine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von
Türkis finde ich nicht mehr! O Weh, meine Schwestern,
was soll ich nun thun!" Die drei siegreichen Schwestern,
seine Schutzgeister, erschienen ihm in der Gestalt eines
Kukuks und sprachen: ..Unser liebes Rotznäschen, warum
weinst du! Bist du ein Weib? ein Mann pflegt, wenn er
eine Unternehmung auszufüliren gedenkt, sich nicht läppisch
zu benehmen! Deine dreissig weissen Pfeile mit Kerben
von Türkis werden wir dir schaffen! Wir werden für dich
zur Erfrischung vom Lama gesegnete und geheiligte Speise
und für deinen magischen Braunen zum Futter Gerste und
AVeitzen fertig herschaffen ! Wenn du das erhalten haben
Wirst, dann setze deinen ЛVeg fort, unser lieber Gesser!'"
Im Begriffe aufzubrechen fand Gesser Alles vor und sprach:
„Meine Schwestern haben лдаЬг gesprochen!" Naclidem er
seine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis ein-
gesteckt, die gesegnete Speise zu sich genommen und den
magischen Braunen gefüttert hatte, setzte er seinen Weg
fort. Er verfolgte die Spur des wilden Stieres, da es aber
— 129 —
schon spät geworden war, sähe er sich geuäthigt, ira Freien
zu übernachten. Den Zügel seines magischen Brauneu be-
festigte er an deu Saltelknopf, legte sicli dann auf die Seite,
das Gesicht links gesendet, überdeckte sich den Kopf mit
seinem Hockschoosse und schlief ein. Mitten in der Nacht
kam der Avilde jStier hex-geschlichen. Einmal schnappend
hatte er dem magischen Braunen Mähne und Schweif rein
abgeleckt 5 ein zweiles Mal schnappend hatte er die Federn
der dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis rein
abgeleckt; da sprach der magische Braune: .,Höre, wilder
Stier, ich werde wahrlich den Herrscher in den zehn Ge-
genden Gesser Chaghan \n ecken!" Der Siier versetzte:
„Gut, Nichtswürdiger, \\enu du so sprichst, so sollst du
mich morgen nicht einholen!" Mit diesen Worten liess er
aufGesser's Gesicht einen berghohen Haufen seines Kothes
fallen und entfernte sich dann. Gegen Morgen erwachte
der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
mit Schrecken und л^arf den Kolh von der Höhe eines
Berges von sich; dieser Koth überschüttele eine ganze
Wiesenfläche. Als Gesser aufsprang, entdeckte er, class sein
magischer Brauner ein Mähnen- und Schweifloscs räudiges
Füllen geworden, und dass seine dreissig weissen Pfeile
mit Kerben von Türkis federlos gleich Kinderpfeilen ge-
worden waren. Er jammerte: „Wo bleibt ihr, meine vie-
len himmlischen Schutzgeisler, während der Schutzgenius
der Menschheit seinem Berufe nachgeht! Was macht ihr,
meine vielen Schutzgeisler Alle ! Dir, meine drei siegreichen
Schwestern! der wilde Stier ist gekommen, hat meinem ma-
gischen Braunen Mähne und Schweif rein abgeleckt und ihn
zu einem räudigen braunen Füllen gemacht; er hat die
Federn meiner dreissig weissen Pfeile mit Kerben von
Türkis rein abgeleckt und meine dreissig weissen Pfeile zu
federlosen Kinderpfeilen gemacht!" Die drei schützenden
siegreichen Schwestern kamen in der Geslalt eines Kukuks
herbei und sprachen zu ihm: „Wenn du weinen willst, mein
9
— 130 —
Lieber, dann gehe nach Hause 1 Der Mann hat es mit seinem
Feinde, das Weih mit der JNebenbuhlerinn zu ihun! Wenn
ein hohes Ufer vom Unlerspühlen nicht einstürzt, so wird
es zum festen Fels; Wenn der Mann niclit wankt, so wird
sein Muth hart wie ein edler Kiesel I Deinem ma<^ischen
Braunen werden wir AVeitzen , wovon ihm Miiline und
Schweif ЛЛ achsen sollen , zum Futter gehen ; dir aber wer-
den Avir vom Lama gesegnete Speise zu deiner Erfrischung
vorsetzen-, deine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von
Türkis werden wir dir befiedert herstellen; ob sie schlechter
oder besser geworden si^fl, als zuvor, wirst du sehen!"
Als Gesser nachsähe, fand er, dass die Pfeile unendlich
schöner waren, als zuvor. Er steckte (He dreissig weissen
Pfeile ein, genoss die gesegnele Speise und fütterte seinen
magischen Braunen von Morgen bis Mitlag drcijnal. \\олоп
ihm Mähne und Scliweif wieder wuchsen.
Nun machte Gesser Chaghan sich auf den Weg.
Während ei- die Spur des wilden Stieres verfolgte, sprach
er zu seinem magischen Braunen: ..Mein magischer Brau-
ner! nun mu^st du dem wilden Stiere vorbeilaufen. AVenn
du ihn nicht überholest, so werde ich deine vier Hufen
abschneiden, Sattel und Zaum auf den Bücken nehmen und
(zu Fusse) nach Hause wandein.'" Der magisclie Braune
versetzte: „Die Worte des Herrschers in den zehn Gegen-
den, meines Gesser Chaghan's, sind gerecht! dem wilden
Stiere will ich srjion vorbeilaufen und ihn überholen; du
aber musst den Avilden Stier in der Art durch das W^eisse
der Stirn e schiessen, dass die Pfeilspitze durch das Schwarze
der rechten Seite (des Kopfe$) fahrt, Verfcblsl du ihn
aber, so werde ich ausschlagen, dich al)\\eif(n und zu dei-
nen Schwestern im Hiinmel zurückkehren."- — -,Gut, mir
ist es recht!" sprach Gesser, und gab dem Pferde drei
Hiebe über den rechten Schenkel mit seiner magischen
Peitsche. Der Braune, dem Gesser ziirnend, eriiob sicli
mit ilnu gen Himmel. Als Gesser Chaghan den Braunen
— 131 —
nicht zu zügeln vermochle, sprach er zu ihm: .,Wie, mein
maoischer }3iauner. hisl du ein Falke oder SperJjer gewor-
den, der am Himmel graugefleckte Kraniche jagt? Gehe
doch ordentlich auf der Erdfläche, mein Lieher !••• Der
Braune senkte sich zur Erde lierah , spiving und wülilte
stampfend die Erde durch, dass Schollen und Slaul» dem
Gesser um den Kopf flogen. Gesser sprach: „Wie,
mein magischer Brauner, hist du ein Regenhogen geworden,
dass du mit deinen Sätzen das ehene Erdreich aushöhlst?
Laufe gehührlich und ordentlich auf" der Erdfläclie, mein
Lieber, und suche das hewusste Ziel zu erreichen I" Der
Braune lief nun regelmässig auf der Erdfläche und kam deni;
wilden Stiere zuvor. j\un rannte Gesser Chaghan auf
dem magischen Braunen gegen den wilden Stier und schoss
ihn dabei durch das Weisse der Stirne in der Art, dass der
Pfeil durch das Schwarze der leclilen Seite des Kopfes
fuhr. Nachdem er solchergestalt den Stier erlegt halte,
warf er sich vom Pferde, lief hinzu, schnitt drei Wirbel
des Schwanzes ah und nahm sie in den Mund. Die drei
siegi'eichen Scliwestern , seine Schutzgenien , kamen vom
Himmel herab, erschienen ilnn persönlich und sprachen:
„Unser liebes Rotznäschen ! dein Angrilf ist der eines Hel-
den; dein Schuss der eines Meisters! dass du von deinem
magischen Braunen springst, ihn weit hinter dir lässt vmd
hergelaufen kommst , ist die Weise eines Narren ! dein
übereilles Abschneiden und gleich in den Mund Nehmen
ist die Weise eines Fressers 1 Iss das Fleisch dieses wilden
Stieres, nachdem du zuvor davon deinen vielen himmlischen
Schutzgenien, deinen drei siegreichen Schwestern, mit einem
Worte, allen deinen vielen Schutzgeistern ein reines Opfer
dargebracht hast!" Gesser sprach: „Meine Sshwe.stern
haben wahr gesprochen! ich weiss nicht, that ich es aus
Hunger oder aus Rache." — Nachdem er ihnen Allen (deü
Schutzgeistern) nach iJner Ordnung von dem Fleische des
— 132 —
wilden Stieres ein reines Opfer dargebracht hatte, genoss
er davon gleichfalls.
Als Gesser im Begrifte л\аг, zu Pferde zu steigen,
sprachen die drei siegreichen Schwestern zu ihm: ,, Unser
liebes Kotznäschen! Weiler hin im Lande des Schimnu ist
nichts als UnHalh, Unsauberiieil und Abscheulichkeil ^ dahin
gehen лvir nicht, du mussl daher den Weg allein machen.
Untervvegs kommst du an einen bezauberten Fluss, der
eine Schimnu-\'erwandlung ist; in diesem Flusse strömen
scheinbar Pferde, Menschen und Felsstücke durch einander
imd lassen heulende und winselnde Töne hören ; sprich
die Worte Guru Ssojagha, schlage dabei dreimal mit
deiner magischen Peitsche in den Fluss und passire dann
denselben. Von da Aveiterhin kommst du zu einer andern
Schimn u - \ erA\andlung , nämlich zu zwei an einander
schlagenden Felswänden-, um zwischen denselben durchzu-
kommen musst du. unser Liebling, selbst ein Mittel aus-
findig machen; auch bleibt alles Fernere auf deinem Wege
deinem eigenen Ermessen überlassen.
Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Ghaghan
setzte seinen Weg weiter fori, auf Avelchem er in der That
an den bezauberten Fluss kam. ..Die Worte meiner Schwe-
stern sind Avahr!" sprach er und Guru Ssojagha rufend,
schlug er mit seiner magischen Peitsche dreimal in den
Fluss, worauf er denselben passiite. Weilerhin gelangte er
zu der Aer^^andlung des Riesen, den zwei Felsen. ,,Diess
sind, sprach ei, die zwei Felsen, von welchen meine Schwe-
stern gesprochen haben." Nun wandelte er seinen magi-
schen Braunen in ein räudiges braunes Füllen um und
sich selbst in einen ganz vertrockneten gemeinen Menschen.
Als er den Felsen nahe kam, sprach er in lislig-betrüge-
rischer Weise Folgendes: ,,Wie hüJ)Sch und artig würde
es sevn, wenn diese Felsen recht bald zusammenklappten!
Wenn sie das mit knapper Noth aus Tübet gekommene
räudige Füllen und mich , den vertrockneten gemeinen
— 133 —
Menschen erblicken, werden sie sich da nicht beeilen, zu-
sammenzuklappen ? Ob das wohl ihre von jeher gewohnte
Art seyn mag? In unserm Lande Tübet gibt es solche
Felsen , die aus der Entfernung einer Tagereise oder we-
nigstens einer halben Tagereise schnell zusammenklappen
und einen Menschen lödlen. Hört, ich sterbe vor Furcht
und will daher umkehren !'• Die beiden Felsen dachten:
„Der Mensch hat Recht! der arme Schlucker fürchtet sich!
Wir wollen in der That aus der Entfernung einer Tage-
reise zusammenklappend ihn tödten." Demgemäss entfern-
ten sich die beiden Felsen sehr лveit auseinander. ЛVährcnd
Gcsser Chaghan die beiden Felsen weit auseinander
gebracht hatte, spornte nnd peilsclite er seinen magischen
Braunen und sprengte zwischen durch. Die beiden Felsen,
in der Absicht, den Gesser zusammenzucj^uetschen und zu
tödten, prallten heftig gegen einander, wovon sie in Trüm-
mer und Stücke auseinanderfallend hingestreckt wurden.
Als Gesser Chaghan Aveiter gelaugle und zu den ver-
schiedenfarbigen Volksstämmen ^) des Pviesen kam, verwan-
delte er sich in die jedesmalige Farbe und kam glücklich
durch. Weiterhin begegnete er einem Kameelhirten des
JKiesen. welcher einen Stein von der Grösse eines Kameeis
als Pieil zugespitzt hatte. Gesser, diess sehend, nahm
einen Stein von der Grösse eines Kindes und spitzte ihn
gleichfalls als Pfeil zxi. Dann rief er dem Kameelhirten zu:
,, Kamerad, wer und v\essen bist du?" Dieser antwortete;
„Ich bin ein Kuhhirte !•' — „Gut, sprach Gesser, lasst
uns zum Spiel einander gegenseitig Averfen!" Antvsorl: „Ich
bin es zufrieden!'' Gesser fragte: ..Sollen wir einander
gegeu den Obertheil oder gegen den Untertheil (des Kör-
pers) Averfen?'- Der Kanieelhirle antwortete: „Ich werde
gegen deinen Obertheil A\erfen und du wirf gegen meinen
ÜDlertheil!" Nun zielte der Kameelhirte mit seinem Fels-
6} Vergl. S. 120.
— 134 —
stücke \oii der Grosse eiues Kameeis gegen Gesser und
warf, aber dieser verv^andellc sich in die kleine Gestall
Joro's. so dass der Wurf über iJin wegflog xmd ihn ver-
fehlte. „Nun, Kamerad, ist die Reihe an mir!" rief Ges-
ser Chaghan und warf den Stein in niederer Richtung
gegen die Herzgrube des Kameelhirten , welcher kraftlos
hinsauk. JNiin warf sich Gesser über ihn, überwältigte
ihn und Iragle ihn aus: „In ллскЬег Richtung liegt das
Schloss des Riesen? Ist der Weg dahin ohne Beschwerde?
Jn welcher (iegend pflegt der Riese zu jagen?" Der Ka-
nieelhirte antwortete : ,.Das Schloss des Riesen ist nicht
weil von hierj auf dem weissen Himmels -Gebirge herwärts
hat er eine Л\'асЬе von Götterkindern hingestellt, weiterhin
auf dem gelben Wellgebirge hat er*, eine AVache von Men-
schenkindern hingestellt; noch weiterhin auf unserm schwar-
zen Riesengebirge befinden sich Riesenkinder als Wache;
alle diese Erscheinungen wird der Göttersohn leicht erken-
nen." Hierauf lödlete (jesser Chaghan den Kameel-
hirten und lödlete sodann auch die folgenden Hüter der
andern drei \ iehheerden in der nämlichen Weise.
Als Gesser Chaghan bei der Fortsetzung seines Weges
zuni \\ eissen Himmelsgebirge gelangte und die Gotterkinder
ihn eiMicklen, fingen sie an zu jammern und riefen: „O Weh!
dieses Land pflegte nie ein rolhfüssiger Mensch zu betreten-,
wenn ein Mensch hieher kommt, so wird der Riese uns
lödten ! Oder is( es vielleicht ein Bogda? Wie mögen wir
das erkennen?" Gesser beruiiigte sie mit den Worten:
„Liebe Kinder, fürchtet euch nicht und tretet näher! ich
bin Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegen-
den. Wie aber koniml ihr hieber, da ihr Götterkinder
seyd?" Sie anlwortelen : ., Wir waren ungehorsam gegen
unsere Eltern und senku-n uns auf die Erdfläche herab;
während \^ir hier spielten, kam ])lötzlich der zw ölfköpfigt;
Riese, schnaj)ple uns auf und brachte uns liieher. Ev
meinte, Gesser könnle kojiimen, und slellte uns deshalb
— 135 —
als Wache hin." Gesser sprach: „Nun, Kinder, wenn
dem so ist, was gebt ihr mir, wenn ich euch den Riesen
tödte?'- Sie antworteten: „Ach, Bogda, was würde uns für
dich leid seyn, wenn wir etwas hätten!" Bei diesen Worten
verbeugten sie sich und sprachen weiter: „Herrscher in den
zehn Gegenden Gesser C haghau! Von hier weiterhin liegt
das geJbe Weltgebirge; mit den Kindern daselbst sprich
ebenso \^ie mit uns und setze deinen AVeg fort! Von da
weiterhin auf dem Gebirge des zwölfköpfigen Riesen hat
derselbe eine Wache von Riesenkindern hingestellt. In die-
sem Gebirge gibt es unersteigliche Felsen und undurchdring-
liche Wälder 5 es gibt daselbst kein Tageslicht und die
Nacht ist furchtbar schwarz wie der dickste Nebel; daselbst
wird diess hier nöthig seyn!" Bei diesen Worten langte
eines der Kinder einen feuerleuchtenden Krystall aus dem
Busen und überreichte denselben mit den ЛVorten: „Wenn
du, Bogda, jenes Gebirge passiren willst, so halte diess und
es Avird dir das nöthige Licht auf deinem Wege geben."
Gesser erwiederle: „Arme Kinder, das ist sehr wacker
von euch!" Sie sprachen Aveiter: „Wenn du, Bogda, jenes
Gebirge überschritten hast, so kommst du weiterhin zu drei
hohen Bergen; an dein ilachen Flussufer des mittleren Ber-
ges M irst du einen Menschen von der Grösse einer Elle
sitzen sehen; dieser isl ein solcher ausgezeichneter Zeichen-
deuter, dass er aus seinen rothen Fäden ohne den gering-
sten Irrlhum Vlies A^eissagt'). Л^оп diesem Menschen lass
dir dein Schicksalszeichen stellen; findet er es gut, so gehe
weiter, findet er es sclilecht, so halte ein!" — „Vortrefflich!"
sprach Gesser Chaghan, und setzte seinen AVeg fort. Er
kam zum gelben Weltgebirge und passirle dasselbe, nach-
dem er nach der Am'seisung der Götterkinder gesprochen
hatte. Sodann gelangte er zum schwarzen Gebirge der
1) Im Original: „der sich im Fleiochbraten nie täuscht.." Dieser
Vergleich kommt in der Folge öfter vor.
— 136 —
Rieseu. Hinkommend fand er in der That einen sehr hohen .
steilen imd völlig grasloson Berg, wo kein Unterschied
zwischen Tag und Nacht bemerkbar л\аг und ein dicker
iVebel Alles in Scil^^arz hüllle. Er stieg an der Stelle vom
Pferde, legte einen Baling^) als Opfer hin und betete zu
seinen vielen Schutzgeistern: „Ihr, meine vielen himmli-
schen Schulzgeister ! meine drei siegreichen Schw estern I
mit anhaltendem Donnergetöse schickt einen Hagel von der
Grösse einer Faust herab! ich stehe im Begriff, dieses ge-
fahrliche Gebirge meiner Todfeinde, ihnen zuvorkommend,
zu nassireu." Alsbald entstand unter Donnerschlägen ein
anhaltender Platzregen mit Hagelstücken von Faustgrösse.
Gesser Chaghan nahm seinen Krv stall in die Hand und
galoppirle auf seinem juagischen Braunen über das Gebirge.
Die Kiesenkinder hatten sich, den Hagel fürchtend, nieder-
gelegt und ihre Köpfe bedeckt j Gesser hatte einen faust-
grossen Stein in den Busen gesteckt, w^mit er die Köpfe
der Riesenkinder einschlug und sie tödtete.
Darnach gelangte Gesser Chaghan zu den drei Flüssen
und als er längs dem mittleren derselben aufwärts ritt^
entdeckte er in der That einen Menschen von der Grösse
einer Elle. Alsbald verwandelte er seinen magischen Braunen
in ein räudiges braunes Füllen, sich selbst aber in einen
gemeinen Menschen und stieg ab. Als er in die INähe
(des Zeichendeuters) kam, rief er: „Bleibt mir vom Halse!
dieser ellenlange Mensch лvi11 aus seinen rnthen Fäden
Alles ohne Irrthum weissagen? ^^ elcher Lügner !•' Diess ge-
sagt, setzte sich Gesser zu ihm und spracli: „Du ellen-
langer Mensch! it-h bin gesonnen, längs dem Tsaghan
Muren (weissen Sirom) aul" den Raub von Kameelwal-
lachen zu gehen, untersuche doch einmal deine Zeichen!
Ferner will ich läiig.'^ dem Scbira Muren (gelben Strom)
8) Eine aus Teig gekneletr pyramidcnartigo I''igiir. Die Baliiig
werden häufig als Todtenopfer gebiaucht.
_ 131 —
auf den Raub der Pferdeheerde mit gelblichen Hengsten
ausgehen; untersuche doch deine Zeichen! Endlich bin icli
gesonnen, längs dem Chara Muren (schwarzen Strom) auf
den Raub der Pferdeheerde mit sch"svarzen Hengsten und
Blässe auszugehen; sehe deine Zeichen nach!" Der ellen-
lange Mensch zog einen rothen Faden hervor und unter-
suchte ihn; dann sprach er: .,Gehe nicht den Tsaghan
Muren entlang, denn es ist Buddha's Weg! Gehe auch
nicht den Schira Muren entlang, denn es ist der Weg des
Wellgebäudes! Gehe aber längs dem Chaia Muren, weil
dein L uternrhmen gegen den Riesen gericlilel ist! Du wirst
zw^ar ein wenig zu leiden haben, aber das schadet nicht
viel, denn du wirst deiu Л^огЬаЬеп ausrichlen. " Als Gesser
im Begriff war aufzusteigen, rief ihm der ellenlange Mann
zu: ,.Halt, warte noch ein лvenig! es gibt noch einen Fa-
den zu untersuchen!" — Diess gesagt blickte er Gesser
an und sprach dann: „Der Obertheil deines Körpers zeigt
die Fülle der Buddlias der zehn Gegenden; der Milleltheil
deines Körpers zeigt die Fülle der vier grossen Götter,
und der Untertheil deines Körpers zeigt {\\e Fülle der yier
grossen Drachenfürsten; mit einem A\'orte, bist du niclil der
Beheri'scher des Dschambnd wips und Herrscher in den
zehn Gegenden Gesser Chaghan? Sagst du noch лч»п mir:
Wie kann dieser nichtswürdige, ellenlange Mensch ein sol-
cher Lügner seyn und von sich glaiil>en maclicn wollen,
er könne aus seinen rothen Fäden Alles ohne den ge-
ringsten Irrlhum weissagen ?^^ Gesser fragte ihn: .,Wohl-
thätiger Meister, zürnst du mir deshalb?- Der Mann er-
wiedcrte: ..Warum stjllle ich dir zürnen? Wenn du den
mittlem W^eg zAvischen diesen hohen Bergen einschlägst,
so stösst du auf eine aus einem hohen und vielastigcn
Baume bestehende Vei'wandlung des Riesen. Wenn Jemand
nahe bei diesem Baume vorbeikommt, so hauen scharfe
Schwerter aus demselben auf einen Solchen los und tödten
ihn; diesen musst du mit Vorsicht bcsiegenl" — „Wohlan",
^ 138 —
sprach Gesser Chaghan und setzte seinen Wejjj fort. Als
vv diesen Baum von Ferne erblickte. Hess er seinen niagi-
sclien Braunen sich gen Himmel erhebeD, sich selbst aber
wandelte er in einen Bettler um. sein magisches drei Klafter
langes SchvAert von schwnrzcm Stahl \ crwandelto er in
einen schAvarzen Wanderstock von drei islafler Länge. Alle
seine übrigen Л\ай'еп verwandelte er in y.^^ci kleine Kuchen
und sein kleines Messer mit eiuem Heile von Krystall ver-
steckte er in seinem Aermel. Er näherte sich dem Baume
in der Gestalt eines Bettlers, setzte sich in dessen Schalten
und fing an mit seinem kleinen Messer juit einem Hefte
von Krystall die Л\ urzel des Baumes zu unl(r\\ iUilcu. \\ äh-
rend er damit beschäftigt war, wurde aus dem Obc-itheile
des Baumes ein Mensch, der Scliwerter zückte. Gesser
blickte hinauf und schrie mit lauter Stimme: .,Als ich armer
Bettler herkam und mich niedersetzte, war diess ein Baumj
wie ist er nun zu eiuem mit scharfen Waffen drohenden
Menschen geworden; wessen Verwandlung mag dieser Baum
seyu! Ich bin ein sich in dieser Gegend umlierl reibender
Bettler! Ist diess vielleiclil eine Baumverwandlung des Gottes
Chormusda? von einem solcheu Baujue sagt man. dass wenn
er einen Feind erblickt, er denselben plötzlich tödte. dass
er sich aber gegen Arme und Bedürftige gütig imd barm-
licrzig erweise: ist dieser Baum etwa eine \ervvandluug
desselben? Oder ist dieser Baum \iell(iclil eine \er\\and-
lung des Herrn des Dschambud w i ps. ilcs i'übelischen
Gesser Chaghan? Davon sagt jnair. dat^s ^^enn er einen
Feind erblickt, er denselben im (irimme lödte. dass er aber
allen Armen und Bedürftigen den AVeg zeige 5 ist diess
vielleicht eine Baum Verwandlung des Allherrscher.s Gesser
(Chaghan? Wie kann ich das erkennen? Auch gibt es,
sa"l man, eine Вапт\ег\л andliing des /wölfköpfi gen Riesen-
königs; sollte diese es seyn, so keime ich ilit Art ihres A'^er-
fahrens nicht, ich i)in ein geringer, armer, höchstbedüjltigcr
Bettler, der in dieser Gegend umherschweift j da bemerkte
__ 139 —
ich etliche, an der Wurzel dieses Baumes wachsende Früchte,
welche ich ausgraben und essen wollte!'- Die Baumver-
wandlung dachte: ,,\Vie schön und rührend schwatzt nicht
dieser Bettler!- und sprach dann: „Armer Schlucker, bleibe
ruhig im Schatten dieses Baumes sitzen, grabe die Früchte
aus und verzehre sie!" — Während nun G csser sich
stellte, als grabe er Früchte aus, unterhöhlte er den Stamm
des Baumes und schnitt mittels seines kleinen Messers mit
dem Hefte von Krystall eine Wurzel nach der andern
durch, worauf" er dem Baume einen Stoss gab und ihn um-
warf. Sodann hieb Gesser mit seinen^ drei Klafter langen
Schwerte \'on schwarzem Stahl den Baum in Stücke und
verbrannte ihn.
Weil eine der wichtigsten Verwandlungen des Riesen,
während derselbe sich auf der Jagd befand, gelödtet wurde,
bekam er selbst plötzlich starkes Kopfweii und begab sich
in den grossen See, um sich abzukühlen. Während er im
Wasser lag-, schlief er ein. Da verwandelte der Herrscher
in den zehn Gegenden Gesser Chaghan sich in einen
giauen Sperber, kam und setzte seine Krallen über das
linke Auge des Kiesen und nahm dann sogleich die Flucht.
Der Riese schnappte nach ihm, verfehlte ihn aber, stand
auf und setzte ihm nach. Gesser ilog auf die Spitze eines
hohen Berges und verwandelte sich daselbst in einen spie-
lend umherlaulenden Menschen von der Grösse einer Elle.
Als der Riese hinkam, wurde Gesser abermals ein grauer
Sperber, flog davon zum grossen See, und wurde wieder
ein Mensch von der Länge einer Elle. Der Riese kam
nochmals zum See, Gesser wurde wieder ein Sj)erber
und flog davon. Als der Biese ihn nicht einholen konnte,
kehrte er um und kam nach Hause. Daselbst augelangt
sprach er zu Tümen Dschirghalang: ,,0 Weh, was ist
mit mir geschehen! seit meiner Geburt habe ich niemals
so viel gelitten! Während ich heute auf der Jagd war,
bekam ich plötzlich die heftigsten Kopfschmerzen. Ich ging
— 140 —
in den grossen See um ein Bad zu nehmen und schlief
im Wasser liegend, ein. Plötzüch kam ein grauer Sperber,
setzte seine Krallrn über mein linkes Auge und nahm
dann die Flucht. Während ich ihm nachs<>izte, flog er auf
die Spitze eines hohen Berges, wurde daselbst zu einem
Mäimchcn von der Länge eiiier Elle und lief spielend
umher. Ehe ich i}in auf meiner Jagd zum Gipfel des hohen
Berges erreichte, flog er abermals zum grossen See und
wurde лл•ieder ein spielendes Männchen л'оп der Länge einer
Elle. So wie ich Avicder zum See kam. flog er aufs Neue
davon, so dass ich alle meine .Mittel vergeblich erschöpfte.
(Aus Л erdruss) hierüber dreht sich mein Herz im Leibe
um. meine kurzen Rippen /.ielien sich zusammen, das Haar
meines Hauptes sträubt sich empor und meine Gelenke
und Gliedmassen sind wie zerbroclien. () AVeh , луе1сЬе
Sünde ist über mich gekommen! Ist е1л\а der Herrscher
in den zehn Gegenden Gesser Ghaghan gekommen? isf
es der Gott Chormusda, der in einer A'erwandluug ge-
kommen ist? sind die Diacheiifürsten oder die Assuri ge-
kommen? \\ eiche лпп den Fiircfitbaren mögen gekommen
se\)i? denn ausser diesen \ieren ist iSiemand im Stande,
es jnit mir aufzunehmen, indem aller Lebrigen Sitze mir
unterworfen sind.'- Hiciauf (млл ierlerle Tümen Dschir-
ghalang: ..Mein tapferer Maoni «ibi^hirh der Herrscher
in den zehn (jegenden tresser (.] h agh a n .>i(li zehnfach
veiwandeln kann, so besitzt er nicht \ iel Ver\', aiullungs-
mittel: da er лоп bnddhaisrhem Ge.'^cbleciitc ist. so ver-
wandelt er sich nie in einen \ "gel. Ks luüs.-en also л^ohl
die Assuri gewesen seMi-, w.is i>l deine Meljuing?- Der
Riese versetzte:'* Ja л\оЬ1. du hast Heclill'-
Am tilgenden Tage fiüb Morgens :;in|; d<i ilicse auf
die Jagd. Der Hcn^chci In den z.dm (;.-gcndrii Gcss.-r
Chagfian })e.-?lieg .■meinen magi.'^.hcii IJiaunen nnd m.ioblc
sicli nach dem Schlosse des Kirsen auf den NN'eg. Da das
Schloss des Riesen beispiellos (ungemein) lioch gebaut war
— 141 —
und Gesser nirgends ein Thor linden konnte, so sprach
er zu seinem magischen Braunen Folgendes: ..Mein raa-
gisclier Brauner, erhebe dich mit mir in die Luft bis über
dem Schlosse und senke dich dann in die Mitte des Innern
des Schlosses gleich einotn lallenden goldenen Pfeil herab,
Wenn du nicht mit mir auizusteigen vermagst, so werde
ich deine vier Hufen abschneiden, Sattel und Zaum auf den
Rücken nehmen und nach Hanse wandern. \Л enu ich aber
während deines Aufsteigens herabfalle, dich im Stiche lasse
und auf das Schluss dieses S'chimnu fallend das Leben
verliere, so lasse ich mein Fleisch von den Hunden fressen."
Der Braune erwiederte: „O Weh, mein furchtbarer Bogda,
wozu diese Worte! wozu dein wenn und wenn! Habe ich
je, wenn du einen \ ursatz ausfiduen wolltest, meine Dienste
vervveigcit? Darum komme von einer Entfernung von drei-
ssig Sätzen hergesprengt, von einer kleinen Pfeilschussvveite
komme, den rechten Zügel anziehend, fort, l'orti geschwind,
geschwind! rufend her! dann werde ich selbst schon wissen,
wie ich dich Iiinan bringe.'- — „Gut, vortrefliichl'' erwie-
derte der Herrscher in den zehn (iegenden Gesser Cha-
ghan, indem er aus der Fntferuung von dreissig Sätzen,
mit der linken Hand den Zügel und die Mähne innfassend,
beide Schenkel fest anschliessend und mit der rechten Hand
(dem Pferde) drei Sclienkelhiebi; gebend, mit Geschrei ange-
sprengt kam, und sodann aus einer kleinen Pfeilschussweite
und mit dem l\ufe fort, i'orti geschwind, geschwind! den
Zügel anziehend ans Ziel kam, worauf der magische Bi-aune
ihn in die Luft hob und beim Herabfahren ihn gleich einem
sich senkenden goldenen Pfeil in die Mitte des Innern des
Schlosses brachte. Hierauf liess Gesser seinen magischen
Braunen sich gen Himmel erheben, sich selbst aber verwan-
delte er in einen Bettler, alle« seine Waffen in zwei kleine
Kuchen und sein magisches drei Klal'ter langes Schwert von
schwarzem Stahl in einen drei Klafter langen schwarzen
Wanderstab. Sodann stieg er, sich auf einem Auge blind
— 142 -^
stellend, auf die Brustwehr des Schlosses und rief: „Was
für ein herrliches Schloss ist diessl Ich bin ein hier in der
Gegend umherschwärmender ürnior. hediirfliqer Bettler I Ich
habe zwar den Gott Chormusda der Höhe gesehen, ich
habe zwar die Drachenfürsten der Tiefe gesellen-, aber die
Schlösser dieser Beiden sind lange nicht so schön! Man
sagt, dass der Tülieiische Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaglian ein schönes Srhloss besitze 5 dasselbe
habe ich aber nicht gesehen ! Auch soll der zwölfköpfige
Kiese ein schönes Schloss besitzen; das kenne ich gleich-
lidls nicht! Bin ich л■ielleicht auf (jeralhewohl untersuchend
in (Ins Schloss eines dieser beiden Chaghane gelangt? Ich
muas den Chaghan und die Chäninn dieses Schlosses sehen!--
Indem er also mit lauter Stimme und sich auf seinen Stab
stützend sich der Behausung zuwendete , kam er an die
Thüre eines beispiellos grossen Aveissen Hauses mit rothem
Schornstein. Soлvohl am rechten als am linken '^riiürpfosten
lag eine Spinne лоп der Grösse eines Kalbes im zweiten
Jahre. Als Tümen Dschirghalan" die Stimme Gesser's
hörte, rief sie: „Oh, Avns ist das!" sprang auf vind wollte
hinaus laufen. Nun aber hatte der Riese die beiden S])in-
nen von der Grösse eines Kalbes im. zweiten .Tahre als
seine A'^erwandlungon zu dem Zwecke hingestellt, dass sie
die Tümen Dschirghalang verschlingen sollten, wenn sie
es Л ersuchen würde hinauszugehen. Als nun Tümen
Dschirghalang erschien, öffneten beide Spinnen den Ra-
chen, um sie aufzuschnappen, der ■«rme Bettler a])er schlug
die zwei Spinnen in magisclier AVeise mit seinem schwar-
zen Stecken und tödtete sie. Ihre Stelle Hess Gesser von
zwei ähnlichen, aber falschen Spinnen von seiner eigenen
Verwandlung einnehmen. ./Mein furchtbarer Bogda, woher
bist du gekommen!'- rief Tümen Dschirghalang, den
Gesser weinend um den Hals fallend. Als Tümen
Dschirghalang weinte, sprach Gessej-: „Ist diess nicht,
was man ein Weib von kurzem Zügel (wenig Ueberlegung)
— 143 ~
nennt! Wenn du weinst, wird das der Riese nicht bemerken?
Weine nicht, sondern m;iche mich lieber mit den Mitteln
und Kunstgritien des Kiesen bekannt!" Tümen Dschir-
ghalang Hess ilm los undGesser fragte sie: „Was bedeutet
es, dass deine rechte Wange geschminkt und deine rechte
Körperhälfle geschmückt ist, \AOgegeji deine linke Wange mit
Piuss hcsclimiert und deine linke Körperhälfte mit schlech-
tem Putze heliangen ist?" Tümen Dschirghala n o erwie-
derte: ,,Dass meine rechte Körperhälfte geputzt und ge-
schmückt ist , dient zum Zeichen . dass mein eisehnter
Gcsser Chaghan kommen, den ränkevollen Päescn durch
List fangen und tödten und ihm seine Köpfe abhauen wird ^
der schlechte Putz und Anzug meiner Hnken Körperhälfte
bedeulet, das der zv^öl^köpЛge Ixiese besiegt werden л'^ird
Als der Kiese mir erzählte, wie und in л^ elcher Weise ein
Sperber ihm gestern das Auge krallte, da bemerkte ich
sogleicli, dass (hi gekommen sejst und stellte ihm dieses
böse Zeichen. Ach, mein Bogda, der zvAölf'köphge Riese
ist überaus schrecklich und furchtbar; es möchte dir das
Leben kosten, gehe daher lieber heim!" Gesser er\>ie-
derte: ,.0 Weh, meine Tümen Dsch irahalana , was
sprichst du da! Wie könnte ich, als Herrscher in den zehn
Gegenden Gesser Chaghan. nachdem ich dich, die
Meinige, von dem zwölfköpfigen Kiesen habe entführen las-
sen, ohne die аиГег1е£^1е \'^crbindlichkeit der Besieauno- des
zwölfköpfigen Riesen zu erfüllen, auf die allgemeine Aner-
kennung als Beherrscher des Dschambud wips Gesser
Chaghan Anspruch machen! Wenn er mich besiegt, so
mag er dich behalten ; besiege ich ihn aber, so kehre ich
mit dir in die Heimath zurück!'' Tümen Dsch irghalang
sprach: ,,A'\ie kann ich alle Wege und Schliche dieses
Л^еггисЬ1еп Kennen! denn seit ich\on dir hieher gekonuuen
bin, hat er mich nie aus dem Hause gelassen. Er ist, ein
kupfergrünes Maulthier reitend, auf die Jagd gezogen und
pflegt gegen Abend, wenn die Sonne rolh wird, mit einem
— 144 —
Elennlhier beladen zurück zukc;hren. Das Maulthier pflegt,
wenu es einen Feind in der iVälie witlerl, mit der Nase
k.u schnauben, am Gebisse zu kauen, inil allen A'ieren Salze
zu machen und die Erde aufzuwühlen. Die zwei Eingangs-
und Ausgangs - Grauschimmel (Pferde zum abwechselnden
Gebrauche) pflegen dann hin und her, einander ablösend,
zu laufen. Er selbst besitzt als Wahrsagungszeichen rothe
Fäden und ist mittels derselben ein solcher Wahrsager,
dass er Alles ohne den geringsten Irrthum erfälirt. Ach,
mein Bogda, wo soll ich dich beigen!"' Gesser erwiederte:
,. Darum sey unbekümmert! Suche nur, ihm seine Mittel
und AVege, während ich horchend liege, mit List abzu-
locken!-' Nun sannen Gesser und Tümen Dschirgha-
lang die List aus, eine sieben Klafter tiefe, lange Grube
zu graben, in welche Gesser ki'ocli; diese Grube wurde
mit einer weissen Steinplatte bedeckt, über welche eine
mit Mani bemahlle baumwollene Decke ^) gelegt wurde.
Diese Decke wurde dünn mit Erde überlegt , worüber
Heu ausgebreitet und dieses mit grünen Kräutern überlegt
wurde. Leber dieses Alles wurde ein mit Wasser gefüllter
Kessel gestellt. Im dieses \\'asser herum wurden ausge-
pflückte Federn von allerlei Vögeln gestreut.
Am Abend, als die Sonne roth wurde, kam, der Kiese
auf seinem kupfergrünen Maulthier mit einem Elennthier
beladen zu seiner Behausung. Bei der Annäherung fing
das Maulthier an. mit der Nase zu schnauben, nahm das
(iebiss zwischen die Zähne und kaute darauf, machte Sätze
und Spiünge und Nvühltc die Erde auf. Die Eingangs- und
Ausgangs - Grauschimmel kamen beide hinwärts und her-
wärts laufend und sich abwechselnd herges])riingen. Der
Riese rief: ..Das ist gewiss ein Kunstgrift" meines ver-
9) D. li. eine mit der Formel Om maiii päd me hum be-
srhriebene Decke. Die genannte Formel wird gemeiniglich, der Kürze
halber, schlechtweg Maui genannt.
— 145 —
schmitzten Weibes! das ist sicher ein listiger Betrug meines
verschlageneu Weibes ! Ist etwa ein Feind gekommen? Meine
Nase empfindet einen Geruch als wie von Mistkäfern \ gib mir
geschwind meine wahrsagenden rothen Fäden her!"' Tümen
Dschirghalang erAviederle: „O Weh, o Weh! was heisst
das, was du vom Kunstgriff deines listigen Weibes sprichst?
möchte doch mein bewundernswürdiger Gesser kommen,
den arglistigen Kiesen überlisten und ihn in Stücke hauen !
Was bedeutet das, was du vom listigen Betrüge deines ver-
schlagenen Weibes sprichst? möchte doch mein segensreicher
Gesser Ghaghan kommen, dem ränkevollen Riesen den
Hals abschneiden und ihn seinen vielen Buddhas zum Opfer
bringen! Den Gesser verwerfend und dich erwählend habe
ich mich entfernt und bin zu dir gekommen; was habe ich in
der langen Zeit meines Hierseyns in deinem Hause gethan,
dass du mich listig und betrügerisch schiltst?" Der fliese
versetzte: „Wozu jetzt dein Geschimpfe! Gehe hinein und
bringe mir meine wahrsagenden rotheu Fäden! Sorge aber da-
für, dass sie nicht zwischen die Beine eines Weibes oder un-
terhalb eines Hundekopfes kommen, weil dann die Deutung
der Fäden unzuverlässig wird! Bringe sie mir an der rech-
ten Mauerseite (der Thüre) her!" Tümen Dschirghalang
ging hinein, that mit den Fäden gerade dasjenige, was ihre
Deutung uugewiss machen sollte und überreichte sie dann
dem Kiesen, Welcher auf seinem Mavdthiere sitzend die
Zeichen untersuchte." O Weh! rief er, der Herrscher in
den zehn Gegenden Gesser Ghaghan ist gekommen! Es
scheint, er ist unter meinem Heerde begraben und mit
einer weissen Steinplatte bedeckt! Es scheint, er liegt mit
schwarzer Erde übeistreul!" Tümen Dschirghalang ent-
gegnete: ,,Was sprichst du da! wer wird den Gesser
begraben 5 habe ich ihn etwa begraben? Blauer Himmel
da oben, werde mein Vater und rufe ! Erdfläche hier unten,
werde ein Mensch und rufe! Horcht und vernehmt, was
zwischen uns Beiden gesprochen wird!" Da lief eine der
10
— 14в —
Verwandlungen des Gessers als Mensch oben vom Himmel
herab: „Du bist, Gesser geringschätzend, hergekommen;
jetzt trage dein Sdiicksal!" Sodann rief Gesser selbst aus
der Tiefe: „Dks Riesen Gezanke ist ganz unstatthaft !" Als
der Riese diess hörte, rief er: ,,Das ist doch ]nerk%^ürdig!"
und lachte. ,, Sodann mit denAVortcn: „Einen Faden habe
ich noch nicht nachgesehen." untersuchte er abermals seine
Zeichen und sprach dann: „Gesser ist gestorben, er liegt
in der schv^arzen Erde und ist mit einer weissen Steinplatte
überdeckt, diese ist mit weissem Schnee überschneit. Seit
er in der schwarzen Eide begraben liegt, ist das vertrocknete
Kraut zusammengefallen und (neues) grünes Kraut ge-
wachsen. Es gi])t einen grossen See von Erz, an dessen
Ufer sämmtliche A^ögel ihre Federn vaschen: über ihnen
sitzen Krähen und Elstern und treiben ilir Gespötte (über
Gesser). Seil seinem Tode ist schon ein volles Jahr ver-
flossen." Mit- diesen Worten stieg der Riese (von seinem
Maulthiere).
Nnn rief der Riese: „Gib mir meinen grossen Zahn-
stocher!" Nachdem er ihn genommen, stocherte er damit
und liess zwei bis drei (aufgeschnappte) Menschen (aus dem
Rachen) faHen. „Gib mir nun mein Essen!'- rief er sodann
und Tümen Dschirghalang setzte ihm eine Mahlzeit
von geschmorten Menschenfingern vor. Der Kiese hielt
seine Mahlzeit und Tümen Dschirghalang setzte sicli
sodann auf seinen Schoss. „Mein trefflicher Gemahl",
sprach sie, „als du vorhin von der Jagd zurückkamst, hast
du ohne allen Grund geschmählt; weil icli den Gesser
für schlechter und dich für besser hielt, ])in ich zu dir ge-
kommen. Dieses dein Schluss hat keine Pforte (keineiT
Au.sgang)5 wenn du nun ausgegangen bist und ich (allein)
im Hause zurückbleibe, so möchte der verruchte Gesser
kommen, mich tödten und sich wieder entfernen. Wenn
ich nun seine Ankunft erfahre; so möchte ich dich gern
gleich davon in Kenntniss setzen." Der Riese entgegnete:
— 14'3 —
„Warum nicht gar^ dir sage ich nichts! Der Mensch ist in
dreierlei Dingen seiner Sache ungewiss: einen Sü'auch rech-
net er nicht zu den Bäumen, einen Sperling nicht zu den
Vögeln und ein Weib nicht zu seinen Freunden. Ich will
nicht!" Tümen Dschirghalang versetzte: „Als du mich
hieher brachtest, verschlangst du deine schönen Gattinnen
hier im Hause; vielleicht hast du eine andere Gattinn ge-
funden und liegst nun mit dem Gedanken hier, mich gleich-
falls zu verschlingen. Sollte also der verruchte Gesser
kommen und mich tödten, so mag es geschehen ! was kann
ich dabei thun! mein Glück möge es entscheiden!" Mit
diesen Worten legte sie sich nieder und der Hiese sprach:
„Tümen Dschirghalang, was du da sprichst, hat Grund!"
Diess gesagt, lachte er Ha, Ha! und sprach dann weiter:
„Lege dich näher zu mir!" Er nahm sie in seine Arme
und fuhr fort: „Hier hast du zwei goldene Ringe! wenn
du beim Hinausgehen den einen auf die Nasenspitze legst,
so wird das Thor meines Schlosses sich dir öfinen; beim Hin-
eingehen stecke den andern Ring an den kleinen Finger
und das Thor wird sich dir zum Eingang öffnen. Wenn
ich sage, dass ich vorwärts (nach Osten) gehe, so bedeutet
diess hinterwärts (nach Westen)." In dieser Art erklärte
der Riese die Art seines Ausganges nach den vier Gegen-
den. Tümen Dschirghalang erwiederte: „Gut, mein
trefflicher Gemahl, das wollen w ir auf sich beruhen lassen !
Nun sind mir zwar Gesser's Verwandlungen sämratlich
Stück für Stück bekannt; wie willst du aber den Gesser
besiegen, wenn er herkommen sollte.? Von deinen Ver-
wandlungen ist mir noch nichts bekannt; nenne sie mir
doch! es wird mir Vergnügen machen, dir zuzuhören,"
Der Riebe sprach: „Wenn jener Nichtswürdige kommen
sollte, würde ich ihn nicht mit dem kleinen Finger tödten
können? Es befinden sich nämlich A'orwärts von meinem
Hause drei verschiedene grosse Seen; herwärts davon ist
ein fünffaches Schilffeld. Am Ufer des nächsten See's hin-
10*
~ 148 —
ter dem Schilfe [rennen zwei Stiere, ein weisser und ein
schwarzer, um die Weite. Am Morgen siegt der лveisse
Stier, Ge SS er 's Schutzgenius und am Mittag der schwarze
Stier, mein Schutzgenius. Wenn er diesen meinen Schutz-
genius tödlcn solhe, so könnte er auch mich tödten; wie
wollte er es in anderer Weise anfangen? — AVeiterliin gibt
es ein grosses Schloss, in diesem Schlosse wohnen meine
drei Jüngern Schwestern ; sie sitzen gemeiniglich auf dem
Wipfel von neun rothen Bäumen 5 wenn' er diese tödten
sollte, so könnte er auch mich überwältigen^ wie sollte er
es in anderer Weise vermögen? Links davon befinden sich
drei grosse Seen, an welchen drei Hirschkühe spielend um-
lier laufen. Zur Zeit der Mrttagrshitze kommen sie aus dem
Wasser und legen sich am Uier ausruliend nebeneinander
nieder. Wenn er alle Drei mit Einem Pfeilschusse zu
durchbohren vermag , sodann den Bauch der mittleren
Hirschkuh aufreisst, aus demselben ein goldenes Kästchen
nimmt, dieses öffnet und eine darin befindliche kupferne
grosse Nadel entzweibricht, so könnte er mich vielleicht
tödten^ wie sollte er in anderer Weise mir etwas anhaben
können? Rechts ab liegt ein Schloss, woselbst eine ältere
SchAvester von mir als magisclie Verwandlung wohnt, diese
verwahrt einen grossen Käfer, welchen sie mir seit meiner
Geburt noch nie gezeigt halj wenn er diese Beiden, welche
jneine Seele sind, tödtet, so könnte er vielleicht auch mich
tödten; wie will er es in anderer Weise anfangen? diess
ist das Ende meiner Verwandlungen." Mit diesen Worten
legte sich der Kiese nieder, aber Tümen Dschirghalang
sprach zu ihm : „Ach, wie du doch so dumm bist I Was hatte
ich dich vorhin gefragt? Fragte ich dich nicht, welche von
deinen Verwandlungen die vornehmste sey? Gev>iss hast
du noch welche j sage sie her!" Der Riese erwiederte:
„Wenn ich eingeschlafen bin, so kommt aus meinem rech-
ten Nasenloche ein grosser goldener Fisch hervor und bewegt
sicli spielend auf meiner rechten Schulter 5 dann kommt aus
— 149 —
meinem linken Nasenloche ein kleiner goldener Fisch hervor
und bewegt sich spielend auf meiner linken Schuller. Sollte
er diese Beide auch tödten, was hat es auf sich! ich sterbe
dann als Held in gleichem Kampfe mit ihm! Denn wenn er
mich gleich tödten sollte, so lebt noch mein älterer Bruder,
ein Lama und Beschwörer (Zauberer), ferner meine Mutter,
- eine Jakscha (Hexe) und endlich ein einzelnes eigenes Kind
von mir; wie Aermag er diese Drei zu tödten? Mich selbst
könnte er vielleicht besiegen 5 wenn er aber diese meine
t Drei tödten sollte, so würde ich ohne Nachkommenschaft
. sterben." Tümen Dschirghalang sprach: ,,Mein in Wahr-
- heit vortrefi'licher Gemahl, nun ist mein Wunsch vollkom-
men befriedigt! Dass ich mit dir vereint bin, halte ich als
Glück und Segen für mich!" — „Ha, Ha, nicht wahr?"
- sagte der erfreute Riese mit Lachen und legte sich nieder.
Am andern Morgen früh stand der Riese auf und vor-
gebend, nach Vorne auszugehen, entfernte er sich nach
: Hinten. Tümen Dschirghalang weckte den Gesser,
, gab ihm die zwei goldenen Ringe und erzählte ihm alles
; was sie vom Riesen vernommen hatte. „Wohl, nun hat
es keine Gefahr mehr!" rief Gesser, liess seinen magi-
I sehen Braunen vom Himmel herabkommen und bestieg ihn.
. Beim Hinausreiten legte er den einen goldenen Ring auf
i die Nasenspitze, worauf das Thor sich ihm von selbst öff-
nete. Er nahm seinen Weg zu den drei verschiedenen Seen,
j' bahnte sich denselben durch das fünflach verschiedene
■ Schilf und fand daselbst am diesseitigen Ufer den weissen
und den schwarzen Stier im Wettlaufe mit einander be-
grifien. Der weisse Stier war erschöpft, schleppte kaum
i seine Füsse fort, die Augen waren ihm roth unterlaufen
i;und weisser Schaum stand auf ihm; neben ihm an seiner
Г rechten Seile keuchte der schwarze Stier. Gesser spannte
.seinen Bogen gegen den schwarzen Stier,. schoss und durch-
bohrte ihm das Herz, worauf er ihn mit seinem drei Klaf-
— 150 —
ter langen Schwerte in Stücke hieb. Das fünffach Terschie-
tlene Schilf steckte er in Brand, worauf er, ohne sich um-
zusehen, die Flucht ergriff. Bei der Pforte angelangt, steckte
er den andern goldenen Ring an den kleinen Finger und
befolgte die gegebene Anweisung. Die Pforte öffnete sich,
als Gesser nun aber hinter sich blickte, entdeckte er, dass
die drei verschiedenen Seen dicht hinler ihm ihn zu errei-
chen im Begriffe waren. Gesser spornte während des
Einreitens in die Pforte seinen magischen Braunen an, so
dass (die drei Seen), oberhalb des Schwanzes des Braunen
schnappend, ihn verfehlten, worauf das Thor sich schloss
und die Seen an ihre früheren Stellen zurückwichen. Ges-
ser sprach zu seiner Tümen Dschirghalang: „Tch bin
zurückgekommen, nachdem ich jenes böse Wesen getödtet
habe." Hierauf verbrachten Beide die Mittagszeit vergnüg-
lich und behaglich; am Abend aber sprach Gesser: „Der
Riese kommt wohl bald!" kroch in seine Höhle und legte
sieh daselbst nieder. Am Abend kam der Riese und klagte:
,^ОсЬ, Och, wie schmerzt mir der Kopf! ist Gesser etwa
gekommen?" Tümen Dschirghalang erwiederLe: „Mein
treÖlicher Gemahl, was ist mit deinem Kopfe gescliehen?
hast du etwa heute nichts zur Mahlzeit erbeutet?" Der
Riese versetzte: „Ich habe z^^ar etwas zu essen gefunden,
aber plötzlich fing es in meinem Kopfe an, zu klopfen und
zu reissen."
Am folgenden Tage des Morgens ging der Riese nach
Vorne hin aus, nachdem er angezeigt hatte, nach Hinten
sich entfernen zu wollen. Gesser hingegen nahm seinen
Weg nach Hinten hin. Als er zum grossen Schlosse kam,
fand er die drei jungem Schwestern des Riesen auf dem
Wipfel der neun rothen Bäume sitzen. Gesser Chaghan
verwandelte sich in einen schönen, jungen Mann, begab sich
in das Innere des Schlosshofes und bis an den Fuss der
neun rothen Bäume, woselbst er unter Spiel und Scherz
Folgendes sang: „Wessen sind wohl diese drei reilzendeu
— 151 —
Jungfrauen, die da oben auf den rothen Bäumen sitzen?
Es heisst , der Gott Chormusda in der Höhe habe drei
schöne Töchter 5 sind es diese vielleicht? Auch spricht man
von den drei schönen Töchtern der Drachenfürsten der Tiefe.
Ferner spricht mau auch von den Töchtern Gesser Cha-
ghans und von den Töchtern des Riesen-, es müssen noth-
wendig die Töchter eines dieser Viere seyn! Wenn diese
so schöne und reitzende Jungfrauen doch zu mir herunter-
kämen und meipem Spiele zusäheii ! Oder sind es Krähen,
sind es Elstern? Warum sitzen sie da oben auf den l^äu--
men?" Die Jungfrauen sprachen: „In Walirheit, der Mensch
hat vollkommen Pvechtl Sind \vir etwa Vögel? Warum
sitzen wir für nichts und wieder nichts auf den Wipfeln
dieser Bäume?" Diess gesagt, stiegen sie herab, sahen dem
Spiele zu , spielten mit und fragten ihn: „Junger Mann,
wessen und woher bist du?" Gesser erwiederte: „jlch
bin aus dem ewigen Laude im Westen hergekommen j der
Karma von den Schwarzmützen hat mir seidene §chnüre
von hundert xind acht Fäden zum Geschenk gemacht; tr^gt
ihr etwa solche Schnüre?" Die Jungfrauen ervviederten :
„Allerdings! warum sollten wii' das Geschenk des grQS^en
Lama nicht tragen? Gib her!" Gesser fragte: „Wo tragt
ihr sie? am Halse oder am Fusse?" Sie erwiederten:
,, Warum sollten v\ir sie am Fusse tragen? es \ ersteht sich,
am Halse!" Gesser versetzte: „Kommt Jier, ich will sieei^ch
umlegen!" Hierauf langte er aus seinem Busen drei Bogensen-
nen, legte sie ihnen, um den Hals und erdrosselte sie. Die
neun rotheu Bäume hieb er um und steckte das gfpsse
Schloss in Brand, worauf er zurück kehrte. Am Abend kam
der Riese nach Hause mit der Klage, dass der Kopf ihm
schmerze. Тцтеп ,Dschirghalang sprach: „Es scheint
dir Vergnügen zu machen, krank zu seyn; du hast ja nichts
zum Essen mitgebracht. Bleibe lieber einen Tag zu Hause
und pflege dich!" Der Riese versetzte: ,,Was, meine Liebe,
sprichst du von meiner Krankheit! das hat nichts zu bedeu-
-. 152 —
len und ich werde fortfahren, auf die Jagd zu gehen."
Diess gesagt schlief er ein.
Am folgenden Morgen gab der Riese vor, nach Osten
hin ausgehen zu wollen und entfernte sich nach Westen
hin. Gesser nahm seinen "Weg nach Osten. Gegen Mittag
schlich er sich hin und kam an das diesseitige Ufer des
See's, woselbst die drei Hirschkühe sich ausruhend neben
einander lagen. Er durchbohrte sie alle Drei mit Einem
Pfeilschusse und riss der mittleren Hirschkuh das Einge-
weide auf, aus welchem alsbald ein goldenes Kästchen her-
ausfiel. Dieses zerschlug er, nahm die grosse kupferne Na-
del heraus, zerbrach sie und kehrte dann zurück. Am
Abend kam der Riese nach Hause mit der Klage, dass der
Kopf ihm entsetzlich schmerze." Bleibe doch Moigen zu
Hause und pflege dich gehörig!" ermahnte ihn Tümen
Dschirgh alang, er aber erwiederte: „Was, meine Liebe,
denkst du dir denn von meiner Krankheit? Morgen werde
ich dich herumführen und dir allerlei zeigen."
Am andern Tage früh Morgens stand der Riese auf, ver-
band seinen Kopf, weckte die Tümen Dschirghalang und
führte sie mit sich. Er führte sie in ein grosses güldenes
Haus , in welchem eine Menge menschlicher Leichname
aufgehäuft waren; sodann in andere schöne Häuser, welche
mit allerlei Schmuck und Kostbarkeiten in Menge verziert
waren 5 diese waren mit allerlei Fleisch von Vieh, Fischen
und Wild angefüllt. Endlich lührle er sie in ein altes
hölzernes Haus, in welchem eine Menge Gold, Silber und
kostbare Güter aller Art aufgehäuft lagen, und sprach dann
zu ihr: „Wenn ich dieses Alles aufessen wollte, so VAÜrde
ich in einem Tage damit nicht lertig \\ erden j deswegen
habe ich es aufbewahrt, um es vor meinem Tode zu eisen.
Krank oder nicht, ich will auf die Jagd gehen!" Mit diesen
Worten nahm er seine Richtung nach Osten und Gesser
entfernte sich nach Westen in der Richtung jenes Schlosses.
Vor Gesser hüpfte und sprang eine weisslich- gelbe Hirsch-
— 153 —
kuh umher und kam auf ihn zugelaufen. Gesser spannte
den Bogen und schoss sie durch das Weisse der Slirne in
der Art, dass die Pfeilspitze hinten am Schwanzbeine her-
auskam. Die Hirschkuh entfloh mit dem Pfeil im Leibe
und Gesser verfolgte sie unausgesetzl, bis sie in das grosse
Schloss entschlüpfte und dessen neunfache steinerne Eingänge
verschloss. Gesser zerschmetterte zwei der Pforten mit
seinen zwei stählernen Beilen, ging hinein und fand ein
altes Weib mit grauem Haar, dessen Hauzähne der untern
Kinnlade gegen den Himmel strebten, \s ährend die Hauzähne
der obern Kinnlade die Erde berührten und mit zwei
Brüsten, welche herabhängend die Erde bedeckten. l)er
Pfeil, луекЬег den Scheitel des Weibes durchbohrt halte,
guckte mit der Spitze oberhalb des Schwanzbeines hervor,
und das Weib, in der Art eines Hundes auf der Erde sit-
zend, schrie in einem fort: „O Weh! welcher Jammer! wel-
cher Schmerz!" Gesser kam in der Gestalt eines schönen
]\Iannes herein und fragte: ,,Was ist dir Ijegegnet, Mütter-
chen!" Das Weib erviiederte: „Ich war gewohnt, nach
Herzenslust auf der Erdfläche herumzugehen, die Wesen
zu fangen und zu fressen ; so war ich ganz vor Kurzem im
Begriffe, einen Menschen zu fangen und zu fressen, als ich
plötzlich in dieser Art durchschossen und in diesen Jammer
gebracht wurde. Am Gefieder den Pfeil fassend wollte
ich ihn herausziehen, aber vergeblich 5 au der Spitze ihn
fassend wollte ich ihn herausziehen*, doch umsonst. Das
schwarze Blut quillt aus der Schusswunde; ich bin durch
den Schuss bis ins innerste ,Leben verwundet. Wer bist
du, schöner, reitzender Mann? ziehe mir doch diesen Pfeil
aus!" Gesser erwiederte: „O Weh, Mütterchen, deinen
Pfeil kann ich nicht ausziehen'! ^Es mag wohl ein Pfeil des
Gottes Chormusda da oben seynj oder auch ein Pfeil
\nn den Assuri der Alilte'; ich kann ihn nicht ausziehen!"
Das Weib versetzte: „Lieber, lasst uns Beide Mann und
Frau werden! Was sagst du zu dem Vorschlag, mein Mann
— 154 —
zu werden?" Gesser eiwiederle: „Kennst du denn mich,
deinen Jüngern Bruder nicht?" Das Weih versetzte: „Wer,
sagst du, dass du seyst?" Gesser entgegnete: „Bi" ich
denn nicht der Riese, dein jüngerer Bruder?" Das Weib
versetzte: „Seit wann, mein Lieber, ist dein Aussehen so
reitzend geworden?" Gesser erwicderle: „Seit ich die
Gemahlinn des Gesser Chaghan genomraen habe, bin ich
so schön geworden." Das Weib sprach: „Nun wohl, aber
warum hast du auf mich geschossen?" (iesser antwortete:
„Schwester! seit ich geboren bin, hast du mir meine Seele,
einen Käfer, noch nicht gezeigt-, aus Unwillen darüber habe
ich dich erschossen." Das Weib entgegnete: „Weil ich
deinen Leichtsinn und deine Unbesonnenheit kannte, und ^
für die schlimmen Folgen besorgt war, wenn du sie (die
Seele) Jemanden zeigen solltest, habe ich sie dir nicht ge-
geben 5 also deswegen hast du mich getödtel? Da nimm!"
Mit diesen Worten warf sie ihm (die Seele) , sie auf der
Erde rollen lassend entgegen. Da sprach (besser: „Nun
komm her, Schwester, ich v^ill deinen Pfeil ausziehen!"
Sich stellend, als zöge er den _Pfeil heraus, zerwühlte er
ihr damit das Eingeweide und tödtete sie vollends. Die
Seele verschloss er in einen dunkeln Raum des Gebäudes
und brannte alles nieder.
Am Abend kam der Riese nach Hause. „O Weh, o
ЛҮеЬ, mein Kopl! schrie er, wälzte sich liegend und schlief
endlich ein. Aus seinem rechten Nasenloche kam ein gros-
ser goldener Fisch hervor und hüpfte auf seiner rechten
Schulter umher. Aus seinem linken Nasenluche kam ein
kleiner goldener Fisch hervor und trieb sein Spiel auf der
linken Schulter des Riesen. Tümen Dschirghalang füllte
zwei Quersäcke mit Kohlenstaub, legte sie auf ihre Lagerstätte
und versteckte sich dahinter. Dann v\ eckte sie den Gesser.
Dieser stand auf und wetzte sein grosses stählernes Beil.
,,Was knarrt und scharrt da!" rief der Riese, schnappte und
erschlang den vorderen Quersack mit Kuhlen." Was, rief
— 155 —
Turnen Dscbirghalang, plauderst du da im Traume!
Willst du mich etwa liegeud fressen?" Der Riese fragte:
„Was hat da gescharrt?" Tümen Dschirghalang antwor-
tete: „Während ich Garn spann, zerriss der Faden und
die Spindel fuhr iil den Kessel; davon der Ton." Der
Riese versetzte: ,,Das muss ich erfahren!" worauf Tümen
Dschirghalang forlspaun und diesen Ton hervorbrachte.
„Der Ton war dem ähnlich", meinte der Riese und schlief
wieder ein. Gesser's Pfeile machten ein rasselndes Getöse;
der Riese sprang auf, schnappte und verschlang den zweiten
Sack mit Kohlen. Tümen Dschirghalang rief: „Wenn
du mich verschlingen willst, so verschlinge mich doch lieber
bei Lampenschein als im Dunkeln." Der fviese fragte:
„Was hat da geknarrt?" Tümen Dschirghalang erwie-
derte: „Ich zog unTermulhet hier am Strick und da ent-
stand ein solcher Ton." Der Riese befahl: „Ziehe noch ein-
mal!" Sie that es, der Riese fand den Ton älmlich und
schlief wieder ein.
Nun ergriff Gesser seine beiden Beile und kam hinzu.
Er liess die Tümen Dschirghalang zwei Händevoll
Kohlenstaub nehmen und befahl ihr, sogleich nach dem Hiebe
diesen- Kohlenstaub auf die Wunden zu drücken. Hierauf
hieb Gesser die auf den Schultern des Riesen befindlichen
zwei goldenen Fische mit sammt den Schultern durch und
Tümen Dschirghalang bedeckte, der Verabredung ge-
mäss, die Wunden sogleich mit dem Kohlenstaube. Der
Riese stürzte hin, stand wieder auf und rang mit Gesser.
Dieser warf den Riesen nieder, und schnitt ihm seine zwölf
Köpfe ab. Als er ihm bereits elf Köpfe abgeschnitten hatte
und im Begriffe war, den letzten einen abzuschneiden, sprach
der Riese: „A^ertilger der Wurzel der zehn Uebel, furcht-
barer Bogda, du hast mich in schmähliger Weise getödtel,
obgleich zwischen uns Beiden keine grosse Feindschaft ob-
waltete; auch halje ich keineswegs aus Missachtung gegen
dich dein Weib genommen und hergebracht. Lasst uns
— 156 —
von nun an Freunde seyn ! Wo es einen grollenden Feind
gibt, den lasst uns vereint vernichten! Lasst uns in meinem
Lande überwintern, v\"eil es in demselben während des
Winters vsarm ist, und weil es ^vährend des Sommers in
deinem Lande kühl ist, so wollen wir zusammen den Som-
mer dort verbringen!" Gesser gab seine Einwilligung und
hielt inne, da riefen die drei Schлvcsteru Dscharatso,
Dari und Udam auf diese AVorte (des Riesen) vom Him-
mel herab: „Liebes Rolznäschen, ллагит glaubst du seinen
Worten! Wenn sein Körper zu Gusseisen geworden ist,
so kannst du ihn nicht mehr tödlen •, mache geschwind!',
Als Gesser hierauf dem Riesen die Kehle durchschneiden
wollte, schnurrte das Messer darüber hinvvegj er MoUte ihm
das Messer unter die Armhöhle einstechen , aber es ging
nicht durch. Da stach er ihm' dasselbe in die Weichen des
Bauches und zerriss seine Eingeweide, worauf das flüssige
Erz abfloss und er ihm den Kopf abschnitt.
Nach dieser That bestieg Gesser Chaghan das Reit-'
pferd des Riesen, einen schwarzen Blässen, verwandelte sich
selbst in die Gestalt des Riesen und begab sich zu dessen
älterm Bruder, dem zauberischen Lama. Daselbst angelangt
stieg er ab, ging hinein und verl^eugte sich. Während er
den Schein gab, sich einsegnen zu lassen, schnitt er dem
Lama den Bauch auf und zerriss dessen Eingeweide. Der
Lama vergass O m auszusprechen und sagte Päd. Das
schwarze Blässpferd war unterdessen gefallen; Gesser be-
goss dasselbe mit dem Blute (des Lama), worauf es v^ieder
zum Leben kam.
Nun machte Gesser sich zu dem Kinde und Erben
des Riesen auf den Weg. Er kam zu dem ^^^chlosse mit sie-
benfacher Mauer und rief ausserhalb desselben: „Mein Kind!"
Das Kind des Riesen antwortete: „Komme herein!" und ging
ihm entgegen. Gesser sprach: „Reiche mir deine Hand,
damit dein Väterchen dich liebkose!" Er ergriff die Hand
des Kindes durch eine Maueröffnung und sprach: „Oeflfne
— 157 —
doch das Thor!," Das Kind öffnete, aber während er die
Hand desselben sLreicheUe, schnitt er sie plötzlich ab. „Was
machst du, Väterchen!" schrie das Rind. Gesser sprang
hinein und warf sich auf das Kind, welches schrie: „O Weh,
was machst du! in schmählicher Weise ermordest du mich!
Ich besitze als Geschenk von meinem A'^nler eine Heerde
von zehntausend weissen Pferden und unter denselben ein
schneew eisses Pferd*, dieses nimm und lasse mich los!" —
„Gut, sprach Gesser, ich habe es erfahren !•' Ferner sprach
das Kind: „Gesser besitzt eine Heerde von zehntausend
schwarzen Pferden, unter denselben befindet sich ein Pferd,
schwarz wie Tinte ; dieses nimm und lasse mich los ! Ferner
besitzt er eine Heerde von zehntausend Blauschimmeln und
unter denselben ein Pferd, blau gleich eineui Türkis 5 dieses
nimm und lasse mich los! Sodann besitzt er noch eine
Heerde von rothen Pferden und unter denselben ein rubin-
rolhes Pferd; dasselbe nimm und lasse mich los! Was sagst
du dazu?'.' Gesser versetzte: „Deines A'^aters verruchtes
Haupt, du nichtswürdiges, verrücktes und dabei bösartiges
Wesen! Wie! wem gehören denn alle diese Heerden, ich
mag dich nun tödten oder nicht?" Das Kind erwiederte:
,,Ich wünsche dich zum Vater, nimm du mich als Sohn an!"
„Gesser versetzte: „Jetzt sprichst du einmal vernünftig!
sage mir aber vorerst, in welcher Weise du deine Mutter
zu besuchen pflegst. '' Nachdem er das Kind vollständig
ausgefragt hatte, schnitt er demselben den Kopf ab.
Gesser nahu) die Gestalt des Kindes an und kam zur
Behausung der Riesinn. ,,Muttei-, rief er, es heisst Gesser
sey gekommen: zeige mir doch an, wo die kupferne grosse
Nadel und das goldene Siegel ist.'' Die Alle zeigte den Ort
an, um aber ihrer Sache gewiss zu seyn, ergriff sie ihren
eisernen Stab und näherte sich, Guru Piakscha, Guru
Rakscha rufend. Das Kind bemäcljligte sich des goldenen
Siegels und der kupfernen grossen Nadel und nahm die
Flucht. Da wurde der Allen die Sache klar imd sie ver-
— 158 —
folgte das Kind. Dieses zerbrach das goldene Siegel und
die kupferne grosse Nadel, worauf die Alte sogleich starb.
Nachdem Gesser Chaghan den zwölfköpfigen Kiesen
gelödtet und dessen ganzes Geschlecht mit der AVurzcl
ausgerottet hatte, sprach seine Gcmahlinn Aralgho Goa:
„Nun ist das ganze Geschlecht des ZA^ölfl\öpGgen Riesen
mit Sumpf und Stiel ausgerotlel 5 nun lasst uns Beide in
der Nähe der goldenen Pyramide in Pvuhe leben!" Hierauf
überreichte Aralgho Goa dem Gesser in einer goldenen
Schale ein schwarzes Getränk, Bak genannt. Nachdem
Gesser dieses Getränk genossen halte, vergass er sich selbst
und alles bisher Geschehene völlig.
FÜNFTES CAPITEL.
Der Schiraighol'sche Krieg, die \^eranlassung zu dem-
selben UND DESSEN UNGLÜCKLICHER AüSGANG ЛVÄHREND DER
Abwesenheit Gesser's. -^ Gesser kehrt zurück, erneuert
DEN Krieg, besiegt und tödtet die drei Chane von
ScHIRAIGHOL und UNTERWIRFT SICH IHRE UnTERTHANEN.
Zu der Zeit beriefen die drei Chane von Schiraighol^)
eine RathsVersämmlung. Der Grund zu dieser l'^ersamm-
lung war, zu berathen, woselbst man eine schöne und
passende Bi'atit für den Altan Gereltu Taidschi, den
i ) Ist der Mongoli.scbe Name der südlichen Mongolen , welche
von Alters her ihre Sitze in der Gegend des Kökenoor und am
obern Choangiiö hatten. Ihr alter Tibetischer Name ist Tuluhun,
bei den Chinesen Tukohoen; nun werden die Mongolen überhaupt
bei den Tibetern Ilor oder Ssogpo genannt. Vergl. meine „For-
schungen im Gebiete der Geschichte Mittelasiens S. 228" und „Ge-
schiclite der Ostmongölen, S. 359."
— 159 —
Sohn dex Tsaghan, der Hauptgemahlinn des Tsaghaii
Gertu Chan finden und anwerben könne. Es wurde be-
schlossen, rings umher Bolen zu senden, um die fürsdichen
Töchter zu besehen 5 da aber für Menschen und Pferde die
Orte nicht erreichbar seyn möchten, so wurde ein weisser
Sperber mit Hasenfleisch gefüttert und hinauf gesandt, um
nachzusehen und zu berichten, ob die Töcht r der Him-
melsgötter schön seyen. Ein geschickter, sprachbegabter
Papagei wurde mit Gewürm gefüttert und abgesandt, um
nachzusehen und zu berichten, ob die Tochter des Chine-
sischen Chaghan's schön sey. Ein prachtvoller Pfau wurde
mit Obst und Fiiichten gefüttert und abgesandt, um nach-
zusehen und zu berichten, ob die Tochter des Ghaghau's'
von Balpo (Nepal) schön sey. Ein Fuchs w'urde mit
Sehnen gefüttert und abgefertigt , um nachzusehen und zu
berichten, ob die Tochter des Chaghan's von Enedkek
(Hindustan) schön sey. Endlich wurde ein Rabe mit aller-
lei guter und schlechter Nahrung gefüttert und abgefertigt,
um nachzusehen und zu berichten, ol) die Tochter des Cha-
ghan's von Tübet schön sey. Hierauf begaben sich Alle
auf die Reise. Der weisse Sperber stieg bis in den Himmel
und kam nicht wieder zurück. Der geschickte, sprachkun-
dige Papagei kam zurück und berichtete: „Der Chaghan
von China hat zwar eine Tochter, Namens Küne Goa, es
hat aber Gesser Chaghan diese Küne Goa genommen
und ist nach dreijährigem Aufenthall, nachdem er die Re-
gierungsangelegenheiten ihres Vaters in Ordnung gebracht,
zurückgekehrt. Ihr (der Küne Goa) Aussehen und ihre
Gestalt habe ich schön gefunden j es warten aber noch die
andern Boten und w^ollen Nachricht bringen." Der Pfau
kam und sprach: „Das Aussehen und die Gestalt der
Tochter des Chaghan's von Balpo ist zwar reitzend, die
Sprache der Welt (die Weltsitlen) ist ihr aber unbekannt;
nach meiner Meinung ist sie unpassender als die hiesigen
Töchter." Der Fuchs kam und berichtete: „Die Toch-
— 160 —
ter des Chagban's von Enedkek ist von Aussehen und
Gestalt zwar überaus reilzend, das Uebel aber ist ihre An-
hänglichkeit an ihr Land, wo sie sich damit beschäftigt, die
schwarzen und weissen Erbsen zu zählen."
Der Rabe liess sich in drei Jahren nicht sehen; im dar-
auf folgenden Jahre erschien er. Als er bei seiner Ankunft
der Wohnung des Ohara Gertu Chan vorbei kam, krächzte
er, als er der Wohnung des Schira Gertu Chan vorbei-
kam, pfiff er, und als er bis zur Behausung des Tsaghan
Gertu Chan gelangte, blieb er flatternd in der Luft und
sprach: „Ich, der Rabe, euer Bote, bin aus fernen Landen
hergekommen-, seyd iljr verlangend nach meinem Berichte?''
„Allerdings!" versetzte Tsaghan Gertu Chan, schickte
sogleich Boten zu seinen beiden Jüngern Brüdern und л'ег-
sammelte seine Heeresmacht. Er sprach: „Seht doch diesen
armen Raben! seine FJügelspitzen sind geknickt, die Klauen
an den Füssen hat er verloren und sein Schnabel ist zer-
brochen." Der Chan Hess hierauf ein Schaf schlachten
und rief ihm zu : „K(mim, armer Rabe, setze dich auf dieses
hier und stalle deinen Berichl ab!" Der Rabe erwiederte:
„Ich mag nicht! auf dein hingelegtes Futter selze ich micli
nicht!" Der Chan meinte, der Rabe habe Rechl, liess eine
Slule schlachten und forderte ihn auf, sich darauf herab-
zusenken. „Ich mag nicht, entgegnete der Rabe abermals,
ich habe kein Verlangen nach deinem Futter! Während ich
in euern Geschäften umherzog , und nach Gefallen am
blauen Himmel schwebte , sind mir die Enden meiner
Flügel zerknickt, mein zum Aufsuchen des Frasses bestimm-
ter Scbnabel ist mir zerbrochen; während ich nach Gefallen
auf der Erdtläche herumhüpfte, habe ich die Klauen mei-
ner Füsse eingebüsst." — „Der Arme hat Recht, dass er
über seine bitleren Erfahrungen jammert", sprach Schi-
manbirodsa, liess ein achtjähriges Kind schlachlen und
forderte den Raben auf, sich darauf herabzusenken. Der
Rabe verweigerte es, blieb fortwährend am Himmel schwe-
— 161 —
Ьеп und sprach: „Ich gelangte bis zum Gotte Chormusda
in der Höhe-, der Gotl Chormusda besitzt drei reitzende
Töchter; wenn der Chan die Eine sich erbitten könnte,
würde sie ihm wohl gegeben •, wenn er die Andere rauben
könnte, würde er sie wohl erhallen können; wenn er die
Dritte stehlen könnte, würde er sie wohl haben können.
Nun aber ist der Gott Chormusda furchtbar und grim-
mig, so dass der Chan wohl schwerlich etwas ausrichten
möchte. " Nun wurde dem Raben ein goldener Käfich
hingestellt und ihm zugerufen, er möchte herabkommen
und seinen Bericht abstalten , er aber kam nicht herab
und sprach weiter: „Auch die Drachenfürsten der Tiefe
haben drei schöne Töchter; nicht minder schön sind die
drei Töchter der Assuri; aber die Drachenfürsten sind
sehr stark und mächtig und die Assuri sehr grimmig, des-
halb möchte es dem Chan wohl schwerlich gelingen, sich
die Töchter dieser Fürsten zu verschallen. Denn die Einen
wie die Andern (d. h. die Drachenfürsten und die Assuri)
stehen mit Chormusda auf einer Stufe der Macht; was
soll ich weiter sagen!"' Hierauf wurde dem Raben ein sil-
berner und ein eiserner Käfich hingestellt und er aufge-
fordert, herabzukommen und seinen Bericht abzustatten;
der Rabe aber kam nicht hgrab und sprach weiter: „Auch
gelangte ich in das Land Tübet zum Herrscher in den
zehn Gegenden, dem heilbringenden Bogda und weisen
Chan. Die Gemahlinn Gesser Chan 's heisst Rogmo
Goa; der Name ihres Vaters ist Sengeslu Chan. Der
Körper der Rogmo Goa, wenn sie aufrecht steht, gleicht
einer mit kostbaren seidenen Stoffen überdeckten Fichte,
und wenn sie sitzl, einer weissen Ordu, in welcher fünf-
hundert Mann zum Sitzen Plalz haben. Auf ihrer rechten
Schulter dreht sich eine goldene Fliege und auf ihrer lin-
ken Schulter eine silberne Fliege im Kreise. Sitzl sie
rechts in der Sonne, so scheint sie zu schmelzen, sitzt sie
links im Mondschatten, so scheint sie zu erstarren. Des
11
— 162 —
Nacbts beim Lampenscbein bat sie das Ansehen, als hütete
sie hunderttausend kriegerische Rosse; so unendlich herrlich
ist sie. Das Haus in welchem sie wohnt, ist eine \\eisse
Ordu, in welcher fünfhundert Mann zum Sitzen Platz
haben; die äussere Bekleidung dieser Ordu besteht aus den
köstlichsten seidenen Stoffen, die Bänder um dieselbe be-
stehen aus unzerreissbarem, vierfachem seidenem Drahtge-
flechte, die Stützen derselben sind goldene Säulen. In
ihrem Hause befindet sich eine weisse Pyramide, der Juwel
Tschintämani, und die Religionsschriflen des Kandschur
und Tandschur mit goldenen Buchslaben geschrieben,
sodann noch die Kohle ohne Risse oder Sprünge. Gesser
Chaghan ist nicht zu Hause: er ist noch nicht zurückge-
kehrt, seitdem er gegen den zwölf köpfigen Riesen ausge-
zogen ist, um demselben die ihm geraubte Gemahl inn
Aralgho Goa wieder abzujagen. Die Götter der Höhe,
die Assuri der Mitte und die Drachenfürsten der Tiefe
haben zwar alle schöne Töchter, a])er unter ihnen keine
einzige, die sich mit Rogmo Goa vergleichen Hesse." Der
Chan und das ganze grosse Kriegsheer луагеп über diesen
Bericht sehr erfreut; sie stellten einen hölzernen Käfich hin
und forderten den Rahen auf, herabzukommen, welches
dieser aber nicht that. Da gerieth Tsaghan Gertu Chan
in Zorn und rief: „Willst du Nichtswürdiger dich als zum
Himmel gehörig ansehen? bist du nicht der лоп uns auf-
gefülüerte und auf Bolschaft ausgesandte Rabe?" Mit diesen
Worten ergriff er Bogen und Pfeil und legte den Bogen
spannend an. Der Rabe, in Furcht gesetzt, fiel auf die Asche
und liess sich greifen. „Nun, sprach Tsaghan Gertu
Chaghan, was hast du von Rogmo Goa gesagt, erzähle
es noch einmal!" Der Rabe gab hierauf den nämlichen Be-
richt wie zuvor. „Wie schön muss nicht Rogmo Goa
seyn, wenn der Rabe die Wahrheit spricht, sagte der Chan,
sollte er aber auch lügen, so muss man gestehen, das er
— 16S -.
em meisterhaft wohlredender Rabe ist. Nun, Rabe, gehe
hin und friss dein Futter!"
Hierauf berathschlagten die drei Chane Folgendes : „Woll-
ten wir berittene Mannschaft hinschicken, so würde die Reise
zu lang dauern; wann лү1ач1е sie hinkommen!" Endlich
entschlossen sich die drei Schutzgenien der drei Fürsten,
sich in einen Vogel Gangga^) zu verwandeln und auf
Kundschaft sich hinzubegeben. Der Schutzgeist des Tsa-
ghan Gertu Chan, Namens Tsaghan Uerkün Tegri,
verwandelte sicli in den weissen Kopf und die weisse Brust
des Vogels, der Schutzgeist des Schira Gertu Chan,
Namenä Schira Uerkün Tegri, verwandelte sich in den
gelben Mitteltheil des Körpers des A^ogels und der Schutz-
geist des Ghara Gertu Chan, Namens Chara Uerkün
Tegri, verwandelte sich in den schwarzen Schwanz des
Vogels. Nachdem die Schutzgeister der drei Fürsten sich
solchergestalt in einen Vogel Gangga verwandelt liatten,
machten sie sich auf den Weg. Der Vogel gelangte gegen
Tages Anbruch zu der weissen, fünfhundert Mann fassenden,
Ordu Gesser Ghaghan's und setzte sich auf den Kranz
des Rauchfanges derselben mit solcher Gewalt, dass das
imerschütterliche weisse Haus in starkes Wanken gerieth,
dass zwei von den unzerreissbaren seidenen Wandbändern
desselben in Stücke zerrissen, dass die unbeugsamen gol-
denen Stützen desselben sich bogen. Rogmo Goa sprang
erschrocken auf, kleidete sich an und rief den Bars Ba-
ghatur, einen der dreissig Helden Gesser Chaghah's,
welchen dieser liebte und ihn (während seiner Abwesen-
heit) als Aufseher seines Hofes bestellt hatte. .,0 Weh,
rief sie, mein Bars Baghatur! man pflegt zu sagen, wenn
"der Mann schläft, so geht Jagd und Krieg rückgängig, Avenn
die Frau schläft, so gehen die häusliclien Geschäfte rück-
'gängig, und wenn der Baum liegt, so machen die Ameisen
2) Eine grosse Geierart 5 Sanskr. GanggatschilU.
11*
«- 164 —
Sich Nester darein. Ob der zwölfköpfige Riese den Herr*
scher in den zehn Gegenden, meinen trauten Bogda gelödtet
hat? Ob dieser Vogel als eine Verwandlung des fliesen ge-
kommen ist, um mich, die Ghaninn Rogmo Goa, abzuholen?
Ob er gekommen ist, den Dsesse Schikir und die drei-
ssig Helden zu tödten? Jedenfalls ist ein ungewöhnlicher
Vogel gekommen und hat sich (auf das Haus) gesetzt. Ich
bin in grosser Furcht!" Sodann sprach Rogmo Goa weiter:
„Mein Bars Baghatur, befestige die Senne deines straffen
schwarzen Bogens, lege die Kerbe deines goldgeschmückten
weissen Pfeiles ein und komm heraus!" Bars Baghatur
kam heraus, nachdem er die Senne seines straffen schwarzen
Bogens anziehend befestigt und die Kerbe des goldge-
schmückten weissen Pfeiles eingelegt hatte. Als er den
Vogel erblickte, entsank ihm der Muth, der Griff des
straffen schwarzen Bogens entschlüpfte seiner Hand, der
eingelegte weisse Pfeil fiel von der Senne und er selbst
starrte wankend und zurückweichend hin. Rogmo Goa
sprach mit Thränen: ,,0 Weh, O Weh! den Menschen, der
dir den Titel Bars Baghatur (Tigerheld) gegeben hat,
möchte ich tödten und dir selbst unreines Wasser über den
Kopf giessen ! W^ie kann man ein Mann seyn und vor einem
Vogel allen Muth verlieren ! Ich bin zwar nur ein Weib,
aber gib mir Bogen und Pfeil*, ich werde den Vogel nie-
derschiessen!" Bars Baghatur erwiederte: „Nicht doch!
was würde mein Herr, der Herrscher in den zelin Gegen-
den Gesser Chaghan sagen, wenn er erfahren sollte, dass
ich meinen Bogen und meinen Pfeil einem W^eil)e zum
Schiessen überlieferte! Mein Freund Dsesse Schikir sein
Bruder und die dreissig Helden Alle würden mich unter
dem Namen „der weibliche Bars Baghatur" zum Gegen-
stande des allgemeinen Geredes machen." Diess gesagt er-
fasste er den Griff seines schwarzen Bogens mit Festigkeit,
legte den Pfeil auf und spannte den Bogen. Rogmo Goa
rief ihm zu: „Verfehle ja nicht das Schlüsselbein I" Er ver-
— 165 —
fehlte das Schlüsselbein und schoss einer Seite des Vogels
entlang durch dessen Gefieder. Der Vogel erhob sich und
umkreiste die Rogmo Goa dreimal, sie anschauend. Auch
Roghao Goa schaute dreimal zu ihm hinauf. Der Vogel
entfernte sich. Die von Bars Baghatur dem Vogel abge-
streiften Federn sammelten Bars Baghatur und Rogmo
Goa; sie betrugen im Ganzen dreissig Eselladungen und
ihre Kiele allein drei Maulthierladungen.
Der Vogel Gangga kam in sein Land zurück; er be-
richtete dem Tsaghan Gertu Chan Folgendes: „Warum
sollte ich die Erzählung des bedauerlichen Raben wieder-
holen! was er gesagt, ist die reine Wahrheit. Gesser's
dreissig Helden und sein Bruder Dsesse Schikir sind da;
Gesser selbst ist noch nicht zurückgekehrt; das ist alles
der Wahrheit gemäss." Tsaghan Gertu Chan schickte
hierauf Boten zu seinen zwei Brüdern mit folgendem Be-
fehl: „Niemand, der älter als dreizehn Jahr ist, selbst die
Lamas und geistlichen Schüler nicht ausgenommen, darf
hier bleiben; wer zurückbleibt, hat das Leben verwirkt."
Sein mittlerer Bruder Sc hira Gertu Chan kam und sprach:
„Mein Bruder! man behauptet, der Herrscher in den zehn
Gegenden Gesser Chaghan habe sich bei seiner Geburt
blos mit einer Menschenhaut bedeckt; er soll sich in allen
zehn Gegenden verwandeln können; die dreissig Helden
sollen furchtbar und unbesiegbar seyn ; statt gegen ihn
in den Krieg zu ziehen, wäre es wohl besser, hier zu blei-
ben." Tsaghan Gertu Chan versetzte: „Du Nichtswür-
diger, bleibe hier sitzen als einer dem die Augen ausge-
platzt sind! bleibe hier liegen als ein von einer scheussli-
chen Krankheit Ergriffener I ich aber werde dennoch dein
Kriegsvolk mit mir nehmen." Mit solchen Schirapfworten
enlliess er ihn. Sodann kam sein jüngster Bruder Schi-
manbirodsa und sprach: „Mein theurer Fürst und Bru-
der! ist nicht Gesser der Sohn des Gottes Chormus da
da oben? als er noch im Götterreiche weilte, hat er sehr
— 166 —
▼iele Wesen besiegt ^ eben so jetzt, obgleich er auf die Erde
herabgekommen ist. Sein Freund und älterer Bruder Dsesse
Schikir, der als Bändiger der Macht aller Wesen geboren
ist, so wie auch die dreissig Helden sind sämmllich magische
Geburten. Wir sind nicht im Stande, das Weib eines der
dreissig Helden zu erbeuten, geschweige denn, dass wir
die Rogmo Goa, das Schoossweib des Herrschers in den
zehn Gegenden Gesser Chaghan's ihm abzunehmen ver-
mögen sollten. Lasst uns daher mit diesem Kriegsheere
die Länder der benachbarten Fürsten durchziehen und ihre
Töchter besehen!"' Tsaghan Gertu Chan erwiederte:
„ Es gibt unter ihnen keine einzige schöne Jungfrau. "
Schimanbirodsa versetzte: „Wenn es unter ihnen keine
gibt, so lasst uns unter den Töchtern der Grossen, der
Edeln und der Fürsten vom Geblüte aussuchen j sollte sich
unter diesen eine finden, so nehmen wir sie, richten ihren
Staat und Putz ganz so ein, wie bei Rogmo Goa und
geben ihr den Namen Rogmo Goa^ wer wird es wagen,
zu sagen, dass sie nicht Rogmo Goa seyl" Der ältere Bru-
der fing an zu schimpfen und zu schelten: ,, Bleibe sitzen als
Einer, dessen Ohren taub gcAVorden! bleibe liegen als ein
von einer schimpflichen Krankheit Befallener!" mit noch vie-
len andern Schmähungen. Schimanbirodsa dachte: „Er
glaubt wohl, ich fürchte mich;" imd begab sich nach Hause.
Am folgenden Tage sammelte Tsaghan Gertu Chan
sein Kriegsheer und gab den Befehl zum Aufbruche. Schi-
manbirodsa kam, fiillte eine goldene Trinkschale mit
starkem BranntAvein, überreichte sie seinem altern Bruder
und sprach: .,Gibt es Furchtsame in deinem Heere, so
gehöre ich walu-lich nicht dazu 5 im Gegentheil bin ich be-
gannt als Held! Wir pflegten uns gegenseitig als geliebte
Kinder des Himmelsfürsten anzusehen und zu vergnügen j
nun stehen wir im Begrifi'e, unser Daseyn dem Alles um
sich zerreissenden Gesser Chan zu opfern! Wir sassen ru-
hig als Kipder der machtvollkommenen, »eisen Himraelsgoll?
«- IGT —
heit5 nun stehen wir im Begriffe, diesen unsern Körper in
schmälilicher "Weise gegen Gesser Chan, den Herrn des
Dschambudwips zu verlieren! Lassl uns indess anfbrecheri,
wenn es seyn soll! was aber bedeutet dein Befehl, dass
auch die Knaben, die Lamas, die geistlichen Schüler, die
Greise und die Sclaven mitziehen sollen? Gesser Chan 's
Dsesse Schikir und die dreissig Helden werden von unS
sagen: „Die Schiraighol haben ihre Schulknaben, ihre
Greise, ihre Kinder, Weiber und Sclaven mitgebracht;" und
ist es nicht vorauszusehen, dass sie mit dem Rufe „Packt
euch!" uns, gleichwie ein Falke auf eine am Ursprünge des
Stromes Nairandsa sitzende bunCe Ente stösst, anfallen und
nieder strecken werden? Ist es nicht besser, mein Fürst,
wenn es heisst, dass nur wenige geblieben, als dass viele
umgekommen sind?" Tsaghan Gertu Chan erwiederte:
„Deine vorherigen Worte waren Unrecht, deine nachherigeu
genehmige ichl" Statt demnach so viel (unnütze Leute)
mitzunehmen, musterte und zählte er sein Kriegsheer-, die
Zählung des Heeres ergab eine Streitmacht von drei Millio-
nen drei hunderttausend Mann. Die drei Schiraighol'schen
Chane traten mit ihrem Heere den Feldzug an.
Der Lagerplatz des edeln Dsesse war weit entfernt;
derselbe befand sich aufwärts am Flusse Tsatsarghana,
in der Gegend Gurban Tulgha. Um die von Bars
Baghatur (dem Vogel) abgeschossenen Federndem Dsesse
zu zeigen, traten Beide, Rogmo Goa undfiars Baghatur
den Weg von anderthalb Tagereisen zu Dsesse an. Nach-
dem sie die Nacht hindurch geritten hatten*, langten sie am
frühen Morgen an. Dsesse Schikir war früh aufgestan-
den und besorgte die Tränkung seiner Pferdeheerde im
Flusse Tsatsarghana-, er rief (als er die Ankommenden
erblickte) aus: „Was ist das! \Veshalb erscheint unsere
Rogmo Goa, die um einer Kleinigkeit willen sich gewiss
nicht auf den Weg machen wird, mit der Morgenröthe?
Rongsa, fange doch meinen geflügelten Grauschimmel ein!"
— 168 —
Der geflügelle Grauschimmel wurde eingefangen, gesattelt
und gezäumt. Dsesse hängte seinen scharfen stählernen
Säbel um und trabte (den Ankommenden) entgegen. „Was
ist es, Kogmo Goa, rief er von weitem, was du in der
Hand hast? ist es ein Baum? ist es eine Feder?" Rogmo
Goa entgegnete: ,. Was für ein Baum sollte es seyn^ es ist
eine Feder!" Dsesse sprach: ,., Nun weiss ich es! Drei
zukünftige Dinge weiss ich voraus 5 drei verborgene Dinge
kann ich errathen.-' Diess gesagt kam er herangesprengt
und fragte: „Wie war der Kopf?" Antwort: „Weiss!"
Frage: „Wie war der Mittellheil des Körpers?" Antwort:
„Gelb!" Frage: „AVie лүагеп Füsse und Schwanz?" Aut-
Avort: „Schwarz!" Da sprach Dsesse: „Die drei Schi-
raighol'schen Chane haben in Erfahrung gebracht, dass der
Herrscher in den zehn Gegenden , mein Bogda abwesend
ist und nähern sich nun mit Heeresmacht, um dich, unsere
Rogmo Goa zu holen und dem von der Tsaghan, der
Hauptgemahl inn des Tsaghan ,Gertu Chan geborenen
Sohn, Namens Altan Gereltu Taidschi zum AVeibe zu
geben. Die drei Schutzgeister der drei Chane halten
sich in einen Vogel Gangga verwandelt, welcher herkam
um dich zu sehen. Dass nach eurer Aussage der Kopf
des A^ogels weiss , dessen Mittelkörper gelb und dessen
Schwanz schwarz war, das, meinte Dsesse, zeige klar, dass
jene drei Schutzgeistcr, sich in einen Vogel Gangga ver-
wandelnd, hergekommen waren. Vor mehreren Tagen, fuhr
Dsesse fort, trieb sich hier ein erbärmlicher Rabe umher j
da ich durch andere Geschäfte verhindert war , habe ich
ihn nicht gctödtet; von diesem Verruchten stammt die Nach-
richt her. — Nun wohl, obgleich mein Herrscher in den
zehn Gegenden Gesscr Chaghan nicht anwesend ist, bin
ich, sein Freund Dsesse, sind die dreissig Helden, sind
die drei Völkerschalten etwa nicht da? Lass sie (die Feinde)
kommen^ was schadet es! bis jetzt sind sie noch nicht da.
Furchte dich picht, meine Rogmo! Um aber zu erfahren,
— 169 —
ob meine Worte übereinstimmen oder nicht, so überbringe
diese Feder dem Tschotong und zeige sie ihm!" Bars
Baghatur und Rogmo Goa überbrachten und zeigten die
Feder dem Tschotong. Als der Fürst Tschotong die
Feder sah, rief er: „O Weh, O Weh! die Worte meines
Dsesse sind wahr! die drei Chane von Schrraighol wa-
ren aber nie feindselig gegen uns gesinnt; sie kommen
blos, um dich, Rogmo Goa zu rauben. Darum, Rogmo
Goa, fliehe und verstecke dich auf der breiten Insel im
Chatun -Strome! verstecke dich in der Gegend Ulaghan
Dsülge (das rothe junge Gesträuch)! Verstecke dich auf
der Ebene Urtuchai Schiratala! A''erstecke dich in den
Felsklüflen U n g i h n chara Chabtsaghai! Auf den Weide-
plätzen der Pferde lass Kameele weiden, auf den Weide-
plätzen der Kameele Pferde, auf den Weideplätzen der
Schafe Rindvieh und auf den Weideplätzen des Rindvieh's
Schafe! Lass deine Sclavinn sich in deinen Anzug kleiden
und auf deinem Ruhebette schlafen! Wenn sie dich also
nicht finden, was werden sie sich da um uns bekümmern!"
Rogmo Goa und Bars Baghatur begaben sich zu Dsesse
und überbrachten ihm die von Tschotong gesprochenen
Worte. Dsesse rief: „Was! hört einmal das Geschwätz
dieses Nichtswürdigen! die drei Schiraighol'schen Chane
sind nicht feindselig gegen uns gesinnt, sagt er 5 hast du
ihn aber nicht gefragt, warum sie denn herkommen?" Bars
Baghatur erwiederte: „Diese Frage kam mir nicht ins
Gedächlnissj seitdejn ich vor dem Vogel verzagte, kann ich
meine Gedanken nicht recht zusammen finden." Dsesse
versetzte: „In Friedenszeit lässt sich jener Nichtswürdige
(Tschotong) als Held bewundern, entsteht aber Krieg,
so faselt er thörigte Dinge. Sind keine Klugen und Ent-
schlossenen da, so rühmt er sich als beherzt 5 soll aber mit
Klugheit und Entschlossenheit gehandelt werden, so ver-
kriecht und versteckt er sich. Kommt ein Tiger, wohlan!
wir bekämpfen ihn-, kommt ein Bär, wohlan! wir nehmen
— no --
es mit ihm auf. Kommt ein Elephant, wohlan! wir weichen
ihm nicht aus. Kommt ein Lowe, wohlau! wir würgen
uns gegenseitig. Kommt ein Mensch, wohlan! wir иЪец
gegenseitig unsere Kräfte. Kommt eine schwarzgefleckte
Giftschlange, wohlan! wir werden zum Vogel Garuda und
umkrallen sie von ohen herab. Kommt (der Feind) als
brüllender Tiger, so werden wir zum blauen (eisenfar-
benen , eisernen) Löwen mit kupferner (kupferfarbener)
Mähne. Was also weiter! Auf, ihr dreissig Helden! ruft
die drei Völkerschaften auf! ruft die ganze Kriegsmacht von
Tübet und Tangul zusammen! Alles, komme, Reiterei
und Fussvolk! Der allgemeine Sammelplatz sey am untern
Tsatsarghaua - Strome! dass Alles sich in der Nähe dei:
Behausung Gesser Chaghan's in der Gegend Ulaghaii
Dsülge sammle I'^ Mit diesem Befehle wurden Boten ab-
gesandt.
Dsesse Schikir bewaffnete sich, sammelte selbst sein
eigenes Kriegsvolk und zog damit in Begleitung von Rograo
Goa und Bars Baghatur zum Sammelplatze. Als er bei
Gesser 's Behausung anlangte, nahm er von da den Nan-
Isong mit sich. Sodann sammelte er die dreissig Helden
an der Spitze der Kriegsmacht von Tübet und Tangut,
sowohl Reiterei als Fussvolk, nach der Ordnung um sich.
Als Alles auf dem Sammelplatze versammelt war, fragte
Dsesse Schikir: „Ist das Heer beisammen?" worauf Schu-
mar erwiederte: „Es ist beisammen!" Da sprach Rogmo
Goa: ,,Lasst uns loosen!" Dsesse Schikir erwiederte:
.,Lass das Loosen seyn, meine Rogmo! ich werde hin-
gehen um zu sehen (zu recognosciieu), ob die Heeresmacht
der drei Schiraighorschen Chane gross oder klein ist. Du,
Adler der Menschen, mein Schumar, komm mit mir! Auch
du, mein edler fünfzehnjähriger Nantsong, begleite mich!"
Dsesse ritt seinen geflügellen Grauschimmel, er hatte sei-
nen geschuppten Panzer angelegt, er hatte den Daghoris-
choi genannten Helm auf sein edles Haupt gesetzt, er hatte
— ni —
seine dreissig weissen Pfeile eingesteckt , er halle seinen
straffen schwarzen Bogen in dessen Behälter gesteckt, er
hatte seinen scharfen stählernen Säbel umgürtet. — Schu-
mar ritt seinen Poixellanscheck , er halte seinen schwarz-
grauen, thauschiramerfarbigen Panzer angelegt, er hatte
seine dreissig weissen Pfeile und seinen straffen schwarzen
Bogen eingesteckt, er hatte seinen harten schwarzen Säbel
mit unabstumpfbarer Schneide umgürtet. — Auch der edle
Nantsong hatte seinen Porcellanscheck bestiegen, er halte
seinen aus hundert Blechen verfertigten blauschwarzen Pan-
zer angelegt, er halte seine dreissig weissen Pfeile und sei-
nen straffen schwarzen Bogen eingesteckt, er hatte seinen
harten schwarzen Säbel mit unabstumpfbarer Schneide um-
gürtet.
Dsesse Schikir gab den Befehl zum Aufbruch und
alle Drei machten sich auf den Weg. Sie Hessen sich auf der
Spitze des Elessutu Aghola (Sandberg od. Sandgebirge)
als Wache nieder. Da kam plötzlich eine unerraessliche
Menge von Wild ihnen entgegen 5 von allen auf der Erd-
fläche laufenden Wüdarlen kamen ihnen Verwundete und
Unverwundele entgegen. Als Dsesse Schikir diess sähe,
sprach er: „Eine grosse Staubwolke erhebt sich, eine Menge
Wild naht heran 5 sicher ist die Heeresmacht der drei Schi-
raighol'schen Chane im Anzüge!" Er schaute hin und in
der Entfernung einer Tagereise erblickte er, dass das Heer
der drei Schiraigholschen Chane den C ha tun -Strom auf-
wärts entlang im Anzüge sey und dass die vorausgesandten
Späher desselben nur eine halbe Tagereise entfernt seyeu.
Hierauf rückten Schumar und Nantsong vorwärts und als
sie hinschauend das nämliche erblickten, rief Schumar:
„Ja wohl hat unser Dsesse Recht! Was für eine Menge!
Wie können wir die Alle tödten! Mein Dsesse, was für
ein schönes Kriegsheer! es ist als wären alle Sterne vom
Himmel auf die Erde gefallen, als wären alle Blätter und
Blütheu der Erde in den Himmel gewachsen !„ Der edle
— П2 —
Nantsoug unlersuchlc und sprach: „Schuniar, was be-
deuten diese deine Worte? ЛҮоЬег weisst du denn, dass
die Kriegesmaclit der Schiraighol so zahlreich ist? wann
hast du denn versucht, ob unsere Kriegsmacht dagegen zu
gering sey? Wann hast du gesehen, dass die Blätter und
Blüthen der Erde in «den Himmel hinein wachsen? W^ann
hast du beobachtet, dass die vielen Sterne des Himmels
auf die Erde fallen? W^as du, Schumar, da für unstatt-
haftes, lügenhaftes Zeug schwatzest! Schlecht ist der Mann,
der im Begriflfe, ins Feld zu ziehen, erst seine W^afFen
ordnet und nachbessert! Schlecht das W^eib, das im Be-
griffe, auf ein Festmahl zu gehen, erst ihre Kleidung bes-
sert! Ist etwa unser W^affenschmuck schlecht gegen den
ihrigen?" Schumar erwiederte: „Mein Nantsong hat
Recht! was ich sprach, war nicht so gemeint. Das Heer des
Tsaghan Ger tu Chan naht heran wie siedende Milch:
sey du, mein Dsesse, derjenige, der hineinfährt, wie ein
Rührlöffel (in die Milch)! Das Heer des Schira Gertu
Chan naht heran wie eine Feuersbrunst ; der Löscher
will ich, Schumar, seyn. Das Heer des Chara Gertu
Chan naht heran wie die Wasserfluth einer Ueberschwera-
mung: sey du, Nantsong, derjenige, der es wegschafft, wie
ein gezogener Kanal (das Wasser)! Was weiter! wir wollen
die drei Chane angreifen!" Auf diese W^orte Schuraars
entgegnete Dsesse Schikir: „Ihr Beide habt Recht! zuerst
wollen wir die (vorausgeschickten) dreihundert Späher töd-
ten, dann wollen wir die Reitpferde (Remonte) eines der
Chane rauben, irgend einen seiner Leute ausfragen und
dann entscheiden, ob wir zurückkehren oder angreifen sollen.
Ihr Beide, Schumar und jNantsong, rückt von dieser
Seite vor und macht Hall, wenn ihr den jenseitigen Pass
besetzt habt! ich werde sie im Rücken mit Geschrei an-
greifen und gegen euch treiben j diejenigen die mir entflie-
hen, tödtet ihr! diejenigen die euch entfliehen, werde ich
tödlen!" Genau nach der Verabredung der Drei geschah
«- IIS -«
es: nicht ein Einziger (der Späher) blieb nach, der Kunde
hätte geben können. Die dreihundert erbeuteten Pferde
(der Späher) banden sie dicht zusammen, errichteten auf
derselben Anhöhe (wo die Späher gestanden hallen) einen
Haufen von Sleinen gleich einem Reilereihaufen, den sie mit
den Harnischen und Helmen (der Erschlagenen) bekleideten.
Sodann stürzten sie sich auf die Remonteheerde des Tsa-
ghan Gertu Chan, aus welcher sie zu zehntausend
und zu tausend Pferde raubten und sich glücklich davon
machten.
Der jüngste Bruder des Tsaghan Gertu Chan, Na-
mens Schimanbirodsa, bestieg dessen weisses magisches
Pferd, nachdem er an den vier Füssen desselben vier Am-
bosse hatte binden lassen und auf dessen Rücken ein eiser-
ner Ambos befestigt war. In solcher Weise ritt er ihnen
(den Helden) nach und holte sie ein. Wenn das Pferd
nicht in beschriebener Weise beschwert worden wäre, so
würde es seine Wuth und seinen Muth nicht haben bän-
digen können, sondern hätte seinen Beiter in die Luft ent-
führt. Dsesse Schikir wendete sich zu seinen beiden
Gefährten mit den Worten: „Dort nähert sich uns einho-
lend ein Mensch 5 will er sich mit uns unterreden, so will
ich ihm Rede stehen 5 sucht er Händel, so will ich mit ihm
streiten. Ihr Beide treibt unterdessen die Heerde fort!"
Diess gesagt, ritt er dem Schimanbirodsa entgegen, wel-
cher sprach: „O Weh, welche grosse Heerde haben sie
weggetrieben! Seyd ihr Brüder? wer und woher seyd ihr?
nennt eure Namen!" Dsesse Schikir erwiederte: „Wir
sind die Hüter der Rindvieh- und Schafheerden des Ges-
ser Chaghan von Tübet; es sind uns fünfzehnhundert
Stück Rindvieh entlaufen, deren Spur wir verfolgten, welche
uns zu euern dreihundert Spähern führte. Eure Späher
Hessen uns durch; Wir gingen der Spur weiter nach und
kamen zu den Leuten von zwei eurer Chane. Als wir
unser Rindvieh von ihnen zurück verlangten, schrien sie:
^ 114 -
„Was für Rindvieh, ihr Tibelischen Belller!" und scblugeO
uns und unsere Pferde auf den Kopf. Mit den "Worten:
„Wer ist als Mann, wer ist als Weib geboren!" nahmen
wir eure Pferdeheerde als Ersatz-, das ist Alles." Schi-
manbirotlsa fragte: „W^o seyd ihr denn gewesen, dass
euch das Rindvieh entlaufen konnte?-" Dsesse Schikir
erwiederte: ,,Der Herrscher in den zehn Gegenden, unser
Gesser Chaghan war gegen den zwölfköpfigen Riesen
gezogen, um ihm seine gerauhte Gemahlinn Aralgho Goa
лvieder abzujagen. Nachdem er den Riesen gelödtet, ist er
nun mit seiner Gemahlinn zurückgekehrt. Nach seiner
Heimkunft hat er ein Fest, gross v,ie ein See und wie eine
Grasfläche , angerichtet , zu welchem nicht blos die Hüter
seiner Rindvieh- und Schafheerden , nicht Idos seine Mist-
und Brennholzsammler, sondern Jedermann Zutritt hatte.
Da betranken wir uns, schliefen ein und unterdessen ging
unser Rindvieh davon.
Schimanbirodsa kehrte zurück und berichtete dem
Tsaghan Gertu Chan Alles was er gehört hatte. Dieser
erwiederte jammernd. ,,0 Weh, O ЛҮеЬ , dass sie mir die
Pferde weggenommen haben , mag geschehen se3'n , wenn
aber der schändliche Gesser zurückgekehrt ist, so lasst uns
schnell umkehren!" Schimanbirodsa versetzte: ,. Kehre
um unter dem Vorwande, deine Augen seyen geplatzt, eine
schändliche Krankheil hahe dich befallen! ллаг ich es etwa,
der deine Heeresmacht aufbot? Nun schweige und bleib,
Nichtsv^ürdiger! ich aber will die acht vernunftbegabten
gelblichen Reitpferde benifen und einladen, und von ihnen
den Bescheid erfahren." Mit diesen Worten entfernte er
sich und berief aus Aveiter Ferne (die acht Pferde) zu sich
mit folgenden Worten: „Bin ich Tiicht der durch Bestim-
mung der Götter geborene Chara Gertu Chan, euer
Schimanbirodsa, der euch gezäumt und geritten hat? Wo
ist nun eure gewohnte Weise, während ihr über den Gip-
fel des schwarzen Gebirges zieht, äh Elennlhiere durch-
zuschlüpfen? Bin ich nicht euer, durch göttliche Schicksals-«
bestimmung geborene, edele Schimanbiroclsa, der euch
gesattelt und geritten hat? Wo ist nun eure gewohnte
Weise, während ihr längs der Sonnenseite des hohen Ge-
bildes zieht, Hirsche werdend zu entfliehen?" Als die acht
gelblichen Pferde die Slimme des Schimanbirodsa hör-
ten, wieherten sie und alle andere Pferde thaten es ihnen
nach. Da sprach Dsesse Scliikir: „Schumar und Nan-
tsong, habt ihr es bemerkt? diese acht gelblichen Pferde
verstehen die menschliche Sprache. Als jener Mensch mit
ihnen sprach, wieherten sie und ihnen nach alle übrige
Pferde. In welcher Art und Weise sie sich verwandeln
werden, in der Weise verwandeln wir uns auch (stellen
wir uns ihnen entgegen). Sejd daher vorsichtig und auf-
merksam!" Diess gesagt, trieben sie die Heerde zusammen
und hielten ihre Bogen gespannt Als sie längs dem Gip-
fel des gelblichen Gebirges zogen, wurden (die acht gelben
Pferde) acht gelbliche Sleppenantilopen und schlüpften
durch. „Nun gilts, nun gilts!" rief Dsesse Schikir. Die
Drei schoben sich zwischen sie, trennten sie in drei Theile
und erschossen alle acht mit drei Pfeilen. Nun nahm die
ganze Pferdeheerde unter Gewieher und Gegrunze die
Flucht. Da sie (die drei Helden) der Heerde nicht mehr
Meister werden konnten , sprengten sie ihr mit Geschrei
nach und stürzten sie von dem hohen steilen Ufer des
Chatun-Stromes herab, wo sämmtliche Pferde im Wasser
umkamen. Dann stiegen die Drei gleich gereitzten Wolfen
auf die Anhöhe und schauten um sich. Unterdessen kam
Schimanbirodsa zurück und berichtete dem Tsaghan
Gertu Chan: „Es sind keine gemeine, schmutzige Kuh-
hirten, es sind Helden von den Dreissig des berüchtigten
Gesser. Auf dem Wege ihres Ueberfalls zerbröckelt das
Gestein, zersplittert das Holz; sie haben unsere Reitpferde
vollständig vernichtet." Tsaghan Gertu Chan sprach:
„Wenn dem so ist, so lasst uns umkehren!" Schimanbi-
— П6 —
rodsa versetzte: „Sind deine neun Worte etwa schon er-
füllt? habe ich etwa deine Heeresmacht hergeführt? Ist es
nicht rühmlicher, wenn es heisst, sie sind im Kampfe ge-
blieljen als, sie sind feiger Weise zurückgekehrt?"
Dsesse Schikir sprach nun in verstellter Weise Fol-
gendes: „Was denkt ihr Beide dazu? Meine Meinung ist,
dass die noch nicht erschienenen Helden uns nachkommen
mögen und dass wir jetzt nach Hause gehen." Hierauf
sprach Nantsong: „Mein Schumar, halt ein! ich werde
antworten: Als wir vom Herrscher in den zehn Gegenden,
dem ausgezeichneten Gesser Chaghan den Titel der
dreissig Helden empfingen, war es da dessen Absicht, dass
dieser unser edle Körper zu Hause an Krankheiten sterben
und unsern Weibern und Kindern Anlass zum Heulen und
Schreien geben sollte? Lasst uns erst dann uns trennen,
VNenn vrir zusammen von solchem blutrothen Thee getrun-
ken haben!" Schumar versetzte: ,,Mein Nantsong hat
P».ccht! du, mein Dsesse, mache den Angriff auf T sag h an
Gertu Chan! ich, Schumar, werde den Schira Gertu
Chan angreifen, und du, mein Nantsong, greife den
Chara Gertu Chan an! Was ist es weiter! Wenn wir
den AngriiF auf die drei Chane ausgeführt haben werden,
dann lasst uns nach Hause gehen !" Hierauf erwiederte
Dsesse Schikir: „Ihr Beide ha])t vollkommen Recht!" dann
sprach er weiter: „Schumar, lege Räucherwerk auf! und
du, Nantsong, giesse (Wasser) aus!" Sodann verbeugten
sich Dsesse Schikir, Schumar und Nantsong alle Drei
und beteten zu d<;n Schutzgeistern Gesser Chaghan's:
„Vater Chormusda in der Höhe, vernimm! Ihr siebzehn
machtvollkommenen Gölter der Abtheilung Is'wara in sei-
ner Nähe, veiiiehmt! Ihr drei und dreissig Gö:ter, die
ihr der Pieihe nach dreissig Helden habt herabgesandt, er-
barmt euch eurer Verwandten! Ihr erliabcnen Buddhas der
zehn Gegenden! Arjalamgari weisse Göttertochler! Absa
Gürtse, seine Grossmuller! Ihr drei siegreichen Schwe-
— 111 —
Stern! Irdische Verwandlung und Vater, Bergfürst Oa
Günlschid! Ihr vier grossen Gölter! Du, mittleres Weltge-
bäude! Ihr vier w^eissen Drachenfürsten der Tiefe! euch
Allen der Reihe nach opfere ich, euer Dsesse Schikir,
reines Opfer. Die Veranlassung zu meinem Opfer ist diese:
Nicht gegen Gesser Chaghan, den Herrn dieses D seh a m-
budwips, nicht in der Absicht, ihm das Weib vom
Schoosse zu nehmen, sondern um meines Gesser 's Ge-
mahlinn Piognio Goa (in seiner Abwesenheit) zu rauben,
rücken die drei Schiraighol 'sehen Chane mit Heeresmacht
heran. Deshalb haben wir Drei beschlossen, sie zu über-
fallen ^ solltet ihr diesen unsern Vorsatz genehmigen, so
werdet ihr, seine vielen Schutzgeisler, unsere Gefährten!
Begleitet uns, indem ihr nach der Ordnun"" den Anblick
von Truppenmassen zu zehntausend und zu tausend Mann
sehen lasset! Ihr vier grossen Götter, lasst aus den vier
Gegenden einen kleinen Regen mit Nebel und trüber Luft
erscheinen!" Sodann sprach Dsesse weiter: „Es bleibt
dabei, dass ich den Angriff auf Tsaghan Gertu Chan
mache ^ ich werde zehntausend Mann tödten und ihre Köpfe
als Beute nehmen; du, Schumar, machst den Angriff auf
Schira Gertu Chan, tödtest zehntausend Mann und
nimmst von jedem einen Daumen als Beute! du, Nantsong,
machst den Angriff auf C bar a Gertu Chan, tödtest zehn-
tausend Mann und nimmst von jedem das rechte Ohr als
Beute!') Diess mag uriser Geschenk seyn!" Hierauf er-
mahnten sie ihre drei Grauschimmel: „Beim Niederwärts-
laufen lauft wie ein Sturzbach! beim Seitwärlslaufen wie
ein Moschusthier und beim Geradeauslaufcn wie ein Fuchs!"
Als Antwort gähnten die drei Pferde dreimal, hoben drei-
3) Der bei allen Völkern Turan's, seyen es Türkische oder Mon-
golische, zu allen Zeiten üblich gewesene Gebrauch, von den erschla-
genen Feinden Köpfe, Ohren u. s. w. als Siegeszeichen mitzunehmen,
herrscht bekanntlich gegenwärtig noch bei den Osmanischen Türken
12
- 118 -
tnal den Scbweif empor und schüttelten sich dreimal. So-
dann versahen (die Лг(М Hehirn) ihre Pferde mit zwiefachem
Schwanzriemen. m\t z\\i<!fa(hem SallrlricTnen 50 wie mit
zwiefachem Banchgurle und m-ichlen sich anf den Weg.
Schumar .«pracb: ,.\Vo аЪсг wird unser Sammelplatz seyn?"
xVanl.song erwiederle: „Schweige, mein Schumar! hat
irgend einer von un.*! etwa sein Weih nnd seine Kinder mit-
gebracht, oder i?l nirhl Jeder von un.< für sich allein ge-
kommen? nach heendigten» Geschäfte werden wir uns schon
?.usammmenfind»'n " Di< ss gesagl, ?е1?Леп sie ihren Weg fort.
Was soll ich weiter erzählen! Alles geschah nach der
vorherigen Vcrabrrdnng. üie Drei kamen heran mit einem
von den vielen Sohntzgeistern erregten Pferdegetrappel,
als ob Schlachtordnungen von zehntausend und von tausend
Mann im Anzüge wären. Nach dem Ueberfall vereinigten
sie sich wieder und (raten den Heimweg an, auf welchem
«ie die dreihundert Pferde der Späher mitnahmen und die
Heimath erreichten.
Den drei Schiraighol'schcu Chanen war zu Muthe, als
wenn beispielweise der Himmel ?ich um sie drehte, als
wenn sie plötzlich von einem Tiger иЬегГаИеп wären. Als
die drei Chane am Morgen aufstanden, wollten .sie in einer
Zusammenkunft «ich b«'.«prechen-, ;i1s sie ihr vieles getöd-
tete« Krieg-^voik erblickten, konnten .«ie sich nicht getrösten
und die Zusammenkunft unterblieb. — Nachdem sie die
Gebliebenen zusammrngehänft hnllen, kamen die drei Chane
in der Mittagszeit zusnmmen. T.*;aghan Gertu Chan
sprach mit Thränen. ..Es schien ein grosses Kriegsheer
zu seyn, das mich überfiel, war es aber nicht! es schien ein
Raubübcrfall zu seyn. \\аг es aber nicht: es war ein ein-
zelner Mensch! Das Pferdegetrappel des L'eberfalls klang
wie von Heerschaaren von zehntausend und von tausend
Mann: was fiu' ein wundervolles Zeichen!" Schimanbi-
rodsa sprach: ..Habe ich dir nicht alles vorausgesagt? bist
du nicht der nichtswissende grosse Dummkopf? Zu yvelchera
— П9 —
Zwecke wären denn die magischen Verwandlungen, wenn
sie sich nicht als solche zeigten? Du sprichst (blos) von
diesen, denkst aber nicht daran, dass wenn späterhin die
dreissig Helden kommen sollten, sie mit unsern Truppen
verfahren werden, wie das Beil und die Hacke mit dem
Walde. Wollten wir sie auch jetzt verfolgen, so können
wir sie nicht mehr einholen, und da wir jene Drei zu tödten
nicht im Stande sind, so ist, statt sie (unnützere eise) zu ver-
folgen, unsere Hauptpflicht wohl, die Geheine unserer Ge-
bliebenen zu l)estatten." Diess gesagt, ging er nach Hause.
Schumar sprach zu seinen Gefährten Dsesse und
Nantsong: „Was sollen wir mit diesen Köpfen, Ohren
und Fingern machen? lasst uns sie wegwerfen! Wir selbst
haben ja das Verdienst eines Jeden von luis erkannt!" Hier-
auf entgegneten die Beiden ihm: „Du willst sie wohl des-
wegen wegwerfen, Schumar, weil sie eine zu schwere Last
sind? wenn Jemand darunter leidet, so sind es doch wohl
blos die Pferde der drei Sclüraighorschen Chane; wem
sonst sind sie beschwerlich? Lass die dreissig Helden sie
sehen, damit sie uns auf unserer Bahn nacheifern! Lass den
Muth der Kleinmüthigen dadurch allmählig gekräftigt wer-
den! Wir wollen sie vor dem stets hindernden und auf-
haltenden Fürsten Tschotong ausschütten!" Die drei
(Helden) kamen in die Heimath zurück. Schumar schülr-
tele die mitgebrachten Köpfe , Ohren und Daumen vor
Tschotong aus. „Was ist das, Kinder?" rief dieser, ab-
wärts gekehrt. „Wie, erwiederte Dsesse Schikir, was
ist mit deinen Augen und Ohren geschehen, Oheim Tscho-
tong, dass du keine Menschenköpfe, Ohren und Finger
erkennst?' Als es hiess, der Feind sey gegen uns im An-
züge, was bedeutete da deine Aeusserung gegen Rogmo
Goa, er habe keine feindselige Absichten und niu- sie solle
sich verstecke^? Gesser Chaghan ist zwar nicht da; bist
du aber, Oheim Tschotong, als Oberanführer dieses Heeres
etwa gleichfalls abwesend? ist diess hier etwa kein Gescheßk
12*
— 180 —
Von Männern?" Tscholong entgegnete: „Ich befürchtete,
mein Lieber, ihr möchtet umkommen, und deswegen sprach
ich damals so. Eure That ist vorl refflich !'• Von den mit-
gebrachten dreihundert Reitpferden machten sie den bei-
den Gemahlinnen (Gesser's), der Rogmo Goa und der
Adschu Mergen ein Ehrengeschenk, jeder der dreissig
Helden bekam davon zu einem Pferde, der Rest WTirde an
solche unter dem Heere vertheilt, welche unberitlen waren,
aber Tscholong bekam keines.
Rogmo Goa fragte: .,An wem ist nun die Reihe, auf
Kundschaff auszugehen? lassl es uns durchs Loos bestim-
men." Dsesse entgegnete: ., Zwei Helden werde ich selbst
auffordern; die folgenden mögen nach der Loosbestimmung
gehen. Mein Bandsrhur, Sohn des Ambari, steige du
zu Pferd!" Bandschur ritt seinen Rappen; er hatte seinen
schwarzen Harnisch angelegt: er halte seine dreissig weissen
Pfeile und seinen straffen schwarzen Bogen eingesteckt; er
hatte seinen stählernen Säbel umgürtet. Also bewaffnet
kam er zu Dsesse und sprach: ,,Mein Dsesse, ich werde
versuchen, es dir gleich zu thun ; oder soll ich es dir zuvor
thun? Dsesse Schikir erwiederte: „ Unsere Unternehmung
hat etwas lang gedauert; stürme einige Mal mit Windes-
schnelle, gleich wie der Falke auf die am Ursprung des
Nairandsa-Stromes sitzende bunte Ente stösst und komme
dann zurück!" Bandschur machte sich auf den Weg.
Als er den Gipfel des Elessutu Aghola (Sandgebirges) er-
reicht hatte , richtete er sein Gebet an die Schutzgeister
Gesser Chaghan's und machte dann seinen Angriff auf
Tsaghan Gerfu Chan, dessen neunfache Truppenlinie
er überGel und durchbrach, die neun Fahnen niedermähte
und die neun Standarten zerbrach, die neun (Regiments-)
Köche*) zusammenhieb, die neun Heerden Pferde (der
neun Regimenter) raubte und sich dann davon machte,
4) Gleichwie der Kessel bei den Völkern Mittelasiens das Symbol
— 181 —
Als Tsaghan Gertu Chan am folgenden Morgen auf-
stand, schickte er einen Boten an seine zwei Brüder. Die
zwei Brüder kamen zu ihm und mit Thränen sprach er zu
ihnen: ,,Der Schändb'che kam gerade wie vordem und machte
einen Ueberfall. " Schimanbirodsa sprach: „Warum
erzählst du es erst, wir wissen es schon! Mit deinem Jam-
mern richtest du nichts aus; wir wollen ihn verfolgen las-
sen und List gegen ihn gebrauchen!" — „Welchen tüchti-
gen Mann könnten wir ihm wohl nachschicken?" fragte
Tsaghan Gertu Chan. Die Antwort war: „Lass den
Dschirghughan Erekeilu (Sechsdaum igen), Sohn des
M e Г g e n herkommen ! derselbe mag ihm nachsetzen. "
Dschirghughan Erekeitu kam und Tsaghan Gertu
Chan gab ihm seinen eigenen, unermüdlichen Grauschim-
mel, nachdem derselbe mit zwei Erdsäcken beschwert war.
Dschirghughan Erekeitu versprach, die Worte Tsa-
ghan Gertu Chan's dem Bandschur zu überbringen,
луепп er denselben eingeholt haben würde und machte sich,
der Spur desselben folgend, auf den Weg. Auf dem Gipfel
des Elessutu Aghola (Sandgebirges) erreichte er ihn und
rief ihm zu: „Du nichtswürdiger Tübetischer Bettler und
Räuber, gib sogleich unsere Pferdeheerde heraus! Unsere
Stuten mit jungen Füllen li'enne nicht von denselben! so
trenne auch nicht die Stuten von ihren überjährigen Füllen!
unsere fetten Pferde übertreibe nicht ! unsere mageren
Pferde richte nicht zu Grunde! unsere blinden und lahmen
Pferde lass nicht in der Irre laufen! Warum hast du,
Nichtswürdiger, unseren Tsaghan Gerlu Chan über-
fallen? warum hast du unsere neun Fahnen niedergemäht
und unsere neun Standarten zerbrochen? Warum hast du
die neun (Regiments-) Köche zusammengehauen? Warum
hast du die neun Heerden Reitpferde geraubt ? Warum
und der Vereinigungspunkt der Familie ist, so ist er es auch bei dea
Regimentern.
— 182 —
hast du unter zehntausend Mann Ordnung und Zucht ge-
stört? Glaubst du etwa unter tausend Mann auch mich ge-
fressen zu haben? ЛҮагит hast du die Haare (Schweife der
Standarten) abgerissen? Warum hast du die Stangen zer-
brochen? Ist mein Tsaghan Gertu Chan nicht eine solche
magische Erscheinung, die durch ibre Herrlichkeit gleichsam
Sonne und Mond verdunkelt? Ich bin Dschirghughan
Erekeitu, der Sohn des Mergen; mit einem guten Bo-
gen schiesse ich auf einmal secbs Pfeile ab*). Auf einen
Menschen, der ein Fastengelübde übernommen hat, schiesse
ich nicht; denn wenn ich das thäte, so möchte meine Seele
in den tiefsten Ilöllenabgrund kommen. Also, du Nichts-
würdiger, gib unsere Pferdeheerde in Frieden frei!" Ban-
dschur, der Solin des Ambari entgegnete: „Dass deines
Vaters verruchtes Haupt, du nichtswürdiger und dabei bos-
hafter Dummkopf! Habe icli die Heerde etwa genommen
um sie dir zu geben? Wie unterstehst du dich, reicher
Schiraighol, vom Tübetischen Bettler eine Pferdeheerde
zu fordern! Packe dich in Güte von dannen! Was du von
magischer Erscheinung und Verwandlung sprichst, ist Alles
wahr, und dass Gesser über gar keine solche Л^erwand-
lungen gebietet, ist auch wahr." Mit diesen Worten wollte
Bandschur sich entfernen, als über ihm drei graue Adler
hergeflogen kamen und Dschirghughan Erekeitu ihm
zurief: „Siehe einmal her, Tübelischer Bettler! Von den
über dir herfliegenden Adlern ist der erste die Mutter und
der hintere der Vater; den mittleren Adler Averde ich in
der Art schiessen, dass er auf dich fällt, und dann hast du
die Verantwortung-, verfehle ich ihn aber, so fällt die Ver-
antwortung auf mich." Diess gesagt schoss er und der
Adler fiel neben Bandschur auf die Erde. Bandschu''
sprach: ..Dass deines ^'aters . . . ! Beweist je ein Mann seine
5) Weil er sechi Daumen an der Hand tiatte. Beim Bogcnscliies-
sen wird nämlich die Senne Ыо.ч mit dem Daumen angezogen, wäh-
rend der ZeigeCnger zum Halten des Pfeiles dient.
~ 183 —
Mannhaftigkeit an Vögeln? Hast du vorhin nicht gesagt,
du hallest ein Fastengehibde üi>ernoiumen? Was wollte
dein Gerede bedeuten, du dürfest kein \N eseii des Lehens'
berauhen ;' Hat etwa dei JLania, der dir die Fasten aufer-
legt hat, dir gesagt, es bähe nichts auf sicli , Vögel zu töd-
len? Du fürchtest dich, Nichts \Y(irdigerI Nun aber schaue
her! Von den auf den Oipfeln der hinterwärts liegenden
drei berge heündlichen drei Hirschen i»l der Hirsch auf
dem Berge rechts das Sinnbild der Mutter und der Hirsch
auf dem Berge links dis Sinnbild de» \\4ters. Den Hirsch
auf dem mittleren Berge werde ich schiessen. Tmlem ich
nun diesen Hirsch /u schiessen gedenke, werde ich nicht
gerade auf ihn anlegen, sondern auf den Fuss des Berges
in der Art, dass der Pfeil durch den Berg aufwärts zu des-
sen Gipfel hinausfährt und den Hirsch erlegt. Unterdessen
merke du, ^^ichfs würdiger, auch darauf, wohin die beiden
Hirsche rechts und links fallen werden!" Als Bandschur
nun seinen Bogen spannte, hielt er an denselben folgende
Anrede: „Das obere Kerbende*') meines Bogens ist von
Hirschhorn, das untere Kerbende desselben vom Hörne der
weissen Steppenziege 5 die Farbe der zwei iunern Flächen
des Bogens') ist schwarz und dessen (rrifi* ist von weissem
Muschelschmelz ; die Senne des Bogens ist gleich dem
blauen Himmelsbogen. Das obere Kerbende meines Bogens
mögen die Buddhas der zehn Gegenden meines Gesser
Chaghan schützen! das untere Kerbende desselben mögen
die vier grossen Drachenfürsten schützen! die beiden iunern
Flächen des Bogens nu;gen die vier grossen Götter schützen 1
die Senne mag der blaue Himmelsbogen schützen! Den
Griff halte ich, Bandschur Baghalur, selbst! du. mein
Pfeil, errege einen gelben (Staub-) Wirbelwind!" Dies.«
gesagt liess er den Pfeil fahren ; er erscho.'.s den Hirsch
6) hl welcheu die Semienschleife eingehakt wird umt festsitet,
7) Nämlich oberhalb und unterhalb des Griffe^.
— 184 —
clurch den Gipfel des Berges hindurch ; der Hirsch au f
dem Berge links fiel herwärls herab und der Hirsch auf
dem Berge rechts hinwärts. Der Pfeil wurde zum gel-
ben Wirbelwinde und führte den Staub empor. Dem
Dschirghughan Erekeilu sank der Muth; er schaute
starr hin, indem er auf dem Pferde ANankend dessen Mähne
umfassl hielt. Bandschur steckte seinen Pfeil wieder zu
sich und trieb die Heerde \^ eiler. Dschirghughan Eri-
keitu verfolgte ihn abermals, hohe ihn ein und sprach:
.,Du nennst dich also Bandschur? Mit edeln Schulzen
will ich mich nicht streiten, gegen mächtige Fürsten und
Herren ллиП ich mich nicht auflehnen, mit dir will ich mich
in Geschicklichkeit und Fertigkeil nicht messen, aber ich
erbitte meine Heerde von dir." Bandschur erwiederte*
,. Ach, mein Trefflicher, wie wäre es, wenn ich dich tödtete,
ehe ich deine Heerde mitnehme! Aus welchem Grunde
sollte ich sie dir zurückgeben?" Dschirghuglian Ere-
keitu entgegnete: „Höre Band schür! es heissl, der Pfau
sieht auf seinen Schwanz, der geehrte, wackere Mann sieht
auf seinen Ruf. Wenn es nun nicht anders scyn kann, so
gib mir wenigstens als Belohnung für ein mir bekanntes
merkwürdiges Zeichen meine beiden Pferde, ein weisses
und ein glänzend schwarzes heraus!" Bandschur gerielh
in Zorn und sprach: „Vorhin gabst du deinen Schuss für
ein Zeichen aus, jetzt soll wieder ein Zeichen folgen, wenn
ich dir die zwei Pferde gebe ! Woiin kann dein Zeichen
bestehen ! "Wenn ich dich . feige Memme , tödtete , wer
könnte da von einem tapfern Manne den drei Schirai-
gholschen Chanen die Nachricht überbringen? Bios deswegen
unterlasse ich es. "Willst du aber ein Bündniss schliessen,
gut! so gib den unermüdlichen Grauschimmel lier. den du
reitest! er kommt dem geflügelten Grauschimmel meines
Dsesse gleich ; alsdann werde ich dir die verlangten
Pferde geben und überdicss noch eine Anzahl anderer von
gleicher Farbe: diess ist Alles was du von mir bekommst!"
~ 185 —
Dschirgliiighan Erekeilu cnigegnele: „O Wcli, o AVeli,
mit welcher Bolschafl soll ich zunickkommen, wenn ich
den unermüdlichen Grauschimmel hergehe!" Bandschur
vei'setzte: „So. du wolltest dich also mit List in den Be-
sitz der Pferde stellen! Wenn ich dich nun lödte und den
Grauschimmel nehme, wessen ist er da?" DscIj irgh ughan
Erekeitu erwiederte : ., AVanim wirst du gleicli höse,
Bandschur, icli will ilin ja geben!" Diess gesagt übergab
er dem Bandschur den unermüdlichen Grauschimmel
und empfing dafür die beiden Pferde, nebst einer Anzahl
anderer von gleicher Farbe mit dem Auftrage, den ganzen
Hergang seinen drei Chanen treulich zu berichten.
Dsch irgh ughan Erekeitu kam zurück und erzählte
seinen drei Chanen den ganzen Hergang seiner Schicksale.
„Wenn ein einzelner Held, sprachen sie, in solcher Weise
einen Berg durchschiesst, was werden die drcissig Helden
zusammen da erst ausführen!" Auch Bandschiir kam nach
Hause; den unermüdlichen Grauscliimmel schenkte er dem
Dsesse und die vielen übrigen Pferde wurden in vorheriger
Weise bestens vcrtheilt. Tschotong bekam keines davon.
„Nun, s]irach Dsesse, mache du dich zu einem Zuge
fertig, mein l'laghan Nidün (Rolhauge), Sohn desSsumu!
Ulaghan Nidün ritt seinen bläulichen Rothschimmel,
hatte seinen weiss überzogenen Panzer angelegt, hatte sich
mit allen seinen Waffen versehen und kam zu Dsesse, an
welchen er die nämliche Frage richtete , wie vordem
Bandschur. Dsesse sprach zu ihm: ,,Ueberfalle sie in
der Weise eines am Ursprung des Gha tun - Stromes hor-
stenden Sperbers!" Ulaghan Nidün machte sich auf den
Weg-, er überfiel den Schira Gerlu Chan mit demselben
Erfolge vvie Bandschur bei seinem Ueberfall. Ihn ver-
olgte, von Schira Gertu Chan abgesandt, Schimtschu,
der Sohn des Ai Chongchor. Auf dem Gipfel des Ele-
ssutu Aghola hohe erden Ulaghan Nidün ein, und es
entstand der nämliche Wertstreit und Aufenthalt wie vor-
-- 186 —
«lern." Nun, sprach Seh imi sehn, wenn du meine Heerde
nicht herausgeben willsl, so stelle dich mir als Held ent-
gegen und ich werde als gescliiekler Schütze scbiessen!
Sollte ich fehlen, so stelle ich mich dir als lleld und du
übernimmst die Schützeurulle I" Llaghan ^«idün erwie-
derte: „Gut, du möchtest sonst sagen, ich hätte Furcht vor
dir! ich werde mich dir als Held entgegenstellen und du
schiesse auf mich als geschickter Schütze!-' Diess gesagt,
stellte er sich dem Schimlschu als Held entgegen und
dieser spannte den Bogen als Schütze-, als er aber im Begriffe
war, den Pfeil abzuschiessen , sperrte Llaghan Nidün
einen Ungeheuern Rachen auf und drehte seine rothe Augen
von der Grösse einer Trinkschale im Kopfe herum, wobei
er: „Schiess doch! Schiess doch!-' rief und laut lachte.
Schimtschu, dessen Muth gesunken war, schoss über ihn
hinweg." Nun Nichtswürdiger, rief Ulaghan Nidün, ist
die Reihe an mir I entferne dich weit von mir bis zur Stelle,
wo mein Pfeil sich senkt 5 daselbst wird er dich treffen, ab
wollte er dir Kopf und Schädel abtrennen. Du wirst fallen
und wieder aufstehen und vor deinem Tode gerade so viel
Zeit haben, dass du zu den drei Schrraighorschen Chanen
gelangst und ihnen meine Thaten erzählen kannst; daselbst
wird dich die verderbliche Wirkung meines Pfeils errei-
chen." Ulaghan Nidün schoss und traf den Schimtschu,
wie er ihm vorausgesagt. Er sank, stand wieder auf und
hielt wankend die Mähne seines Pferdes umfasst. In sol-
chem Zustande kam er nach Hause, erzählte den ganzen
Hergang mit Ulaghan Nidün, und gab dann mit den Wor-
ten: „die verderbliche Wirkung des Pfeils des Schändlichen
erreicht mich!" den Geist auf Ulaghan Nidün kam zu-
rück und verlheilte die vielen mitgebrachten Pferde nach
früherer Weise. Tschotong bekam keines davon.
Nun wurde geloosi , an wen die Keihe sey , auf Kund-
schaft auszugehen; das Loos traf den achtzigjährigen Greis
Tsargin Der edle Nanlsong aber meinte. ,, Statt den allen
_ IST —
ehrwürcligen Valer ziehen zu lassen, wei'de ich junger
Mensch ausziehen!" Nantsong rilt seinen Porcellanscheck,
er halle sich vollslänclig bewaflnet. Nun halte Nanlsong
erst vor Kurzem die Tochler eines einheimisclien Fürsten,
die Jungfrau Mönggöldschin Goa gchciralhct. Diese
sprach zu ihm: „Denke nicht von mir, mein Trauter, dass
die neuverheiralhe!cn Frauen vorlaut seyen! Als ich noch
in meiner Eltern Hanse vvolmle, halte ich einen ausführ-
lichen, sehr schlechten Traum; nnlernimm nicht diesen
Zug, mein Theurer!" Nanlsong gab seine Einwilligung
und blieb. Unterdessen kam der Fürst Tschotong und
sprach zu ihm: ,,Bist du nicht ein bewährter, tapferer Mann?
Wenn du auf die Heden deines Weibes hin den Tod fürch-
tend hier bleibst, wird man dich nicht für einen furcht-
samen , feigen Menschen hallen und seinen Spott mit dir
treiben? Was habe ich, Fürst Tschotong, nicht alles aus-
geführt, da ich fünfzehn Jahr all war!" — „So sey es
denn!" sprach Nanlsong und stieg zu Pferde. Sein Weib
sprach weinend: ,,Ach, mein Lieber, einmal bist du glück-
lich davon gekommen 5 versuche es nicht zum zweiten
Male!"
Nantsong machte sich auf den Weg 5 er stieg auf den
Gipfel des Gebirges Elessutu und überfiel von da, in der
nämlichen Weise wie Ulaghan Nidün, den Chara Gertu
Chan. Ihn verfolgte auf seinem Kückzuge der von Chara
Gertu Chan ihm nachgesandte Aramlschu, Sohn des
Racha, und erreichte ihn auf dem Gipfel des Gebirges
Elessutu. Was soll ich erst erzählen: Alles geschah in
der vorherigen AVeise. Aramlschu spannte den Bogen,
um Nantsong zu erschiessen, aber dieser richlete seine
Bitte an die Schutzgeister Gesser's, worauf der abgeschos-
sene Pfeil, von einem Wirbelwinde gefassl, über ihn weg-
flog. — „Nun ist die Reihe an mir, rief Nantsong, welchen
Namen und Ruf kann ich, Knabe, aber haben!" Diess ge-
sagt, schoss er den gepanzerten Mann durch und durch,
— 188 —
und iialim dessen Rüslung und Pl'eid. Während er seinen
ЛУе^ forlsolzlc , fiel ihm untorwecrs ein: „Werden die
dreissig Helden Gesser Chaghan's nicht ihren Spott mit
mir hahen, wenn ich die IMerdeheerde mithringe, nachdem
ich ])los diesen Einzelnen gclodlel habe? Alles Л^о1к wird
mich dann verspolten und sagen: „Nantsong vermochte
es nicht, Feinde aufzusuchen: nur einen Einzigen hat er
erschlagen.'- Nantsong drehte demnach um und überfiel
den Agholain Türgen Biroa-, er liieb zehntausend
Mann von dessen Kriegsvolk nieder, maclile aus ihren Haar-
zöpfen ein Pack und befestigte dasselbe an den Schwanz
seines Porcellanschecks ; er hieb die neun (Regiments-)
Köche zusammen, mähte die neun Fahnen und Standarten
nieder und trieb die neun Pferdeheerden (der Regimenter)
mit sich fort. Ihn verfolgte Agholain Türgen Biroa
und holte ihn ein auf dem Gipfel des Gebirges Elessutu.
Dort rief er dem Nantsong zu: „Du Tübetischer Räuber-
junge, hast du mich, den Türgen Biroa genannten Sohn
des Chans л^оп Balpo denn nicht erkannt, dass du, kampf-
begierig, nicht mit den drei Schiraighol'schen Cliänen käm-
pfest, dass du, schlachtbegierig, nicht mit den drei Chanen
dich schlägst? Du Taugenichts, warum hast du meine Haare
abgerissen, warum hast du meine Stangen zerbrochen? Lass
meine Heerde in Güte frcij wo nicht, so sollst du es ent-
gelten!" Nantsong entgegnete: ,, Deines A'^alers verfluchtes
Haupt! Avenn du der nichtswürdige Agholain Türgen
Biroa bist, so лvisse. dass ich der edle Göttersohn Nan-
tsong bin. Sind wir nicht die magischen Helden des un-
überwindlichen Gesser C h a g h a n ? Was Avusstest du
Schlechtes von meinem Bogda, dem Herrscher in den zehn
Gegenden, dass du zu den Schiraighorschen Chanen überge-
gangen bist? Hätten wir Drei, Dsesse, Schumar und ich
diess damals, da wir zusammen lierkamen, gewussl, gewiss
wäre dir Niederträchtigen der Kojif abgeschlagen worden."
Unterdessen kamen drei Gänse über Nantsong lierangeflo-
— 189 —
geu und Türgen Biroa sprach: „Siehe, Räuberjunge! voll
den drei Gänsen, die über dir herangeflogen kommen, will
ich die mittlere schiessen-, ist mein Pfeil darüber hinausge-
fahren , so soll desseu Spitze die Aordere und dessen Fe-
derende die hintere Gans trefiend tödten. Wenn ich diese
drei Gänse mit einem Schusse erlege, so lass meine Heerde
l'rei! sollte ich sie aber verfehlen, so magst du die Heerde
behalten!" Nantsong gab seine Einwilligung und Türgen
Biroa spannte den Bogen, als ziele er nach den Gänsen^
während Nantsong aber hinaufblickte, durchschoss er ihm
beide Armliöhlen. Nantsong stürzte hin, stand aber wie-
der auf; er löste sein neuuklafterlanges wollenes Tuch ab
und verband damit seine beiden Armhöhlen, aus welchen
das scliAvarze Blut hervor quoll. Nachdem er den Blut-
slrom gestillt halte, rief er dem Türgen Biroa zu: „Dei-
nes Vaters verruchtes Haupt ! du , nichtswürdiger Bube,
fürchtest dichl ist diese deine That nicht der von zwei
Weibern ähnlich, von welchen die Eine die Andere beim
Zank mit der Scheere sticht? Bin ich nicht der mannhafte,
kernfeste Held Nantsong, der von einem Pfeile von dir,
feigen Buben, nicht umkommt ? Gehe, Nichtswürdiger, und
komme in Erstaunen zn deinen drei Chanen: ich will dir
ein Kunststück zeigen! Entferne dich weit von hier und
stecke auf deine Mützenquaste einen Grashalm und an die
Spitze des Grashalms stecke ein Dreckkügelchen eines
Schafes; so werde ich überhalb der Quaste und unterhalb
des Kügelchens den Grashalm durchschiessen. Erzähle
dann bei deiner Heimkunft, dass du mir mit einem grossen
Pfeil beide Armhöhlen durchbohrt habest, und dass ich,
noch nicht lodt seyend, dir dieses Kunststück habe zeigen
wollen!" Türgen Biroa entfernte sich, den Worten
Nantsong's gemäss, weit und schaute hinter sich. Nan-
tsong spannte den Bogen und rief: „Deines Vaters ver-
ruchtes Haupt! du würdest bei deiner Zurückkunft gewiss
sagen, du habest mich überlistet und ich sey der Betrogene !'*
— 190 —
Mit diesen Worten schoss er den gepanzerten Mann mitten
durch und lödtete ihn. Sodann schwang er sich auf seineu
Porcellanscheck , . rill hin und hiel) dem Gefallenen den
Kopf ab, welchen er seinem I^orcellanscheck um den Hals
hing. Nachdem er das Pferd (des Gefallenen) erbeulet,
trieb er die vielen Pferde vor sich über die Hochfläche des
Gebirges Elessutu.
Während seines Rilles in der wasserleeren Gegend fing
er bei beständigem Blutverluste an zu ermatten und zu
verschmachten und w^ar im Begriflf, vor Erschöpfung vom
Pferde zu sinken. Wenn er auf der rechten Seile herab-
zufallen im Begriffe war, stützte und erhielt ihn der Por-
cellanscheck mit der rechten Seite seines Halses im Sattel;
wollte er von der linken Seite herabfallen, stützte ihn das
Pferd mit der linken Seite des Halses und erhielt ihn
aufrecht. Nun fiel er vorwärts über die Mähne des Pfer-
des und während dasselbe durch Emporstrecken des Kopfes
ihn aufhalten wollte, fiel er bewussllos zur Erde. Da ka-
men zwei Wölfe, um Nantsong's Fleisch zu fressen und
zwei Raben, ihm die Augen auszuhacken; der Porcellan-
scheck aber hatte sich zu seinem Schulze mit seinen vier
Beinen über ihm gestellt und weinte, an Nantsong den-
kend, mit folgender Klage: „Mein nach Gefallen und Will-
kühr am Himmel schwebender Falke, bist du ins Netz ge-
fallen? Mein nach Gefallen und Willkühr in der Tiefe des
Meeres wandelnder Fischkönig, bist du von Händen fest-
gehalten? Mein auf der Erdfläche nach Gefallen und Will-
kühr umher wandelnder Neffe meines Gcsser Chaghan's,
mein Nantsong, bist du vom Schimnu gepackt, mein
Versorger? Die drcissig Helden hielten zusammen, wie die
Töne einer Laute, Mie die Glieder des Schilfrohrs; wir
dreissig Schimmel hielten zusammen, wie die Flügel eines
Vogels; bist du, mein Nantsong, Snha der machtvollkom-
menen Götter von einem Menschen des Dschambudwips
gefällt, mein Versorger? Mein durch die Schicksalbeslim-
— 191 -=
mUng des Hlmmelskönlgs geborener, theurer Nantsongj
bist du von einem schwarzköpfigen Menschen gelödtet,
mein Versorger? ЛУепп ich euch den edlen Leichnam zu
fressen üherhcsse, wer denn würde mich mehr den (treuen)
Porcellanscljcck nennen !" Wenn während dieser Klage
die beiden Wölfe sich von hinten hinzudrängen wollten,
schlug der Schimmel aus, wollten sie sich von vorne hin-
zudräncen, bis er sie und hieb nach ihnen mit den Vor-
derfüssen.
Unterdessen war Nanlsong ein wenig zu sich gekom-
men; z\^ischen den Beinen des Pferdes liegend, schielte er
nach den Haben hin und sprach zu ihnen: „Ihr beiden
Raben , wessen sind denn nicht nur diese meine beiden
Augen, sondern mein ganzer Leichnam? es ist dieses Alles
ja ohnediess euer Futter! daruoi begebt euch vorher zu
Dsesse Schikir und den dreissig Helden und bringt
ihnen die Nachricht, dass ich, der edle Nantsong, die
Streiluiacht des Feindes überfallen, seine Söhne und Töch-
ter erbeutet habe und sie auf der Hochfläche des Gebirges
vor mir treibend im Anzüge bin, dass ich aber, in der was-
serlosen Gegend vor Durst verschmachtend, dem Tode nahe
bin! Sagt ihnen, dass sie mir Wasser herbeischaffen und
was sonst nöthig ist! Ihr Raben, die dreissig Helden ver-
stehen die Sprache der Vögel nicht, darum sprecht mit
Buidong!"8)
Die beiden Raben eulfernlen sich, kamen zum Kriegs-
heer und umkreisten dasselbe schwebend. Sie riefen:
„Buidong, sammle den Inhalt unserer Stimme !" Buidong
schrie: „O Weh, O Weh! die Worte dieser Raben brin-
gen nichts Gutes !" und sprang mit Klaggeschrei auf. Dsesse
Schikir rief ihm zu: „Buidong, was gibts? geschwind,
laufe her! ich errathe es indess; unter den Männern ist
der bepanzerte und behelmte Mann an seiner Stelle, unter
8) Vergl. S. 94.
— 192 —
Äen Weibern die ausgewachsene behaarte Jungfrau I gewiss
l)nngen diese Raben Nachrichten, die Nanlsong betref-
fen.'" Buidong ])erichlete nun die ganze von Nanlsong
den Raben aufgetragene Botschaft. Dsesse und Rograo
G o a vergossen stille Thränen ; die Nachricht лог dem
Kriegsheer verheimlichend sprachen sie: „Unser edle Nan-
tjsong ist im Anzüge, nachdem er eine unerraessliche
Menge Vieh erbeutet hat^ wir wollen ihm Wasser entge-
gen bringen. Dsesse, Rogmo Goa und Buidong mach-
ten sich auf den Weg; da sprach Dsesse: „AVir wissen
nicht, ob unser Freund gestorben ist oder nicht; hoffent-
lich lebt er noch; rufe also den Arzt Künggen her!" Mit
diesem Auftrage schickte er den Buidong hin, welcher
zum Arzte Künggen sich begab und ihn herberief. Der
Arzt Künggen und sein Weib erwiederten beide: „In
diesem Jahre ist es nicht rathsam , nach Osten hinauszu-
gehen; Ihut man es, so stirbt man; ich will nicht!" Mit
diesem Bescheid kehrte Buidong zurück und meldete ihn
dem Dsesse und der Rogmo Goa. Diese gerieth in
Zorn und sprach: „Höit einmal das Geschwätz dieses Nichts-
würdigen! \veil mein Gesser Chaghan nicht da ist, weil
ich ein Weib bin, so willst du, gemeiner Mensch, nicht
kommen, da es unsern Nantsong gilt. Wenn ich dich da-
für umbrächte, wer würde es mir zum Verbrechen machen I"
Mit diesen Worten nahm sie ihn mit und alle Vier durch-
zogen nun die Hochfläche des Gebirges El es su tu, ohne
(Nantsong) zu finden, als aus ungewisser Ferne ein gros-
ser dunkeler Gegenstand sichlbar wurde, лоп welchem sich
eine Staubwolke bis an den Himmel erhob. Als alle Vier
dieser Richtung folgten, erkannte Rogmo Goa die Ursache.
„Es ist hier die Spur des magischen Braunen meines Ges-
ser's, rief sie, wie machen wirs, dass wir dieser Spur
folgend hinkommen!" Diess gesagt, hielten sie sich dicht
beisammen, folgten der Spur und als sie nahe hinzukamen,
enldeckten sie, dass um Nantsong die ganze grosse Pferde-
— 193 ~
lieerde gleich einer Versammlung Menschen versammeil war.
Der Porcellanscheck kam ihnen Thränen vergiesseud enl-
gegen; auch Dsesse und Rogmo Goa weinten. Der ma-
gische Braune Gesser's hatte den Fall Nantsongs durch
magisches Wissen in Erfahrung gebracht und war gekom-
men, um die Menge der Pferde in Nantsongs Nähe bei-
sammen zu erhalten. Der ArztKünggen goss Arznei in
die verwundeten beiden Armhöhlen Nantsongs und er
wurde hersfestellt. Hierauf erzählte er ihnen seinen Anoriff
auf die drei Schiraighorschen Chane, und als er ihnen die
erbeuteten Zöpfe von zehntausend Mann und den Kopf des
Agholain Tür gen Biroa zeigte, lachten sie alle herzlich.
Während sie beisammen sassen, kamen plötzlich sechs
Pfeile angellogen und trafen. Der eine Pfeil traf den Nan-
tsong, der andere den Buidong und der dritte den Arzt
Künggcn; die übrigen drei Pfeile trafen die Pferde der
genannten Drei. „Was ist das, mein Dsesse!" rief Rogmo
Goa, stand auf und weinte. „Es ist ein Kunststück eines
Menschen von der feindlichen Partei, meine Rogmo Goa-',
erwiederle Dsesse, „weine nicht!" Diess gesagt, zog er den
Drei die Pfeile aus, goss ihnen von der x\rznei des Arztes
Künggen in die Wunde und schwang sich auls Pferd. Als
Dsesse Schikir auf den Gipfel des Gebirges gekommen
war und sich umsah, entdeckte er. dass der zu den drei
Schiraighol'schen Chanen gehörige D schirghughan Ere-
keitii, Sohn des Mergen, aus der Ferue mit einem guten
Bogen sechs ^ute Pfeile auf einmal unter Zauberformeln
abgeschossen hatte mit den Worten: „Welche von meinen
Pfeilen die Menschen verfehlen möchten, mögen die Pferde
trefien, und welche die Pferde verfehlen, mögen die Men-
schen trefl'en!" Dsesse Schikir rief ihm zu: „Bist du,
Nichtswürdiger, nicht der feige Dschirghughan Ere-
keitu, Sohn des Mergen.? Warum hast du, Memme, un-
serm Bandschur, dem Sohne des Ambari, deinen uner-
müdlichen Grauschimmel überlassen?" Dschirghughan
13
— 194 —
Erekeitu erwiederle: ,,Du 5a2;est es! ich habe übrlefens
ilen Schuss gethan, weil ein Knabe der Eurigen herkam
und bei uns Tod und Verwirrung anrichtete." Dsesse
Schikir sprach: „So, wenn das der Fall ist, dann bin ich
ohne Vorw urf!" Mit diesen Worten durchschoss er ihn, da
aber die Seele des Dschirghughan Erekeitu in seinen
sechs Daumen ihren Sitz hatte, so vermochte dieser Schuss
ihn niclit zu tödten^ er sprang auf, ergriff seinen Bogen
vind spannte ihn. AVährend des Spannens sprang Dsesse
Schikir, der es durch magisches Wissen erfuhr, auf ihn
zu, zog seinen Säbel лоп gegossenem Stahl tind hieb ihm,
vvährend er im Begriffe stand, den Pfeil abzuschnellen, seine
sechs Daumen mit sammt der Senne ab, worauf Dschir-
ghughan Erekeitu leblos hinstürzte. Dsesse Schikir
nahm dessen Panzer, Pferd und sechs Daumen und kam
zurück.
Bei seiner Zurückkunft fand Dsesse Schikir die Rogmo
Goa weinend. Er sprach: ,,Wenn du, Kogmo Goa, weinst,
wer soll da diese Arznei bedienen! ich halje so eben den
verruchten Dschirghugau Erekeitu getödtet!" i\un be-
reitete Dsesse Schikir eine starke Portion der Todle bele-
benden Arznei des Arztes Künggen, welche Gesser
Chaghan in seiner Bestimmung von den Göttern mitge-
bracht balte, streute Räucherwerk auf und richtete seine
Bitte an die Schutzgeister Gesser Chaghan's mit den
Worten: „Gott Chormusda in der Hölie, Vater meines
Bogda, des Vertilgers der Wurzel der zehn üebel in den
zehn Gegenden! ihr drei siegreichen Schwestern! ihr alle
seine Schutzgeistcr der Reihe nach, erbarmt euch! Wir
wollen die entflohenen Seelen dieser unserer Drei zurück-
führen , die Aveit davongegangenen Seelen wollen wir
ihnen wieder verschaffen! Macht diese лоп mir bereitete
Arznei leicht wie eine Feder, schnell wie einen Pfeil!"
Diess gesagt verbeugte er sich, beräucherlc die drei (Ge-
bliebenen) und goss ihnen die Arznei ein, wovon sie als-
«a 193 ^
bald alle Drei zum Leben kamen. Der Arzt Künggen
stand auf und sprach: ,.Mern Körper ist noch nicht gehörig
hergestellt." Diess gesagt, trank er noch von der Arznei
und gab auch den andern Beiden davon zu trinken. Die
Wirkung davon war, dass alle Drei so gesund und rüstig-
wurden, wie zuvor. Nachdem der Arzt Künggen den
drei Pferden die Pfeile ausgezogen hatte, vermischte er
das Fleisch der Daumen des Dschirghughan Erekeitu
mit der Arznei und behandelte damit die Wunden der
Pferde, welche alsbald genasen. Nun wählten sie aus den
vielen Reilpferden neun der fettsten aus, welche sie schlach-
teten, siimmtlichen Schutzgeistern Gesser Chaghan's zum
Opfer darbrachten, sich verbeugten und dann sich auf den
Rückweg machten. Während Rogmo Goa und Buidong
die Heerde trieben, machten Dsesse, Nantsongr und der
Arzt Künggen während des Reitens eine Schiessübung
mit dem Kopfe des Türgen Biroa. Die grosse mitge-
brachte Pferdeheerde wurde in vorheriger Weise und Ord-
nung vertheilt; Tschotong bekam nichts davon.
Die drei Schiraigholschen Chane traten den Rückzug
an und lagerten sich zusammen. Da fiel es dem Fürsten
Tschotong ein, ihnen nachzuziehen und ihnen eine Pfer-
deheerde abzustehlen. Er ritt sein gelbgeflecktes, Küne
Biroa genanntes, Pferd mit schwarzem Kopfe und weissem
Schweife, hatte sein Schirgholdschin genanntes Bogen-
ge räthe umgeschnallt, seinen Harnisch von rohem Leder
angelegt und sein zweischneidiges Schwert umgürtet. Also
verfolgte er das abziehende Heer und als er dessen Nach-
trab eingeholt hatte, stahl er eine Abtheilung Pferde und
trat damit den Rückweg an. Ihn verfolgte der dem Tsa-
ghan Gertu Chan angehörige Tschissun Oghoktschi
Burküd Chara TüschimeP) und erreichte ihn auf dem
Gipfel des Gebirges El essu tu. Unterdessen spiach der JFürst
9) Dieser lange Name bedeutet „der bluttrinkende Adler, der
schwarze Minister."
13*
— 196 —
Tscholong voll Stolz uud Dünkel mit sich selbst: „Bin
ich nicht ein eben so tapferer Mann als Dsesse? von die-
ser meiner Heerde soll Dsesse auch nicht ein einziges
Pferd bekommen!" Tschissun Oghoklschi Bürküd
Chara Tüschimel liörte diess und dachte: „Das ist ein
feiger Tropf! Was bedeutet es, dass er unterwegs mit sich
selbst plaudert und brummt; dass er sagt: „\senn ich nach
Hause komme, werde ich dem Dsesse von meiner Heerde
nichts mittheilen!'' Er hielt sicli sodann in einiger Entfer-
nung versleckt und überfiel den Tschotong plötzlich mi^
Geschrei. Dieser liess seine Heerde im Stich und ergrifl
die Flucht. Als er eingeholt wurde, nahm er sein Bogcn-
gerälhe und verkroch sich damit in eine ausgeweitete Mur-
melthierhöhle. Tschissun O g h o k t s c h i rief: „Komm
heraus, Nichtswürdiger! wo gedenkest du denn davon zu
kommen, wenn du in eine Höhle kriechst!" Tschotong
versetzte: „Meine Heerde und mein Pferd sind in deinen
Händen, was aber willst du mit mir machen!" Tschissun
Oghoktschi ervviederte: „Du bist ja ein sehr freigebiger
Mensch, darum gib dein Geräthe, deinen Bogen und deine
Pfeile her!" Tschotong übeilieferle seinen Bogen uud seine
Pfeile; das Gefieder der dreissig weissen Pleile kam ganz
mit Erde überzogen (aus der Höhle).- „Wenn du nicht
gutwillig herauskommst, rief Tschissun Oghoktschi, so
werde ich dich herausräuchern!" Diess gesagt, sammelte
er seinen Rockschooss voll Mist, und als er damit kam,
rief Tschotong: „Tödte mich nicht! Gesser ist nicht da,
ich aber werde euch die Mittel schaßen , dass ihr die
Rogmo Goa holen könnt." Nun kam Tschotong aus
seiner Höhle heraus, Tschissun Oghoktschi band ihn
und brachte ihn, ihn mit der Heerde vor sich treibend,
zum Tsaghan Gertu Chan.
Tscholong wurde seiner Bande entledigt und machte
seine Verbeugung. Tsaghan Gertu Chan rief ihm zu:
„Stehe auf!" Schimanbirodsa sprach: „Wie schön neh-
— 191 —
men sich nicht die Beiden, der sich niederbeugende Fürst
Tscholong und der „Aufwärts!" rufende Chan aus! Was
hast du denn anzubringen, mein Lieber? sj)rich!" Der Fürst
Tschotong sprach: „Gesser ist nicht zu Hause j er ist
noch nicht zurückgekehrt, seit er gegen den Riesen gezogen
ist. Dem Busenfreunde Gesser's, seinem altern Bruder
Dsesse Schikir, so wie den dreissig Helden ist zwar
schwer anzukommen, dessen ungeachtet will ich schon ein.
Mittel ausfindig machen, dass ihr die Rogmo Goa holen
könnt." Sie fragten: „AVelches Mittel? sprich!" Tschotong
erwiederte: „Gebt mir mein Pferd, jueinen Panzer und
meine ЛҮаЯеп zurück ! gebt mir auch eine kleine Heerde-
abtheilung schlechter Pferde ! damit werde ich zurückkehren
und ihnen anzeigen: „Die Heeresmacht der drei Schirai-
ghol'schen Chane ist in die Heimath zurückgekehrt; da ich,
ihrer Spur folgend, sie nicht mehr erreichen konnte, habe
ich diese ihre zurückgelassenen untauglichen Pferde mitge-
bracht." Darauf hin wird unsere Kriegsmacht auseinander
gehen und die dreissig Helden werden sich zerstreuen. Ihr
aber kommt mir nach und nehmt die Rogmo Goa!" Die
drei Chane genehmigten diesen Vorschlag und gaben dem
Tschotong Alles zurück. Er stieg zu Pferde, entfernte
sich, kehrte aber лvieder um und sprach: „Gesser und ich
streiten' uns um Land und Leute; wenn ihr die Rogmo
Goa genommen haben werdet, so hofle ich von euch die
Herrschaft über das Volk zu erhalten." Tsaghan Gertu
Chan vei'sprach ihm: „Du sollst sie haben!" Tschotong
verbeugte sich, machte sich auf den Weg und kam nach
Hause.
Dsesse Schikir und alle (Hauptleute) des Heeres
fragten: „Oheim Tschotong, warum bist du so lange weg-
geblieben?" Der Fürst Tschotong antwortete: „Das Heer
der drei Schiraighol'schen Chane ist plötzlich aufgebrochen
und davon gezogen. Ich verfolgte die Spur, da ich dasselbe
aber nicht einholen konnte, so habe ich diese zurückgelas-
— 198 —
senen schlechten Pferde naitgehrachl. Ihr glaubtet mich
unfähig zu solchem Lnlemehmen und habt mich dahei
nach eurer Zurückkunft hingeschickt j nicht wenig habe
ich auf meinem Zuge, um eine Pferdeheerde wegzustehlen,
ausstehen müssen. Indess, so schlecht ich auch seyn mag,
so hin ich ja doch dein Blutsfreund und Verwandter. Soll-
tet ihr mir aber nicht glauben, so schickt doch Jemand
um nachzusehen!''' Dsesse Schikir entgegnete: ,, Warum
das! bist du denn etwa ein Fremder? du bist ja unser
Oheim Tscholong. Nach deinen Worten zu urtheilen ist
es wahr, dass der Feind umgekehrt ist 5 wir und das ganze
Heer wollen daher auseinander gehen!" Kogmo Goa
weinte und sprach zu Dsesse: ,,Wie oft hat mein Gesser
dir gesagt: „Tschotongs Gesicht ist weich wie Seide,
seine Worte sind süss wie feines Backwerk, aber sein Herz
ist hart лvie ein Kiesel. Innere, heimliche Angelegenheiten
verhandelt ihr, Rogmo und Dsesse, heimlich, äussere,
allgemeine Angelegenheiten mag er immerhin erfahren; wenn
ihr so handelt, sagte er, so habt ihr von dem furchtsamen
Lügner nichts zu befahren." Dsesse versetzte: „Meine
Rogmo Goa, er mag ein so schändlicher Lügner als mög-
lich seyn, hat er aber einen Beweis geliefert, dass er als
Ueberläufer Verrath an uns übt? Lasst uns in Ridie iin-
sern Hausgeschäften nachgehen; seine Nachricht ist gewiss
^^ahr!" Diess gesagt zerstreuten sich Dsesse Schikir und
das ganze Heer.
Rogmo Goa. blieb traurig zurück; sie bewafinete einen
ihrer Diener, den Arighon, Sohn des Argha, gab ilnii
ein Pferd und fertigte ihn ab mit den Worten: „Gehe hin
und seile nach, ob es wahr oder gelogen ist, dass die drei
Schiraighorschen Chane mit ihrem Heere auf dem Rück-
zuge sind!" Der Bote war kaum über zwei Bäche gezogen,
als er das ganze Heer der di'ei Schiraigliol'schen Chane im
Anzüge erblickte. " Wie lange kann ich noch leben, wenn
ich dem Feinde auch glücklich entginge!" dachte er, und
— 199 —
stürzte sich unter die Feinde in den Kampf. Nachdem
er eintausend Feinde getödtet hatte , blieb er selbst auf
dem Platze.
Die feindliche Heeresmacht kam heran. Die Aveinende
Rogmo Goa ergrift' einen grossen Säbel vom feinsten und
und härtesten Stahl, den Gesser Chaghan dagelassen
hatte, und verbarg ihn unter ihre Kleidung. Eine Ge-
mahlinn Gesser Chaghan 's, Namens Adschu Mergen
Chatun^°), die Tochter des Drachenfürsten, v^ar eine ge-
schickte Bogenschülzinn. Zu dieser ihrer Nebenbuhlerinn
Adschu Mergen Chalun schickte Rogmo Goa hin und
liess sie rufen. Adschu Mergen kam und Rogm'o Goa
sprach zu ihr: „Der Herrscher in den zehn Gegenden, mein
Bogda, ist nicht zu Hause, sein Busenfreund Dsesse Schi-
kir und die dreissig Helden sind abwesend, sollen vs'ir
daher, als Weiber, müssig zusehen? wir wollen gegen die
Heerführer ins Gefecht gehen!" Diess gesagt, übergab sie
der Adschu Mergen einen grossen Bogen, nebst einem
mit tausend, und vierzig Pfeilen gefüllten Köcher Gesser
Chaghan's. Adschu Mergen umgürtete sich mit dem
Bogengerätlie und ging hinaus, dem Feinde entgegen. Al-
tan Gerel Taidschi war aus Besorgniss, dass der Staub
des grossen Kriegsheers das Anllitz der Rogmo Goa be-
flecken möchte, mit vierzig tapfern Männern vorausgeeilt. —
Adschu Mergen rief ihnen entgegen: ,Jhr vierzig tapfere
Männer, die ihr gekommen seyd, die Rogmo Goa zu
holen, seyd ihr die Hautpleute des Heeres, oder was seyd
ihr?" Sie antworteten: „Wir sind Hauptleute." — 5,Gut,
sprach Adschu Mergen, so trennt euch in vier Reihen zu
zehn Mann!" Als sie sich in vier Abtheilungen zu zehn
Mann getrennt hatten, durchschoss Adschu Mergen mit
vier Pfeilen jede der vier Reihen zu zehn Mann. Die
vier Pfeile flogen weiter und trafen noch eine Anzaahl der
10) Vergl. S. 87 ff.
— 200 —
Mannschaft des Heeres. Nachdem Adscliu Mergen den
Altan Gerellu Taidschi getödtel halte, nahm sie dessen
gelbliches Pferd mit goldenem Sattel und hestieg dasselbe.
Wo sie einen Anführer des grossen Heeres erblickte, drang
sie ein, Alles tödtend und Aernichtend. Das Heer der drei
Schiraighorschen Chane ergrifl" die Flucht. „Der Fürst
Tschotong hat uns betrogen! rief Alles, Gesser ist da
und tödtet und A^ertilgt unsere Hauptleute und Anführer !"■
Lm die Ordnung im Heere Avieder herzustellen, traten
fünf tapfere und vornehme Männer hervor 5 der Eine war
der jüngste Bruder des Tsaghan Gertu Chan, Namens
Schimanbirodsa; dieser bewaffnete sich, bestieg sein
weisses magisches Pferd und trat hervor 5 der Andere war
Bürküd Chara Tschissun Idektschi Tüschimel^")
der Dritte war der Tochlermann des Tsaghan Gertu
Chan, Namens Mantsuk Sula, Sohn des Ssolongha
Chän^*'*) der Vierte war der Tochtermann des Schira
Gertu Chan, Namens Mila Gunlschuk, Sohn des Chans
von Baipo; der Fünfte war der Tochlermann des Chara
Gertu Chan, Namens Mongsa Tüsker, Sohn des Chänes
des Landes Mon. i^) Diese traten vor, und trieben das
fliehende Heer mit dem Säbel in der Faust beisammen.
Die unermessliche Heeresmasse der drei Chane drang nun
vor; Ad seh u Mergen hatte bereits elftausend Mann todt
niedergestreckt, da zerbrach der Bogen und die Pfeile waren
ausgegangen. Sie sah sich nach allen Seiten um und fand
sich ohne Gefährten. „Was ist nun лvciter zu thun!" sprach
sie, und zog mit Haus und Vieh ins Gebirge.
Nun war Rogmo Goa umringt und von allen Seilen
drang man auf sie ein um sie zu fangen. Gegen die von
(11 Der Nämliche, den wir S. 195 haben kennen gelernt; niu- ist
der Name etwas verändert.
12) Oder der Sohn des Chans von Ssolongha, das heisst
Korea.
13) Name einer Tibetischen Provinz.
der rechten Seite auf sie andringende Mannscbafl hieb sie
mit dem Säbel um sich und streckte zehntausend Mann
nieder. Gegen die von der linken Seite auf sie Andrin-
genden that sie dasselbe und lödtele eben so viel. Die
von vorne und von hinten Angreifenden riefen sich zu und
gaben sich das Wort, gemeinschaftlich vorzudringen, ehe
sie (gegen die eine oder andere Abtheilung) den Säbel
schwingen könne. Solchergestalt von vorne und hinten
zugleich angegrifl'cn und gedrängt ohne Raum und Mittel
zum Entkommen, verwandelte Kogmo Goa sich magisch
in eine graue Bremse und erhob sich gen Himmel. Der
Schutzgeist des T s a g h a n G e r t u Chan, ein weisser
Elje,^*) verwandelte sich in die Gottheit Tsaglian Uer-
kün und jagte die Bremse. Nun schwebte Rogmo vom
Himmel niederwärts 5 da verwandelte der Schutzgeist des
Schira Gerln Chan, ein gelber Elje, sich in die Gott-
heit Schira Uerkün und jagte ihr nach. Auf Windes-
flügeln schwebte sie zur Erde hinab; da verwandelte der
Schulzgeist des Chara Gertu Chan, ein schwarzer Elje,
sich in die Gottheit Chara Uerkün und verfolgte sie.
Als Rogmo Goa kein anderes Mittel fand, verwandelte sie
sich auf der Erde in die Gestalt von sechshundert Nonnen.
ЛVeil die drei Schiraighorschen Chane sie in dieser Geslalt
nicht erkennen konnten und vermutheten, dass das weisse
magische Pferd sie vielleicht erkennen würde, liessen sie
dasselbe hingehen. Als das weisse magische Pferd hinkam,
zerrte es Rogmo Goa am Besatz ihres Kleides und scharrte
dabei mit den Vorderfüssen. Rogmo Goa, aller fernem
Mittel beraubt, wurde nun gefangen. Gesser's weisse Py-
ramide, sein edler Talisman Tschinlämani, seine mit Gold
geschriebene, Kandschur und Tand schür genannte, grosse
14) Das heisst ,,em weisser Geier." Dieses Wort hat eine dop-
pelte Bedeutung; ausser der angegebenen bezeichnet es auch eine Art
geflügelter böser Geister. Vergl. S. 16.
— 202 —
Sammlung von Religionsschriflen , sein Tempel mit den
dreizehn Kostbarkeiten, ^^) seine schwarze Kohle ohne
Sprung oder Riss, alles dieses wurde zerstört oder geraubt.
Während Piogmo Goa weinend ihren Weg wandelte,
rief sie einen gemeinen Menschen von Gcsser's Leuten
zu sich 5 zu diesem sprach sie: „Mein Gesser hat ein
schwaches Gedächtnisse луспп er vom Kiesen zuiückgekehrt
seyn, mich gerauht und alles zerstört sehen wird, wird er
vermulhlich in Olinmachl fallen; dann räuchere ihn hiemit
unter der Nasel" Mit diesen Worten zog sie ein Haar aus
ihren Augenwimpern und ühergnl) es dem Menschen. Dann
gab sie ihm noch einen Schöpllöffel voll Thränen aus ihren
Augen und sprach: ,, Diess giesse ihm in den Mund!"
Solches gesagt zog sie ihres AVeges.
Gesser's Bars Baghatur hatte den Dscsse Schikir
begleitet und w'ar bei einem Trinkgelage geblieben. Als er
allein und betrunken nach Hause kam und vernahm, was
geschehen war, bewaffnete er sich, A'erfolgte die Heeres-
macht der drei Schiraigliolschcn Ghänc, holte sie ein und
лvarf sich allein ins Getümmel. Nachdem er funfzigtausend
Mann niedergehauen halte, sank er verschmachtet und er-
schöpft zu Boden. Bars Baghatur wurde getödlet und
das Heer setzte seinen Marsch fort.
Ueseskülengtu Mergen Kja wollte Gesser einen
Hülfsdienst erweisen, tödtete fünftausend Mann des feind-
lichen Heeres und kam glücklich davon.
iö) An andern Stellen dieses "Werkes Avird er ,.,(\vi Tempel von
dreizehn Wadschras" (Diamanten) genannt. Es ist damit ein
buddhaistischer Tenipol (Sanskr. Tscliaitja), über welchem sich ein
pyramidaler Thurm von dreizehn Abstufungen erhcht, gemeint.
Diese dreizehn Abstufungen bedeuten die dreizehn Bhuwanas oder
Götterregionen der sogeuanntcn zAveiten Welt bis zur immateriellen
buddhaischen Monas. Vergl. u. A. meine Abhandlung in den Me-
moiren der Akademie, Band I, S. 89 fF.
— 203 -^
Band schür , der Sohn dts Am bau holte allem (das
feindliche Heer) ein und warf sich ins Getümmel. Er hatte
bereits eben so viel Mannschaft als Bars Baghalur ge-
tödtet , als Bürküd Chara Tschissun Idektschi Tü-
schimmel ihm seinen Rappen unter dem Leibe erschoss-
Nachdem er zu Fusse noch lausend Mann niedergehauen
halte, sank er verschmachtet und erschöpft zu Boden.
Ulaghan Nidün, der Sohn des Ssumu, sperrte seinen
Ungeheuern Rachen auf, drehte seine tellergrossen Augen
in rolhem Flusse und warf sich ins Getümmel. Er that
es dem Bandschur in Allem gleich, bis Mila Gun-
tschuk, der Sohn des Chinesischen Daibung Chaghan,^'')
ihm seinen bläulichen Rothschimmel unter dem Leibe er-
schoss. Zu Fusse forlfechtend tödtele er noch tausend
fünfhundert Mann und sank dann verschmachtet und er-
schöpft nieder.
Nun erreichte Schumar das feindliche Heer und warf
sich in den Kampf. Er halte bereits eben so viel feind-
liche Mannschaft getödtet als seine Vergängcr, da erschoss
der Sohn des Chans von Solonggha, Namens Manlsuk
Sula, ihm seinen Porcellanschimmel unter dem Leibe. Er
setzte das Gefecht zu Fusse fori, tödtele noch lausend Mann
und blieb dann auf dem Platze.
Temur Chadi, Sohn des Ambalai, stürzte sich nun
ins Gefecht. Nachdem er funfzigtauscnd Mann getödtet
hatte, blieb er todt auf dem Platze.
Nun folgten Jcke Taju, Bagha Taju, Jeke Kü-
gürgetschi, Bagha Kügürgetschi, Uenülschin Taju
und Rongssa. Diese Sechs erreichten das Heer, griffen
an und lödteten sechstausend Mann. Der Sohn des Tür-
gen Biroa, Namens Büke Tsaghan Manglai, griff diese
Sechs im Rücken an und tödtele sie.
16) S. 200 ist er als der Sohu des Chans von Baipo (Nepal)
genannt.
— 204 —
Bam Schürtsr, der Sohn des Badraari, \\^r( sich auf
den Feind und haue bereits funfziglauscnd Mann in Slücke
gehauen. Da erschoss Mongsa Tüsker, der Sohn des
Chans von Mon, ihm seinen trefflichen Blauschimmel un-
ter dem Leibe. Zu Fussc das Gefecht fortsetzend tödtete
er noch zweitausend Mann und sank dann todt auf den
Platz.
Der edle fünfzehnjährige Nantsong holte allein den
Feind ein und warf sich auf denselben. Nachdem er ihm
vierzigtausend Mann getödtet hatte, eischoss Bürküd Chara
Tschissun Idektschi Tüschimel ihm seinen Porcel-
lanscheck unter dem Leibe. Zu Fusse fortfechtend töd-
tete er noch dreitausend Mann und sank entseelt auf den
Platz.
Buidong holte gleichfalls das Ilecr ein und warf sich
ins Gefecht. Nachdem er dem Feinde vierzigtausend Mann
getödtet hatte, blieb er entseelt auf dem Platze. Auch die
andern Helden folgten der Reihe nach, tödteten zu drei-
hundert und zu zweihundert Mann und blieben auf dem
Platze.
Gesser hatte einen magischen Helden, mit Namen
Büdotschi. Hatte dieser es mit Fussvolk zu thun, so ver-
wandelte er sich in einen Feuerklumpen, der sich unter
die Feinde wälzte, sie verbrannte und tödtete. Gegen Rei-
terei bediente er sich einer kostbaren Schöpfkelle, mit лvel-
cher er zu Pferde sitzend Erde aufschöpfte, welche alsbald
als Feuer loderte; dieses schüttete er gleich einem Feuer-
regen über die Feinde und tödtete deren eine Menge, sie
durch Feuer verbrennend. Yiele a\h dem Heere lauerten,
um ihn zu erschiessen, sie konnten ihm aber vor Funken
und Rauch nicht nahe kominen. Während er nun von dem
Heere der drei Schiraighorschen Chane Viele tödtete und
Wenige übrig liess, vrrsclimachtetc und erstickte er endlich
selbst in den Funken und dem Rauche seines Feuers, sank
zu Boden und wurde getödtet.
^ 205 —
Der edle Dsesse Scliikir hatte seinen "Wohnsitz am
obern Tsatsarghana - Strome in der Gegend Ghurban
Tulglia. Als er den Ausgang und das Ende (der Helden)
erfuhr, bestieg er seinen geflügelten Grauschimmel, nach-
dem er seinen ganzen reichen Waffenschmuck angelegt
hatte. Im Begriffe, sich auf den Weg zu machen, stiess
der achtzigjährige Tsargin auf seinem verschiedenfarbig
gesprenkelten gelben Pferde zu ihm, und Beide schlugen
die Spur der diei Schiraighol'schen Chane ein. Dsesse
sprach: „Siehe, mein Oheim, von Gesser's grossem Schlosse,
Ulaghan Siilge genannt an bis zum Chatun - Strome
haben sie gewirihschaflet, als wenn Riesenwölle in eine
grosse Schafheerde eingebrochen луагеп. Unserer beiden
Pferde können hier zwar hindurch, welches Pferd eines
Andern aber v^äre im Stande über dieses Leichenfeld zu
gehen! Ach, meine theuern dreissig Helden!" Unvermögend
seinen Grimm länger zu bändigen, sprach er zu Tsargin:
„Mein Oheim, nimm deinen Weg hierhin! Ich will unter-
suchen, wie viel an der Zahl von dem Heere der drei Schi-
raighorschen Chane geblieben und wie viel übriggeblieben
ist." Diess gesagt entfernte er sich, bestieg den Gipfel des
diesseitigen Berges sowohl als den des jenseitigen und ge-
dachte auf seinem Wege trauernd seines Gesser's. Er
wehklagte: „Solin der Götter aus der reinen Region Tü-
schid, (Tuschila), auf der ganzen Erdiläche berühmt, aus-
oerufen und anerkannt als der Herrscher in den zehn Ge-
o
genden, was machst du, mein Gesser! Sohn des Gottes
Chormusda, magische Erscheinung, was machst du, mein
Gesser! — Du mein auf dem Gipfel des hohen Gebirges
wandelnder, schwarzgestreifter Tiger! du mein auf dem
Grunde des unerm esslichen Meeres wandelnder König der
Fische! Deine aus der reinen Götterregion Tüschid auf
deine Bitte dir zur Begleitung mitgekommeneu dreiösig Hel-
den, deine auf der Erdfläche bei einer grossen Versammlung
erworbene Gemahlinn Rogmo Goa, dein in seinem fünf-
— йов' —
zehnten Jahre schon als Hehl hewährter und berühmter
Nantsong lind ich, dein inniger Herzensfreund, dein edler
Dsesse, weinen und trauern! Was machst du, mein theu-
rer Gesscr! Hat der zwölfköpfige Riese dich etwa gelöd-
tet? Hat deine Gemahlinn Aralgho Goa dich etwa durch
List gehahen und festgel^annt ? O ЛҮеЬ, Avas machst du!
O Weh, лvas macht ihr Alle, ilir liimmlischen Schutz-
geister!" AVährend er solchergeslall „mein Gesser! mein
Gesser!" rufend, seinen Weg unter Loh- und Klage-
gesang fortsetzte, erfuhr Rogmo Goa diess durch magi-
sches Wissen. Sie rief dem Dsesse aus Aveiter Ferne zu:
„Mein Dsesse, Sperber der Menschen! Zerbricht gleich
der Baum, so bleibt noch die Wurzel nach! Stirbt gleich
der Mensch, so. bleiben seine Kinder nach! Zerbricht wohl
ein Baum ohne Wurzel? Stirbt wohl ein Mensch ohne
Nachkommen? Durch AAclches Mittel könnte man die drei-
ssi^ Helden wieder lebendiij herstellen? Der Marsch des
Feindes ist langsam und beschwerlich. Darum gehe hin
und bespreche dich mit unserm Gesser! kehrt dann beide
herwärts und nehmt Rache am Feinde!" Dsesse Schikiv
erwiederte: „AVie, würdest du лvährend der Besprechung
auch лvIedergekehrt seyn? Wirst du, Rogmo Goa, etwa
bei Zusammenkünften mit den drei Chanen dein edles An-
tlitz mit Filz überkleiden? Was soll ich antworten, wenn
mein Gesser kommt und mich fragt: „Was hast du gethan,
mein Dsesse? Besser ist es, ich sterbe? Welchen Nutzen
könnte mein Leben noch haben, wenn ich es schonte!"
Rosmo Goa sprach: „Was Tschotonjr betrifft, so hat
'&'
>prac
dieser Niclilswürdige aus Furcht vor euch von den drei
Schiraighorschen Chanen Schutzbedeckung genommen und
ist A^rausgezogen."
Dsesse Schikir kehrte zu Tsargin zurück und sprach
zu ihm: „!Mein Oheim, das übriggebliebene Heer der drei
Schiraighorschen Chane ist noch vierhunderltausend Mann
stark, die Mannhaftigkeit ist ein Antheil der Jugend, das
— 201 ^
Ziegenfleisch taugt nur, wenn es noch heiss ist.*' Tsargirt
versetzte: „Mein lieber Dsesse! meine Zukunft ist nahe
vor mir, meine Vergangenheit liegt weit hinter mir!" Sie
stiegen sodann auf den Gipfel eines hohen Berges und
Tsargin sprach: „Wo ich auch fallen sollte, mein Lieber,
so sorge für eine anständige Bestattung meiner Gebeine !
Bin ich denn etwa eine am Kerzenlichte versengte, umge-
kommene Motte? Bin ich denn etwa von Mehlthau oder
Reif getroffenes, verwelktes Getreide? du aber, mein Lieber.,
begib dich zum Herrscher in den zehn Gegenden, meinem
heilbringenden Gesser, todtet dann die drei Schiraighol'-
sehen Chane und kehrt, an ihnen Rache genommen habend,
zurück!" Dsesse Schikir erwiederte: „Fürchtest du dich
etwa, mein Oheim? Wozu die vielen Worte? Vorwärts!"
Er gab seinem geflügelten Grauschimmel einen Schenkel-
liieb, zog seinen unabstumpfbaren Säbel von gegossenem
Stahl, wetzte ihn an einem schwarzen Kiesel und sprengte
vorwärts. Er ffriff das Schiraierholsche Heer, welches sich
an den Uebergangspunklen des Cha tun - Stromes umher-
trieb, im Rücken und in der linken Flanke mit Wuth anj er
machte es gleich einem geschickten, die Getreideähren re-
gelmässig niedermähenden Schnitter ; er machte es aber beim
Vertilgen und Zusammenhauen auch gleich einem unge-
schickten, das Getreide unordentlich mähenden Schnitter.
Den Chatun- Strom füllte er mit Erschlagenen: die Strö-
niunff desselben wurde roth. Dreimal wiederholte er in
Begleitung von Tsargin seinen Angriff, tödtete siebziglau-
send Mann und drang bis zum rechten Flügel des Feindes
durch. Sodann wandten sich Dsesse Schikir und Tsar-
gin zurück und tödteten noch zehntausend Feinde. Da
fragte Dsesse Schikir: „Weshalb, Oheim Tsargin, hast
du mich gerufen?" Tsargin erwiederte: „Dort, mein Lieber,
sind fünf bis sechs vornehme Männer, die Rache suchen;
tödte den Einen oder den Andern derselben!" Es war der
jüngste Bruder des Tsaghan Gertu Chan, Namens Schi-
— 20S —
Jnanbirodsa, welcher, sein \\cisses magisches Pfertl reileiid
lind rail Harnisch und Helm gerüslet, gegen IJsesse zog.
Beide brannten vor Begierde, sich zu messen; aber dei'
geflügelte Grauschimmel Dsesse's und des Schimanbi-
rodsa weisses magisches Pferd waren gegenseitig nahe Л^ег
wandte; so dass Beide, sich erkennende, Pferde vor einander
zurückwichen und rückwärts statt vorwärts gingen. Obgleich
Ds esse sein Pferd mit der Säbelspitze anspornte, so er-
reichten sich die Gegner doch nicht. Da nahm Dsesse
seinen Säbel in die linke Hand und hieb im Vorbereiten
seinem Gegner die Bogensenne durch. Indem er sich Bahn
durch die feindliche 'J'ruppenmacht machte, hieb er davon
noch zehntausend Mann nieder. Dsesse Schikir hatte
neunzigtauseud und Tsargin zehntausend Mann getödtet.
In Allem hatte Dsesse von dem Heere der drei Schirai-
ghol'schen Gliane hunderttausend Mann in Stücke gehauen,
als er , von der Blutarbeit durstig geworden , von dem
AVasser des Gha tun - Stromes trank. Von dem blutigen
Wasser berauscht, fiel er zu Boden. Schimanbirodsa Hess
einen Baumstamm über ihn werfen und hieb ilim den Kopf
ab, welchen er mitnaiim und ihn seinen Truppen übergal).
Als Piogmo Goa d<;u Kopf Dsesse's ei'blickte, schlug sie
an ihre Brust, hielt sich die Seilen und erbat sich von den
drei Schiraighorscheu Chanen den Kopf Dsesse's, welchen
sie herzte und mit ihren Thränen benetzte. Sie ■\\chklagte,
wie folgt: „AV^as machst du. Herrscher in den zehn Ge-
genden, Verlilger der AVurzel der zehn Lebe], mein Bogda!
Bist du duch der Sohn des Gottes Chormusda da oben!
dein stürmend durchl)rechender Dsesse Schikir ist aber
geblieben! O AVeh, mein Dsesse! der Obertheil deines
Körpers zeigte die Fülle der vier grossen Götter, der Alit-
teltheil desselben die Fülle des V\ ellgebäudes und dessen
Untertheil die Fülle des weissen Drachenfürsien ! mehi
Theurer! mein edler Dsesse Schikir!*' Während Kosfmo
— 209 -^
Goa also jammerte und wehklagte, entrissen ihr die drei
Schirarghol'schen Chane den Kopf des Dsesse.
Rogmo hatte die Absichl, den Dsesse durch magische
Kunst wieder zum Leben zu bringen und suchte zu dem
Ende unter den vielen Erschlageneu einen Körper ohne
Wunden ; sie fand aber keinen einzigen unverletzten Leich-
nam, denn alles von Dsesse zusammengehauene Kriegs-
volk war verwundet und verstümmelt. Sie fand aber einen
Sperber und führte die Seele Dsesse 's in denselben über
Dann nahm sie von jedem Manne des Heeres der drei
Schiraighol'schen Chane einen Pfeil und bildete davon einen
Scheiterhaufen für den Leichnam des Dsesse. Auf einen
von Dsesse 's Pfeilen schrieb sie einen Brief folgenden
Inhalts: „Herrscher in den zehn Gegenden, Vertilger der
Wurzel der zehn Uebel, heilbringender Held Gesser Cha-
ghan, mein Bogda, lebst du nicht mehr? ist diess (dein
Ausbleiben) das Zeichen deines Todes? Was soll ich thun,
wenn da gestorben bist! Lebst du aber noch, so wisse,
dass du von mir, deiner in deinem sechsten Jahre erwor-
benen Gemahlinn Rogmo Goa, von deinem Dsesse Schi-
kir und den dreissig Helden, von deinem Tempel der drei-
zehn Kleinodien, '') von deiner weissen Pyramide, von dei-
nem kostbaren Talisman Tschin tämani, von deinen mit
Gold geschriebenen, Kandschur und Tandschur genann-
ten, zwei grossen Sammlungen der Religiousschrifteu, dass
du, mein Gesser, von diesem Allem gelrennt bist. Deine
dreissig Helden haben sich in den Kampf geworfen und
sind geblieben! ich, deine Rogmo Goa, bin gefangen und
als Beute behandelt! Mein Bogda, komm und nimm Rache!"
Diess gesagt schleuderte sie durch magische Kunst^ den
Pfeil in die Luft.
Der geschleuderte Pfeil nahm seinen Weg zum Schlosse
des Riesen, woselbst Gesser seinen Sitz hatte und traf
П) Yergl. S. 202.
14
— 2t0 —
Леп Pfeillvasten Gessers. .,\Vas war das, rief Gesser,
was tönt an meinem Pfeilkaslen? Tümen Dschirghalang,
reiche meinen Pfeilkaslen her!" Tümen Dschirghalang
brachte den Pfeilkaslen. Gesser öffnete denselben, sähe
nach und fand und erkannte den Pfeil Dsesse's. „Was
bedeutet das, rief er, das ist ja ein Pfeil meines Dsesse!
Er las die geistige (magische) Schrift. Javrohl, in der That,
meine Roomo Goa, mein edler Dsesse Schikir, meine
dreissig Heiden, die waren ja Alle da-, wie konnte ich sie
vergessen! Sie Alle sind vom Feinde überrumpelt!
Wer es gewagt hat, sich gegen mich aufzulehnen,
dessen Leber durchbohre!" Mit diesen Worten schleuderte
er den Pfeil in die Lufl.
Der geschleuderte Pfeil Gesser's durchbohrte der Haupt-
tremahlinn desTsa^han Gertu Chan die Leber und tödtete
diese Fürstinn. Die ganze Mannschaft des Heeres befragte
sich imter einander: ,,Isl diess ein Pfeil vom blauen Him-
mel da oben? oder von den Assuri des Mittelraumes?
oder von den Drachenfürsten der Tiefe? oder ist er ein
Inzcichcn , dass der Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaghan im An/.uge ist?" Л"ог Furcht nahm
Alles die Fhuhl.
Ivoanio Goa freute sich in ihrem Herzen. „Der Herr-
scher in den zehn Gegenden, mein Gesser Chaghan, ist
noch am Leben", dachte sie. .,Dein geschleuderter Pfeil
hat einen \erhassten Feind getrofl'en und gelödtel!" Hierauf.
schrieb sie auf denselben Pfeil abermals einen Brief des
Inhalts: „Ich werde dich neun Monate lang in der Gegend
des Cha tun -Stromes erwarten; wenn du in der Zelt von
neun Monaten nicht kommen solltest, so werde ich die
Gallinn des Tsaghan Gertu Chan werden, ach, mein
Bogda!" Sie schleuderte sodann den Pfeil in die Luft.
Der von Kogmo Goa geschleuderte Pfeil traf Gesser's
Pfeilkasten und Gesser rief: „Was tönt da in meinem
— Uli ~
Pfeilkasten? Gib meinen Pfeilkasten her!" TümenDschir-
ghalang brachte ihn, Gesser sah nach, fand und erkannte
den Pfeil Dsesse's. „Ist das nicht derselbe unlängst ge
kommene Pfeil! rief er, wie konnte ich das so bald ver-
gessen!" Sodann schleuderte er den Pfeil zurück mit den
Worten: „Wer es wagt, sich gegen mich aufzulehnen, des-
sen Leber durchbohre!" Nachdem er den Pfeil zurückge-
schleudert hatte, kam Tümen Dschirghalang zu ihm
uud fragte: „Mein furchtbarer Bogda, hungert dich?" Diess
gesagt reichte sie ihm den Bak genannten Trank, ^^) der
Alles vergessen macht.
Der von Gesser geschleuderte Pfeil traf einen schwar-
zen Kieselstein von der Grösse eines Ochsen. Als Tsa-
ghan Gertu Chan, der auf dem Steine sass, den Pfeil
schwirren hörte, rief er: „Dem furchtbaren Bogda Gesser
opfere ich!" Mit diesen Worten goss er seine Schale mit
Thee vor dem Pfeile aus. Weil Gesser ein Buddha war,
traf der Pfeil den schwarzen Kieselstein von der Grösse
eines Ochsen und zwar dergestalt, dass die Spitze (an der
andern Seite) hervorkam. Die drei Schiraighorschen Chane
versammelten sichj sie versuchten es vergeblich, den Pfeil
an der Spitze herauszuziehen 5 eben so vergeblich war ihr
Versuch, ihn am Gefieder herauszuziehen. ,, Wessen ist
dieser Pfeil, riefen sie 5 gehört der Pfeil etwa dem Herr-
scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan?" In frü-
herer Weise kam Furcht über sie und sie zogen weiter.
Piogmo Goa kam hinzu 5 sie sprach: „Ist es ein Pfeil von
meinem furchtbaren Bogda, so ist es ein magischer Pfeil j
ist dem also, so löse dich selbst ab und komme auf den
Schooss meines Kleides; bist du es nicht, so bleibe stecken!"
Diess gesagt klopfte sie mit der Faust auf den Fels, wor-
auf der von Gesser geschleuderte Pfeil Dsesse's sich
losmachte uud auf den Schooss der Rogmo kam. Sie
18) Yergl. S. 158.
14*
— 212 —
sprach: ,, Meinem Bogda habe ich von Allem Nacbricht
zugesendet!*' und hielt inne.
Gesser Chaghan war auf" die Gallerie seines Schlosses
gestiegen und eingeschlafen. Als er um die Mittagszeit
umherschautc , erblickte er oben лош Schlosse herab eine
Kuh, welche von einem allen Weibe geführt wurde. Er
rief der Alten zu und fragte sie: „Mütterchen, deine Kuh
ist wohl schon alt? wie kommt es, dass ihre Hörner ganz
verwittert sind?-' Die Alte erwiederte: ,. Mein Bogda, diese
meine Kuh ist nicht blos alt, sie ist ganz abgestumpft. Als
Gesser Chaghan hier ankam, war sie ein Kalb-, seit Ges-
ser Chaghan hier ist. sind schon neun Jahre verflossen^
sie ist demnach nicht ohne Grund gealtert." Gesser dachte:
„Л\ ie ist das! wie sonderbar I wie konnte ich das vergessen!
%vas bedeutet es, dass schon neun Jahre verflossen sind!"
Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
begab sich in seine Wohnung; Tümen Dschirghalang
kam ihm entgegen mit den Worten: „Mein furchtbarer
Bogda, hungert dich?" und gab ihm den vorerwähnten
Trank, wodurch er aufs iVeue Alles vergass.
Als Gesser C li a g h a n am folgenden Tage abermals
auf der Gallerie seines Schlosses sass, näherte sich um die
jMittagszeit eine Krähe von der Seile rechts. Der Herrscher
in den zehn Gegenden Gesser Chaghan ging ihr entge-
gen und sprach: „Siehe, diese arme Krähe kommt gewiss
so eilig her, um auf den Lagerplätzen den Koth und Mist
und an den durchgeriebenen Pvückenstellen der Kameele
den Eiter als Nahrung aufzu.<\ichen!'' Die Krälie erwie-
derte: :.Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan hat Hecht I das Land meiner Geburt ist die Ge-
gend der Pyramide links ab von diesem Schlosse j ich bin
gewohnt, rechts ab nach meinem Frasse zu gehen und
wenn ich meine Nahrung gefunden habe, daselbst zu über-
nachten, wo ich zu übernachten gewohnt bin; deshalb bin
ich hieher gekommen. Ich sitze nicht im Moraste versun-
-_ 213 —
ken, wie Gesser Chaghan, der Herr des Dschambu-
dwips. Ist deine, in deinem Geburtslande Tübet durch
magische Kraft erworbene, Gemahhnn Rogmo Goa etwa
hier? Wo ist deine Gemahlinn Rogmo Goa? Wo ist dein
Dsesse Schikir, wo sind die dreissig Helden? Wo ist
dein edler Nantsong? Wo sind sie Alle? Hast du sie,
sie dem Tode opfernd, tödten lassen, hast du sie ohne Schutz
lassend dir nehmen lassen, so w^äre es auch besser von dir
gewesen, mich mit Neckerei und Spott zu verschonen.'-
Mit diesen Worten entfernte sich die Krähe. Gesser rief:
..Weh mir, die Krähe hat Recht! wie konnte ich diess
Alles vergessen!" Er sprang auf und lief in seine Woh-
nung, ЛҮО ihm Tümen Dschi rghalang wieder mit den
Worten: „Mein furchtbarer Bogda, hungert dich?'- entge-
genkam, ihm den vorerwähnten Trank ги trinken gab und
Alles vergessen machte.
Am folgenden Morgen stieg Gesser aberinaLs auf die
Gallerie seines .Schlosses. Während er dort sass, kamen
Füchse hergesprungen.'' Ach, rief Gesser, diese armen
bedauerlichen Füchse kommen, um auf dem Lagerplatze
allerlei Nachbleibsel zum Frasse zu finden und sich darum
zu streiten." Die Füchse sprachen die nämlichen Worte,
wie vorhin die Krähe und entfernten sich. Gesser Cha-
ghan rief: „O Weh, Viie konnte ich das Alles wieder ver-
gessen!-' und lief In .seine Behausung. Tümen Dschir-
ghalang reichte ihm abermals den bewnssten Trank und
machte ihn Alles vei-gessen.
Nun stiegen Tsargrn, Ssanglun, Laitschab der Sohn
des Dsesse und Üeseskülengtu Mergcn Kja, ihrer
V ier, auf einen hohen Berg und sassen auf dem Gipfel des-
selben, ihres Gesser Chaghan, des Beherrschei's der zehn
(^regenden gedenkend und ihn beweinend. Unterdessen
schwebten auch Gesser 's Schutzgenien, die drei Schwe-
stern, in Kranichgestalt am Himmel kreisend und Klagetöne
hören lassend über ihnen. Als sie geendigt hatten, sprach
~ 214 —
Ueseskülengtu Mergen Kja: „Gewiss sind diess magi-
sche Kraniche ! so lange wir \vehklaglen, schwebten sie um
uns herum. Was bedeutet ihr Klage- und Jammerton?"
Der Knabe des Dsesse, Namens Laitschab stimmte hier-
auf , die Kraniche rühmend , folgenden Klaggesang an :
„Herrscher iu den zehn Gegenden, Vertilger der Wurzel
der zehn Ucbel, mein Bogda! Der Obertheil deines Kör-
pers zeigt vdie Fülle der Buddhas der zehn Gegenden! der
Mittellheil deines Körpers zeigt die Fülle der vier grossen
Götter nnd der Unlertheil deines Körpers die Fülle der
vier grossen Drachenfürsten ! Eine einzige deiner magischen
Verwandlungen zeigt deren tausend fünfhundert! Л^оп луе1-
cher Art Verwandlung sind diese Kraniche? „O Weh, was
macht ihr! kommt doch her!'' Diess gesagt verbeugte er
sich. Die Dschamtso, Dari und Udam genannten Schwe-
stern kamen als magische Kraniche herab und setzten sich
in ihre Nähe. Useskülengtu Mergen Kja befragte sie,
aber sie gaben keine Antwort. Die Vier beschlossen imn,
Alles was sich begeben hatte, in einem Briefe zu berichten.
Mit einem Worte, sie gaben eine schriftliche Schilderung
von Gesser's ganzem Verluste und von Allem was ihm
geraubt worden, und sprachen dann (zu den Kranichen):
„Vielleicht ist unser Gesser Chaghan todtj sollle er aber
am Lebeu seyn, so überliefert ihm diesen unsern Brief!
er mag dann das Weitere entscheiden." Die Kraniche flogen
davon, und die Vier sprachen voll Freude Einer zum An-
dern: „Gewiss sind diess magisch verwandelte Kraniche
unsers Bogda."
Als der Kranich -Bote ankam, sassen Tümen Dschir-
ghalang und Gesser zusammen auf der Gallerie des
Schlosses. Tümen Dschirghalang, die es wusste, dass
Gesser Heimweh hatte, hütete ihn beständig, ging mit
ihm aus, wenn er ausging und begleitete ihn ins Haus,
wenn er hineinging. Der Kranich schwebte am Himmel
und während er da umherkreisU , dachte er: „Wenn
— 215 —
Tümen Dschirghalaiig diesen Brief sieht, so Aviid sie den
Gesser wieder durch eine List berücken und ihn nicht
fortziehen lassen." Er liess dalier durch magische Kraft ein
starkes Hagel- und Regenwetter entstehen, so dass Tümen
Dschirghalang, um dem Weller zu entgehen, nach Hause
lief. Gesser verschlang einen auf seinen Schooss gei'allenen
Hagelstein und bekam alsbald Erbrechen. Der Kranich
setzte sich zu ihm und liess seine Stimme hören. ..Ach.
rief Gesser, das ist ja gerade ein solcher Ki'anich. wie -es
in meinem Lande Tübel gibt; л>ай für ein sonderbarer
Kranich!" Er rief den Kranicli zu sich, derselbe kam und
nachdem vv den an seinem Halse befindlichen Brief dem
Gesser zugeworfen hatte, enlfernte er sich.
As Gesser Chaghan den Brief gelesen hatle, rief er
mit lauter Stimme unter Thränen: „Er enthält i\achrichlen
welche den edeln Dsesse Schikir, die dreissig Helden,
und R Ogino Goa betreffen! wie konnte ich Alles verges-
sen!'- Weil Tümen D seh irgli alang es wussle, dass der
magische Braune Gessers demselben ^Nachrlclit geben
würde, so halle sie ihn mit List durch Hafer und Wcilzen
angelockl und gefangen, ihn sodann in einen Unstern, fest-
verschlossenen Stall gesperrt, ilirii eiserne Fesseln und einen
eisernen Halfter angelegt und ihn an einen schweren Balken
festgebunden. Bisweilen gab sie ihm Heu, dann Hess sie
ihn wieder leer ohne Nahrung. Als der magische Braune
die Jammervvorle,Gessers horte, konnteer seines Grimmes
nicht länger Meister bleiben ; er schüttelte die eisernen
Fesseln ab, zerriss den eisernen Halfter, stiess das Thor
des Stalles gewaltsam ein, rannte hinaus und lief zu Ges-
ser, zu welchem er heulend sprach: „Der edle Dsesse
Schikir, dein Bruder, deine dreissig Helden, dein aus
Kostbarkeilen erbautes Schloss, alle deine Güter sind zu
Grunde gegangen ; dagegen sind der zwölfköpfige Riese
und deine Gemahlinn Aralgho Goa zu Ehren gekommen.
Jetzt jammerst du, nicht wissend, wohin da dich Avenden
— 216 —
sollst." Diess gesagt entfernte sich das Pferd. Gesser
sprach: „Mein magischer Brauner hat Eecht! komm her,
mein magischer Brauner!-* Aber der magische Braune lief
weit davon. Gesser Chaghan lief ins Haus und rief:
„Arglistiges, betrügerisches AVeib! Gib mir geschvAind mei-
nen thauschimmerlarbigen Helm, meinen mit Kostbarkeiten
doppell besetzten blauschwarzen Harnisch I ЛҮо sind alle
meine kostbaren Waffen! bringe sie geschwind her!" Tu-
rnen Dschirgb alang sprach: „Was bedeutet es, dass du
mich, wie der Riese, ein arglistiges betrügerisches Weib
nennst! um eines aus dem Lande Tübet auf einem räu-
digen braunen Füllen gekommenen abgezehrten, gemeinen
Menschen willen habe ich meinen Gemahl, den Riesen
umgebracht!" Diess gesagt weinte sie.
Gesser nahm seinen magischen Zaum, ging und rief:
„Komm her, mein magischer Brauner!" aber der magische
Braune kam nicht. Da richtete Gesser wehklagend seine
Bitte an seine drei siegreichen Schwestern mit den Wor-
ten: „Meine Schwestern, schafft mir doch meinen magischen
Braunen!" Die Dschamtso, Dari und Udam genannten
Schwestern erwiederten vom Himmel herab : ,, Dein magi-
scher Brauner ist böse auf dich und wird Avohl nicht kom-
men. Reite aber einstweilen den Darmati genannten
Grauschimmel des Schininu (Riesen)-, dein Brauner befin-
det sich auf deinem Wege bei einer Heerde von Tschi-
gitai und möchte sich dort fangen lassen." Gesser brachte
den Grauschimmel hergeführt. Zr legte Räucherwerk auf
und richtete seine Bitte an seine vielen Schutzgeister im
Himmel mit folgenden W^orten: „Ihr meine Schutzgeister
Alle! ihr wollet mich nacli Reihe und Ordnung vernehmen!
ich habe euch Räucherwerk aufgestreut! Ich war hergekom-
men mit dem Vorsalze, den verruchten Riesen zu tödlen.
Nachdem ich den Riesen getödtel habe, vernehme ich, dass
unterdessen mein theurer Dsesse Schikir und meine
dreissig Helden von Feinden überfallen sind) diese Feinde,
I
-- 2П —
welche mich angegriffen haben, will ich verfolgen! Werft
mir daher, ihr meine vielen Schulzgeister, wer Holz will,
ein Slück Holz, wer trockenen Mist will, zu einem trockenen
Rossapfel zu! ich habe den Vorsalz, das Schloss meines
verhassten Feindes zu verbrennen." Die vielen Schulz-
geisler gewährten gnädig die Bille Gessers und liessen
das verlangte Brennmaterial in Menge zu ihm herab. Er
legte die Menge des brennbaren Stoffes um das Schloss
und zündete es an. Als der Brand zu Tümen Dschir-
gh alang drang, gab sie sogleich die sämmthchen versteckten
"Waffen heraus. „Wohl wahr scheint es zu seyn, rief Ges-
ser, dass ich hier neun Jahre verweilt habe!" und putzte
den verrosteten Harnisch mit Kohlen von Pferdemist, wo-
durch er sein früheres Ansehen erhielt. Dann bestieg
er seinen Grauschimmel. Die Seelen der sämmtlichen
Schimnu - Wesen verschloss er magisch in zwei Imiti^')
und lud sie auf das weissfüssige Pferd des Schimnu. Nun
trat der Vertilger der Wurzel der zehn Uebel in den zehn
Gegenden, der heilspendende Bogda und Held Gesser
Chaghan in Begleitung seiner Tümen Dschirghalang
den Heimweg in sein Land an.
Unterwegs traf Gesser auf seiner Strasse eine Menge
gelblich - brauner Tschigitai an! Als er sie erbhckte,
sprach er: „Da ich neun Jahre im Schlosse des Riesen in
Unthätigkeit verbracht habe, so sind meine Schultergelenke
steif geworden-, ich muss doch gegen diese Tschigitai
wieder Schiessübung gewinnen." Diess gesagt sprengte er
auf seinem Grauschimmel neben den Tschigitai her. Wäh-
rend er mit den Tschigitai in einer Reihe galoppirte, er-
blickte er hinler den Tschigitai einen sie begleitenden
Gegenstand. ,, Welch ein sonderbarer Gegenstand ist das!''
rief er, sähe genauer nach und fand, dass es sein magischer
19) Es ist mir unbekannt, was diess für ein Gefäss odei- Behäl-
ter ist.
— 218 —
Brauner sey. ,, Warte, mein magischer Brauner! rief er,
ich Avill nach den Chulan^'') und Tschigitai schiesseu!
wenn du nicht warten wirst, so werde ich dir deine vier
Hufen abschiessen und Aveiter ziehen." Der magische Braune
kam hergelaufen , legte seinen Kopf auf die Mähne des
Grauschimmels und. fing folgende Klage an: „Rogmo Goa
pflegte, um meinen Sattel zu zieren, denselben mit einem
Polster von reicliem Seidenstoff" zu überlegen-, damit er
warm sey, pflegte sie ihn statt der Unterlage mit Zobel
zu füttern. Den Bauchgurt flocht sie aus weicher Seide,
damit er sanft sey. Die Schnallen machte sie aus Gold,
damit es glänze. An Wintertagen pflegte sie , der Kälte
wegen, mir eine Zobeldecke aufzulegen und mich dreimal
täglich mit Hafer und Weilzen zu füttern. An Sommertagen
band sie mich im Schatten und tränkte mich in der Mit-
tagshitze mit heilsamem Wasset . Sie fütterte mich oft mit
Leckerbissen für Menschen, mit Zucker und Mandeln. Ais
zum Thiergeschlecht gehörig brachte sie mich des Abends
auf gute Grasweide. Nun bin ich nicht blos von deiner
Kogmo Goa, sondern aucli лоп deinem Dsesse Schikir
und den dreissig Helden, мш Allem was dir lieb ллаг, ge-
trennt. Tümen Dschirghalang hatte mich in einen
finstern Stall gesperrt und njich in aller AVeise gequält; das
ist die Ursache meiner Unlust und meines Leids." Gesser
erwiederte: ,;Du hast Recht, mein magischer Bi'auner!"
Hierauf fütterte er ihn dreimal mit Hafer und Weitzen und
bestieg ihn.
Auf seinem fernem W^ege kam er zu einer лveisscll
Ordu. Ausserhalb derselben befand sich ein schönes Weib,
welches ihm entgegenkam und ihn einlud mit den Worten:
„Herrscher in den zehn Gegenden, furchtbarer Bogda und
heldenmüthiger Chan, steige ab, geniesse Speise und Thee
10) Eine andere Art Avilder Pferde als der Tschigitai und
in den Steppen Mittelasiens in Menge vorhanden.
— 219 —
und reile dann weiter!" Gesser sprach zu Tümen
Dschirghalang: „Setze die Reise fort! ich werde hier ab-
sleigen." Als er abgestiegen war und umherschaule, er-
blickle er einen mit schwarzen Hornkäfern bespannten
Pflug, mit welchem das Erdreich gepflügt und sodann mit
Getreide besäet VAurde. Der aufgewaclisene Hafer und
Weilzen wurde sodann in einem Kessel geröstet und zwei
Kuchen daraus gemacht, der eine mit einem Siegel, der
andere ohne Siegel; diese wurden auf Teller gelegt und
der Kuchen mit dem Siegel dem Gesser -vorgesetzt, wäh-
rend das Weib den Kuchen ohne Siegel für sich selbst
hinstellte und hinausging. Die drei siegreichen Schwestern
Gesser's verwandelten sich in einen Kukuk und setzten
sich auf den Schornsteinkranz der Ordu, топ wo sie ihm
zuriefen: „Hast du es nicht bemerkt, liebes Rotznäschen?
diese Nichtswürdige ist gar nicht Willens, dir geniessbare
Speise vorzusetzen 5 sie hat in die vorgesetzte Speise Gift
gemischt. Diese Verworfene ist eine Muhme des zwölf-
köptigen Riesen." Gesser Ghaghan verwechselte nun die
Kuchen und stellte den mit dem Siegel für das Weib hin,
den aber ohne Siegel nahm er für sich selbst. Als das
Weib zurückkam, hereintrat und bemerkte, dass Gesser
Chaghan nicht ass, ergriff sie einen schwarzen hölzernen
Stab von drei Klafter Länge, rief Sok, Sok! und sprach
zu Gesser Ghaghan: „Warum sitzest du müssig? iss!"
Gesser nahm den Kuchen ohne Siegel, ass ihn und
sprach: „Jetzt, Weib, iss auch deinen Kuchen!" Das Weib
ass den Kuchen, ohne zu bemerken, dass es derjenige mit
dem Siegel war, sagte dann Sok, Sok und schlug den
Gesser mit ihrem drei Klafter langen schwarzen hölzernen
Stabe unter den Worten Guru Sok dreimal auf den Kopf.
Gesser dagegen zog das Weib unter den Worten Guru
Sojagha dreimal am Kopfe, worauf das Weib zum Esel
wurde. Er führte den Esel hinaus zu Tümen Dschir-
ghalang, sammelte eine Menge Brennmaterial und ver-
— 220 —
brannte ihn. Der Esel wurde zum Weibe und schrie wie
ein Weib, das Weib wurde wieder zum Esel und schrie
wie ein Esel, wurde aber ohne Rettung versengt, verbraunt
und musste umkommen. Gessers Schulzgeisler behielten
das Uebergewicht und das ganze Geschlecht des Riesen
wurde ausgerottet.
Als Gesser darnach seinen Weg fortsetzte begegnete
ihm ein Mann, Namens Ssegeltei, von dem Uruk genann-
ten Volke, welcher sein weisslichgelbes Pferd ritt, seinen
Köcher mit grossen Pfeilen gefüllt hatte und ausrief: „In
diesem Lande gibt es keinen Menschen, der mich in Furcht
zu setzen vermochte." Gesser, der diess hörte, sprach:
„AVas ist das! wer war das!" Sodann sprengte er heimlicl»
ins Gehölze, band seinen magischen Braunen an einen Baum,
legte die Kerbe eines grossen Pfeiles ein und wartete, ver-
steckt lauernd, am Wege. Ssegeltei kam heran. Gesser
Chaghan sprang mit Geschrei auf, spannte den Bogen und
Ssegeltei ergriff die Flucht. Gesser rief ihm zu: „Komm
her, Ssegeltei!" Dieser sah sich um und sprach: „Was,
welche Schande ! das ist ja der schändliche Gesser!"
Ssegeltei kam zu Ges.scr und dieser fragte ihn: „Was
bedeutet dein Gerede von vorhin, dass es in diesem Lande
Niemand gebe, der dich in Furcht zu setzen im Stande
wäre? warum bist du vor mir geflohen?" Ssegel lei er-
wiederte: „Du hast Recht! ich hatte dich nicht erkannt." —
,. Gut, sprach Gesser, komm mit!" und Beide machten
den Weg zusammen. Da sprach Ssegeltei: „Du, Gesser.
hast mich vorhin einmal in Furcht gesetzt, jetzt \verde ich
dir einmal Furcht einjagen. ЛҮепп ich dich dabei abwärts
jage, werde ich dir den Schwaijzriemen durchhauen, wenn
ich dich aufwärts jage, den Saltelgiut und wenn ich gei'ade
aus jage, so haue ich dir den Bauchgurt durch." Gesser
genehmigte diess und sie setzten ihren AVeg fort. Da sprach
Ssegeltei: „Du, Gesser und ich reisen zwar als Freunde
zusammen, aber ganz ledig und leer. Lasst uns irgend eine
^ 22t ~-
Volksabtheilung überfallen und ihre Pferdeheei'de weg-
treiben!" Gesser gab seine Einwilligung und Beide übei-
lielen die Pferdeheerde der Völkerschaft Ssab und trieben
sie mit sich fort. Ein Mann aus der Völkerschaft Ssab,
mit Namen Rongsa, bestieg seinen Rappen, hatte seine
spitzen Pfeile eingesteckt, seinen steinernen Harnisch ange-
legt und holte sie ein. Ssegeltei sprach: „Ich will ihm
begegnen!" Gesser erwiederte: „Nein, bleibe du, ich will
ihm entgegengehen!" Als Beide sich darüber stritten, leg-
ten sie Loose ein und übergaben sie der Tümen Dschir-
ghalaug, damit sie die Entscheidung herbeiführe. Das
von Tümen Dschirgh alang geworfene Loos traf den
Ssegeltei, und dieser ging dem Rongsa entgegen. Wäh-
rend diess geschah sprach Gesser: „Bei der Ssab genann-
ten Völkerschaft gibt es keinen tüchtigen Mann-, meines
Wissens ist der Rongsa Genannte der einzige. In meiner
Jugend wurden wir Verbündete und ich machte ihn zu
meinem Geftihrten und Diener. Er bat mich damals um
einen Harnisch und ich schenkte ihm einen steinernen
Harnisch. Wenn sein Harnisch jener seyn sollte, so ist er
unverwvmdbar, ausgenommen dann, wenn du gegen den
Sattelknopf schiessest und ihm die Blase durchbohi'st." Sse-
geltei stieg ab und A'erkürzte seine Steigbügel um drei
Handbreit. Als Rongsa hinzukam, schaute er einmal über
Ssegeltei hin, einmal hinler denselben, einmal seine rechte
und einmal seine linke Seite und einmal unter sich. Rongsa
stieg ab und Ssegeltei sprach zu ihm: „Bei unserem vor-
habenden Spiel lasst uns Beide vmsere Steigbügel kürzer
machen!" Rongsa aber, vermeinend, dass sein Gegner ihn
betrügen wolle, verlängerte seine Steigbügel um drei Hand-
breit und stieg zu Pferde. Nun fragte er seinen Gegner:
,,Wer bist du?" und Ssegeltei, antwortete: ,,Ioh bin
Ssegeltei, von der Völkerschaft üruk; wer aber bist du?"
Antwort: „Ich bin Rongsa, von der \'^ölkerschaft Ssab."
S|segeltei fragte: „Was bedeutete es, dass du über mich
— 222 —
und hinter mich schautest, dnss du deine rechte und deine
linke Seite beschautest und dass du unter dir schautest?"
Piongsa eruiederle: ..Dass ich üher dich hinweg schaute,
war, um zu untersuchen, ob Viele oder Wenige mit dir
sind. Dass ich hinter dich schaute, лүаг, um deinen Gefähr-
ten hinter dir zu prüfen •, dass ich meine rechte Seite
beschaute, луаг, um zu untersuchen, ob meiner spitzen
Pfeile viel oder wenig seyen-, dass ich unter mir schaute,
war, um zu untersuchen, ob mein Rappe träge oder rasch
sey. Nun, Räuber meiner Pferdeheerde, der du mich tödten
willst, schiesse zu!'' Ssegeltei entgegnete: „Es ist wahr,
dass ich deine Pferdeheerde geraubt habe; willst du sie aber
wieder zurück erwerben, so schiesse du zuerst! fürchtest
du dich aber, nun, so gehe deiner AVege!" Rongsa spannte
den Bogen*, er zielte und schoss nach dem Saltelknopf des
Sjsegeltei. Dieser, we'A er die Steigbügel verkürzt hatte,
hob sich im Sattel; der Pfeil fuhr durch den Sattelknopf
und zwischen den Beinen des Ssegelfei hindurch. „Nun,
sprach Ssegeltei, ist die Reihe an mir! W^enn ich zu
niedrig schiessc und dein Pferd treffe, was hätte ich sonst
davon, als die Sünde! ziele ich nach deiner Schnalle, so
fährt der Schuss dir durch die Leber-, ziele ich nach dei-
nem Obertheil, so trifft er deine Kehlgrube und du musst
sterben; ich will daher zwischen Beide in das schlechte
Holz deines Sallelknopfes schiessen!" Diess gesagt, spannte
er den Bogen und zielte; Rongsa konnte, weil er seine
Steigbügel länger gemacht hatte, sich nicht im Sattel heben,
so dass der Schuss den Sattelk)iopf spaltete und dem Rongsa"
durch die Blase fuhr. Rongsa zog aus seinem Köcher
einen Pfeil hervor und Ssegeltei sprach listigerweise zu
?hm: „ЛУепп du ein herzhafter Mann l>ist, dem ein ein-
zelner Pfeil nicht den Garaus machl, so schiessc im Galopp!
bist du aber ein SchwäcJjliiig und hast deinen Rest, so
schiesse unter Bauchgrimmen!" Rongsa wollte im Galopp
schiessen, seine Wunde aber brachte ihn ins Wanken und
— 223 —
er fiel. Nachdem Ssegel tei den Rongsa gelödtet halte,
legte er dessen sieinerneu Harnisch an, umgürtete sich mit
dessen Bngengeräthe und bestieg dessen Rappen. Seine
eigenen Waffen lud er auf sein gelblich- weisses Pferd und
folffle dem Gesser auf dem Fusse.
Gesser wollte den Ssegel tei zum Uebermuth reitzen,
und bestieg zu dem Zwecke seinen Grauschimmel,^^) nach-
dem er demselben einen schlechten Sattel aufgelegt und
einen schlechten Zaum angelegt hatte. Als Ssegeltei den
Gesser eingeholt hatte und dieser nichts sprach, fing jener
an: „Ich habe den Ssegeltei, vom Volke Uruk getödlet,
ihm alle seine Waffen abgenommen und selbige auf sein
gelblich - weisses Pferd geladen; nun bin ich daran, auch
den Gesser Chaghan zu lödten und ihm seinen magi-
schen Braunen abzunehmen." Diess gesagt, liess er seinen
(steinernen) Harnisch ertönen , erhob ein Geschrei und
sprengte heran. Gesser ergriff die Flucht. Ssegeltei
trieb ihn aufwärts und der Sattelgurt riss; er trieb ihn
unlerwäils und der Schwanzriemen riss; er trieb ihn ge-
rade aus und der Bauchgurt riss. Gesser sprang vom
Pferde, verwandelte sich in einen Knaben mit röthlich - gel-
bem Gesichle und stand schussferlig mit einem grossen
angezogenen Pfeile. Ssegeltei schrie brüllend: „Halt, höre
doch, Gesser, ich bin es ja!" Gesser erwiederte: ,,Du,
Mensch, wolltest dich zum Gott erheben!" Ssegeltei kam
zu Gesser und sprach: „Du hast mich einmal in Furcht
gesetzt und ich dich wieder 5 ist nicht Alles nach Verabre-
dung erfolgt?" Gesser erwiederte: „Es ist лүаЬг, ich er-
schrak: war es aber etwa kein Zeichen des Schreckens von
dir, als ich mich in einen Knaben mit röthlich -gelbem Ge-
sichte vervvaudelt halte und den grossen Pfeil gegen dich
gespannt hielt, du mir zubrülltest: „Ich bin Ssegeltei?"
Ssegeltei wandte sein Gesicht weg und lachte. Nachdem
21) Vergl. S, 216
— 224 —
sie die grosse Heerde unter sich getheilt hatten, trehriten
sie sich und Jeder schlug den Weg in seine Landschaft ein.
Als Gesser nicht mehr fern von Nulum Tala war,
traf er auf seinem Wege eine weisse Ordu an. Gesser,
in seinem ganzen Waffenschmucke, bheb vor der Thüre
derselben zu Pferde sitzen. Ein kleiner Knabe kam heraus
und er fragte denselben: „Wessen ist dieses Haus, mein
Kleiner?-' Der Knabe antwortete: ..Das Haus gehört der
Adschu Mergen, Gemahlinn des Herrschers in den zehn
Gegenden Gesser Chaghan." Dieser fragte: „Ist deine
Mutter zu Hause?" Der Knabe erwiederte: „Meine Mutter
besteht einen Wettkampf mit Gedergü Ohara, einmal
siegt Gedergü Ohara, ein anderes Mal siegt meine Mut-
ter.-' Gesser sprach: ,,Sagc ihr, mein Kind, dass ich
rechts ab weiter fjezo"en bin. \\ enn ich hier absteio^en
AVoUte, würde das mich aufhalten, da ich gerade im Begriff
stehe, meinen Todfeind zu verfolgen." Diess gesagt, ent-
floh er links ab weiter. Adschu Mergen kam mit fer-
tigem Bogen und eingelegtem Pfeil zum Vorschein und
fragte den Knaben: „ЛҮ eichen Weg hat der vor Kurzem
hier gewesene Л1апп fingeschlagen?" Der Knabe erwiederte:
„Nach der rechten Seite hin " Adschxi Mergen schaute
nach der rechten Seile hin, entdeckte aber nichts. Als sie
nach der linken Seite hinschaute, erblickte sie in der Ferne
jenseits dreizehn Biiclien den Oberlheil des Daghoriss-choi
genannten Helmes schimmern. Adschu Mergen schoss,
traf den Helmschniuck und warf ihn herunter. „Dieses sün-
dige Wesen zürnt nicht mit Unrecht," sprach Gesser^
bückte sich vom Pferde herab, nahm den Heltnschmuck auf
und zog weiter. „Wenn der Vater ein Bösewicht ist, sprach
Adschu Mergen, so sind es auch seine Kinder bis zum
Kleinsten." Diess gesagt sciioss sie den Knaben nieder.
Gesser begegnete auf seinen W^ege einem Zug der
Seini'^en. Er wollte von seinen mülterliehen Л ervvandten
o
NachrichJt einziehen, da sie ihm aber auf seine Fragen erst
— 225 —
im folgenden Jahre Antwort zu geben versprachen, trieb
er ihnen die Pferdeheerde weg. Choa Tabsu Bajan er-
grift" einen Schöpflöffel und holte ihn ein. Als sie den
Gesser erkannte, rief sie: „Du ruinirter, nichtswürdiger "
Narr ! statt meine schlechte Pferdeheerde лvegzutreiben,
\^ isse , dass die drei Schiraighol'schen Chane gekommen
sind, dass sie deinen Bruder Dsesse Schikir, deinen
edeln Nantsong, deine dreissig Helden und dreihundert
Hauptleule sämmtlich getödtet haben! Wisse, dass sie deine
Gemahlinu Rognio Goa entführt liaben, dass sie dein gan-.
zes Besitzthum mitgenommen haben! Wisse, dass der Fürst
Tschotong deinen Vater Sanglun als Sclaven gebraucht!
Du nichtswürdiger Narr, der von diesem Allem nichts weiss,
warum solllest du meine Heerde wegtreiben!" Nachdem
Gesser Alles erfahren hatte, gab er die Heerde zurück.
Gesser zog weiter und kam in die Nähe seines Lagers.
Der Fürst Tschotong hatte vor dem Schlosse die grosse
weisse Ordu Gesser 's, welche Raum für fünfhundert
Mann hatte, aufgeschlagen und bewohnte dieselbe. Gesser
liess sich am Flusse Balacha nieder. Die zwei mitge-
brachten Imiti mit den Seelen der verschiedenen Schim-
nus breitete er magisch aus, und es entstand daraus eine
unermessliche Volksmenge mit Vieh , Avelches Berge und
Flächen bedeckend weidete. Dreissig bis vierzig Ordus
wurden errichtet und unter ihnen eine grosse weisse Haupt-
ordu mit rothem Rauchfang. Nun ging Gesser aus, um
sein grosses Schloss zu besehen j während er herumging
und seinen Tempel von dreizehn Kostbarkeiten^*) nebst
allem Andern gewahrte, wurde ihm schlimm zu Muthe und
er fiel in Ohnmacht. Da kam der Mann, welcher die Be-
fehle der Rogmo Goa empfangen hatte und räucherte
dem Gesser mit dem Haar aus den Augenwimpern der
Rogmo Goa unter die Nase, auch goss er ihm einen
•22) Vergleiche S. 202.
15
— 226 —
Löffel voll Thränen der Rogmo Goa in den Mund. Als-
bald kam Gesser zu sich, stand auf und nahm den Mann
mit sich an seinen Hof.
Der Fürst T sehe long hatte den Sanglun, den Л'"а1ег
Gesser Chaglian's zum Aufseher über seine grosse Pfer-
deheerde angestellt. Der Fürst Tschotong schickte den
alten Sanglun mit der Botschaft: „Gehe, Aller, und siehe
nach, was für eine Menge Л'"о1к sich am Ursprünge dieses
unseres Flusses niedergelassen hat. Sage ihnen, dass sie
sich um unsere Fürsten und Edeln nichts zu bekümmern
haben. Nach der Zahl der Tage, die sie hier verweilen,
sollen sie Vieh entrichten!" Der alte Sanglun bestieg sein
Pferd, nachdem er sein Bogengeräthe umgeschnallt und sein
Zulegeschvvert umgürtet hatte. unterwegs stellte er Ver-
gleichungen an. „Seit der Entfernung meines Gessers,
dachte er, hat solch ein schöner Zug nie in dieser Gegend
gelagert; dieses Lager ist ganz dem Lager meines Bogda,
des Л erlilgers der Wurzel der zehn Uebel in den zehn
Gegenden ähnlich 5 wem mag Avohl dieses schöne La-
gerhaus gehören?" Mit solchen trübseligen Gedanken kam
er an.
Gesser schaute von Innen hinaus und rief: „GeschAvind,
Tümen Dschirghalang, setze deine Mütze auf! unser
alter Vater kommt! empfange und bewirthe ihn mit Thee
und einer Mahlzeit; lass ihn dasjenige nehmen, dessen er
benöthigt ist und fertige ihn ab ! Wenn er mich erblickte,
w ürde er verwirrt werden und nicht wissen, was zu thun. "
Diess gesagt, lief Gesser seinem Lager zu, zog den A'^or-
hang zu und knöpfte ihn fest. Der Alte kam uud fragte:
„AVer wohnt hier? Wem gehört diess? Tschotong Chan
hat mich hergesandt mit dem Befehl, dass ihr eilig von hier
weiter ziehen sollt; wo nicht, so soll nach der Zahl der
Tage eures Hierbleibens euch \''ieh abgenommen werden.
Aus welchem Grunde habt ihr euch auf unser Land nie-
dergelassen? lässt er fragen." Tümen Dschirghalang
— 221 —
erwiederle: „Ach, Alter, der Befehl deines Chans ist ge-
recht! wir sind halbtodt vor Angst und werden wegziehen.
Unsere Männer sind nicht zu Hause ; sie sind auf die Jagd
gegangen. Sobald unsere Männer zurückkehren, werden wir
aufbrechen und wegziehen. Unterdessen steige ab , Alter,
trinke Thee, iss Speise und gehe dann deiner Wegel" Der
Alte stieg ab, sperrte seinem buntgesprenkellen Pferde die
Füsse, legte sein Bogengerälhe ab und trat ein, indem er
sein Zulegeschwert nach люгпе (vor den Bauch) zog. Tu-
rnen Dschirghalang breitete eine Filzdecke für ihn aus,
füllte eine grosse Schale von Hörn mit Thee und reichte
sie ihm. Nachdem der Alte die Schale mit Thee genom-
men und sich die Schale besehen hatte, lächelte er; nach-
dem er den Thee getrunken hatte und die Schale zurück-
gab, weinte er. Sodann legte Tümen Dschirghalang
ihm das A^orderviertel eines Schafes in die Schale. Da der
Alte kein Messer bei sich hatte, gebrauchte er sein Zulege-
schwert zum Zerlegen, konnte aber damit nichts ausrichten,
Gesser Chaghan, innerlich bewegt von diesem Anblick,
warf ihm durch die Vorhangspalte sein spitzes Messer mit
dem Hefte von Krystall zu. Der Alte nahm das Messer
und lachte; nachdem er vom Fleische abgeschnitten, ein
wenig gegessen und den Rest zurückgegeben hatte, weinte
er. Tümen Dschirghalang fragte: „Man pflegt zusagen:
das Lachen fordere und das Weinen gib ab ! Was bedeu-
tele es, dass du lachtest, als ich dir die Schal« mit Thee
überreichte und dass du weintest, nachdem du den Thee
ausgetrunken hattest? Was bedeutete es ferner, dass du
beim Anblicke des dir zugeworfenen Messers lachtest, als
da vom Fleische essen wolltest und du , in Ermangelung
eines Messers, dich mit deinem Zulegeschwerte vergeblich
abmühtest, das Fleisch zu zerlegen? Was bedeutete es,
dass du, ohne das Fleisch zu essen, weintest?" Sanglun
erwiederle: „Deine Fi'agen haben guten Grund! der Vertil^-
ger der ЛҮигге! der zehn Uebel in den zehn Gegenden, der
15*
— 228 —
vohltbälige lieldenmüthigc Chan war mein Kind. Seit
er hingegangen ist, um vom zwölfköpfigen Kiesen seine Ge-
malilinn Aralgho Goa zurück zu erobern, sind nun neun
Jahre verflossen. Ich vermuthete seinen Tod, da ich aber
diese Schale von Hörn erblickte, aus welcher er immer
Thee zu trinken pflegte, dachte ich, er sey vielleicht zurück-
gekehrt und lachte. Das ist ja, mein Theurer, deine
Schale , wo aber bist du selbst? bei diesem GedankQ^l
mussle ich weinen. Auch ist dieses kleine Messer mit dem
Hefte von Krystall ja sein Messer, wo aber befindet er
selbst sich jetzt? — Dieser Gedanke machte mich Aveinen."
Auch Tümen Dschir ghalanjj weinte. Gesser konnte
es nicht länger aushallen, stand auf und fiel dem Alten
weinend um den Hals. Als Gesser weinte, erbebte die
ganze Erdfläche. „Sey still, mein Alter! sprach er, bist
du ein Weib? Auch möchte es der schändliche T seh o ton g
zu früh erfahren, fuhr er fort^ alle Wesen der Erde sind
ja in bebender Bewegung!" Diess gesagt rief er: „Slill!"
streute Piäucherwcrk auf imd beruhigle die bebende Erde.
„Jetzt, Alter, sprach er zu Sanglun, gehe still und ruhig
nach Hause und führe dich nicht albern und kindisch auf.
Diess hier nimm für deine Alte mit und macht euch davon
ein gutes Gericht!" Diess gesagt überreichte er ihm das
Hinterviertel eines Ochsen. Nachdem er seinen Alten ent-
lassen hatte, bewirkte er durch manische Kraft, dass der-
selbe vergass, dass er da gewesen war. Unterwegs sprach
der Alte mit sich selbst: „Was war das? ist mein Gesser
gekommen? ist er nicht gekommen? War es eine Gesichts-
täuschung? war es ein Traum? Sollte er auch nicht gekom-
men seyn, so ist es doch gewiss, dass in diesem Lande mir
Niemand einen Haullap])en, geschweige denn das Hinter-
viertel eines Ochsen würde gegeben haben." Diess gesagt
schlug ei^ sein buntgesprenkeltes Pferd mit dem Hintervier-
tel auf den Schenkel und kam nach Haus.
Nach Hause gekommen warf er sein Hintervierlel hin,
l
— 229 —
langte sein Zulegeschwert hervor und rief: „Warte, du
Herr des Landes! sehe zu, Nichlsmirdiger, wie du es länger
bleibst! Die Namen Tschotong und Dsarai werden er-
löschenj die Namen Sanglunund Geksche Amurischila
werden emporblühen!" Diess gesagt, rannte er mit gezück-
tem Schwerte ins Haus. Der Fürst Tschotonof rief: „Seht
einmal den Allen! луаз ist ihm angekommen?" Diess .ge-
sagt, liess er drei Mann mit Stöcken von frischem Holze
kommen und ihn durchprügeln. Inzwischen erfuhr es Ges-
ser durch magisches Wissen, dass sein Vater geprügelt
wurde. Sanglun rief: „O Weh, O Weh! warum mor-
dest du mich ! ich habe ja das Volk am Ursprünge dieses
Flusses vertrieben! Bei der Gelegenheil begegnete ich da-
selbst Wild in drei Truppen und kam voller Freuden her,
weil diess, innerhalb des Flusslhals eingesperrt, eine gute
Jagd für euch versprach." Tschotong sprach: „Armer
Alter, du hast, Recht!" liess ihm trockenen Mist zum Lager
zurechtlegen und sich darauf hinstrecken.
Die Mutter Gesser's, die alte Geksche Amurtschila,
lag während der Nacht weinend neben ihrem Alten uud
fragte ihn: „Welche Freude haben wir Beide gehabt, mein
Alter, seit der Zeit, dass unser Bogda uns verlassen hat?
und nun noch deine heutigen Leiden!" Der Alle erwie-
derle: „Liege still und schweige!" Die Alte versetzte^
„Nichtswürdiger, kindischer Lump! in der Hofinung, dass
du von den derben Prügeln krepiren würdest, freute ich
mich und lachte." Der Alle entgegnete: „Was liegt mir
jetzt daran!" und drehte sich auf seinem Lager um. Hier-
auf die Alte: „Du zu Grunde gegangener, erbärmlicher
Narr, schweige von Anderm uud antworte mir! von diesem
Meinem (Bogda) ist dir gewiss etwas bekannt. Glaubst du
etwa, er sey ein solcher Dumm- und Querkopf, wie du,
Elender? Sey vernünftig!" Bei diesen Worten streckte sich
die Alte hin und weinte. Sanglun beruhigte sie mit den
Worten: „Sey nur ruhig und still, meine Alle! Nachdem
— 230 —
ich heute jenes Volk zum Wegziehen genöthigt halle, be-
gegnete mir auf dem Rückwege ein Mensch, der mir sagte:
„Gesser ist nicht gestorben, er lebt! er ist gekommen,
seinem Alten Freude und Vergnügen zu bereiten und den
verhassten Tschotong zu tödlen!" Die Alte legte sich
mit Freudenthränen und beruhigt nieder.
Am folgenden Tage verwandelte der Herrscher in den
zehn Gegenden Gesser Chaghan sich in einen sehr be-
jalirten , umherstreifenden, bettelnden Lama*, eine seiner
magischen Kräfte verwandelte er in zwei ihn begleitende
Schüler, welche auf einem Maulesel den geringen Mund-
vorrath geladen halten und das Thier führten. Sie kamen
vor Tschotong 's Behausung und liessen sich daselbst nie-
der. Tschotong sass ausserhalb auf einem Thronsessel,
Er schickte zwei Diener ab mit der Frage, woher und
wessen der Lama sey, der das Ansehen habe, als sey er
aus fernen Landen gekommen? Sie kamen und fragten:
,.Wer bist du?" Der Lama erwiederte: „Ich bin ein hier
umherwandernder, bettelnder Lama. Ich bin bei allen
Chanen der Umgegend gewesen." — Auf die Frage: „Bei
welchen Chanen namentlich bist du gewesen?" erwiederte
er: „Es gibt kein Land, wo ich nicht gewesen лүаге; überall
war ich. Habt ihr etwas nülhig zu wissen, so fragt! wo
nicht, so lasst es seyn !" Die zwei Diener gingen und
statteten dem Tschotong Bericht ab. „AVelch ein ange-
nehm und wohlredender Bettel -Lama ist das, rief dieser,
bringt ihn zu mir!" Als der Lama zu Tschotong gebracht
wurde, fragte dieser: „Nun, Lama bist du auch beim zvvölf-
köpßgen Riesen gewesen?" Der Lama erwiederte: ,,\Vohl
war ich da!" Frage: ,,Gesser war hingegangen j hat Gesser
gesiegt? hat der Riese gesiegt?" Antwort: ,,Der Riese hat
gesiegt und Gesser ist besiegt; seit er todt ist, sind nun
nenn Jahre verflossen; seitdem beherrscht und schützt die
Oberlippe (des Riesen) die Sonne und dessen Unterlippe
die Erdfläche." Tschotong sprach: „Gut! meine Wünsche
— 231 —
sind befriedigt! Mein edler Vater und Lama, komm doch
näher!" Er hess den Lama auf einem Thronsessel Platz
nehmen. Die Muhme Gessers, Tschotongs Weib, fing
an zu jammern: „O Weh, O Weh, ihr zehntausend Wel-
ten! Bist du gestorben, Göttersohn! ich glaubte dich, mei-
nen Bogda, unsterblich! Ist nun nicht das Geschlecht (der
Herrscher) Tübets erloschen, mein Bogda!" Tschotong
prügelte sein Weib mit den Worten: „Du bist also immer
noch der Freund G esse r 's!" Der Lama sprach: „Ich habe
gehört, Chan, Gesser sey dein Neffe; ist er da nicht dein
naher Blutsverwandter? das ist die Qual ihrer Augen (die
Ursache dass sie weint); höre auf!" Dem Befehle des Lama
gemäss hörte Tschotong auf, sein Weib zu schlagen.
Unter dem Vorwande , den wohlredenden Bettel - Lama
zu beschenken, befahl Tschotong, eine Menge Sachen
herzubringen. Er richtete eine grosse Mahlzeit an; die vie-
len hergebrachten Sachen waren nur zum Schein und er
gab dem Lama nur wenig davon. Der Fürst Tschotong
setzte sich und sprach: „Lama, gib diesem meinem Hunde
doch einen Namen!" Der Lama erwiederte: „War dein
trefflicher Hund bis jetzt wirklich noch ohne Namen! nun
dann werde ich ihm einen Namen geben." Tschotong
versetzte: „Es ist ein ganz vortrcölicher Hund!" Der ver-
dienstvollen Lama gab nun dem Hunde folgenden Namen:
„ Vei-schlinge zuerst deines Herrn Kopf und packe dich!
dann verschlinge deinen eigenen Kopf und packe dich!"
Tschotong sprach: „Vorhin war diess ein wohlredender
Bettel -Lama, nun ist es ein übelredender Bettler geworden!
Werft ihn hinaus und jagt ihn fort!" Der Lama erwie-
derte: „O Chan; ohne von dir gejagt zu werden, gehe ich
schon von selbst. Wisse aber, dass der Vertilger der zehn
Uebel in den zehn Gegenden, der wohlthätige und helden-
müthige Chan und Bogda nicht lodt ist; man hört, er sey
im Anzüge in der Absicht, den schändlichen Tschotong
zu lödlen. " Mit diesen Worten entfernte er sich. Tscho-
— 232 —
long sprang auf, lief und gafTle wie unsinnig hin und her
und schrie: „O Weh, was sagt der Mensch!"
Der Lama nahm seinen Weg nach seinem Schlosse und
begegnete einem Knahen, welcher fünf buntgefleckte Ziegen
hütete, dann einmal weinte und dann wieder sang. Gesser
sprach zu sich selbst: „Das ist weder Gesang, noch Geheul;
von welchem andern Verwandten mag dieser Knabe л\'оЬ1
der Sohn seyn?" Er ging zu ihm hin und fragte ihn:
„Wem gehörst du, mein Sohn?" Der Knabe antwortete:
„Seit ich von meinem Vater Dsesse und von meinem
Oheim, dem Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan getrennt bin, seit ich Tschotongs Knecht ge-
worden bin, hat noch Niemand mich gefragt, wer ich bin
und wem ich gehöre. Wer aber bist du, Lama?" Der
Lama sprach: „Ich habe dich zuerst gefragt; antworte du
auch zuerst!" Der Knabe erwiederte: „Ich bin der Sohn des
edeln Dsesse Schikir, des Bruders und Busenfreundes
des Herrschers auf dem Dschambudwip Gesser Cha-
ghan. Nachdem mein Oheim Gesser gegen den zw'ollköp-
figen Riesen in den Kampf gezogen луаг, kamen die drei Sclii-
raighol'schen Chane in der Absicht, die Rogmo Goa zu
rauben, worauf denn Dsesse, mein Vater und Andere ih-
nen entgegengingen, ihre ausgezeichneten Männer tödteten
und ihre besten Pferde erbeuleten. Indess haben sie durch
den Verrath des tückischen Tschotong sämmtlich ihr Le-
ben eingebüsst und auch mein Vater Dsesse ist todt. "
Nachdem der Knabe dieses und vieles iVndere erzäblt hatte,
weinte er und sprach dann zum Lama: „Jetzt antworte du
auch auf meine Fxage!" Der Lama erwiederte: „Ich, mein
Sohn , bin ein armer , in der Gegend umherschweifender
Bettel - Lama. Bei meinem Umherwandern habe ich ge-
hört, dass der Riese gesiegt hat und Gesser besiegt ist;
näheres weiss ich nicht!" Der Knabe sprach weinend:
,.Wer hätte glauben können, dass, nachdem mir mein \"ater
Dsesse entrissen worden, ich auch meinen Oheim, den
— 233 —
heldenmüthigen Gesser Chaghan легИегеп würde! da-
durch bin ich, UnglücklicLer, dei- Knecht eines Andern ge-
worden ! gern möchte ich Kache am verhasslen Feinde
nehmen 5 ich bin aber dazu noch zu klein und schwach!
AVollte ich es auch aufschieben, so wird mein Körper und
Daseyn durch Sclavendienste geschändet und unfähip- ge-
macht werden. Da jene meine Beiden (Vater und Oheim)
ihre Fortdauer nicht behaupten konnten, soll ich da noch
fortdauern? ich werde auf Mittel zur Verfolgung (des Fein-
des) sinnen!" Bei diesen Worten weinte der Knabe und
der Lama, von den rührenden Worten und der Trauer
des Knaben ergriflen, weinte ebenfalls. Die ganze Erdfläche
begann zu erbeben. Der Lama sprach: „Still, mein Sohn,
deine Festigkeit und Ausdauer ist rühmlich!" Mit diesen
Worten entfernte er sich, der Knabe aber ging ihm nach
und rief dem Lama, er möge etwas warten. Der Lama
fragte: „Was gibts?" Der Knabe sprach: „Dem Körper ist
das Leben nöthig und mir ist ein Schutzmittel nölhig! Diese
Schafkäse habe ich als Lohn empfangen dafür, dass ich diese
fünf Ziegen eines Andern hüte, während ich meinen Oheim,
den Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
erwartete." Mit diesen Worten langte er die Schafkäse aus
seiner Tasche heraus und sprach: „Ach, Lama sprich einen
kräftigen Segen, zum Wohl meiner Theuern; erstens zum
Heil der Seele meines Vaters Dsesse und dann zum Heil
der Seele meines Oheims, des Herrschers in den zehn Ge-
genden Gesser Chaghan!" Diess gesagt überreichte er dem
Lama die Schafkäse und sprach dann weiter: „Dann verleihe
auch mir geheime Kraft , die mein Leben gegen jeden
F«ind schützt !" Der Lama nahm die Schafkäse und weinte 5
er sprach: „Sey still, mein Sohn! der Mann muss auf
Mitlei sinnen, der Waise muss geduldig und mit Festigkeit
ausharren! Gesser, der Sohn des Gottes Chormu'sda, hat
den verderblichen Riesen getödtet; er ist im Anzüge, um
den gleissnerischen , doppelzüngigen Tschotong einem
— 234 —
vertrockneten Baume gleich zu macLen; alle seine nach-
gebliebenen Iheuern Waisen \vir(l er mit Gölterfreude er-
treuen! Der Herrscher Gesser, der Sohn der machlvoll-
kommenen Gottheil, hat den AerhaSslen Riesen getödtelj er
wird den heuchlerischen, verhasslen Tschotoug unter seine
Füsse treten. Du wirst den Herrscher Gesser Chaghan
wiedersehen 5 freue dich daher, mein Sohn, mit der Freude
der mächtigen Gölter! Deine Aeusserung, du möchtest den
Feind jetzt verfolgen, wenn du nicht zu klein wärest, so
wie, dass du beim Warten Gefahr laufst (durch Knechts-
dienste) untauglich zu werden, liefert einen Beweis deines
Heldenmuths. Hier, nimm!" Mit diesen Worten überreichte
der Lama dem Knaben die von Tschotong erhaltenen
Sachen und entfernte sich.
Als Gesser alsdann ausserhalb seines Schlosses ujuher-
ging, begegnete er einer alten Frau, welche ihr Oberkleid
(dessen Pvockschooss) über ihre Schultern befestigt hatte und
darin einen Korb trug. Mit durchgeriebener linker Scluilter
sammelte sie trockenen Mist, wobei sie dann einmal Aveinlcj
dann wieder sang. Der Lama ging auf sie zu xmd fragte:
„Wer und wessen bist du, Mütterchen?" Als die Alte den
Lama erblickte, lachte sie und weinte sodann. Der Lama
fragte sie: „Man pflegt zu sagen: Das Lachen fordere und
das Weinen überlasse! — ЛҮагат hast du, Mütterchen,
bevor ich zu dir kam, einmal gesungen und dann gelacht?
Warum weinst du nun, nachdem ich zu dir gekommen
bin?"' Die Alte erwiederte: „Deine Fi-age ist nicht ohne
Grund; der Yertilger der AVurzel der zehn Uebel in den
zehn Gegenden, der heldenmüthige Bogda Gesser Cha-
ghan ist mein einziger Sohn. Es sind nun neun Jahre
verflossen, seit er gegen den zwölfköpfigen Riesen gezogen
ist Dieser mein Sohn konnte sich in den zehn Gegenden
nach Belieben verwandeln; dessen ungeachtet pflegte er so-
wohl das Muttermaal an der Stirne als auch seine fünf und
vierzig schneeweissen Zahne nie zu verwandeln. Ich hielt dich
— 235 —
für eine seiner Verwandlungen und deswegen lachte ich,
nachher glaubte ich mich getäuscht und deswegen weinte
ich." Diese Worte seiner Multer brachten Gesser ausser
aller Fassung. Er rief seinen magischen Braunen vom Him-
mel herab und bestieg ihn 5 er war mit seinem ihauschim-
merfarbigen, mit den sieben Kleinodien doppelt belegten
blauschwarzen Harnisch angethan und halle seinen ganzen
WafFeuschmuck angelegt. Er fragte seine Mutter: „Hast
du, mein Mütterchen, seit meiner Geburt jemals gesehen,
wie ich Krieg zu führen pflege? Steige auf die Gallerie die-
ses Schlosses und sehe zu! Gib Acht auf alle meine Be-
wegungen!" Diess gesagt umarmte er seine Mutter dreimal
und entfernte sich. — Die Mutter weinte und lächle ab-
wechselnd; sie wusste (vor Freuden) nichl, ob sie stand
oder sass.
Gesser machte einen Angriff auf Tschotong, indem
er rechts von diesem und liinter demselben Staubwolken
als wie von einem Heere von zehntausend und von tausend
Mann aufsteigen liess. ,,0 Weh, rief Tschotong, лоп
wem rührt dieser furchtbare Staub her!" Er lief in sein
Haus, spähte von Innen hinaus und rief seinem Weibe zu:
„Der Staub rührt von jenem Bösewichte her 5 veri'athe mich
nicht!" Diess gesagt легкгосЬ er sich unter einen Kessel.
Gesser kam heran, liess seinen magischen Braunen sich
bäumen, Sätze und Sprünge machen, spähte in das Innere
des Hauses und rief: „Mein Oheim, meine Muhme Tscho-
tong, seyd ihr da? Erscheint, mich zu bewillkommen!
Ich, euer rotznäsiger Joro, bin gekommen! den verhassten
Kiesen habe ich getödtet; kommt geschwind heraus!" Die
Muhme erwiederte: „Dein Oheim, mein Sohn, hat sich
auf dem Kesselfelde festgesetzt; er entfernte sich mit den
Worten: an der Mündung ist die Gefahr erbeutet zu wer-
den, deswegen will ich mich unter den Boden verkriechen !''•
Tschotong rief: „Weib, was machst du!" und kroch
unter seinen Tisch. Gesser rief: „Seyd ihr etwa böse
— 236 —
auf mich? wollen mein Oheim und meine Muhme mich
etwa nicht bewillkommen? kommt geschwind heraus I " Die
Muhme erwiederle: „Dein Oheim hat sich auf dem Felde
der Tische festgesetzt: er meinte, auf dem Tischhlatte sey
Gefahr erbeulet zu werden, deswegen hat er sich unter das
Tischblatt versteckt.'- Tschotnng rief: ,,AVas machst du,
Weib!" und kroch unter den Satlelrücken. Gesser rief:
„Mein Oheim, meine Muhme I ich liabe grosse Ungeduld,
euch zu sehen, kommt doch geschwind I" Die Muhme er-
wiederte: „Dein Oheim hat sich auf dem Sattelfelde festge-
setzt, er hat sich unter die Rückenwölbung versteckt, weil
er auf dem Obertheil die Gei'ahr fürchtete erbeutet zu л^ er-
den." Tschotong rief: ,,\\as ])edeutet das, AVeib, was
machst du!" und lief zu drei grossen Schläuchen rechts an
der Wand des Hauses; in den mittleren Schlauch kroch
er und befahl seinem Weibe, die Mündung fest zuzubinden.
Das Weib band den Sack zu und Gesser sprach: „Mit
diesem Nichtswürdigen habe ich alles Mögliche vergeblich
versucht! Von Osten komme eine Aveisse Wolke von der
Grösse eines Schafes herauf! von Westen komme eine
schwarze \\ olke von der Grösse eines Rinds herauf!" Die
beiden Wolken kamen heraufgezogen, stiessen an einander,
erregten einen starken Slmm mit lieftigem AVirbelwind.
Hagel, Donner und Blitz. Der Wirbelwind traf die Aveisse
Ordu; Gessers grosse weisse, fünl'hundert Mann fassende,
Ordu Avurde von ihm kreisend durch die Luft geführt und
vor der Behausung der Tümen Dschirghalang zur Erde
niedergesetzt. Tümen Dschirghalang ging hinaus, der
Ordu entgegen und sprach: „Wenn diess die frühere
weisse Ordu ist, so stütze sie sich auf diesen meinen
Pfeiler!" Diess geschah und die Ordu stützte sich auf den
goldenen Pfeiler.
Der im Sacke steckende Tschotong wälzte sich unter
dem magisclieu Braunen hervor. „Das sind ja dieselben
Säcke, rief Gesser, welche meine Muhme mir gegeben
— 231 —
und mein Oheim mir hergebracht hat! ihr habt sie wohl
mit Lebensmitteln und Früchten für euern rotznä&igen Joro
während seiner neunjährigen Abwesenheit gefüllt!" Diess
gesagt, stieg Gesscr ab und setzte sich reitens auf den
Sack. „Der Sack scheint voll Wind zu seyn," sprach er,
nahm einen Pfriemen und stach damit längs dem Schenkel
(Tschotongs). Dieser zappelte ein wenig. Gesser stach
tiefer und das Gezappel wurde stärker. Nun steckte Ges-
ser sein kleines Messer mit dem Hefte von Krystall so
weit es ging den Schenkel entlang in den Sack^ das schwarze
Blut quoll hervor und es entstand ein Geschrei: „O Weh!
Au, Au! ich bin ja dein Oheim Tschotong!" Mit diesen
Worten sprang er auf und Gesser sprach: „Ja лүоЫ bist
du es, mein Oheim ! w as machst du da ! ich hielt dich für
einen Sack! Nun aber sage mir, Oheim! Wessen Blutsver-
wandter war Dsesse? war er nicht deiner? wessen Ver-
wandte waren die dreissig Helden! waren sie nicht deine?
Wessen Schwiegertochter war Kogmo Goa? nicht wahr,
deine? Da du es nun so (schändlich) gemacht hast, so will
ich meine Lust büssen^ wie wäre es möglich, meinem Zorn
Sclirankeu zu setzen!" Alsbald zog Gesser mit dem Kufe
„AVehe dir!" sein neun Klafter langes Schwert von schwar-
zem Stahl und warf sich auf Tschotong. Dieser sprang
auf und nahm die Flucht. Gesser bestieg seinen magi-
schen Braunen, rief: „ein Dieb! ein Dieb! fangt den Dieb!"
stellte sich , als könne er ihn nicht erreichen und schlug
dabei mit seiner magischen Peitsche, ihn vor sich her trei-
bend, unaufhaltsam auf ihn los. Tschotong verkroch sich
in eine Erdhöhle. „Li diese Höhle hat sich ein Fuchs
verkrochen , '' sprach Gesser und legte vor derselben
Feuer an.
Tsargin, der Oheim Gessers, sähe im Osten eine
weisse Wolke von der Grösse eines Schafes und im Westen
eine schwarze Wolke лоп der Grösse eines Binds aufstei-
gen, er sähe wie die beiden Wolken zusammenstiesseu imd
— 238 —
einen furchtbaren Staub erregten ^ da dachte er: „Ist nicht
vielleicht der A^erlilger der Wurzel der zehn Uebel in den
zehn Gegenden, mein Bogda, mein Gesser in seiner Hei-
math angelangt?" Alsl)ald bestieg er sein gelbgeflecktes
Pferd und suchte nach Vermögen schnell hinzukommen.
So -wie er den Gesser erblickte, rief er: „Juchhe, mein
Mütterchen, Juchhe, mein Mütterchen! eilte hin und war
im Begriff, beim Absteigen hinzufallen, als Gesser ihm
entgegenkam und ihn auffing. Gesser und Tsargin um-
armten sich und weinten Beide. Bei Gessers Thränen
erbebte die ganze Erdflächc. „Still, OheimI" rief Gesser
und machte Tsargin 's AVeinen ein Ende; dann streute er
Räucherwerk auf und beruhifTte die Erde. Tsargin fragte
ihn: „Was räucherst du hier an dieser Erdhöhle?" Gesser
erwiederte: „Mein Oheim, es ist ein Fuchs hineingekrochen,
den ich wieder hinausräuchern л\^1." Tsargin versetzte:
„Das ist kein Fuchs, mein Lieber, es ist wohl der ruchlose
Tschotong; лүаз diesen Schurken betrifft, so verdiente er
wohl getödlet zu лүегс1еп-, er ist aber aus edelm Geschlechte
und dein naber Blutsverv^andler. Bezwinge dich, obgleich
du es kaum über dicli vermagst und tödte ihn nicht! Avas
du nachher thun willst, bleibe dir überlassen!" Nun rief
Tsargin: „Komm hei'aus, Tscho toiig!"' Dieser kam aus
der Höhle hervor. Da befahl Gesser seinem magischen
Brauneu: „Л erschlinge diesen neunmal hintereinander und
entleere dich seiner von hinten neunmal hintereinander!
Beim letzten Verschlingen lass es länger dauern, ehe du
ihn ausleerst !" Der magische Braune that, wie ihm geheissen
war, verschlang den Tscho long neunmal und leerte ihn
neunmal von hinten wieder aus, so dass dem Tscholong
zuletzt nur so viel Leben als ein Haar gross blieb und er
unter beständigem Fallen und Aufstehen zitterte und beblr.
Das Weib des Tschotong, seine Muhme, behandelte
Gesser mit Güte, schenkte ihr die Hälfte von Tschotongs
Leuten und Vieh, trennte sie лоп ihm und liess sie ihre
— ^39 —
Niederlassung in der Nähe seines eigenen Hauses nehmen.
Dem Tsargiu schenkte Gesser Alles was er vom Riesen
erbeutet und mitgebracht hatte-, seinen Eltern schenkte
er alles noch übrige A'^ermögen Tschotongs^ den Sohn des
Dsesse nahm er zu sich in sein Haus. Nachdem er sol-
chergestalt an Tschotong Rache genommen hatte, erfreute
und erquickte er alle Waisen der Seinen.
,,Nun, sprach Gesser, will ich gegen die drei Schirai-
ghol'schen Chane ziehen und Rache an ihnen nehmen!"
Er bestieg seinen magischen Braunen, hatte seinen ihau-
schimmerglänzendeu, mit den sieben Kostbarkeiten doppelt
überlegten, blauschwarzen Harnisch angelegt, seine blitzfar-
bene Schulterbedeckung umgelegt, seinen als wie aus Sonne
und Mond vereint zusammengesetzten weissen Helm auf
sein edles Haupt gesetzt, seine dreissig weissen Pfeile mit
Kerben лоп Türkis und seinen straffen schwarzen Bogen
eingesteckt, und sich mit seinem drei Klafter langen Schwerte
von schwarzem Stahl umgürtet. Also gerüstet rief er: „Ist
Jemand da, der mit mir ziehen will?" Laitschab, der Sohn
des Dsesse, erbot sich dazu mit den Worten: „Wenn ich
bei dieser Gelegenheit nicht Rache nehme, wann soll es
geschehen? ich gehe mit!" Gesser erwiederte: „Ist etwa
unser Beider Zweck verschiedener Art? An deinen Fein-
den habe ich ja selbst Rache zu nehmen ! Du bist noch zu
klein; daher bleibe zu Hause!" Dsesse 's Sohn ging mit
Thränen nach Hause. Nun trat Tschotong hervor und
sprach: „Tch werde mitziehen!" Gesser erwiederte: „Gut,
komme mit, Oheim!"
Gesser nahm seinen Daghoris - choi genannten Bo-
gen und stieg auf den Gipfel eines hohen Berges. Er nahm
einen Ismanta genannten Pfeil und sprach: „Mein Is-
raanta genannter Pfeil! ich bin im Begriffe, gegen die drei
Schiraighorschen Chane zu ziehen 5 es gibt dort Späher und
AVächter des verhassten Feindes, diesen komme zuvor und
wenn du sie getödtet hast, so bleibe am jenseitigen Ufer
— 240 —
des Chatun -Stromes stecken 5 daselbst werde ich dich fin-
den 5 wo nicht, so trefi'e das Schloss und ich werde dich
nachher finden!" Diess gesagt zog er den Pfeil an und
schoss ihn in magischer AVeise ab.
Bei den drei Schlraighorscheu Chanen befanden sich
drei ausgezeichnete Münnei. Der Eine von ihnen konnte
eine Strecke Landes übersehen, welche zu durchreisen drei
Monale erlorderlich sind^ der Andere von ihnen war so
stark, dass Alles was er umfasste, sich ihm nicht entreissen
konnte 5 der Dritte von ihnen konnte mit seinen ausge-
breiteten Händen Alles aufiangen, ohne es loszulassen. Der
eine Landstrecke von drei Monaten Uebei'schauende blickte
hin und sprach: „Es ist etwas im Anzüge; ist es ein Adler?
ist es ein Pvabe? es scheint ein Stück Eisen geftisst zu ha-
jjen." Seine beiden Gefährten fragten: „Wohin ist die
Richtung?" Jener antwortete: „Die Richluug ist gegeu uns!
Der Flug ist ungemein schnell; ich kann es noch nicht er-
kennen 1" Plötzlich stand er auf und schrie: „Steht ge-
schwind auf, Kameraden! es ist weder ein Adler, noch ein
Rabe; es ist ein Pfeil! Du, Fänger, fange ihn geschickt auf!
der Pfeil kommt gerade auf uns zu!" Der Fänger sprach:
„Lass ihn auf mich losgehen! warum sollte ich ihn loslas-
sen, wenn ich ihn lest habel" Der Weitschauende sprach:
„Es ist ein gefährliches Ding! Du, Starker, umfasse den
Mittelleih des Fängers; ich will den Miltelleib des Starken
umfassen!" Wälirend sie sich also umfasst hielten, streckte
der Fänger seine Hand zum Auffangen aus und packte den
Pfeil an dessen Mittellhcil. Der Pfeil entführte alle Drei
mit. sich gen Himmel, flog mit ihnen Jiis zum Chatun-
Strome und fiel mit ihnen an einer tiefen, bodenlosen
Stelle desselben plötzlich herab. Alle di'ei Aersanken im
Wasser und ertxanken. Den Pfeil nahm Boa Donglsong,
die Schwester Gessers, und warf ihn hinaus. Der Pfeil blieb
am Ursprung des C ha I u ii - Stromes emporstehend in der
Erde stecken.
— 24l —
Nun machte sich Gesser in Begleitung des Tschotong
auf den Wesf. Er hatte dem Tscliotonof während sieben
Tagen nlchlszu essen gegeben ; als nun derselbe ganz ver-
hungert und verschmachtet mitzog und sie auf dem Wege
einen Rossapfel liegen fanden, sprach Gesser: „Für
einen Menschen , der lange ohne Nahrung war, ist diess
eine herrliche Speise!" Tschotong erwiederte: „Mein
Proviant ist längst zu Ende 5 ich will es essen!" Gesser
versetzte: „Iss es, Oheim, wenn du essen willst! du möch-
test denken, es sey Mist, es ist aber Butter." Tschotong
ass den Mist und sie setzten den Weg foi't. Weiterhin
stiessen sie auf ein abgerissenes Stück eines ledernen Spann-
riemens ^ da rief Gesser: „Was für eine köstliche Speise
liegt hier!" Tschotong entgegnete: ,, Warte ein wenig; ich
will es essen!'- Gesser versetzte^: ,,Du möchtest denken,
Oheim, es sey rohes Leder, es ist aber eine magische Speise 5
iss getrost!" Tschotong hob den Riemen auf und ass ihn.
Als sie darauf weiter zogen, fanden sie auf ihrem Wege
einen Mühlstein liegen; da sprach Gesser: „Du, Tscho-
tong, gabst meiner R^ogmo den Rath, sich auf Schiratala
zu verstecken; auf dem Wege, sich dort zu verslecken, hat
sie hier ihren Schmuck verloren; nimm und. trage ihn!"
Tschotong konnte ihn nicht aufheben und sprach: „Wie
kann ich ihn tragen!" Gesser sprach: ,,Ich will ihn dir
zu tragen geben; ist hier nicht ein Loch?" Diess gesagt,
zog er ein Band hindurch und hing den Mühlstein dem
Tschotong mitten über den Rücken. Während des wei-
tern Zuges sprach Tschotong: „Jetzt, mein Bogda, bin
ich ausser Stande, mit dir weiter zu ziehen! ich bin ohne
Proviant und sterbe vor Hunger; lass mich umkehren!"
Gesser erwiederte: „Du wolltest ja mit mir den Feind
verfolgen, Oheim! wie, bist du anderer Meinung geworden?"
Tschotong entgegnete: „Im Begrifte zu sterben will ich
lieber umkehren." Gesser sprach: „Kehre um, Oheim!'-
Er betrachtete ihn und sah den Knorpel der Schulterblätter
16
weiss (lurclischimmern , an der Stelle des Herzens das Herz
hervorstehen und unter den Armhöhlen war die Lunge
sichtbar. Tschotong trat den Heimweg an; er trug seinen
Mühlslein auf dem Kücken und erreichte unter Fallen nnd
Aulstehen die Heimath. Als Sanglun ihn erblickte, rief
er: „Wehe, Jammer!" zerrte den Tschotong, warf ihn
nieder und suchte ihn mit dem Mühlstein zu erdrücken.
Tsargin kam hinzu und rief: „Mein Sanglun, lödle ihn
nicht! lass ihn los! was hättest du davon ihn zu tudten!-'
worauf Sanglun den Tschotong losliess.
Als Gesser seinen Weg durch die Gegend Schiralala
genommen und über den Chatun-Slrom gesetzt war, fand
er den Ismanta genannten Pfeil. „Ah, rief er, du hast ge-
wiss Einen von der Mannschaft des verhassten Feindes ge-
tödtet," und steckte den Pfeil ein. AVährend er im Trott
seinen Weg fortsetzte und ohnweit des Chatun - Stromes
den Küsseleng-Übogha^'^) umritt, hörte er eine Stimme:
„Oh, mein Gesser!" rufen. „Was ist das! dachte er, in
dieser wüsten Gegend lebt weder ein Mensch, noch ein
Hund, noch ein Л^ogel; was für eine menschliche Stimme
ruft mich?" Er schaute hin und her ringsum, entdeckte
aber Niemand. ,,Und doch, dachte er weiter, rief vorhin
eine menschliche Stimme „Gesser!^' Wohin ist er gera-
then? Wie sonderbar!" Als er seinen Weg fortsetzte, rief
es abermals: „Warte doch, Gesser!" Als Gesser sich
wieder umsah, kam ein Wesen gleich einem Sperber hei'an,
mit Kopf und Brust eines \'^ogels und mit dem Hintertheil
eines Menschen, setzte sich auf den vordem Sattelknopf
und wehklagte Folgendes: „Л ertilger der Wurzel der zehn
Uebel in den zehn Gegenden, mein heilbringender, helden-
müthiger Chan Gesser! ich bin dein Bruder Dsesse
Schikir, dein Busenfreund hier auf dem Dschanibu-
dwip!" Nun erzählte er den ganzen Hergang seiner Tha-
24) Vergl. S. 6 und 11.
-» 24S —
ten und seines Schicksals, wobei Gesser in Thrlinen aus-
brach. Die ganze Erdlläche erbebte, alle Wesen weinten
vor Rührunef. Gesser streute Räucherwerk auf und beru-
higte die Erde. „Wamm, mein Dsesse Schikir, sprach
Gesser, bist du traurig? willst du hergestellt seyn, so werde
ich dich wieder als Mensch herstellen 5 oder willst du viel-
leicht nun zum Gotte Chormus da, meinem Vater gehen?
nur weine nicht!" Dsesse erwiederte: „Mein Bogda, darüber
werde ich mich noch entscheiden; nun aber schafie mir das
Herz des Schimanbirodsa, des jüngsten Bruders Tsa-
ghan Gertu Chän'sl wenn ich das esse, bin ich für jetzt
befriedigt. Dann gibt es noch (im feindlichen. Heere)
mehr als zehn ausgezeichnete Männer-, diese, mein Bogda,
suche durch irgend ein Mittel zu tödten vmd wiif ihre
Seelen in den Abgrund der Hölle!" Gesser sprach: ,, Gut,
es soll geschehen!" Sodann schoss er eine Anzahl Ge-
birgswild im Gebirge und Feldwild im flachen Felde und
sprach zu Dsesse: „Bleibe hier und iss hiervon bis ich
wiederkomme!"
Gesser setzte seinen Weg fort und kam in Schi-
raighol an-, er stieg auf den Gipfel eines hohen Berges
und befestigte gegen Abend den Zügel seines magischen
Braunen am Sattelknopf. Sodann schoss er unter Zauber-
worten einen Pfeil ab und sprach: „Wenn meine Unter-
nehmung von Ei'folg seyn wird, so kehre du, einem Herrn
gehöriger, Pfeil während der Nacht zu deinem Herrn zu-
rück-, wird sie erfolglos seyn, so bleibe dort liegen!"
Tsaghan Gertu Chan sass auf seinem goldenen Thron
und trank Thee. Als er das Schwirren des ankommenden
Pfeiles hörte, lief er: „Dem Herrscher in den zehn Ge-
genden , dem furchtbaren Bogda bringe ich reuig Opfer
dar!" und goss den Thee aus der Schale vor dem Pfeile
aus. Der Gegenstand des Thee's (als Opfer) bewirkte, dass
der Pfeil in das Fussgestell des goldenen Thrones fuhr.
16*
— 244 —
Tsaglian Ger tu Chan spracli: „Kommt dieser Pfeil von
den obern Gottern? oder von den Assuri der Mitte? oder
von den Drachenfürsten der Tiefe? wäre es Gesser's Pfeil,
>vürden ihn unsere drei Männer nicht bemerkt haben ?
Rogmo Goa wird ihn vielleicht erkennen!" Es wurde
nach Kogmo Goa geschickt-, diese versuchte, den Pfeil
am Federende fassend, ihn zu zerbrechen, aber vergeblich.
Da sprach sie: „Bist du ein Pfeil, von den obern Göttern
oder den Drachenfürsten der Tiefe gegen einen F^eind ge-
richtet, so übernachte hier! bist du nicht von ihnen, so
kehre zu deinem Herrn zurück!" Diess gesagt, befestigte
sie seidene Fetzen люп fünf verschiedenen Farben an den
Pfeil und lehnte ihn gegen den Thürpfosten. Da entstand
ein starker \Virljelwind5 der magische Pfeil wurde empor-
gewirbelt und паЬщ mit Windesschnelle seinen Weg zu-
rück in Gesser's Köcher, in welchem er seine leere
Stelle einnahm.
Als Gesser am folgenden Morgen aufgestanden war,
und sich Gesicht und Hände gewaschen halte, sah er nach
seinem Köcher und erblickte in demselben seinen Pfeil, an
welchem die seidenen Fetzen gleich Fähnchen flatterten.
Nachdem er den Pfeil betrachtet hatte, spiach er: „Mein
Unternehmen wii'd Erfolg haben; mein einzelner Pfeil hat
von den nichtswürdigen Schiraighol fünferlei mitgebracht !''
Diess gesagt , machte er aus den seidenen Fetzen sechs
Theile und opferte sie dem, den mütterlichen und Aäter-
lichen Segen der Schiraigholschen Chane bewahrenden, Ge-
birge Dsabssan Küme, wodurch er den Segen von ilinen
abwendete; er sprach dabei die Worte: „Seit früher Zeil
warst du das Gebirge des Heils für die Schiraighorschen
Chane, zu dieser Zeit sey dasselbe für mich!" Während er
sodann Käucherwerk aulslreule und religiöse Formeln h«;r-
sprach, eulstand plötzliches Erdbeben, in Folge dessen Gras,
Steine und Bäume verschwanden. „Ah, vorlrefllich!" rief
— 245 —
Gesser, stieg zu Pferde und kam zum Hoflager der drei
Schiraighorschen Chane.
Die Schiraighol'schen Cbäne hallen, jeder von ihnen, zwei
Quellen, aus welchen ihr Trinkwasser geholt wurde; unter
diesen befand sich eine köstliche Quelle , die den Namen
Tschablschalan führte. Zu dieser Quelle pflegten die Töch
ter der drei Schiraighol'schen Chane hinzugehen, Wasser
zu holen und sich zu baden. Auf dem Wege zu dieser
Quelle verwandelte sich Gesser in einen hundertjährigen
Bettel -Lama, seinen magischen Braunen schickte er gen
Himmel, seinen ihauschimmerfarbenen blauschwarzen Panzer
verwandelte er in einen geistlichen Regenmantel, seine blitz-
farbenen zwei weissen Schulterbedeckungen verwandelte er
in zwei schwarze geistliche Ermel, seinen weissen Helm
verwandelte er in eine geistliche Mütze, sein drei Klafter
langes magisches Schwert von schwarzem Stahl verwandelte
er in einen schwarzen hölzernen Stab von drei Klafter
Länge, seine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Tür-
kis verwandelte er nebst seinem straffen schwarzen Bogen
in das geistliche Gewand eines Lama und streckte sich rück-
lings quer über den Weg zur Quelle als ein abgelebter
Bettel -Lama. Da kam die Tochter des Tsaghan Gertu
Chan, Namens Tsassun Goa, welche Mila - Gun-
tschud,^^) der Sohn des Chinesischen Kaisers zur Ge-
raahiinn genommen hatte, mit ihrem aus fünfhundert weib-
lichen Personen bestehenden Gefolge heran und vergnügte
sich unterwegs mit Hin- und Herwerfen einer Obstfrucht.
Die hin- und herseworfene Frucht fiel zufällie dem rück-
lings liegenden Lama in den offenen Mund. Die Mädchen
kamen hinzugelaufen und riefen: „Wer bist du, Alter?
stehe auf! was bedeutet es, dass du die Frucht, mit der
25) S. 200 ist er unser dem Namen Mila Guntschuk als der
Tochtermann des Schira Gertu Chan genannt und als Sohn dee
Chan's von Balpo. Vergl. noch S. 203.
— 346 —
wir spielen, mit dem Munde aufFängsl? Was bedeutet es,
dass du auf unserm Wege bleibend hier rücklings ausge-
streckt liegst? Wer bist, du, Alter? stehe geschwind auf" —
Der Lama erwiederle: „Ach, meine Kinder, ich bin ein,
in dieser Gegend umhervvandernder , armer Lama; wenn
ihr gutherzige Mädchen seyd, so nehmt die Frucht in mei-
nem Munde nicht zurück, sondern verbeugt euch lieber
dreimal, lasst euch den Segen geben und geht nach Hanse!
seyd ihr aber bösartige Mädchen, nun, so nehmt mir die
Frucht aus dem Munde und schreitet über mich hinweg!
ich habe nichts dawider. Denn wo ich liege, kann ich
mich nicht zum Sitzen aufrichten und wo ich sitze , kann
ich mich nicht zum Stehen aufrichten." Die Mädchen er-
wiederten: „Was denkt dieser, dass wir ihm unsere Ver-
beugung machen sollten!'- bohrten ihm die Frucht aus dem
Munde, schritten über ihn hinweg und holten Wasser aus der
Quelle. Darnach kam die Tochter des Schira Gertu Chan ,
Namens Ssumuu Goa, in der nämlichen Weise um Wasser
zu holen, mit starker Begleitung; es fand derselbe Zufall
und der oben erwähnte Wortwechsel statt, nach welchem
die Mädchen zurückkehrten. Darnach kam die Tochter des
Chara Gertu Chan, Namens Tsoimsun Goa, deren
Pflegevater der Künstler Tchöirum Darchan war, in Be-
gleitung von fünfhundert Jungfrauen, Sclavinnen und Die-
nerinnen. Der Obertheil ihres Wassereimers war von Perl-
mutter, dessen Mitteltheil von Krystall und dessen Boden
und Unter theil von Gold; einen solchen Wassereimer trug
sie zum Wasserholeu; Das vorige Spiel begann und die
Frucht nahm abermals ihren Weg in den Mund des Lama.
Die Sclavinnen und Dienerinnen kamen und riefen: „Höre,
Alter, packe dich von dem Wege, der nur für Frauen ist !"
Der Lama crwiederte: „Wenn ich stehe, kann ich mich
nicht setzen; sitze ich aber, so kann ich nicht aufstehen."
Tsoimsun Goa kam hinzu imd fragte: „Warum steht der
alte Mann nicht auf? wer ist er?" Die Dienerschaft crwie-
— • 241 —
deile: „Er nennt sich einen in dieser Gegend umherwan-
dernden, hundertjährigen Bettel -Lama. Er sagl, dass wo
er stehe, da könne er sich nicht niedersetzen und wo er
sitze, da könne er nicht aufstehen. Ferner sagt er zu uns :
AVenn ihr gutartige Mädchen seyd, so nehmt mir die Frucht
aus meinem Munde nicht weg! verbeugt euch, eure Fehle
hekennend, vor mir und entfernt euch, nachdem ihr euch
meine Hand zum Segen habt auf das Haupt legen lassen!
seyd ihr aber bösartige Mädchen, so mögt ihr mir die
Frucht aus dem Munde nehmen und über mich hinweg-
schreiten." Tsoimsun Goa fragte ihn: ,,Zu welchen Für-
sten der Nachbarsehaft bist dn gekommen? woher kommst du
nun und wohin gehst du?" Der Lama antwortete: „Ich habe
alle mögliche Fürsten gesehen. Es war nun meine Absicht,
in das ewige Reich zu wandern und ich habe meinen Weg
dahin durch das Land der drei Schiraighorschen Chane ge-
nommen. Meine Zukunft ist nahe, meine A^ergangenheit
liegt weit hinter mir, und da ich sehr hoch in Jahren bin
und unvermögend, meine Nahrung zu erwerben, so liege ich
hiei\ Tsoimsun Goa sprach: „Wozu sollte ich ihm die
Frucht aus seinem Munde nehmen? und gibt es etwa kei-
nen andern Weg, als über ihn hinwegzuschreiten ?" Diess ge-
sagt, beichtete sie dem Lama, verbeugte sich vor ihm und
liess ihn seine Hand auf ihr Haupt zum Segen legen 5 so-
dann setzte sie ihren Weg oberhalb des Lama und densel-
ben umgehend fort.
Mit der Tsoimsun Goa und in ihrem Gefolge war
die Hauptwahrsagerinn des Tsaghan Gertu Chan gekom-
men. „Warte doch Tsoimsun Goa!" rief die Hexe. „Was
gibts, Zauberinn?" fragte Tsoimsun Goa. Die Hexe er-
wiederte: „Ich habe in dieser Nacht einen Trauni gehabt,
in welchem der Vertilger der Wurzel der zehn Uebel in
den zehn Gegenden, der weise, wohlthälige Chan erschien,
den Tsaghan Gertu Chan auf seinem goldenen Throne
übermannte und ihm den Kopf abschlug. In Gemässheit
— 248 —
dieses Traumes glaube ich, dass diess kein hundertjähriger
Lama ist^ es ist der verwandelte Gesser Chaghan.
Diess hier ist kein Regenmantel eines Lama , sondern
Gesser Chaghan's blauschwarzer Panzer-, Diess da
sind nicht Ermel eines Lama, sondern Gesser Chaghan's
blitzfarbene Schultcrbedeckungen \ auch ist diess keine
Mütze , sondern ein kostbarer weisser Helm ; ferner ist
der schwarze hölzerne Stab von drei Klafter Länge in
der Hand des Lama nicht was er vorstellt, sondern er
ist ein magisches, drei Klafter langes, Schwert von schwar-
zem Stahl. Ich bin also überzeugt, dass diess Gesser
ist. Tsoimsun Goa schalt die Zauberinn mit folgen-
den Worten: „Deines Vaters, deiner Mutter verruclites
Haupt, du nichtswürdige alte Zauberhexe ! w ie unterstehst
du dich, solch verkehrtes Zeug zu schwatzen! Wenn ich
diese deine Worte meinem Oheim Tsaghan Gertu Chan
wieder erzähle, wird er dir da nicht gleich deinen Kopf
abschlagen lassen? Woher sollte Gesser plötzlich gekom-
men seyn? Wer ist dieser Gesser? Hüte dich, gegen irgend'
Jemand so etwas zu sprechen!" Tsoimsun Goa war eine
magische \"erwandlung-, sie schalt deswegen die Zauberinn
aus und verbot ihr zu sprechen, weil sie es wohl wusste,
dass (der Lama) der Herrscher in den zehn Gegenden
Gesser Chaghan sey. Sie hatte nämlich die Hoflnung,
jnit der Zeit entweder seine Geraahlinn zu werden, oder
seine kuhmelkende Sclavinn, oder auch seine die Asche aus-
fegende Dienerinn, deswegen pflegte sie stets von ihrem
Mahle dem Gesser Chaghan ein Opfer darzubringen.
Gesser gedachte selbst ein wenig der Tsoimsun Goa.
Dann rief der hunderijährige Lama ihre Dienerschaft zu
sich. ,,Was gibts, Lama?" fragten sie und dieser erwiederle:
„Eure Quelle wird austreten, schöpft daher kein Wasser
aus der Mitte : ihr würdet lauter Schlamm bekommen ;
schöpft auch nicht nahe am Ufer, weil ihr da erdiges Was-
ser bekommen würdet j schöpft aber weiter als die Mitte
— 249 —
gegen das jenseitige Ufer bin, mit den Füssen auf dem dies-
seitigen Ufer bleibend, so werdet ihr reines, heilsames Was-
ser bekommen." Die Dienerschaft ging hin und erzählte
die "Worte des Lama den Mädchen, welche verwundert
ausriefen: „Was für ein merkwürdiger Alter ist das!" Als
die Zauberinn diess hörte, dachte 'sie: ,, Ungerechterweise hat
sie mich gescholten, als ich ihr sagte, es sey Gesser-
Warum aber sollte diese unsere Quelle, die zu keiner Jah-
reszeil auszutreten pflegt, nun austreten?" Also denkend
lief die Zauberinn gerade ins Wasser, fiel in die Quelle
hinein und ertrank. Weil die Zauberinn ihn erkannt hatte,
liess Gesser die Quelle austreten und tödtete die Zauberinn.
Die Dienerschaft schöpfte nun aus der Mitte der Quelle,
es war aber lauter grüuer Schlamm, wie der Alte es vor-
hergesagt hatte. Sodann schöpfte sie am Ufer, es war aber
unreines erdiges Wasser. Endlich schöpfte sie nach der
Anweisung des Alten und Ijekam reines gesundes Wasser.
Nun bewirkte Gesser es durch magische Kraft, dass Nie-
mand den Eimer heben konnte. Die fünfhundert Jungfrauen
und die ganze Dienerschaft strengten sich der Keihe nach
an, den Eimer aufzuheben, aber vergeblich. „Welcher son-
derbare Zufall ! rief Tsoimsun Goa; zuerst tritt die Quelle
aus ihren Ufern, dann fällt die Zauberinn hinein und er-
trinkt und nun können wir Alle den Eimer nicht aufheben,
den ich beständig in der Hand haltend zu tragen pflegte.
Bleibt ihr unterdesssen hier!" Diess gesagt, lief sie ganz
allein zum Alten und sprach zu ihm: „Erhabener grosser
Lama, hebe uns doch unsern Eimer auf!" Der Alte erwie-
derte: „Du bist ein leichtfertiges, eigensinniges Mädchen!
Waren etwa blos meine frühern Worte meine eigenen und
meine spätem die eines Andern? Lass mich in Ruhe! ich
kann nicht aufstehen!" Die Jungfrau entgegnete: „Ich war
niemals leichtfertige sollte ich etwa, von der List des Herr-
schers in den zehn Gegenden Gesser Chaghan's besiegt?
leichtfertig geworden seyn? Ich war niemals eine Lüg-
— 250 —
nei-inn; sollte ich etwa, durch die magische Verwandlungs-
kraft des ehrwürdigen Gesser Chaghan's besiegt, gelogen
haben? Du bist kein hundertjähriger Lama^~ du bist der
Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Ghaghan! Ach
Bogda Gesser, zeige mir doch eines deiner Zeichen!, Wenn
du es mir zeigen wirst und ich dieses dein Zeichen irgend
Jemand wiedersagen sollte, so möge mich dein Schutzgeist
holen!" Der Alte sprach: „Was spricht dieses Mädchen !" und-
machte eine Bewegung, während welcher unter ihm eine
goldene Spinne von der Grösse eines Kalbes im zweiten
Jahre hervorkam und seinen Lauf nach dem Schlosse der
drei Schiraighorschen Ghane nahm. Nachdem die Spinne
das Schloss dreimal umkreist hatte, kam sie zurück und
sprach: „In der ganzen frühern Zeit gehörte es den drei
Schiraigholschen Chanen, in der jetzigen Zeit aber ist es
ein Eigenthum des die zehn Gegenden beherrschenden
Chans geworden!" Diess gesagt, verkroch sie sich wieder
unter den Alten. Als das Volk ausserhalb des Schiraighol-
schen Schlosses die Spinne sah, rief es: „Ein Stück Vieh
ist es nicht, ein Wild eben so wenig! Was ist das für ein
gehörntes Ding? Was bedeutet es, dass es wie ein Mensch
spricht? Ist es vielleicht die Seele der dreissig Helden des
Herrschers in den zehn Gegenden Gesser Ghaghan?"
Als Tsoimsun Goa die Spinne von der Grösse eines
Kalbes im zweiten Jahre sah, sprach sie: „Bist du nicht in
der That der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser
Ghaghan?" Hierauf liess Gesser Ghaghan sie seine vie-
len magischen \'^erwandlungskräfte in ein grosses Kriegsheer
umgewandelt sehen. Nachdem Gesser ihr seine magischen
Verwandlungskräfte gezeigt halte, sprach sie: „Bogda, lege
dich doch heute Abend, in einen achtjährigen AVaisenkna-
ben verwandelt, an dieser Stelle nnd hebe uns jetzt jenen
Eimer auf!" Unter Aechzen und Stöhnen stand der Alle
auf. „Wie kann ich alter Mann, sprach er, diesen Eimer
aufheben, den ihr vielen Mädchen Alle nicht aufzuheben
— 251 —
vermochtet! sollte ich es aber können, so flucht mir nicht,
wenn dabei die Reifen abspringen und der Eimer entzwei
gehen sollte !" — Die Jungfrau sprach: „Warum sollten
л\чг dir fluchen!" Während Gesser sich den Schein gab,
als wollte er den Eimer aufheben, liess er durch seine
magischen Kräfte die Reifen packen und der Eimer zerbrach
in zehn Stücke. Die Mädchen riefen vveinend: „Was fiir
ein ruchloser , was für ein schändlicher Alter ist das !
Chara Ger tu Chan wird uns nun umbringen! Was sollen
wir nun anfangen! Tsoimsun Goa schalt die Mädchen mit
den Worten: „Flucht dem erhabenen, grossen Lama nicht!
Wenn mein Vater Jemanden einen Verweis geben sollte,
so wäre es mir; was geht ihr, Nichtswürdige, ihm an!"
Dann wandte sie sich an den Lama mit den Worten: „Er-
habener, grosser Lama, geruhe duixh das Mittel von Zau-
berformeln meinen Eimer wieder ganz zu machen!" Der
Lama sprach: „Zurück mit euch, Mädchen! ich weiss nicht,
ob ich alter Mann es vergessen habe oder nicht; iudess will
ich es doch versuchen, mit Gebet an die erhabenen Bud-
dhas Zauberformeln auszusprechen. Zurück, zurück, ihr Mäd-
chen!" Hieraufsprach Gesser Zauberformeln und stellte
den Eimer durch magische Kraft in ungleich schönerer
Gestak wieder her, als er zuvor hatte. Die Mädchen
waren voller Verwunderung und bereuten es sehr, dass
sie vorhin dem erhabenen grossen Lama geflucht hatten.
Tsoimsun Goa begab sich sodann, nachdem sie Wasser
geschöpft hatte, mit ihrer Dienerschaft und ihren Jungfrauen
nach Hause.
Schimanbirodsa war auf seine Tochter uneehalten
o
und schalt sie mit den Worten: „Wo hast du diese Nach-
lässigkeit und Unbesonnenheit gelernt ! Wo bist du gewesen
in der Zeit, dass wir seit Morgen schon dreimal gespeist
haben?" Die Tochter erwiederte: „Wir gingen an die
Quelle, um zu spielen ; unsere Quelle war ausgetreten , die
Wahrsagerinn fiel hinein und ertrank. Ich liess ihren
— 252 —
Körper aufsuchen und habe mich dadurch verspätet. Lie-
ber Vater! auf dem Wege nach unserer Quelle liegt ein
achtjähriger bettelnder AVaisenknabe; es ist ein hübscher,
witziger Junge; wir wollen ihn erziehen und für dich ei-
nen Diener aus ihm bilden!'- Der Vater versetzte: „Fehlt
es uns etwa an Armen, die wir ernähren? deinen Bettler
zu ernähren ist Niemand da ! kümmere dich um so etwas
nicht, Mädchen!" Die Tochter zürnte ihrem A'^ater, ging
nach Hause und kam drei Tage lang nicht zum Voi'schein.
Nach drei Tagen ging Tsoimsun Goa zu ihrem Vater
und sprach: „Mein Vater, der erwähnte Waisenknabe liegt,
wie ich höre, bis jetzt noch an derselben Stelle-, nimm
ihn doch und lass ihn erziehen!-' Der A^ater erwiederte:
,, Meinetwegen, ich will ibn erziehen lassen." Voll Freu-
den fertigte Tsoimsun Goa eilig eine Sclavinn ab und
liess den Knaben holen. Gesser hatte aus Elfenbein einen
Löwen verfertigt, den er hcrumspringen liess j aus Gold
hatte er einen fliegenden Schmetterling gemacht und
spielte mit diesen Sachen. Tsoimsun Goa nahm diese
Sachen und zeigte sie ihrem Vater. Dieser fragte: „Wer
hat diess gemacht? bring mir ihn her!" Der Knabe wurde
gebracht und er fragte ihn: „War dein Vater ein Künst-
ler? von wem hast du diess gelernt?" Der Knabe erwie-
derte: „Mein Vater starb, als ich noch ganz klein war, aber
mein mütterlicher Oheim war ein Künstler. Ich habe diess
durch Zusehen abgelernt, als Tschöirung Darchan^^)
unlängst Kunstarbeiten machte." Schimanbirodsa sprach;
., Dieser wird ein gelehriger, tüchtiger Mensch werden.
Leber Tage bleibe bei meinem Gefolge und scy mein Die-
ner, und des Nachts nächtige mit den vielen andern armen
und nothleideuden Kindern in dem ( dazu bestimmten )
IG) Der Pflegevater der Tsoimsun Goa; vcrgl. S. 246. Die
fürstlichen Kinder >verden >vahrend ihres Kindesalters immer im
Hduse eines Unlerthans und mit dessen Kindarn zusammen erzogen.
Hause!" Sodann gab er dem Knaben den Namen „der von
der Erde aufgeraffte Oldschibai.'*
Zu der Zeit besassen die drei Chane eine glückbrin-
gende Aveisse steinerne Walze. Oldschibai bemerkte dem
Tchöirung Darob an Folgendes: „Wenn man diese weisse
Steinwalze zei'schlüge und daraus Harnische machte, was
würden das für herrliche Harnische seyu!" Der Künstler
versetzte: „Nimm dich in Acht, mein Sohn, solche vorlaute
Worte gegen Andere zu äussern ! ist diess nicht der glück-
bringende Stein der drei Chane? wenn sie solche Worte von
dir hören, werden sie dich tödten." In der folgenden Nacht
lud Oldschibai den Stein anf den Rücken, trug ihn
hinweg und legte ihn unweit der Pforte des Künstlers
Tschöirung. Der Künstler Tschöirung sah ihn am
folgenden Morgen und rief: „Bei meinem Vater und mei-
ner Mutter, was für eine schlimme Vorbedeutung ist diess !
der glückbringende Stein ist von seiner Stelle hieher gezo-
gen! was wird das für Folgen haben!" Während der fol-
genden Nacht hob G e s s e r abermals den Stein durch magi-
sche Kraft auf und legte ihn gerade vor die Pforte. Am
folgenden Morgen ging er und rief: „Komm her, Vater
Tschöirung Darchan!" Der Künstler ging hinaus und
rief: „O Weh, was ist das! er sucht uns auf 5 seine glück-
bringende Kraft ist erschöpft! der Stein kommt selbst und
fordert, dass wir Harnische aus ihm machen sollen! Lama
Nomlschi und du Oldschibai, behaut den Stein vier-
eckig-, wir wollen Harnische daraus machen!" Lama Nom-
tsc hi hatte vom Morgen bis Mittag den Stein bebauen
und sprach dann: „Oldschibai, behaue du jetzt die zwei
(noch übrigen) Seiten!" Oldschibai sprach: „Gut, Lama
Nomtschi, setze dich aber hinter mich, denn man kann
nicht wissen, ob nicht das Haueisen vom Stiele fährt; wenn
es dich an den Schädel trifft, so könnte es dir das Gehirn
verletzen und dir den Tod bringen." Lama Nomtschi
erwiederle; „Behaue den Stein, Taugenichts, ohne viel Ge-
— 254 —
schwätz! warum sollte Jas Haueisen, das mir seit dem
Morgen gelialten hat, nun vom Stiel ahfahren! flöge es aher
auch vom Stiel und träfe mich, nun, so sterbe ich." 01-
dschibai versetzte: „Meinetwegen, auf mich fällt die Schuld
nicht!" IJiess gesagt, schlug er durch magische Kraft das
Haueisen vom Stiel; das Haueisen traf den Lama Nom-
tsclii durch den Schädel ins Gehirn, so dass er zu Boden
sank. Oldschibai erhob ein grosses Geschrei und spielte
den Untröstlichen, indem er rief: „Komm doch her, Mei-
ster Tschöirung!" Der Alte rief: „Was gibts, was gibts!"
und kam, seinen Rockschooss emporhebend, mit Eile her-
beigelaufen. Als er den Lama Nomtschi erblickte, um-
fasste er dessen Kopf und fragte ihn mit Thränen: „Was
ist mit dir geschehen?-' Lama Nomtschi ervviederte: „Ich
hatte zwei Seiten behauen, war ermattet und üljergab die
Arbeit dem Oldschiibai. Dieser sprach \\ährend des Be-
hauens zu mir: „Lama Nomtschi, setze dich hinter mich!
man kann nicht wissen, ob das Haueisen nicht vom Stiele
fliegt. '' Ich antwortete ihm: .•,Wenn das bei mir festge-
bliebene Haueisen dir vom Stiele fährt, so mag diess mein
A'erhängniss seyn! Oldschibai schlug, das Haueisen flog
herunter und traf micli an den Scheitel j es ist diess mein
vom Schicksal bestimmter Tod." Diess gesagt verschied
er. Trauernd und mit Thränen sprach der Alte: „Das
Uebel kommt von dem schändlichen Glücksstein und dass
er sich herbewegt hat!" — Also vernichtete G'esser durch
manische Kraft den weissen Glücksstein der drei Schirai-
ghorschen Chane und tödtete den Lama Nomtschi, weil
derselbe etwas wusste.
Tschöirung Darchan befahl dem Oldschibai: „Trete
den Blasbdlg! wir wollen aus diesem verderblichen Steine
zwei Harnische machen." AVährend sie aibeiteten, slahl
Oldschibai vom Eisen und verbarg es im Blasbalge; von
diesem gestohlenen Eisen verfertigte er nachher einen ei-
-. 255 ^
sernen Haken von sechzig Klafter Länge und legte ihn an
ehien heimlichen Ort.
Der Sohn des Türgen Blroa, Chans von Balpo,^'') Na-
mens Büke Tsaghan Manglai, hatte zu seiner Verlo-
hungsfeier mit Tsoimsun Goa eine grosse Festmahlzeit
veranstaltet und Chara Gertu Chan hefahl dem 01-
dschibai, der Anordner des Festes zu seyn. Die drei Chane
A'ersammellen sich und Oldschibai war mit den Anordnun-
gen zumFeste beschäftigt. Da kam Büke Tsaghan Mang-
lai, die Senne seines gelben Bogen anziehend und rief:
„Bin ich nicht Büke Tsaghan Manglai, der den Jeke
Taju, den Bagha Taju, den Jeke Kügerge tschi , den
Bagha Kügergetschi, den Taigham Onong Tsong-
tsching und den Rongsa, der diese sechs Helden des
Herrschers in den zehn Gegenden Gesser Chaghan's ge-
tödtet hat?^^) Ist hier Jemand, der Lust hat, bei dieser fest-
lichen Gelegenheit einen Ringkampf mit mir zu wagen?
der Lust hat, meinen Bogen zu spannen?'' Als Oldschibai
diese Worte hörte, ward er von Grimm und Wehmuth
erfüllt, trat vor ihn, streckte sich aus und schrie: „Wehe!
Jammer!" Büke Tsaghan Manglai sprach: „Seht einmal
den Taugenichts ! streckst du dich etwa deswegen, weil du
Lust hast, mit mir zu kämpfen und meinen Bogen zu sj)an-
nen?" Oldschibai erwiederte: „Wie, bist du etwa ein Göt-
tersohn? Bist du etwa ein Sohn der Drachenfürsten der Tiefe?
Bist du doch nichts, als ein Menschen wesen dieser Welt 5 ein
Menschenkind gleich mir. Ein gerittenes Pferd ist vergnügt,
wenn es sich auf der Erde wälzen kann^ ein Hund, der Wild
gejagt hat, ist zufriedengestellt, wenn er seinen Durst in
Wasser stillen kann! Bin ich ein Pferd? bin ich ein Hund?
Warum stösst du solche Worte gegen mich aus, während
11) Vergl. S. 188.
28) Siehe S 203. Der Name des fünften der sechs Helden heisst
dort Unütschin Taju.
— 256 —
ich mich freute, dass da ein Fest veranstallen wolltest,
während ich beschäftigt bin, die Anordnungen zu deiner
grossen Festfeier zu besorgen? Du solltest eigentlich mit
bescheidenem Munde und höflicher Sitte an den Chan und
Vater, so wie an die Chaninn und Mutter nebst allen Schwä-
gerinnen die Frage richten, ob sie aus Güte und Gnade
dir dein Weib geben wollen oder nicljt; statt dessen trittst
du auf als Einer, der da spricht: „ЛҮоИеп sie mir mein Weib
geben, so nehme ich es, wo nicht, so kehre ich heim,
nachdem ich diese drei Chane gelödtel und gebrandschatzt
habe." Man erzählt, Gessers fünfzehnjähriger Nantsong
habe deinen A'^ater gelödtet und dessen Kopf, um den
Hals seines Pferdes gehangt, mitgenommen; ein ähnlicher
Held bist du, Nichtswürdiger !'• Büke Tsaghan Mang-
lai rief: „Dass dich die Pest! seht einmal die Frech-
heit dieses Bubenl" Dann rief er mit grimmigem Zorn-
blicke: „Nun wohlan, so spanne diesen meinen gelben
Bogen!" Oldschibai erwiederte : „Es möcbte für den
Buben Oldschibai zu schwer seyn, indess will ich doch
versuchen, ihn zu spannen-, die Schutzgeister der drei Chane
mögen entscheiden!" Büke Tsaghan Manglai gab ihm
den Bogen mit den Worten: „Spanne ihn so, dass von der
innem Fläche so viel Hörn übrig bleibt , um einen Löffel
daraus zu machen und von d.er äussern Fläche so viel Bast,
um das Keimende eines Pfeils zu bekleiden!" Oldschibai
nahm den Bogen und spannte ihn mit den \Vorten: „Statt
eines Löffels Averde zur schwarzen Kohle! statt Bast werde
zu Asche!"- Gesser hatte den Bogen durcli magische Kraft
gespannt; derselbe wurde zu Asche und kohle und ging
in Hauch auf.
Nun stand Büke Tsaghan Manglai auf und umfasste
den Oldschibai; er sprach: „Wir Beide geben einander
nichts nach; bleibt Einer von uns auf dem Platze, so ent-
stehe dem Andern keine Verantwortung daraus!" Die dxei
Chane riefen: „Oldschibai, lass es seyn! er möchte dich
— 557 —
umbringen!" dieser aber antwortete: „Die Scbutzgeister
meiner drei Chane mögen entscheiden! bleibe ich auf dem
Platze , Avas ist daran gelegen ! ich sterbe dann ja durch
ihre Hand." Diess gesagt, begannen sie den Ringkampf.
Büke Tsaghan Manglai versuchte es vergeblich, seinen
Gegner emporzuheben, ihn aus der Fassung zu bringen
oder ihm ein Bein zu unterschlagen-, Oldschibai blieb
unerschütterlich als wie ein in die Erde eingetriebener
Pfahl. Gesser richtete folgende Bitte an seine Schulz-
geister: „Ihr meine vielen himmlischen Schutzgeister! und
ihr, zum Weltsystem Gehörige, hier auf der Erde, mein
magischer Vater und Fürst der Berge Oa Guntschid!
Ihr sechs Seelen des Piongsa, des Onong Tsontsching
Taju, des Jeke Taju, des Bagha Taju, des Jeke Kü-
gergetschi und des Bagha Kügergetschi, erscheint in
der Gestalt von sechs Wölfen, packt diesen hier an den
sechs Theilen seines Körpers und entführt ihn!" — „Nun,
sprach Oldschibai, ist die Reihe an mir!" Er packte sei-
nen Gegner, hob ihn auf und warf ihn über sich hinwec-
Dem Luke Tsaghan Manglai floss das Blut aus beiden
Nasenlöchern, sein Hirnschädel war zerschmettert und er
starb. Die von Gesser erbetenen sechs Seelen kamen
in der Gestalt von sechs Wölfen, packten den Todten an
den sechs Theilen seines Körpers und entführten ihn. Die
drei Chane sprachen lachend : „Diesem ist sein grosses Maul
schlecht bekommen!" Tsoimsun Goa stellte sich, als
weine sie*, sie sprach: ..Sollte ich auch einem andern Manne
bestimmt seyn, so wird er mich als ein sündbehaftetes, als
ein unglückbringendes Mädchen nicht nehmen wollen. Ich
werde geachtet werden wie ein zehntausendjähriges un-
fruchtbares Reis, wie eine tausendjährige Schuldforderung."
Die drei Chane gaben ihr einen Verweis über ihr Weinen;
sie sprachen: „Wird nicht Jedermann dich für leichtfertig
halten? Sey still und halte dich ruhig!" Die Gäste des
Festes trennten sich und gingen auseinander.
n
Nun kam Mila Güntschid*») der Solin des ChinesJ-
scben Kaisers und Schwiegersohn des Tsaghan Gertu
Chän^ er sprach: „Büke Tsaghan Manglai und ich wa-
ren einander gleich ; wir pflegten uns gegenseitig nieder-
zu\^erfen. W enn zAvei Manner mit einander kämpfen, so
hat es nichts auf sich, wenn Einer den Andern tödtet. \Viid
einer überwunden, so steht er wahrscheinlich wieder auf^
Ideiht Einer aher auch todt liegen, so hat das nichts zu
hedeuten: es entstehe dem Andern daraus keine Verant-
wortlichkeit!" Sie umfasslen sich. Was soll ich noch erzäh-
len^ Oldschibai tödtele ihn in der Weise wie vorhin
berichtet.
Дип kam Mantsuk Sula, der Sohn des Chans von
Ssolongha und Schwiegersohn des Schira Gertu Chan;
er sprach die nämlichen Worte wie sein Vorgänger und
der Kampf begann. Auch diesen überwand und tödtete
Oldschibai durch magische Kraft.
Hierauf kam Mongsa Tüsker, der Sohn des Chans
des Landes Mon und Gemahl der altern Schwester der
Tsoimsun Goa, Tochter des Chara Gertu Chan. Der
Kampf begann und endigte mit dem Tode desselben nach der
oben beschriebenen Weise.
Als Gesser solchergestalt durch magische Kräfte die
besten und angesehensten Männer der drei Chane getödtet
hatte, sprach Fvogmo Goa zu Tsaghan Gertu Chan:
..Das ist kein Oldschibai, es ist Gesser selbst; tödtet er
nicht deine Besten und Angesehensten? Schicke doch den
Aghola Oergöktschi Büke her! tödtet erden, so glaube
ich gewiss, dass es Gesser ist; vermag er es nicht, so
kann er es meiner Meinung nach nicht seyn." Tsaghan
Gertu Chan schickte nach Aghola Oergöktschi Büke
mit dem Befehle: „Komm und kämpfe!" Er kam; über
jede seiner Scliultern hatte er sieben nasse Hirschhäute ge-
29)Yergl. S. 200 und 245.
— 25Ö -
Vvorfeü und rief: „Bist du da, Knabe Oldschibai? komm
geschwind her!" Oldschibai kam und fragte: „Was gibts?"
Der Andere ervviederle: „Man sagt von dir, Oldschibai,
du seyst ein kräftiger Kämpfer^ wir beide wollen uns im
Ringkampfe versuchen." Oldschibai versetzte: „Du hast
bereits im Dienste der drei Chane deine Kräfte ihnen ge-
widmet 5 ich habe diess noch nicht gethan. Es ist also kein
Grund zur Eifersucht vorhanden; ich mag nicht!" Aghola
Oergöktschi Büke entgegnete: „Das ist Feigheit! ohne
Widerrede, lasst uns kämpfen!" Oldschibai erwiederte:
,,Nun, so lasst uns denn spielen, wenn es seyn muss! du
möchtest mich sonst lödten, wenn ich den Kampf verwei-
gere." Als nun Oldschibai sich zum Kampfe vorbereitete,
nahm sein Gegner von seiner Schulter ein nasses Hirsch-
fell, trat auf ihn zu und warf es ihm hin rait den Worten:
„Da, nimm, Taugenichts!" Als er im Begriffe stand, auch
von der andern Schlüter ein Fell herunterzunehmen, ent-
gegnete ihm Oldschibai: „Bist du hergekommen, um
Hirschfelle zu kämpfen?" stand auf und umfasste ihn.
Aghola Oergöktschi Büke suchte den Oldschibai aus
der Fassung zu bringen, ihm ein Bein zu unterschlagen und
ihn emporzuheben, Oldschibai stand aber fest wie ein in
die Erdfläche eingetriebener Pfahl. Mit den Worten: „Ihr
meine nach Fleisch lüsternen Schutzgeister , packt sein
Fleisch an! Ihr meine nach Haaren lüsternen Schutzgeister,
ergreift ihn bei den Haaren ! Ihr meine nach Blut lüsternen
Schutzgeister, haltet euch an seinem Blute ! Kommt der
Reihe nach, zerreisst und entführt ihn!" — schleuderte ihn
der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan
über sich hinweg. Die Schutzgeister Gesser 's kamen der
Reihe nach und führten den Körper weg, nachdem sie
ihn in Stücke gerissen hatten.
Rogmo Goa sprach: „Das ist gewiss eine magische
Verwandlung Gessers! Wenn es Gesser selbst ist, so
■wird er mir eines seiner Zeichen offenbaren ; ist er es nicht,
— 560 —
So wird dless auch nicht geschehen." Diess gesagt, stieg
sie auf die weisse Pyramide, kämmte die rechte Seite ihres
Haiiplhaars , rief G e s s e r " s Namen lobend und preisend
und lieuchellc Thränen. Als Gesser in der Gestalt dos
Oldschibai mit einer Mistgabel in der Hand herankam und
trockenen Mist aufsammelte, als er die rührenden Schnier-
zenstöne der Rogmo Goa und ihren sehnsuchtsvollen Ruf:
„Mein Gesser, mein Gesser" hörte, dachte er: „Meine
Pvogmo ist mir nicht untreu geworden," und zeigte sich ihr
in der Geslalt des Buddha Kai Wadschra Dhara, des
neunfachen Buddha Mandschus'ri. Rogmo rief: „Ges-
ser ist gekommen I" stand auf und ergriff die Flucht.
Gesser jagte ihr nach, holte sie, ehe sie nach Haus ge-
langle, ein und warf sie auf eine Steinplatte, auf welcher
er sie dreimal umwälzte und sie durch magische Kraft seine
Ankunft vei-gessen machte.
Als Rogmo Goa nach Hause kam, sprach sie Aveinend
zu Tsaghan Gertvi Chan: „Ob Gesser gekommen ist,
ob nicht, kann ich nicht sagen; es scheint mir alles v>ie ein
Traum." Tsaghan Gertu Chan versetzte: „Als du
hingingst, wolltest du das Weib eines ganz ausgezeichneten
Mannes seyn. jNimm dich in Acht, dass ich dir nicht von
dem Fleische deines Mannes zu essen und лоп seinem
Blute zu trinken gebe! Für wen hältst du mich, für wen
hältst du den Herrrscher in den zehn Gegenden Gesser
Chaghan?" Diess gesagt, entfernte er sich.
Darnach sprach Rogmo Goa: ..Wenn er (Oldschibai)
wirklich Gesser ist, so werden ihm die Schlangen nichts
anhaben-, ist er es nicht, so werden sie ihn packen und
fressen-, lass ihn in die Schlangengrube werfen!" Oldschi-
bai wurde in die Grube geworfen. Gesser spritzte ein
wenig von der Milch des weiblichen schwarzen Adlers auf
die Schlangen 5 sie wurden Alle davon vergütet und kre-
]>irlen. Dann legte er die grossen Schlangen als Polslerlager
— 261 —
und die kleinen als Kopfkissen zurecht und legte sich
nieder. Nun sang Gesser in der Gestalt des Oldscliibai:
„Als dem Gesser sein Reich genommen wurde, als Dsesse
Schikir und die dreissig Helden den Worten Tscho-
tongs Glauben schenkten, wurde Gesser's Rogmo Goa
von meinen drei Chanen entführt. Auch erzählt man, dass
Roffmo Goa, seit sie xintreii und die Gemahlinn meines
Tsaghan Gertu Chan geworden, dass sie seit Gesser
Chans Entfernung ihr Gedächtniss verloren habe. Nun,
deines Gessers gedenkend, möchtest du, Rogmo Goa,
gern wieder zu ihm zurück. An die Schicksalsbestimmung
meiner drei Chane geknüpft, habe ich mich als tüchtigen
Mann gezeigt-, was hilft es mir aber! indess werde ich,
Oldschibai, welche Mittel man auch gegen mich in An-
wendung bringt, nicht umkommen. Die Schutzgeister mei-
ner drei Chane mögen über mich entscheiden!" Die drei
Chane erklärten einstimmig: „Oldschibai ist nicht als
Gesser erkannt!" und liessen ihn aus der Grube ziehen.
Zu der Zeit halte Tsaghan Gertu Chan zwei Hunde,
der eine (wie) ein Tiger, der andere (wie) ein Leopard
(gestaltet) j diese Hunde pflegten Menschen zu fangen und
zu fressen. Rogmo fing diese zwei Hunde und legte sie
an Ketten. Sie sprach: „Holt den Oldschibai her! wenn
er wirklich Gesser ist, so werden ihn die Hunde nicht
anfallen^ ist er es nicht, so werden sie ihn packen und
auffressen." Oldschibai hatte, als einer der trockenen Mist
sammelt, seine Mistgabel in der Hand und kam zu ihr ge-
laufen. Rogmo Goa liess die Hunde los und hetzte sie auf
ihn. Als die beiden Hunde auf ihn losstürzten, liess Ges-
ser durch magische Verwandlung sein Ebenbild mit der
Mistgabel sich wälzen und schaute zu. Rogmo sprach";
„Wenn er wirkhch Gesser wäre, so hätten die Hunde **
nicht angefallen; dieser Oldschibai ist von allem ^^ -, \
. . ° ' .erdacht
gereinigt. "
— 262 —
Oldschibai ging nach Hause-, er verwandelte sich in
Gesser's Gestalt und blieb in Oldschibai's Gestalt zu
Hause. Gesser ritt seinen magischen Braunen, er hatte
seinen ganzen Wafl'enschmuck angelegt , kam in Begleitung
einer grossen magischen Heeresmacht und lagerte an der
Westseite des Schlosses der drei Schiraighol'schen Chane.
Daselbst pflanzte Gesser Bog da seine Fahnen und Stan-
darten auf, liess die Trompete blasen , an verschiedenen
Stellen Gräben ziehen, viele Kessel aufstellen und eine
grosse Mahlzeit anrichten. Er liess seine starken Kämpfer
und geschickten Bogenschützen auftreten, durch sie allerlei
kriegerische Spiele auflühren und zeigte eine Menge anderer
magischer Verwandlungen. Die drei Schiraigholschen Chane
sammelten ihr Kriegsheer und rückten ihm entgegen mit
dem Rufe: „Gesser ist gekommen I" Als ihr Heer mit
Gesser's Heere zusammentraf, zog sich letzteres durch ma-
gische l'^erwandlung gleich einer blauen Rauchsäule gen
Himmel und verschwand. An der Lagerstelle, bei den
vielen Feuern, wo die Speiseu bereitet waren, lag ein
ganz verlaustes Kind. Oldschibai wollte mit gezogenem
Schwerte auf dieses kleine Kind losfahren, als Schiman-
birodsa ihm zurief: „Warte, Oldschibail wir wollen
Kunde von ihm einziehen." Dann fragte er das Kind:
„Wem gehörte das vor Kurzem hier gewesene Kriegs-
heer?" Das Kind antwortete: „Der Herrscher in den zehn
Gegenden Gesser Chaghan war hergekommen, um an
euch Rache zu nehmen. Als er bemerkte, dass eure Heeres-
macht stark, die seinige dagegen zu schwach sey, dass er
den Kampf mit euch nicht wagen könne, hat er sich aus
Furcht zurückgezogen.*' Schimanbirodsä fragte: „Warum
bist du zurück geblieben?" Das Kind antwortete: „Ich bin
ein Waisenkind eines der dreissig Helden und kam als
Diener eines Andern hiehcr. Von Läusen und Ungeziefer
überwältigt war ich vor Ermattung eingeschlafen und bin
zurückgeblieben." Oldschibai sprach: „Den Hirsch tödtet
— 263 —
mau durch das Horu des Hirsches'*'), sagt das Sprichwort,
wie wäre es, weun ich diesen als Feind Gesser's aufer-
zöge?" Tsaghan Gertu Chan erwiederte: „Du hast
Recht, Oldschibai! nimm ihn mit und mache aus ihm
einen Mann'-' Oldschibai nahm den Knaben mit sich nach
Hause, aber während der Nacht lief er ihm davon. Am
folgenden Morgen kam Oldschibai zu den drei Chanen
und sprach: „Das Kind jenes Ruchlosen ist davon gelaufen!"
Die Chane ervi'iederten : „Ist er fortgelaufen, was ist daran
gelegen! gehe da ruhig nach Hause!" Oldschibai kehrte
zurück in seine Wohnung.
Rogmo Goa wollte abermals prüfen, ob (Oldschibai)
Gesser sey oder nicht. Sie liess am folgenden Morgen die
Tsoimsun Goa und den Oldschibai zu sich kommen
und sprach zu ihnen: ,,Seit ich aus Gessers Lande herge-
kommen bin, habe ich kein Rauchopfer dargebracht 5 kommt
mit mir!" Rogmo Goa, Tsoimsun Goa und Oldschibai
machten sich ihrer Drei auf den Weg. Rogmo Goa
sprach: „Auf dem Feste habe ich meinen Schmuck ver-
loren-, man sagt, du, Oldschibai, habest ihn gefunden!''
Diess gesagt, wollte sie seine Brustbekleidung aufreissen,
um nachzusehen, aber Tsoimsun Goa winkte ihm mit
den Augen, und er liess es nicht zu. Unterwegs sprach
Rogmo: „Die Brahmanen der Tage des Alterthums stehen
höher als die Buddhas der Tage unserer Zeit." Als sie
auf dem Berge Dsussa Gumba Pvauchopfer darbringen
wollten, sprach Rogmo: „Wenn ein Mann anwesend ist,
wie könnten da Weiber opfern! Oldschibai, opfere du!"
Als nun der Knabe Oldschibai Räucherwerk auflegen
wollte, rief er: „Bergfürst Oa Güntschid, weisse Göttinn
Arjälamgari, Moa Guschi, Dangbo genannte Zeichen-
30) Gemeiniglich sind die beiden Enden des Bogens mit ihren
Kerben zum Einhaken der Senne von Hirschhorn.
— 264 —
deuter, Boa Donglsong Garbo, Uglur Udgari'*),
Dschamlso Dari Ldam, Gesser Sserbo Donrul), Om
Ah Hum!" und legLe Pväucberwerk auf. Rogmo gab
dazu ihre Einwilligung. Daun sprach Rogmo Goa: „01-
dschibai, du hast allerlei gesehen, du bist von Manchem
unterrichtet, ich will eine Frage an dich richten." 01-
dschibai e^wiederle : „Ich bin es zufrieden !" — „Nun
wohlan, sprach Kogmo Goa, Avas bedeutet jene goldene
Flache, als w'äre sie eine solche, auf welcher allen Buddhas
Opfer dargebracht wird? Was bedeutet das perlmutterne
Becken, gefüllt mit AVasser, ähnlich dem Muschelschmelze?
Was bedeutet das lasurne Becken, gefüllt mit Wasser, ähn-
lich dem Lasur? Was bedeutet die alte Frau, die eine
Menge Kinder um sich spielen lässt? Was bedeutet die
alte Frau, welche eine Menge Kinder von sich wegti'eibt?
Was bedeutet das zwei den Säbel schwenkenden Helden
Aehnliche? Was bedeutet das einer Pfeilkerbe und einer
Bogensenne Aehnliche?" Auf diese Fragen antwortete 01-
dschibai: „Gut, ich werde dir diess Alles erklären j wirst
du aber auch weinen?" Rogmo erwiederle: „Ja, ich werde
w einen I" Nun sprach Oldschibai: ,,Ist nicht die goldene
Fläche , ähnlich einer solchen wo allen Buddhas Opfer
dargebracht werden, Nuliim Tala? Ist nicht das Becken
von Muschelschmelz , gefüllt mit Wasser von derselben
Farbe der Tempel des Chomschim Bodhisatwa, den
Gesser in seinem zehnten Jahre erbaut hat, um die Wohl-
thaten seiner Eltern zu vergelten? Ist nicht das lasurne
Becken, gefüllt mit lasurfarbenähnlichem Wasser der Koke
Naghor? Ist nicht die alle Frau, welche viele Kinder um
sich spielen lässt, der Barumra genannte Chan^^) auf dem
31) Yergl .S. 7, woselbst diese Älitgeburt Gesser's unter dem Na-
men Arjawalori Udgari erscheint.
32) Verraulhlich ein hervorragender Pik des Gebirges. Die Be-
— 265 —
Eiso-ebirge? Ist nicht die alte Frau, welche viele Kinder aus
ihrer Nähe vertreibt, der durch die Kraft der Schrecklichen
entstandene, Kighorsun genannte, schwarze Berg? Sind
nicht die den Säbel schwenkenden zwei Helden die zwei
Felsen am Ursprung des Chatun - Stromes? Ist nicht das
einer Pfeilkerbe und einer Bogensenne Aehnhche der Cha-
tun-Strom selbst?" fiogmo Goa dachte bei sich: „Er ist in
der That Gesser selbst!" Gesser, der ihre Gedanken
wusste, bewirkte durch magische Kraft, dass sie ihre Her-
kunft und deren Ursache. völlig vergass.
In der folgenden Nacht erschien Gesser 's magisches
Kind und überfiel den Tsaghan Ger tu Chan. Es mähte
die neun Fahnen und Standarten nieder, hieb die neun
Regimentsköche zusammen und trieb die neun Pferdeheer-
den (der neun Hegimente) hinweg. Am Morgen liess
Tsaghan Gertu Chan seine beiden Brüder kommen und
erzählte ihnen mit Thränen in den Augen^. ,,0 Weh, welcher
sonderbare Vorfall! war-- es vielleicht eine magische Ver-
wandlung Gesser's? in dieser Nccht überfiel es mich und
ist wieder davon gezogen," Schimanbirodsa befahl hier-
auf, dass Bürküd Chara Tschissu - idektschi Tu-
sch im el in Begleitung von Oldschibai ihm nachjagen
solUe. Als Beide im Verfolgen ihn einzuholen im Be-
griff waren, sammelte Gesser's magische Kindverwandlung
Steine, steckte sie in den Busen, und rief, vor Beide tre-
tend, dem Bürküd Chara Tschissu- idektschi Tü-
schimel zu: ..Du hast dich dadurch, dass du den T scho-
ten g gefangen hast, als einen ganz ausgezeichneten Helden
bewiesen!" und ging ihm mit Steinwürfen entgegen. Als
der Tüschimel sich zurückzog, kam ihm Oldschibai
nennung Chan ist bei vielen Gebirgen oder einzelnen Theilen der-
selben gebräuchlich.
— 266 —
entgegen und empfing ihn ebenfalls mil Steinwürfen. „Was
ist das, rief der Tüschimel, луагит willst du mich, deinen
Kameraden tödlen," — „Deines A^aters verruchtes Haupt,
schrie Oldschibai, лүег bist du? ein verhasster Feind bist
du !" und tödlete ihn, indem er ihm der Kopf mit Steinen
zerschmetterte. Sodann band er ihn mit beiden Füssen an
den Schweif seines Pferdes und schleifte ihn, den Kopf
auf der Erde hinter sich, während er die Heerde zurück-
trieb. Bei seiner Zurückkunft berichtete er (den Chanen):
„Es war gewiss jener ruchlose Gesser; als mein Tü-
schimel ihn einholte, zerschmetterte er ihm den Kopf mit
Sleinvs iirfen und als ich hinzukam , zog er sich wie eine
aufsteigende blaue Rauchwolke gen Himmel. Was konnte
ich weiter mit ihm anfangen? es blieb mir nichts übrig, als
die Gebeine meines Tüschimel s und die Pferdeheerde
zurückzubringen." Die drei Chane sprachen: „Ist der Tü-
schimel todt, so ist er eben todt! gut ist's, dass du am Leben
geblieben bist. Nun gehe nach Hause und ruhe dich aus!'
Oldschibai fragte: „Sollen die Gebeine dieses meines Tü-
schiraels von seinen seit längerer Zeit her befreundet gewe-
senen Brüdern bestattet werden, oder befehlt ihr, dass ich,
erst seit heute sein Freund und Gefährte, sie bestatte?"
Die Chane erwiederten: ., Bestatte du sie! wann werden
seine Brüder kommen!" Oldschibai schleppte hierauf den
Leichnam zum Zusammenfluss zweier Flüsse und verscharrte
den Kopf desselben in die Erde, so dass die beiden Beine
aufwärts gegen den Himmel gestreckt emporstanden. Dann
legte Gesser Räucherwerk auf und rief: ,.Ihr meine vielen
himmlischen Schutzgeister und ihr, dem W^ellsystem an-
gehörigen Seelen meiner dreissig Helden! ich habe euch
hier mittels eines gefangenen verhasslen Feindes ein Weg-
zeichen errichtet. Keisst allen Schiraighorschen Wesen der
Reihe nach die Seele aus und esset euch satt an ihnen ! Diess
— 267 -"
sey eucli Regel und Gesetz!" Nach dieser Beschwörung
kehrte er zurück.
Rogmo Goa wolhe nochmals versuchen, ob Oldschi-
bai in der Wirklichkeit Gesser sey oder nicht. Sie stellte
zu diesem Zwecke zwei Thronsitze hin, einen goldenen
und einen silbernen und hatte dabei den Gedanken : „Wenn
er blos Oldschibai ist, so wird er sich auf den silbernen
Stuhl setzen 5 ist er aber nicht Oldscbibai, sondern in
der That Gesser, so setzt er sich gewiss auf den goldenen
Stuhl." Oldschibai wusste, dass sie ihn versuchen wollte;
er erschien dem gemäss in einer seiner magischen Ver-
wandlungen als Gesser; als solcher ritt er seinen magischen
Braunen, hatte seinen thauschimmerfarbenen blauschwarzen
Harnisch angelegt, seine zwei blilzfarbenen Schul terbedek-
kuugen umgelegt, den wie aus Sonne und Mond vereint
zusammengesetzten weissen Helm auf sein edlos Haupt ge-
setzt, seine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis
und seinen straffen schwarzen Bogen eingesteckt. Als Ol-
dschibai kam er und setzte sich auf den goldenen Thron-
sitz; in seiner magischen Verwandlung als Gesser ritt er
seinen magischen Braunen, machte auf demselben Sprünge
und Sätze und stach mit seinem neun Klafter langen schwar-
zen Schwerte in die Brustwehr des Schiraighol'schen Schloss-
walles, wobei er rief: „Zwischen den iSchiraighol und
Tübelern hat gar keine Feindschaft bestanden; war es etwa
die Verschuldung des gehörnten Zickels? oder die Ver-
schuldung des geschwänzten Füllens? Aus welchem Grunde
habt ihr meine Gemahlinn Rogmo Goa hieher entführt?
Aus welchem Grunde habt ihr meinen Tempel von drei-
zehn Wadschras geplündert? meine zwei grossen Samm-
lungen des mit goldener Schrift geschriebenen Kandschur
und Tandschur, meinen kostbaren Talisman Tschin-
tämani, meine schwarze Kohle ohne Riss und Sprung und
meine weisse Pyramide geraubt? meine dreissig Helden,
meine drei Völkerschaften, meine dreihundert Hauptleule
— 268 —
weggeführt?" Tsoimsun Goa, die Tochter des Chara
Ger tu Chan, ervviedertc hierauC: „Du denkst vielleicht,
ein Mädchen pflege sich' unbefugt einzumischen; wisse aber,
dass deine Rogmo dir zurückgegeben werden soll, dass die
Stätte deiner dreissig Helden wieder errichtet Averden soll.
Dsesse Schikir, Schumar und iVanlsong sind gefallen,
nachdem sie eine unermessliche Zahl unserer Truppen ge-
tödtet hatten; diess mag also mit einander aufgehen. Deine
weisse Pyramide , deine schwarze Kohle ohne Kiss und
Sprung, dein mit Goldschrift geschriebener Kandschur
und Tandschur, deine dreihundert Hauptleute, deine
drei Volksstämme, dein Tempel von dreizehn Wadschras,
Alles soll dir zurück erstattet werden," Gesser schrie:
,,lch will nicht! es genügt mir nicht! schafft mir meine
dreissig Helden lebendig herl" wo nicht, so trifft euch
Verderben und Schmach!'- Tsoimsun Goa erwiederte:
„Wie ist es möglich, todte Menschen лvieder zum Leben zu
erwecken!" Gesser aber schrie fort: „Weh euch! Weh
euch! gebt mir meine dreissig Helden! und stach dabei
mit seinem neun Klafter langen schwarzen Schwerte durch
die Brustwehr des Schlosswalles, so dass die drei Chane
vor Schrecken erstarrten. Oldschibai stieg auf die Brust-
wehr der Feste und suchte das neun Klafter lauge Schwert
zu fassen, verfehlte es aber. Unterdessen stieg die Ver-
wandlung des Oldschibai (Gesser) empor gen Himmel.
Darnach riefen die drei Schiraighol'schen Chane: „Seht
doch diesen Oldschibai; er n^ ill mit Gesser aufbeben
und Tod kämpfen!-'
In der folgenden ]N acht nahm Oldschibai seinen sech-
zig Klafter langen eisernen Haken und war im Begrifl',
denselben in eine Ecke der Gallerie hakend, hineinzuklettern,
als der Schutzgeist des Tsaghan Gertu Chan, die Gott-
heit Lerkün Tsaghan, ihn an den Haaren rücklings nie-
derriss. Der Fall machte dem Gesser Schmerzen, er lag
eine Zeillang, stand w ieder auf, hakte seinen sechzig Klafter
-. 269 —
langen eisernen Haken abermals ein und kam in die Feste.
Alsbald lief er in die Behausung des Tsaghan Ger tu
Chan, fand aber die Eogmo Goa nicht; sie war in den
grossen See gegangen, sich zu baden. Rogmo pflegte, nach-
dem sie eine Schale starken Branntwein getrunken und das
Herz eines Schafes gegessen hatte, sich schlafen zu legen.
Den Tsaghan Gertu Chan erwürgte Oldschibai auf
dem Lager , riss ihm den Leib auf und schnitt ihm das
Herz aus. Die Schale mit starkem Branntwein und das
Herz für Rogmo trank und ass Gesser selbst, that dann
das Herz des Tsaghan Gertu Chan und dessen Blut in
die Schale und stellte sie an ihren Ort. Den abgeschnitte-
nen Kopf des Tsaghan Gertu Chan legte er auf das
Kopfkissen und überdeckte ihn mit der Bettdecke; sodann
kroch er hinter das Hausgeräthe und legte sich dort nieder.
Rogmo Goa kam, sie trank das Blut und ass das Herz
des Tsaghan Gertu Chan; sie sprach: „Wie widerlich
schmeckt diess ! kommt es vielleicht daher, dass ich sihr
ermüdet bin?"' Dann rief sie: ,, Stehe auf, Chänh' sie zog
dabei die Bettdecke zurück und der Kopf rollte herunter.
„O Weh!" schrie Rogmo, und auf diess Geschrei kam
Gesser hinter dem Hausgeräthe hervor und sprach: „Ha.
du bist Eine, die ihres Mannes Fleisch isst und sein Blut
trinkt I" Diess gesagt, fasste Gesser die Hand der Rogmo
und zerrte sie hinaus. Als er draussen war, sagte er: „Ich
habe meine Peitsche vergessen I" Er ging wieder hinein
und erblickte das Kind des Tsaghan Gertu Chan in
seiner eisernen Wiege liegen, лvie es einen eisernen Bogen
mit einem eisernen Pfeile anzog. Es dachte: „Schiesse ich
jetzt, komme ich ihm vielleicht zuvor; schiesse ich nachher,
dann möchte es zu spät sej-n." Gesser, der diess wusste,
packte das Kind an beiden Füssen und mit den Worten:
„Ist es mein Kind, so fliesse Milch; ist es aber das Kind
des Tsaghan Gertu Chan, so lliesse Blut!" schleuderte
er es gegen den Thürpfosten. Es floss Blut und das
— 210 -.
Kind starb. Sodann nahm er die Rogmo mit und ent-
fernte sich.
Chara Gertu Chan und Schira Gertu Cliän sam-
melten ihre ühriggebhebene, noch aus Einer Million drei-
hunderttausend Mann bestehende, Streitmacht und machten
sich zur Verfolgung auf. Schimanbirodsa ritt sein ma-
gisches weisses Pferd, an dessen vier Füssen vier eiserne
Ambosse befestigt луагеп und dessen Rücken ein eiserner
Amboss beschwerte, und holte ihn (Gesser) ein. Da rief
ihm der Herrscher in den zehn Gegenden, der heilbrin-
gende, heldenmüthige Bogda Gesser Chaghan entgegen:
„Bist du gekommen, zu tödteu oder um dich tödten zu
lassen? bist du gekommen, um zu siegen oder um be-
siegt zu werden?" Schimanbirodsa erwiederte: „Ich bin
nicht gekommen um zu tödten: was soll ich aber sitzen
und überlegen, nachdem mein älterer Bruder mir getödtet
ist! Ich halte den Ruf eines im Kampfe Gefallenen für
besser als den eines in müssiger Unthatigkeit Gestorbenen 5
deswegen bin ich hergekommen!" Gesser Chaghan er-
wiederte: „Der du zum Kampfe gekommen bist, schiesse
als geschickter Bogenschütze^ ich will als Held Stich hal-
len!" Diess gesagt stieg Gesser Chaghan ab und stellte
sich, als verlängere er seine Steigbügel, er verkürzte sie
aber. Nun spannte Schimanbirodsa den Bogen mit ei-
nem Pfeile, dessen Spitze so breit wie eine Handtläche
ЛУаГ5 er schoss und der Pfeil fuhr mit Geräusch zvvischen
den Beinen Gesser Chaghan's hindurch. Sodann spracli
Gesser: „Mein Dsessejst grimmig; er will dein Fleisch
essen!" Diess gesagt durchschoss er ihm die Blase, stürzte
auf ihn zu und hieb dem Schimanbirodsa den Kopf ab,
welchen er seinem magischen Braunen um den Hals hing.
Nun kehrte Gesser Chaghan, seinen magischen Brau-
nen reitend, zurück-, er sprach zu sich: „Meine Grossmut-
ler Absa Gürtse und der Gott Chormusda mein Vater
sagten mir, dass während meines Aufenthalts auf Erden ich
— 211 —
In zwei grosse Kriege verwickelt werden würdet sie ga-
ben mir damals ein eisernes Messer und ein goldenes
Kästchen." Als er dieses öflnele und hineinsähe, fand er
darin eine eiserne Kugel und eine Wespe. Er Hess die
Kugel los und sie fuhr den Feinden durch die Ohren-, er
Hess die Wespe los und sie stach den Feinden die Augen
aus. Schira Ger tu Chan tappte, des Gesichtes berauht,
umher. Da sprach Gesser Chaghan: „Mein magischer
Brauner ! diese Million dreihunderttausend Mann zu Brei
zusammenzutreten ist deine Sache-, sie mit meinem neun
Klafter langen schwarzen Schwerte zusammenzuhauen ist
meine Sache !" Diess gesagt, stürzte er sich unter die
Feinde; der magische Braune trat sie zu Brei und das
schwarze neun Klafter lange Schwert hieb sie zusammen.
Das Geschlecht der Schiraighol rottete er mit der Wurzel
aus; Die Weiber und Kinder führte er gefangen hinweg.
Den kostbaren Talisman Tschintämani, die schwarze
Kohle ohne Riss und Sprung, den mit Goldschrift geschrie-
benen K a n d s c h u r und Tandschur, die dreihundert
Hauptleute, die dreissig Helden, die drei Vulksstämme, den
Tempel von dreizehn W a d s c h r a s , Alles erwarb er
zurück.
Nun trat der Herrscher in den zehn Gegenden Ges-
ser Chagliau den Rückweg in sein Land an. Er hatte
das Herz des Ohara Gertu Chan Seh imanbirodsa mit-
genommen und gab es seinem Dsesse zu essen; er sprach
zu ihm: „Mein Dsesse, wenn du wieder mein Freund
und Gefährte werden willst, so werde ich dich in deinen
frühern Körper umwandeln; wenn du diess aber nicht
willst, sondern lieber bei meinem Vater, dem Gotte Chor-
musda, wiedergeboren zu werden wünschest, so werde
ich deine Geburt daselJist besorgen." Hierauf erwiederte
»Dsesse: „Ich habe mich und meine Kräfte so lange dei-
nem Dienste gewidmet; sollte ich nun wieder den mensch-
lichen Körper bekommen, so möchte es vielleicht schwer
— 212 —
seyn, ihn in der zukünftigen Wiedergeburt zu erhalten Ich
ziehe es daher vor, bei deinem Vater, dem Gölte Chor-
rausda, in der Höhe wiedergeboren zu werden." Diesen
Entschluss genehmigte Gesser und beförderte die Seele
des Dsesse zu seinem Vater, dem Gölte Chormusda.
Darnach zerschlug er (Gesser) der Rogmo Goa eine
Hand und einen Fuss und überlieferte sie einem achtzig-
jährigen Schafhirten. Als Rogmo solche Qualen erdulden
musste, rief sie: „Wenn mich doch die Teufel und Un-
holde holten!" Durch die Macht dieses verkehrten schwar-
zen Fluches kamen die Teufel und Unholde, vergruben
ihren Hinterlheil im Eise, warfen ihre Brust in den Fluss
und setzten ihre Eingeweide der Sonnenhitze aus. Die
Seele der Rogmo Goa verwandelte Gesser Chagh an in
einen gelben Ziegenmelker. In einem schwarzen Halbzelte
halte derselbe eine, schwarze Ziege und lebte von der Milch
dieser Ziege, ein Schälchen voll, und von der Buller dieser
Milch, ein Stückchen von der Grösse eines kleinen Fro-
sches. Von oben herab rief Dsesse dem Gesser zu:
„Mein Gesser Ghaghan, diese Rogmo ist dir zweimal
und mir einmal nützlich gewesen; in Anerkennung davon
stelle sie wieder her und nimm sie zu dir!" Gesser er-
wiederte: „Mein Bruder Dsesse hat Recht; ich will sie
wieder herstellen und zu mir nehmen. " Hierauf ging der
weise Gesser Ghaghan in das schwarze Halbzeit, nach-
dem er sich in die Gestalt eines Andern verwandelt hatte,
biss in das Stückchen Butter von der Grösse eines kleinen
Frosclies und berührte mit dem Ende seines Bartes die
Milch in der Schale; alsdann versteckte er sich. Die ver-
\vandelte Seele der Rogmo, der gelbe Ziegenmelker mit
schwarzem Vorderkopfe, kam und setzte sich auf den Kranz
des Rauchfanges. Er sprach: „Die Bissspur in dieser mei-
ner Butter hat Aeliuliciikeit von dem Abdruck der Zälmo
meines Gessers. die Bartspur auf der Oberfläche meiner
Milch hat Aehnlichkeit von dem Barte meines Gessers.
^ 21Z —
Ah, mein Bogda, wenn du es wärest! bist du aber ein
Fremder, so werde meines Gleichen!" Gesser, der die
Rede verstand, warf seine eiserne Schlinge und fing den
Ziegenmelker. Nachdem er ihn gefangen hatte, sammelte
er die zerstreuten Körpertheile der Rogmo. Als er sie
beisammen hatte , stellte er sie in ihrer frühern Gestalt
лvieder her nach dem Wunsche des Dsesse. Sodann nahm
der weise Gesser Chaghan die Rogmo mit sich und
kam nach Nulum Tala in sein Land. Der kostbare
Tschintämani, die schwarze Kohle ohne Spruug und
Riss, die zwei grossen Sammlungen des mit Goldschrift
geschriebenen Kandschur und Tandschur, der Tempel
mit dreizehn Wadschras, Alles wurde erneut und herge-
stellt. Umgeben von seinen dreissig Helden, seinen drei-
hundert Hauptleuten, seinen drei Völkerschaften und ihren
zahlreichen Nachkommen lebte er ruhig in Götterfreude.
SECHSTES GAPITEL.
Gesser wird durch List einfs feindseligen Zauberers in
EINEN Esel verwandelt. Seine Freunde verschaffen
IHM durch Zaubermittel wieder die Menschengestalt
und er nimmt Rache am Zauberer.
Während Gesser Chaghan Freude und Vergnügen
genoss, geschah es, dass eine magische Verwandlung des
mit zehn Kräften ausgerüsteten Riesen in der Gestalt eines
grossen, verdienstvollen, heiligen Lama erschien. Er kam
mit einer Menge von Kostbarkeiten und Schätzen. Rogmo
Goa sprach zu Gesser: „Diess ist ein grosser Heiliger!
lasst uns Beide hingehen und uns vor ihm verbeugen!"
18
- 2T4 —
Cesspr ervvle^erlo: „Wenn er zufällig hergekommen ist,
so mag er zu mir in mein Hans kommen*, wenn er gekom-
jnen seyn \vircl. werde ich ihm meine Л erhengung machen,
ich aber gehe nicht zu ihm. Hast du Lust, so gehe hin
und verheuge dich!" Rogmo Goa war es zutVieden und
ging hin. Als sie znm Lama kam, verlieugte sie sich und
Hess sich von ihm dessen Rosenkranz auf das Haupt legen.
Darnach holte der Lama alle seine Koslharkeilen und Schätze
hervor und zeigte sie der Kogmo Goa. Diese sprach:
,, Woher hat der Lama alle diese Keichlhümer und Kost-
barkeiten!" Der Lama ervviederte: ,,De!n Hewscher in den
zehn Gegenden Gesser Chaghan mag wohl alle Kost-
barkeiten und Schätze l^esitzen: ich besitze sie nicht!" Dar-
nach verbeugte sich Kogmo Goa und ging nach Hause.
Dort angelangt sprach sie zu Gesser: ,.Dieser Lama besitzt
einen unerschöplHchen Schatz von Kostbarkeiten-, gehe doch
hin und verbeuge dich vor ihm!" Gesser erwiederte: „Was
soll er mit mir! Nimm du mein ganzes Volk mit und ver-
beuge dich!" Rogmo Goa nahm das Volk mit und kam
zur Verbeugung. Nachdem diess geschehen war, theilte der
Lama alle seine Schätze sowohl an die Rogmo Goa als an
das Volk zu Jedermanns Zufriedenheit aus. Darnach fragte
der Lama die Rogmo Goa: „Willst du meine Hausfrau
werden?" Rogmo erwiederte: „A^ermagst du den Gesser
zu besiegen? wenn du das vermagst, so will ich deine
Hausfrau werden." Der Lama versetzte: ,, Durch irgend
eine List vermöchte ich es wohl, ihn zu besiegen; schaÖe
du ihn mir durch irgend einen Kunstgriff her! ich werde
dann, unter dem Scheine ihm den Segen zu geben, ihn
in einen Esel umwandeln." Rogmo Goa gab hiezu ihre
Einwilligung. Nachdem sie zu Hause gekommen war, sprach
sie zu Gesser: „Es ist ein ausgezeichnet wundervoller
magischer Lama! Unsern Armen und Hülfsbodürftigcn hat
er seinen ganzen Schatz zu ilirer vollen Befriedigung ge--
spendet; es ist ein ganz ausnehmend sanftmüthiger, barm-
— 215 -
herziger, heiliger Lama! Komm doch mit und verbeuge
dich vor ihm! nach der Verbeugung empfangen wir seine
Güter und seinen Segen." Gesser erwiederle: „Wohlan,
so wollen wir uns verbeugen und den Segen empfangen !' '
Er begab sich zum Lama, verbeugle sich und Avährend er
sich den Se^en wollte ertheilen lassen, nahm der Lama ein
gemaltes Eselbild und legte es auf Gessers Scheitel, wo-
durch er ihn augenblicklich in einen Esel umwandelte.
Nachdem diess gfeschehen \\ai\ nahm der mit zehn Kräften
ausgerüstete Kiese die Roomo zu sich und Gesser wurde
mit allerlei teuflischem Unrath beladen.
Zu der Zeit, als Gesser zum Esel umgewandelt und
als solcher gebraucht wurde, traten Leseskülenglu Mer-
gen Kja, der alte Tsargin, Laitschab, der Sohn des
Dsesse, und alle drei Л ölkerschafleu zusammen und be-
ralhschlagten sich. Sie sprachen: „Lasern Gesser hat die
magische Vervvandlung des Riesen, der Lama, in einen Esel
umgewandelt; wer von uns vermöchte es wohl, ihn zu
besiegen? wohl Niemand anders "als Gesser "s Gemahlinn
Adschu Mergen." Demgemäss wurde Üeseskülengtu
Mergen Kja zur Adschu Mergen Chatun abgeferligl.
In einem einzigen Monate gelangte er an ibren, eine Ent-
fernung von zehn Monaten Reise betragenden, Aufenthaltsort.
Bei seiner Ankunft erzählte L eseskülen glu Mergen ^.ja
Alles was sich zugetragen hatte. Adschu Mergen erwie-
derte: „Wer ist der Gesser Chaghan Genannte? wer ist
der Ueseskülengtu Mergen Kja Genannte?" Diess ge-
sagt, ging sie ins Haus und verschloss ihre Thüi'e. Nach-
dem UseskülengLu Mergen Kja drei Wochen rubig
geharrt hatte, kam Laitschab, der Sohn des Dsesse an.
Er rief: „Auf meinen Oheim, den Herrscher in den zehn
Gegenden, den heilbringenden trefflichen Gesser Cha-
ghan wird unaufhörlich nichts als teuflischer jUnialh gela-
den, so dass ihm seine Eselslunge schon ausgegangen und
er dem Tode nahe ist! Oh Weh, O Weh, Adschu Mer-
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gen, meine МаЬше, was machst du! Komm doch aufs
baldigste'.-' Durch Lailschab's Worte wurde Adschu
Mergen erweicht und wcinle; sie liess nun Beide ins Haus.
An ihrem Spiesse scheuerte sie einen ganzen Monat lang;
um ilire Waffen zu scheuern und in Ordnnng zu bringen,
brauchte sie für jedes Slüek einen Monat Endlich war sie
zumAufbrucli fertig; sie sprach: ,.Mein Laitschab, bleibe
du hier; du bist noch zu klein, um mir bei meiner Un-
ternehmung von Nutzen zu seyn. Du aber, Ueseskülengtu
Mergen Kja, kannst du mein Unternehmen ausführen
helfen?'- Antwort: „Ich hoffe es zu können." Adschu
Mergen versetzte: ..Nein, du kannst es nicht!" sie winkle
hierauf dreimal mit der Hand, verwandelte dadurch den
Ueseskülengtu Mergen Kja in eine kleine Schnecken-
muschel und steckte ihn in ihre Tasche, worauf sie den
Weg antrat.
Als Adschu Mergen nahe am Ziel ihrer Keise war,
verлvandelle sie sich in die ältere Schwester des mit zehn
Kräften ausgerüsteten Riesen. Mit Ungeheuern Glotzaugen,
mit Augenbraunen, die bis auf die Brust herabhingen, mit
bis auf die Knie herabhängenden Brüsten, mit gefletschten
Zähnen und sich auf einen neun Klafter langen Stab stützend,
kam sie л'ог die Schlosspforte des Riesen. Zum Thorhütei-
sprach sie: „Ich bin die ältere Schwester des mit zehn
Kräften ausgerüsteten Riesen ; da mir zu Gehör gekommen
ist, dass er den Gesser besiegt habe, so bin ich gekommen,
ihn zu besuchen. Gehe hin, mein Freund, und berichte
meinem Bruder diese meine Worte!" Der Thürhüter ging
hin und stattete seinen Bericht ab. Der Riese fragte nach
Gestalt und Aussehen, und der Thürhüter gab davon eine
vollständige Beschreibung. Daraufhin erklärte der Riese,
dass es wirklicli seine Scliwester sey und gab den Befehl,
sie einzulassen, worauf die Alte, auf ihren schwarzen Stab
gestützt, eintrat. Der Riese ging ihr entgegen, empfing sie
und führte sie zum obern Sitze. Nachdem sie sicli gesetzt
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hatLe, sprach die Alle: „Wo, mein Lieber, ist die Gemahlinn
Ge SS er 's, die du ihm abgenommen hast? ich möchte sie
sehen." Der Riese gab seine Einwilligung, und stellte
ihr die Rogmo vor. Als sie hereinkam, betrachtete die
Alte sie , die Hand über den Augen haltend und rief
dann : „Oh , diess ist also die R o g m o G o a C h a t u n
genannte neunfache D a k i n i - A^erwandlung ! Wie schön,
wie herrlich!-' Nachdem sie die Kognio besehen und be-
wundert, sprach sie: „Tritt doch näher, meine Schwägerinn,
und bewillkomme deine Schwester!" Nach der Begrüssung
sprach der Riese: „Meine Schwester! da du von weit her-
gekommen bist, so besehe dir Alles! Sehe dir Alles an, was
ich erbeutet hal^e und nimm davon, was dir gefällt!" Die
Alte ging und besah sich Alles-, als sie damit fertig war,
kam sie zurück in das Haus ihres Bruders und sprach :
,,Wie schön, wie herrlich, mein Theurer, ist Alles! ich
bin entzückt von dem, was ich gesehen habe! Ich, deine
alte Schw estei-, bin durch den Anblick aller deiner schönen
Sachen zufriedengestellt. Nun will ich wieder den Heim-
weg antreten!'' Der Riese versetzte: „Nimm, meine Schwe-
ster, von meiner Beute, was dir gefällt!" Die Alte erwie-
derte: ,,Ich alte Frau bedarf aller dieser Sachen nicht ^ gib
mir aber deinen schwarzen Esel, so werde ich, ihn reitend,
bequemer nach Hause kommen." Der Riese entgegnete:
„Was ist daran gelegen, meine Schwester; ich überlasse ihn
dir." Hierauf bemerkte Rogmo Goa: ,,0h, mein Mann,
weisst du als Riese es etwa nicht? Was Gesser nicht sieht
und wäre es Gras; auch in Gras kann er sich verwandeln.
Mit einem Wort, er verwandelt sich in Alles was er sieht.
Gewiss ist diess hier eine magische A'^erwandlung Gesser's,
wo nicht, so ist es eine magische Verwandlung der A-
ds'chu Mergen, " Die Alte versetzte: „Ich sehe es, lieber
ist dir das schwarzgallige Weib, als ich, deine Blutsfreun-
dinn!" Diess gesagt fiel sie hin und wälzte sich auf der
Erde. Der Riese sprach: „Stehe auf, Schw^ester, warum
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solllest flu um solcher Kleinigkeit willen sterben! ich werde
<lir den Esel geben I" Die Alte stand auf und der Гисяе
sprach zu ihr: „Du weisst es nicht, meine Schwester^ der
Esol ist eine Umwandlung Gesser's; die Ursache, warum
ich ihn dir nicht geben wollte, ist die, dass man nicht
weiss, in was Alles Gesser sich verwandeln kann." Die
Alte erwiederte: ..Eben deswegen, weil es dein verhasster
Feind ist, so übergib ihn mirl ich werde ihn schon zu be-
bandcln wissen." Der Riese versetzte: „Wenn dem so
ist, so nimm ihn, meine 5сЬлүе51ег1" und übergab ihr deu
Esel. Nachdem diess geschehen war, sprach ilogmo Goa:
„Du hast ihn nun aus den Händen gegeben 5 schicke aber (aus
A^orsicht) einen deiner Schulzgeister, in zwei Raben ver-
wandelt, zur Begleitung mit!" Der Riese genehmigte diesen
A'orschlag und schickte die Raben als Begleiter mit.
Die Alte trat nun, den Esel führend, ihren Weg an,
und die beiden Raben blieben ihr stets zu beiden Seiten,
sie mochte wandern oder ruhen. Indem sie solchergestalt
den Esel fortführte, gelangte sie zum Schlosse der Schwe-
ster des Riesen. Die vordere Hälfte des Esels befand sich
bereits innerhalb des Thores, die hintere Hälfte noch aus-
serhalb, da kehrten die Raben um. Zu Hause angelangt,
berichteten sie dem Riesen: „Sie ist es wirklich: sie ist in
ihrem Schlosse angelangt!" Der Riese erwiederte: ,,Gut!"
und war beruhigt.
Die Alte führte ihren Esel A^eiter und liess sich bei
den Unterthauen des Riesen nieder. „Ich bin, sprach sie,
die ältere Schwester des Riesen; sorgt dafür, dass mein
Esel gehörig Wasser und Ileu bekomme!" In der folgen-
den Nacht schaß'te sie ihrem Esel den Unrath aus dem
Leibe, dann begab sie sich früh Morgens mit ihm zu ihrem
Vater, dem Drachenfürsten, woselbst sie den Esel mit vie-
lerlei gesegneten Speisen fütterte-, davon wurde der Esel
zu einem ausgetrockneten schwarzen Kinde. Dieses wurde
in heilsamem Wasser gebadet und mit verschiedeneu Speisen
— 219 —
gespeist, wodurch der Herrscher iu den zehn Gegendeu,
der vvohlthälige und üefFJiche Bogda Gesser Chaghan
seine frühere Gestalt bekam.
Nun verabredeten Gesser und Adschu M er gen mit
einander, sich gegenseitig jeden Morgen auf der Jagd zu
versuchen. Als sie an einem der folgenden Morgen auf
der Jagd лүагеп, sprach Adschu Mergeu: „Jenseils dieses
gelblich - Aveissen Höhenzuges werden wir einer Hirschkuh
mit gelblich- weisser Blässe begegnen 5 wenn diese dir in
den Schuss kommt, so verfehle ja nicht, sie in die Slirn-
blässe zu treffen!" In der That begegnete ihnen die be-
zeichnete Hirschkuh. Gesser verfolgte sie und durchschoss
die Blässe ihrer Stirne dergestalt, dass das Eisen des Pfeils
am Hintern hervorkam. Die Hirschkuh floh mit dem Pfeil
im Leibe davon und lief in das Schloss der Schwester des
Riesen. Gesser und Adschu Mergen verfolgten sie
Beide und im Begriffe sie einzuholen, fanden sie das Thor
bereits verschlossen. Da nahm Gesser sein stählernes Beil
von drei und neunzig Tsching, zerschmetterte damit das
Thor und trat, (nebst Adschu Mergen) hinein. Sodann
verwandeile er sich in einen schönen Knaben, ging hin und
fand die alte Schwester des Hiesen mit einem Pfeüe durch-
bohrt, der ihr durch die Stirne ging und am HinLerende
des Körpers hervorkam, und in der Art eines Hundes
sitzen. Die Alle sprach zum Knaben; ,,Isl diess ein Pfeil
der Assuri? ist es ein Pfeil der Drachenfürsten? ist es
ein Pfeil der Götter.? oder ist es gar Gesser 's Pfeil? Ö
ЛУеЬ, wie kann ich das erkennen !" Der Knabe erwiederte :
„Mütterchen, den in dir steckenden Pfeil will ich ausziehen^
wenn ich ihn ausziehe, wirst du da meine Hausfrau wer-
den?" Die Alte entgegnete: „Ja, ich Avill deine Hausfrau
werden.'' Der Knabe sprach: „So schwöre!-' Sie schwor
und er zog ihr den Pfeil aus. Aber kaum hatte er den
Pfeil ausgezogen, so verschlang die Alte den Gesser so-
wohl als die Adschu Mergen. Da sprachen Beide, Gesser
— 280 —
iiud Adschu Mergen aus ihrem Innern гп ihr: „Hat-
test du nicht geschworen? warum versclilingst du uns ?
Schaffe uns gleich wieder hinaus, wo nicht, so werden
лухг dir einen Blutlauf bewirken und uns durch deine bei-
den Niereu bohren" Die Alte sprach: ,ЛЬг habt Recht!"
und spie Beide aus.
Nun machte Gesser sich auf den AVeg, лүо sein AVeib
und der Kiese wohnten. Als Gesser hinkam, verwan-
delte der Piiese sich in einen Wolf und nahm die Flucht.
Gesser verwandelle sich in eineu Elephanten und jagte
ihn. Im Begriffe den Riesen einzuholen, verwandelte dieser
sicli in einen Tiger und floh weiter. Gesser verwandelte
sich in einen Löwen und setzte ihm nach. In dem Augen-
blicke, da er den Riesen einholte, verwandelte dieser sich
in einen Schwärm Fliegen und Mücken. Während Gesser
beschäftigt war, diese durch einen Kreis von Asche aufzu-
halten, brachen sie hier und dort durch und nahmen ihre
Zuflucht in das Schloss der Schwester des Riesen. Daselbst
verwandelte dieser sich in einen ehrwürdigen, von fünftau-
send geistlichen Schülern umgebenen Ober-Lama. Als Ges-
ser diess erfuhr, gab er dem Lama folgenden Traum ein:
„Morgen früh wird ein sehr kluger, geistvoller und dabei
ausnehmend schöner Schüler zu dir kommen. Wenn er
kommt, so nimm ihn gütig und zuvorkommend auf; er wird
dein bester Schüler werden!" Nachdem Gesser dem Lama
diesen Traum eingegeben hatte, legte er selbst sich schlafen.
Am folgenden Morgen früh stand er auf und kam zur ge-
hörigen Zeit zum Lama. Als der Lama ihn erblickte, sprach
er: „Das ist die Erfüllung meines in dieser Nacht geträum-
leu Traumes!" und machte ihn zum Ersten aller seiner
fünftausend Schüler.
Der Lama verfertigte verderbliche Zauberzeichen gegen
Gesser's Land und Gegend-, er gab sie seinem ersten
Schüler mit dem Auftrage: „W^irf sie hin mit der A'^erwün-
schung, dass Menschen und Vieh in Gesser's Lande von
— 281 —
Krankbeilen und Seuchen heimgesucht werden möchten!
dass teuflische Einflüsse und Plagen daselhst kein Ende
nehmen möchten!" Der Knabe warf die Zauherzeichen hin
mit den Worten: „Möge Segen und Heil in Gesser's
Lande festen Sitz behaUeii ! möchte doch im Lande des Rie-
sen vom heutigen Tage an dem Lama das Haupt versengt
Averden^ möchten doch unter dem A'^olke des Landes Un-
glück, Verderben, teuflische Einflüsse und alle Gräuel un-
aufhörlich fortdauern!" Einer der Schüler hörte diese Worte
und hinterbrachte sie dem Lama; er sprach: ,, Jener Schü-
ler hat für die Gegenpartei Segenswünsche gesprochen und
gegen uns A^erwüuschungen ansgeslossen." Als der erste
Schüler kam, sprach der Lama zu ihm: „So eben war ein
Schüler hier uud berichtete von dir, du habest Tübet ge-
segnet und uns verwünscht." Der Schüler erwiederte: „Wie
wäre das möglich ! der Gegenpartei habe ich Fluch, unserer
Partei aber Segen bereitet." Der Lama versetzte: „Er sieht
dich Wühl mit neidischen Augen an, weil du über ihn ge-
setzt bist. Sollte er wieder mit ähnlichen Klagen kommen,
so soll er ohne weiteres dafür büssen I"
Darnach sprach der ehrwürdige Lama: „Ich möchte mir
ein Haus zu stillen Bussübungen bauen j wie würdest du ein
solches Haus bauen?" Der Schüler erwiederte: „Ich werde
schon wissen, wie es gebaut werden soll." Der Lama ver-
setzte: „Gut, so baue es!" Der Schüler baute das Haus л^оп
Schilf und umwickelte jeden Schilfstängel mit in Oel ge-
tränkter BaunnvoUe; er vei'sorgte das Haus mit Thüre und
Rauchfang und baute es so dicht, dass nirgends eine Nadel-
spitze durchdringen konnte. Sodann kam er zum Lama und
berichtete: „Das Haus ist fertig; der Lama geruhe, sich da-
hin zu erheben und es zu beziehen!" Der Lama sprach zu
seinem Hauptschüler: „Seit jenem Tage sieht dich jener
Schüler beständig mit neidischen Augen an; darum jage alle
fünftausend Schüler von hier fort!" Der Hauptschüler be-
folgte den Befehl seines Lama und jagte sie sämmllich fort.
— - 282 —
Von nun an, sprach der Lama, wirst du mir meine Mahl-
zeit und meinen Thee in gebührlicher AVeise reichen.'.
Antwort: „Mit Vergnügen! warum sollte ich nicht!" Wäh-
rend nun der Lama (innerhalb des Hauses) in Beschauungen
verlieft sass, zündele der Schüler die Enden des Schilfes
mit Feuer an, wodurch plötzlich ein furchtbarer Brand ent-
stand. Als Mensch schrie er (der Lama), als Wolf heulte
er, als Fliegen summte und schuurile er, mussle aber
vollständig verbrennen. Das ganze Geschlecht des Schimnu
wurde vernichtet.
Nachdem der Herrscher in den zehn Gegenden, der
wohllhätige, weise Gesser Chaghan seine Geschäfte voll-
braclit hatte und nach Nulumtala zurückgekehrt war-
erbaute er ein kostbares Schloss.
SIEBENTES CÄPITEL.
Gesser's Fahrt in die Unterwelt, um seine Mutter zu
BEFREIEN. Er besiegt DEN HÖLLENRICHTER , BEFREIT SEINE
AfuTTER UND FÜHRT SIE DER GöTTERREGION ZU.
„Wo ist meine Mutter?" fragte Gesser Chaghan und
Laitschab, der Sohn des Dsesse antwortete ihm: ,, Deine
Mntter hat vor geraumer Zeit die Buddhawürde empfangen*).
Damals nämlich, als man dich zum Esel gemacht halle
und als solchen gebrauchte, wurde sie krank, sie schwoll
auf und starb." Gesser vergoss Thränen^ als er weinte,
erhob sich das aus Kostbarkeiten zusammengesetzte Schloss,
1) Ein sehr gewöhnlicli(?r Ausdruck, um den Tod vornehmer
Personen anzuzeigen, obgleich damit keineswegs gesagt ist, dass sie
•wirklich Buddha geworden sind. Vergl. S. 95.
— 283 —
drehte sich dreimal und setzte sich wieder an seine Stelle.
Gesser rilt seinen magischen Braunen, er hielt seine ma-
gische Peitsche, er halte sein neun Klafter langes schwax'zes
stählernes Schwert umgürtet, er hatte seinen weissen, wie
aus Sonne und Mond vereint zusammengesetzten, Helm auf
sein edles Haupt gesetzt, er hatte seinen thauschimmerfar-
benen hlauschwarzen Harnisch angelegt , er hatte seine
Mitzfarbene Schulterbekleidung umgelegt, er hatte seine
dr'eissig Pfeile mit Kerhen von Türkis und seinen straiTen
schwarzen Bogen eingesteckt, er hatte sein aus drei und
neunzig Tsching verfertigtes grosses stählernes Beil, sein
aus drei und sechzig Tsching verfertigtes kleines stähler-
nes Beil, seine goldene" Schlinge um die Sonne zu fangen,
seine silberne Schlinge um den Mond zu fangen, seine
neunarmige eiserne Fangstange, seine neun und neunzig-
zackige eiserne Reule, dieses Alles hatte er mitgenommen.
Er stieg gen Himmel und gelangte zum Gotte Chor-
musda, seinem Vater. Daselbst angelangt sprach er: ,,Gott
Chormusda, mein Vater, geruhe mich anzuhören! hast du
etwa die Seele meiner irdischen Mutter gesehen?" Chor-
musda antwortete: „Ich habe sie niclit gesehen!" Sodann
erkundigte er sich bei den drei und dreissig Göttern und
bekam ebenfalls eine verneinende Antwort. Er erkundigte
sich bei seiner Grossrauller Absa Gürtse, aber auch diese
wusste nichts davon. Dann erkundigte er sich bei seinen
drei siegreichen Schwestern und bekam den Bescheid:
„Wie sollte sie Lieber kommen! sie ist nicht da!" Bei sei-
nem A^ater Oa Guntschid, dern Bergfürsten fragte er an 5
dieser verneinte gleichfalls seine Frage.
Beim Herabsteigen vom Himmel A^erwandelte er sich in
den König der Vögel Garuda. Nun begab er sich zum
Erlik Chaghan. Als er daselbst ankam, fand er die
Pforten der achtzehn Höllen verschlossen. Seinem Rufe
die Pforten zu öffnen, wurde nicht Folge geleistet 5 da zer-
schmettei'te er die Höllenpforten und ging hinein. Er be-
— 284 —
fragte die Thorhüier der achtzehn Höllen, aber keiner von
ihnen konnte ihm Bescheid geben. Darnach liess Gesser
Chaghan, während er die achtzehn Höllenlhore in sorg-
fältiger Obacht hielt, den Erlik Chaghan vom x\lp drücken.
Die Seele des Erlik Chaghan war eine Maus; Gesser
Chaghan, der diess vsusste, verwandelte seine eigene Seele
in einen Iltis. Seine goldene Schlinge zum Fangen der
Sonne legte er an die untere Mündung des Schornsteins,
wo der Iltis lauerte, und mit seiner silbernen Schlinge zum
Fangen des INIondes bedeckte er die obere Oeffnung des
Schornsteins, so dass die Maus, wenn sie unterwärts lief, in
die goldene Schlinge fallen und wenn sie aufwärts lief, in
der silbernen Schlinge hängen bleiben musste. In dieser
Weise fing Gesser den Erlik Chaghan, band ihm beide
Hände und prügelte ihn mit seiner neun und neunzig-
zackigen Keule unter den Worten: „Sage es schnell I zeige
mir sogleich an, луо die Seele meiner Mutler ist!'* Erlik
Chaghan erwiederte: „A'^on der Seele deiner Mutter haben
meine Ohren nichts gehört und meine Augen nichts gese-
hen." Ferner sprach Erlik Chaghan: „Jedenfalls erkun-
dige dich noch bei den Hütern der achtzehn Höllenthorel"
Gesser ging hin und fragte abermals; keiner von ihnen
wusste etwas. Sie sprachen: ,, Würden wir es nicht sogleich
dem ErUk Chaghan berichten, луепп Geksche Amur-
tschila, die Mutter des Herrsebers in den zehn Gegenden
Gesser Chaghan hieher käme? Sie ist nicht hier!"' Unter
ihnen befand sich ein grauer Alter; derselbe sprach: „Von
der Mutter Gesser Chaghan 's wei-s ich nichts! es ist aber
eine alte Frau hier, welche unaufhörlich „mein Rolznäschen
Schilu Teswe*)" ruft, dabei sich vou Diesem und Jenem
ЛVasser erbittet, welches ihr aber nicht gereicht wird. Un-
terdessen leset sie allerlei Unrath auf und isst ihn." Ges-
2) Der Titel, den Gesser Chan noch als Knabe empfing; vergl.
S. 11.
_ 285 —
ser СЬ agil an sprach: ,,0 Weh, was spricht der dal Ge-
schwind gehe und suche sie auf! '' Der Alte entgegnete:
„Wenn sie nur noch in dem Schlamme sitzt!" und entfernte
sich. Er ging hin, suchte und fand sie. Gesscr nahm
die Seele seiner Mutter in Empfang und tödtele nicht hlos
den Alten, sondern schlug alle Hüter der achtzehn Höllen-
pforten lodt.
Darnach sprach Gesser Ghaghan: „AVenn du, Erlik
Chaghan, meine Mutrer aus eigener Willkühr zur Hölle
verdammt hast, so wдre diess eine Verdammung aller We-
sen, es seyen Ungerechte oder Gerechte." Erlik Gha-
ghan erwiederte: „Ich hahe sie mit meinen Augen nicht
gesehen und meine Ohren haben nichts von ihr gehörig
wie hätte ich deine Mutter mit Wissen imd W^illen zur
Hölle verdammen können!*' Nun sprach Gesser Chaghan:
„Mein maijischer Brauner, zeige eine deiner Gestalten!
JVimm einen magischen Gang an, vei'sehe deine Brust mit
scharfen Schwertern, \ei wandle deinen Kopf in den eines
Löwen und zeige dich in noch andern furchtbaren Gestal-
ten! In der Heilquelle spüle deinen Mund dreimal aus und
verschlucke das W asser dreimal ! Dann erfasse die Seele
meiner Mutter mit deinem Munde und bringe sie zum
Gotte Chormusda, meinem \'ater! dass es meine Mutter
war, die mich auf dem Dschambud^ ip gebar, werden
die dortigen Meinigen wissen!" Diese Befehle empfing und
vollführte der magische Braune und machte sich auf den
Weg. Unterwegs kamen ihm die drei siegreichen Schwe-
stern entgegen-, er geberdete sich wild und grimmig, versah
seine Brust mit scharfen Schwertern und gab sich das An-
sehen, als wolle er zehntausend Feinde erschlagen. Die
drei siegreichen Schwestern sahen ihm verwundert zu,
gingen ihm entgegen und sprachen: „Unser Rotznäschen
Joro ist unten auf Dschambudwip in der Welt er-
schienen; es scheint, dass er dort in solcher wilden, furcht-
baren Gestalt auftritt." Dann nahmen sie dem magischen
— 286 —
Braunen die Seele aus dem Munde und sprachen zu ihmJ
„Wir, die drei siegreichen Schwestern werden das Lehrige
schon hesorgen; du aher kehre zu Gesser zurück'.'- Die
drei siegreichen Schv^eslern nahmen min die Seele dei-
Muller Gessers mit sich, und brachten sie zum Gölte
Chormusda, seinem \'aler, mit dem Berichte: „Als unser
Rotznaschen Joro unten auf Dschamhudwip in der AVeit
erschien, bezog er ihren Leih und wurde von ihr geboren 5
nun schickt er ihre Seele mit der Bitte, dass sie unter den
hohen Göltern wiedergeboren werden möclite." Der Gott
Chormusda liess nun aus allen zehn Gegenden Lamas
zusammenberufen , die Seele hinbringen und Religions-
schriften über sie lesen, wodurch die Seele der Mutler
Gesser's die Gestalt der zahllosen Buddhas erhielt. Aber-
mals wurden Schriften gelesen, Pauken und Klangbecken
geschlagen und Kerzen und Л\ ohlgerücbe angezündet, wor-
auf die Seele zu ])lauem AVaidurja (Lapis lazuli)*)
wurde. Abermals wurden Schriften gelesen und die An-
wesenheit aller Buddhas der zehn Gegenden angerufene
wodurch die Seele zur Königinn der Dakinis (G(Hlinnen)
wurde.
Darnach sprach Gesser Cliaghan: „Hast du, mein ma-
gischer Brauner, meine Geschäfte gehörig besorgt?" Der
Braune antwortete: „AVürde ich zurückgekehrt seyn, wenn
ich am Orle meiner Sendung nicht alles ausgerichtet hätte?-'
Gesser versetzte: „Gut, mein magischer Brauner, ich bin
zufrieden!-' Nun liess Gesser Chaghan den Erlik Cha-
ghan los; beim Loslassen sprach er zu ihm: ., Erlik Cha-
ghan, in Zukunft ^^'n•^\ dir solches als Л ergeben angerech-
net werden: in allen Fällen musst du, einen Unterschied
zv\ischen Gutem und Böseui machend zur Hölle verur-
theilen." Ferner sprach Gesser Cliaghan: „Erlik Cha-
ghan, mein Bruder, ich habe dir Uebel zugefügt!" Diess
3) D. h. die Farbe des Ilimnieb erliiclt.
— 281 —
gesagt, verbeugte, sich Gesser Chaghan vor Erlik Cba-
o-han und dieser erwiederte: ..Tn der That ist es ein merk-
würdiger Fall^ es wäre frei-lich ungesetzlich gewesen, wenn
ich ans eigener AVillkühr und mit Wissen und Willen deine
Muller zur Hölle verurtheilt hätte; deshalb blickte ich in
meinen Schicksals- Spiegel und fand, dass zur Zeit der Ge-
burt Gesser Ghaghan's dessen Mutler Geksche Amur-
Ischila, ungewiss, ob es ein Teufel oder ein Buddha sey,
eine achtzehn Klafter grosse Grube gegraben habe, um
ihn in diese Grube zu werfen. Aus diesem Grunde sank
sie selbst in die achtzehn Höllen herab."
Solches sprach Erlik Ghaghan zu Gesser Chaghan
und dieser machte sich auf den Weg in seine Heimath.
Zu Hause angelangt, übergab er die Kogmo einem einäugi-
gen und an einem Fusse lahmen Bettler. Auf Nulumtala
angelangt, schmückte er seinen Tempel von dreizehn W a-
d seh ras aufs Schönste und wohnte vergnügt und zufrieden
in seinem mit dem kostbaren Tschintamanl, der schwar-
zen Kohle ohne Piiss und Sprung und vielen andern Klei-
nodien versehenen viereckigen Schlosse.
Druckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften.
'^'^бт\